21./22. Cheshwan 5785 22. /23. November 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 15:57
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:15
Shabbateingang in Zürich: 16:25
Shabbatausgang in Zürich: 17:32
Shabbateingang in Wien: 15:51
Shabbatausgang in Wien: 16:59
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Chaje Sara ist der Wochenabschnitt, der bei mir immer wieder Fragen aufwirft. Nachdem Gott Abraham aufgefordert hatte, ihm seinen Sohn Jitzhak in Jerusalem auf dem Berg Moria zu opfern, war er nicht zu Sara nach Hebron, damals Kiryat-Arba, zurückgekehrt. Zu dem Zeitpunkt war Jitzhak bereits 37 Jahre alt.
Abraham, selbst 137 Jahre alt, war weitergezogen nach Be‘er Sheva. Wir wissen nicht, warum das Ehepaar getrennte Wege gegangen ist, wir finden nirgends einen Hinweis dazu. Vielleicht müssen wir die Ursache für die Trennung darin suchen, dass Saras Mutterherz den vermeintlichen Tod ihres einzigen Kindes nicht ertragen konnte und sie sich deshalb von ihrem Mann getrennt hatte. Die grosse Freude, ihren Sohn wohlbehalten in die Arme schliessen zu dürfen, war ihr nicht mehr zuteilgeworden. Vielleicht hat sie sich auch aus diesem Kummer heraus an den Ort zurückgezogen, an dem ihr grösstes Glück begonnen hatte.
Nahe dem Ort Mamre (Hebron), jenem Platz, an dem ihn Gott mit zwei Engeln besucht hatte, kaufte Abraham von den Hetitern die Höhle Machpela und beerdigte dort seine Frau. Heute gilt sie als Grabstätte unserer Erzeltern. Die Gräber von Abraham und Sara sowie die von Ja‘acov und Lea liegen im heute jüdischen Teil, die von Jitzhak und Rivka im heute muslimischen Teil.
Noch ist Abraham Fremder in diesem ihm von Gott verhiessenen Land. Rechtlich hat er keinen Anspruch auf einen Begräbnisplatz innerhalb der Gemeinschaft. Doch die Hetiter bieten ihm grosszügig einen Platz an und ermöglichen es ihm dadurch, zu einem „toshaw“, einem Einwohner zu werden. Dazu ist es aber nötig, sich dieses Recht zu „erwerben“ und nicht nur geduldet zu werden. Abraham weiss das und besteht auf Bezahlung.
Mit 37 Jahren ist es für Itzhak nun höchste Zeit, den Grundstein für die kommenden Generationen zu legen. Abraham schickt seinen Verwalter Eliezer los, um eine Frau für seinen Sohn Jitzhak zu finden. Er hat bestimmte Vorstellungen, sie soll keine einheimische Kanaaniterin sein, sondern aus seiner alten Heimat stammen. Die Frau soll das Band zwischen seinem alten und seinem neuen Leben sein.
Abraham ist sich seines Alters durchaus bewusst. Ob er die Brautwerbung seines Sohnes Jitzhak noch erleben darf, scheint ihm ungewiss zu sein. Er vertraut Eliezer, doch lässt er ihn schwören, alles daranzusetzen, seinen Wunsch zu erfüllen. Wie immer vertraut er dabei auf Gott, der dem Boten die richtige Braut zeigen wird. Sollte allerdings das Mädchen nicht bereit sein, aus der Heimat in die Fremde zu ziehen, so gilt der Schwur als hinfällig.
Eliezer ist nicht so vertraut im persönlichen Umgang seines Chefs mit Gott und daher unsicher, wie er „die Richtige“ finden wird. Und so betet er zu Gott um Hilfe und schlägt Gott eine schlüssige Handlung vor. „Herr, Gott meines Herrn Abraham, lass mich heute Glück haben und zeig meinem Herrn Abraham deine Huld!“
Rivka kam an den Brunnen vor dem Tor, um Wasser zu schöpfen. Eliezer sah, dass sie sehr schön war und hoffte wohl, dass sie die Braut von Jitzhak werden könnte. Und so geschah es. Für unser heutiges Frauenbild scheint dieses Verhalten befremdlich zu sein. Eliezer spricht sie an, bittet sie um Wasser und auch noch darum, die Kamele zu tränken. Dazu muss sie den schweren Krug nochmals von der Schulter nehmen und erneut füllen. Gehört sie zu den Frauen, die sich uneingeschränkt dem Willen der Männer (auch wenn es Fremde sind!) unterordnen? Der Gedanke darf an dieser Stelle nicht aufkommen, im Gegenteil. Sie entscheidet von sich aus, die Kamele zu tränken, dem Reisenden einen Schlafplatz in ihrem Vaterhaus anzubieten und an den gemeinsamen Tisch zu bitten.
