Bereshit, Wajera 18:1-22:24

ב“ה

14./15. Cheschwan 5785                                     15./16. November 2024 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         16:00

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         17:17

Shabbateingang in Zürich:                                                                 16:32

Shabbatausgang in Zürich:                                                                17:38

Shabbateingang in Wien:                                                                   15:58

Shabbatausgang in Wien:                                                                  17:05

Dieser Wochenabschnitt beschreibt die Höhen und Tiefen, Demut, Freuden und Leiden, die Avraham und Sara in Mamre erfuhren. Mamre liegt in der Nähe von Hebron. Dort hatte Avraham, nachdem er sein Nomadenleben aufgegeben hatte, seinen ersten Wohnsitz aufgeschlagen. Im Garten eines Klosters in der Nähe von Hebron steht der Stumpf einer uralten Eiche, die angeblich etwa 5.000 Jahre alt sein soll. Auf einer Fotografie von 1875 ist sie eine wunderschöne, mächtige Buscheiche.

Wir dürfen Avraham und seine Frau Sara begleiten ab dem Moment, in dem sie himmlischen Besuch in Mamre bei den Eichen begrüssen dürfen und erfahren, dass sie, beide hochbetagt mit 90 und 100 Jahren, einen Sohn haben werden. Sara lacht, wie Menschen lachen, die etwas schier Unmögliches hören. Gott hört das Lachen und nennt den Namen des Knaben: Jitzhak, weil er, noch nicht einmal gezeugt, seine Mutter zum Lachen brachte.

Wir stehen neben Avraham, als er mit Gott verhandelt, als dieser Sodom zerstören will und Abraham alles tut, um das zu verhindern. Avraham ist demütig Gott gegenüber, er bezeichnet sich selbst als ‚nichts anders als Staub und Asche‘. Und trotzdem findet er den Mut, mit Gott über das Schicksal Sodoms zu verhandeln. Er wächst in dieser Stunde über sich hinaus, gewinnt neues Selbstbewusstsein.

Am Abend treffen wir, auf einem zweiten Platz der Handlung, Lot, den Neffen Avrahams, wie er ebenfalls himmlischen Besuch erhält. Lot hatte sich in Sodom niedergelassen, einer Stadt, in der die Moral verfallen war und die Menschen nur noch ihrer Lust frönten. Die Bewohner der Stadt wollten Lot zwingen, das Gastrecht zu brechen und ihnen die Engel herauszuschicken. Lot, sich durchaus seiner Pflicht als Gastgeber bewusst, schützt die Engel und bietet den grölenden Männern statt dessen seine beiden noch unerfahrenen Töchter an. Die Wut der Bewohner Sodoms war so gross, dass sie versuchten, gewaltsam in Lots Haus einzudringen. Die Allmacht der Engel jedoch rettete alle Bewohner vor dem Mob. Am kommenden Morgen sollte das Schicksal der Stadt von Gott vollzogen werden. Lot, seine Frau und seine Töchter wurden von den Engeln aus der Stadt gerettet, bevor diese dem Zorn Gottes anheimfällt. Lot wollte sich in die kleine Gebirgsstadt Zohar, unweit vom Toten Meer flüchten. Seine Frau jedoch blickte auf dem Weg zurück, um zu schauen, wie ihre Heimat in Schutt und Asche verfiel. Sie erstarrte zur Salzsäule. Ein tragisches Schicksal.

Wir erfahren erschüttert, dass die Töchter von Lot Angst haben, dass die Menschheit aussterben wird und ihren Vater verführen, um schwanger zu werden. Ihre Söhne wurden die Stammväter der Moabiter und Ammoniter.

Wir freuen uns mit Sara und Avraham, als ihr gesunder Sohn Jitzhak auf die Welt kommt, und leiden mit Hagar und ihrem Sohn Ishmael, bevor sich ihr Schicksal wendet und sie beide ihren Platz in der Welt finden.

Im letzten Abschnitt begleiten wir Avraham und Jitzhak auf dem wohl schwersten Weg in ihrem gemeinsamen Leben.

Gott beschliesst, Avraham erneut auf die Probe zu stellen, die härteste der zehn, mit denen er Avraham testet. Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Jitzhak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.“ Dieser Berg entspricht dem Ort, an dem viel später Salomon den ersten Tempel in Jerusalem errichten wird. Zwischen den beiden Orten liegen 107 km. Die Bodenbeschaffenheit war schlecht und die Menschen kamen nicht schnell voran. So werden sie mehr als 20 Stunden benötigt haben, um den von Gott genannten Berg zu erreichen.

Avraham, der Gottesfürchtige, widerspricht nicht. Er macht sich an die Vorbereitungen. Wie mag er sich dabei gefühlt haben? Kann es wirklich sein, dass Gott den Befehl zu einem Mord gibt? Was bedeutet Mord in der heutigen Rechtsprechung? In der Regel werden „niedrige, nicht nachvollziehbare Beweggründe“ als Voraussetzung zu einem Mord angenommen. Beides würde in diesem speziellen Fall nicht vorliegen, Avraham führt in seiner Gottesfurcht den Befehl Gottes aus. Das wäre ein höchst moralischer und absolut nachvollziehbarer Grund für die von ihm verlangte Tat. Wir dürfen davon ausgehen, dass Gott nicht wirklich einen Mordfall, der so entgegen seinen eigenen Gesetzen steht, verlangt.

