ב׳׳ה
28./29. Cheshwan 5785 29./30. November 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 15:55
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:14
Shabbateingang in Zürich: 16:20
Shabbatausgang in Zürich: 17:29
Shabbateingang in Wien: 15:46
Shabbatausgang in Wien: 16:55

Dieser Wochenabschnitt beginnt mit der Geburt der Zwillinge Esav und Ja‘akov. Oder sollen wir sagen der Zwillinge Ja‘akov und Esav? Über Rivkas Alter wissen wir nichts, Jitzhak ist bei der Geburt seiner Söhne 60 Jahre. Wir wissen sehr wenig über ihn, er scheint völlig im Schatten seines Vaters Avraham zu stehen. Am Anfang des Wochenabschnittes heisst es ganz lapidar: „Avraham zeugte Jitzhak“ und im nächsten Satz lesen wir „Jitzhak war 40 Jahre alt, als er Rivka zur Frau nahm …“ Mit welchem Leben hat Jitzhak seine Jahre gefüllt? Jitzhak bleibt seltsam vage hinter der übergrossen Vaterfigur. Er hat sich nicht aufgelehnt, als sein Vater ihn Gott opfern wollte. Zu dem Zeitpunkt war er 37 Jahre alt. Er muss zutiefst traumatisiert gewesen sein. Und nun im reifen Erwachsenenalter muss er die Frau heiraten, die Gott ihm durch seinen Vater bestimmt hatte.
Seine Mutter Sara, zu der er ein enges Verhältnis hatte, stirbt vor Kummer, als sie glaubt, ihren geliebten Sohn verloren zu haben. Jitzhak wird sie vor ihrem Tod nicht mehr sehen. Wie die Beziehung zu seinem Vater war, erfahren wir nicht. Aus dem Schatten dieses grossen Patriarchen tritt er erst nach dessen Tod, erst dann beginnt er sich von ihm zu lösen. Interessant ist, dass er gemeinsam mit seinem Bruder Ishmael den Vater zur Ruhe legt. Zwei Brüder, die keine gemeinsame Geschichte haben, ausser, dass sie Söhne des gleichen Vaters sind, treffen sich noch einmal zu einem nahezu versöhnlichen Akt. Sie dürfen sich gleichzeitig von ihrem Vater verabschieden. Danach trennen sich ihre Wege wieder.
Ishmael verstirbt kurze Zeit später, Jitzhak muss jetzt lernen, seinen eigenen Weg zu gehen.
Endlich wird Rivka schwanger. Es ist keine unproblematische Schwangerschaft. In ihrem Bauch kämpfen die zwei Jungen bereits vor der Geburt um ihren späteren Rang in der Familie. „Zwei Völker sind in deinem Leib … ein Stamm ist dem anderen überlegen, der Ältere muss dem Jüngeren dienen.“ Wir kennen die Geschichte, der erste Sohn, der auf die Welt kommt, ist der rothaarige Esav, der zweite, Ja‘akov, klammert sich an die Ferse des Älteren. Rivka muss eine schwierige Geburt gehabt haben. „Der Ältere muss dem Jüngeren dienen“, Esav muss sich seinem Bruder Ja‘akov unterordnen. Ob das gutgehen wird?
Schon einmal, lange vor Jitzhak und Ishmael, hatte ein Bruderpaar eine schwierige Beziehung zueinander. Kain und Hevel. Für Hevel, den Hirten endet der Bruderzwist tödlich, als Kain, der Ackerbauer eifersüchtig auf Hevels Bevorzugung durch Gott reagiert.
Jitzhak liebt seinen Erstgeborenen, den Jäger Esav, Rivka bevorzugt Ja‘akov, den Landwirt. Auch zwischen ihnen herrschte Eifersucht. Ja‘akov nutzt die Erschöpfung seines Bruders aus und kauft ihm im Gegenzug zur Lieblingsspeise Esavs, dem Linsengericht, dessen Erstgeburtsrecht ab. Eine schändliche Tat! Doch Esav scheint zunächst nichts zu vermissen.
Heute ist jedes Kind in der Erbfolge gleichberechtigt. Damals war das allerdings ganz und gar nicht der Fall. Der Erstgeborene, und hier spreche ich nur von Söhnen, kam in den Genuss, alles zu erhalten. Alle nachgeborenen Söhne mussten sich auf den Weg machen und anderswo ihr Glück suchen. Mädchen und Frauen gingen gänzlich leer aus. Erst viel später in der Geschichte des Volkes Israel werden zwei Töchter ihr Erbe einfordern und auch erhalten. Esav ist noch jung, er denkt noch nicht über seine Zukunft nach. Es kümmerte ihn auch nicht, dass sein Vater im Laufe der Jahre zu einem sehr wohlhabenden Mann geworden war.