Auch als von ihrem Bruder, Laban, gefragt wird, ob sie überhaupt mit Eliezer gehen will, nimmt sie ihr Leben selbstbestimmt in die Hand und sagt ja. Und dies gegen den Willen von Bruder und Mutter, die sie gerne noch ein paar Tage bei sich behalten hätten. Sie ist bereit, mit ihrer neuen Familie den Wunsch und die Prophezeiung Gottes mitzugestalten.
Abraham hat begonnen, den Weg für die nächste Generation zu bereiten. Als Jitzhak seine junge Braut, Rivka, begrüsst und zu seiner Frau macht, ist der Generationenwechsel vollzogen.
Abraham spürt, dass er seinen Anteil an der Gründung des neuen Volkes geleistet hat und darf sich nun noch einige Jahre als, heute würden wir sagen, Pensionär leisten. Er heiratet nochmals und zeugt weitere sechs Kinder. Am Ende seines Lebens ordnet er sein Erbe. Jitzhak ist der einzige Erbe seiner Güter. Alle Nebenfrauen und deren Kinder versorgt er grosszügig, schickt sie aber dann fort nach Osten.
Er möchte viel Raum zwischen sie und seinen einzigen Erben Jitzhak legen. Nichts soll sich ihm in den Weg stellen und nichts die Erfüllung der göttlichen Prophezeiung behindern.
Abrahams erste zwei Söhne, Ishmael und Jitzhak treffen sich am Lebensende ihres Vaters wieder und betten ihn in der Höhle Machpela gemeinsam zur Ruhe. Es ist dies die zweite von mehreren Geschwistererzählungen, die bei Kain und Abel begann und sich von dort durch die gesamte Torah ziehen wird.
Lesen wir weiter in den „Sprüchen der Väter“.
8. Yehuda ben Tabai und Shimon ben Shatach erhielten (die Tora) von ihnen. Yehuda ben Tabai sagte: „Werde nicht zum Sachwalter der Richter, und solange die Parteien vor dir stehen, seien sie wie Schuldige in deinen Augen. Und wenn sie von dir fortgegangen sind, so seien sie wie Gerechte, wenn sie sich dem Urteil unterworfen haben.
9. Shimon ben Shatach sagte: “Befrage die Zeugen ausführlich, aber wähle die Worte sorgfältig, damit sie nicht dazu benutzt werden, einen Meineid zu erleichtern”.
Yehuda spricht hier das vielleicht schwerste Verhalten für junge Richter an, das von ihnen erwartet wird. Nämlich, dass jeder Richter in seinem Amt die vollständige Objektivität walten lassen muss.
Auch dann, wenn die jeweiligen Verteidiger versuchen, die Schuld der Gegenpartei zu festigen und die Unschuld des eigenen Mandanten zu beweisen. Ist es nicht genau das, was auch heute noch in jedem modernen Gericht tagtäglich zu beobachten ist? Ist es nicht auch heute noch sehr oft die sehr mühsame Aufgabe des Richters, in den alten Textquellen zu lesen und herauszufinden, wann ein Urteilsspruch gerechtfertigt ist und wann nicht?
Interessant ist, dass hier steht, dass die Parteien, solange sie vor dem Richter stehen, beide als schuldig zu gelten haben. Ganz anders ist die heutige Rechtsprechung, die den Angeklagten oder Verdächtigen für so lange als unschuldig ansieht, bis seine Schuld nicht eindeutig bewiesen ist. Die ‚Unschuldsvermutung‘ geht bereits auf das alte ‚römische Recht‘ zurück, wo es heisst: „Der Beweis obliegt dem, der behauptet, nicht dem, der leugnet“, und die heute in der ‚Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte‘ von 1948 verankert ist.
Shimon ben Shatach findet sehr schöne und klare Worte, wie ein Meineid verhindert werden soll. Die Befragung durch die Richter soll so erfolgen, dass beide Seiten nicht in die Enge getrieben werden und zu ihrem eigenen Schutz oder zum Nachteil des Angeklagten einen Meineid schwören.
Shabbat Shalom!
Kategorien:Religion
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