Vielleicht hilft es, diese verwirrende Szene besser zu verstehen, wenn wir einen Satz aus dem Talmud zu Hilfe nehmen. Im Text Midrasch Bamidbar Rabba 13:15 steht zu lesen: „Es gibt 70 Gesichter der Torah. Drehe sie immer wieder um, betrachte sie von allen Seiten. Du wirst jedes Einzelne dort finden.“

In dieser aktuellen Textstelle polarisiert der Text: blinder Gehorsam auf der einen und moralische Bedenken auf der anderen Seite.

Fast scheint es, als liesse sich Avraham viel Zeit, mit allem, was er zwischen dem Aufstehen vor der Abreise bis hin zum Fesseln von Jitzhak auf dem Opferaltar tut. Die Erzählung vermittelt nicht den Eindruck, dass er unter grossem emotionalem Druck steht. Sein bedächtiges Vorgehen könnte bedeuten, dass er darauf wartet, dass Gott ihn stoppt.

Warum aber hat Avraham das Opfer doch vorbereitet und die Hand gegen seinen Sohn erhoben?

Es gibt eigentlich nur eine Antwort. Er war sich sicher, dass Gott niemals verlangen würde, den Mord, hier als Brandopfer getarnt, zu fordern. Im Gegenteil, er war sicher, dass Gott die Prüfung im vielleicht letzten, aber entscheidenden Moment abbrechen würde. Und so kam es ja dann auch.

Am Beginn des Textes steht וְהָאֱלֹהִים, נִסָּה אֶת-אַבְרָהָם Elohim nissa Avraham, Gott prüfte Avraham.

Das Verb „prüfen“ hat die gleiche Wurzel wie das Wort für Erfahrung, ניסיון, nissajon.

Wir lernen durch Erfahrungen. Diese sind nicht immer die besten und angenehmsten, aber sie bringen uns weiter in unserem Leben.

Wir müssen uns nur immer bemühen, das Beste aus jeder neuen Erfahrung, so wie Avraham und sein Sohn Jitzhak sie gemacht haben, zu ziehen.

In den heutigen Abschnitten in Sprüche der Väter finden wir gleich zu Beginn einen meiner Lieblingsverse. Doch beginnen wir zunächst mit der Weitergabe:

6. „Jehoschua, Sohn Perachjas und Nitai der Arbelite, empfingen von ihnen.  Jehoshua, Sohn Perachjas sagt: „Schaffe dir einen Lehrer, erwirb dir einen Genossen und beurteile alle Menschen nach der guten Seite.“

7. Nitai der Arbelite sagt: „Entferne dich von einem bösen Nachbar und schliesse dich keinem Gesetzlosen an und gibt die Erwartung von Strafverhängnis nicht auf.“

Damit endet der heutige Text.

Nun, welcher Text ist der, der mich lange Jahre und bis heute begleitet hat? Natürlich, es ist der Erste der beiden.

Welch wunderschöner Gedanke, mir einen Lehrer machen zu dürfen, ja sogar die Verpflichtung zu haben, mir einen ‚zu schaffen‘. Um einen Lehrer zu gewinnen, mich als Schüler zu akzeptieren, braucht es mehr als ein wohlformuliertes Bewerbungsdossier. Es braucht die Überzeugung von beiden Seiten, dass die gegenseitigen Erwartungen erfüllt werden können. Im hebräischen Originaltext heisst es עשה לך רב וקנה לך חבר    Lehrer und Freund, beides sollen wir und erwerben. Den Lehrer, der uns das Gesetz, die Torah lehrt und den Freund, der uns bei der Umsetzung begleitet.

Ich hatte das Glück, beide zu finden, die Lehrer und den Freund. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es Beziehungsarbeit ist, die uns hilft, beide nicht nur zu finden, sondern auch zu behalten. Danke euch beiden, Tovia, s’’l, und Elisha.¨

Über Vers 7 möchte ich an dieser Stelle nur sagen, dass meine Emotionen immer noch hochkochen, wenn ich daran denke, welche üble Erfahrungen ich leider mit unerträglichen und boshaften Nachbarn ich erleben musste und wie meine Hoffnung auf eine gerechte Strafe nicht erfüllt wurde.

Es ist spannend, wie in dieser Woche etwas sehr Kostbares dem sehr Bedrückenden gegenübergestellt wird. Es beschreibt genau den Spannungsbogen, der den menschlichen Alltag ausmacht und dem wir uns immer wieder stellen müssen.

Ich wünsche jedem, dass er Lehrer in seinem Leben findet, die auch Freunde werden.

Shabbat Shalom



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