Jitzhak war alt geworden, sein Augenlicht war erloschen, seine Aufgabe hatte er erfüllt. Bei seinem Sohn Ja‘akov erfüllt sich die Prophezeiung, Stammvater eines grossen Volkes zu werden. Fast scheint es, als sei es die einzige Aufgabe Jitzhaks gewesen, das Bindeglied zwischen drei Generationen zu sein.
Er möchte seinen Erstgeborenen segnen. Rivka hatte andere Pläne und bereitete den Betrug vor. In Esavs Kleidern, die dessen Duft verströmten, die Arme und den Hals in Ziegenfell gehüllt, trat Ja‘akov zu seinem Vater. Jitzhak scheint irritiert. Mehrfach versichert er sich, wirklich seinen Sohn Esav vor sich zu haben. Schliesslich segnet er ihn, damit ist das Schicksal Esavs besiegelt. Als er kurz darauf zu seinem Vater kommt, muss er erfahren, dass sich die vorgeburtliche Prophezeiung „der Ältere muss dem Jüngeren dienen“ erfüllt hat.Für ihn hat der Vater keinen Segen mehr. Er schickt ihn fort, verspricht aber, dass er sich schlussendlich gegen seinen Bruder durchsetzen wird. Esav spürt eine mörderische Wut in sich, die sich gegen Ja’akov richtet.
Rivka schickt Ja‘akov fort zu ihrem Bruder Laban nach Haran. Dass er dort sein grosses Lebensglück finden wird, kann er zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen.
In den ‚Sprüchen der Väter‘ lesen wir heute:
10. Schemaja und Awtaljon empfingen von ihnen. Schemaja sagt: Liebe die Arbeit und hasse die hohe Stellung und suche nicht die Nähe von noch Höhergestellten.
11. Awtaljon sagt: Weise, seid vorsichtig in euren Reden, ihr könntet leicht damit die Schuld der Verbannung auf euch laden und auf ein Gebiet böser Wasser geraten. Die euch folgenden Schüler könnten daraus trinken und sterben, und so der Name Gottes entweiht werden.
Die Worte Schemajas könnte man tatsächlich jedem jungen Menschen zu Beginn seines Berufslebens oder zu Beginn seiner Karriere ins Stammbuch schreiben. Liebe die Arbeit kann verstanden werden als: liebe deine Arbeit, die du dir gewählt hast, auch wenn sie dich manchmal nervt. Oder: liebe die Arbeit, die man dir zugeteilt hat, gewinne ihr Positives ab, du kannst sicher etwas Neues lernen. Oder: liebe die Arbeit, auch wenn sie gar nicht deinen Vorstellungen entspricht, du kannst an der Herausforderung reifen. Hasse die hohe Stellung. Das Problem kennt fast jeder, der auf der Karriereleiter ein paar Stufen weiter oben angekommen ist. Eine höhere Stelle heisst mehr Verantwortung, mehr Einsatz und vielleicht auch mehr Ansehen. Wer damit nicht umgehen kann, wird leicht in Gefahr kommen, zu übertreiben, sich selbst in Stress zu bringen, nicht mehr er selbst sein. Der letzte Satz erschliesst sich auf der Erklärung des zweiten Satzes. Nur, dass hier die Herausforderungen noch einmal gesteigert werden.
Die Worte Awtaljons scheinen zunächst gänzlich unverständlich. Man muss wissen, dass die ‚Galutstrafe‘, die Auswanderung oder Flucht in eine der Fluchtstädte nach einem Mord, der, und das ist das Massgebliche, unabsichtlich geschehen war. Die Flucht-, oder Asylstädte waren ein wesentliches Rechtsinstrument, das bereits im Buch Exodus mehrfach erwähnt wird. Awtaljon forderte die Weisen auf, ihre Lehren für die Schüler so zu formulieren, dass sie sie klar erkennen und keine Missdeutung möglich ist. Wenn seine Lehre fehlgedeutet werden kann, so kann dem Schüler daraus Schaden entstehen, der nicht wieder gutzumachen ist. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass es sich hier beim entstandenen Schaden nicht um die Folgen eines Mordes handelt, sondern um einen sittlich-moralischen Schaden. Auch das ist eine lebensnahe Aufforderung, die nicht nur ‚Weise‘ betrifft, sondern jeden Lehrer, dem Schüler oder Studenten anvertraut sind. Es ist schön, wenn Schüler die Lehren für unumstösslich halten. Aber das birgt auch die Gefahr, die Schüler zu manipulieren, oder sie glauben zu machen, ein gutes Wissen zu haben, was dann so gar nicht stimmt.
Beide Verse des heutigen Textes helfen uns, mit der Verantwortung uns selbst und anderen gegenüber bewusst und vorsichtig umzugehen.
Shabbat Shalom ve Rosh Chodesh Kislev Tov!
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