Bereshit, Wajeze, 28:10 – 32:3

ב“ה

5./6. Kislev 5785                                                     6./7. Dezember 2024 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         15:55

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        17:15

Shabbateingang in Zürich:                                                                 16:18

Shabbatausgang in Zürich:                                                                17:27

Shabbateingang in Wien:                                                                   15:43

Shabbatausgang in Wien:                                                                  16:54

Ja‘akov, auf der Flucht vor seinem Bruder Esav, war unterwegs nach Haran. Der Stadt, in der sein Onkel Laban lebte. Wie mag ihm zumute gewesen sein? Zweimal hatte er seinen älteren Bruder bestohlen. Erst um das Erstgeburtsrecht. Dabei ging es um finanziellen, aber auch um Machtverlust. Der Stammeschef traf die massgeblichen Entscheidungen für alle. Viel schlimmer aber war der zweite Betrug, der Segen des Vaters für den Erstgeborenen. Den konnte kein Geld und Gut aufwiegen. „Hast du denn keinen Segen mehr für mich?“ Verständlich, dass Esav voller Hass gegen seinen jüngeren Bruder sein musste.

Ja‘akov muss sich furchtbar gefühlt haben. Ganz allein unterwegs. Niemand, mit dem er sprechen konnte. Niemand, dem er sich anvertrauen konnte.

In der ersten Nacht träumt er den Traum, der als „Jakobsleiter“ auch ausserhalb der Torah bekannt wurde. Eine Leiter verbindet den Boden, auf dem Ja‘akov ruht, mit dem Himmel. Ganz oben steht Gott und schaut auf Ja‘akov hinunter. Eine Leiter hat niemals etwas Trennendes an sich, sie ist immer Verbindung zwischen zwei Ebenen, eine Hilfe, um ein Ziel zu erreichen.

Da sind Engel, die hinaufsteigen und Engel, die hinabsteigen. Wir wissen, dass es bei Gott und allem, was im Zusammenhang mit ihm geschieht, keine Zufälle gibt. Jede Gruppe von Engeln hat eine bestimmte Funktion. Diese Engel scheinen gezielt in eine Richtung zu gehen. Die Gruppe der Engel, die Ja‘akov bis hierher begleitet hat, hat ihre Aufgabe erfüllt und wird nun von denen abgelöst, die ihn auf seinem weiteren Lebensweg begleiten sollen.

Gott gibt sich als der Gott Avrahams und Jitzhaks zu erkennen und erneuert sein Versprechen. Und noch mehr als das, er verspricht Ja‘akov immer über ihn zu wachen und ihn zu beschützen, bis sein Versprechen erfüllt ist. Wann das sein wird, kann nur Gott entscheiden. Viel wichtiger aber muss es Ja‘akov erscheinen, dass er in Gott einen zuverlässigen Verbündeten gefunden hat, auf den er sich ganz und gar verlassen kann.

Was geben wir Freunden, Familie oder anderen liebgewordenen Menschen? Zeit, das Kostbarste, das wir haben und das so viel zu einer guten zwischenmenschlichen Beziehung beiträgt. Ja’akov verspricht, ein Gotteshaus an dieser Stelle zu bauen. Ein Haus, in dem er Zeit mit Gott verbringen wird.

Doch bevor er in diesem Bethaus mit Gott Zwiesprache halten kann, musste er noch weiterziehen, nach Osten zu Laban, wo er hoffte, die Frau zu finden, die sein Vater ihm gewünscht hatte.

Obwohl er sie schnell fand, noch am ersten Tag seines Aufenthaltes im Land seines Onkels, verging viel Zeit, bis er als glücklicher Familienvater wieder seinen Rückweg antreten konnte. Lea, Rahel, sowie ihre beiden Dienerinnen Silpa und Bilha hatten ihm in den Jahren insgesamt zwölf Söhne und eine Tochter geboren. Damit war der Grundstein für das von Gott prophezeite grosse Volk gelegt.

Rahel ist die Frau, die durch innere und äussere Schönheit besticht. Ob ihre Kinder „schön“ sein werden, werden wir später lesen. Gott aber möchte unfertige, unvollkommene Kinder, die durch das Leben nach seinem Willen geformt werden.

Lea, die unvollkommene Frau ‚deren Augen matt waren‘, war die Mutter der Leviten und der Kohanim, der Könige, Moshe und Aaron, Isachar und Zvulun.

Ja‘akov findet in Rahel seine grosse Liebe. Gottes Pläne und dadurch auch die Pläne Labans sind jedoch andere. Die Brautnacht verbringt Ja‘akov unwissentlich nicht mit Rahel, sondern mit deren älterer Schwester Lea. Eine Täuschung in der Person, die uns an die Täuschung erinnert, die er seinem Vater vorgegaukelt hatte, um den Segen von ihm zu erschleichen. Rahel aber ist und bleibt die Frau, mit der er alt werden möchte. Es sind ihnen aber nur 14 Jahre als Ehepaar gegönnt. Seine letzte Ruhe findet er mit Lea in der Höhle Machpela, während Rahel in der Nähe von Bethlehem beigesetzt wird.

Es wurde Zeit für Ja‘akov mit seinem gross gewordenen Stamm in die Heimat zurückzukehren. Vierzehn lange Jahre hatte er seinem Schwiegervater gedient, bis der die Hochzeit mit beiden Töchtern erlaubte. Sechs weitere Jahre hatte er ihm gedient, um seinen Lohn zu erhalten. Laban hatte die Regeln jedes Mal geändert, den Lohn immer wieder neu festgesetzt.

Kurz bevor Ja‘akov zu verzweifeln begann und auch seine Ehefrauen begannen, an seiner Redlichkeit zu zweifeln, versicherte Gott ihn nochmals seiner Hilfe.

Nach Haran war er allein und bar jedes Eigentums gekommen, aber in der Gewissheit, dass Gott immer bei ihm sein werde. Zurückkehren wird er als reicher Mann.

Noch einmal, kurz vor der endgültigen Abreise, gibt es ein Scharmützel zwischen Jakob und Laban. Auch hier traten die Engel Gottes wieder für ihn ein. Das Band aber, das Rivka und Laban dereinst verbunden hatte, ist nach dieser Abreise endgültig zerrissen.

Jakob macht sich auf den Weg, um endgültig seine Bestimmung zu erfüllen.

Gehen wir weiter zu den „Sprüchen der Väter“

Hillel und Shamai sind vielleicht die am häufigsten populär-wissenschaftlich zitierten Weisen. Viele Zitate werden ihnen zugeschrieben. Die Schulen der beiden führten oftmals erbitterte Diskurse über jüdische Praxis, Ethik und Theologie. Für die spätere Ausformung des Judentums war der (meist) konstruktiv geführte Dialog bis heute von den beiden grossen Schulen beeinflusst. Der eher milde und nachgiebige Hillel lebte um die Zeitwende und starb etwa 10 CE in Jerusalem, das Leben des strengeren Shamai wird auf 50 BCE bis 30 CE datiert. Übrigens, auch auf Chanukka hat der Diskurs der beiden Einfluss. Shamai begann mit acht Kerzen am ersten Abend und zündete an den darauffolgenden Tagen jeweils eine Kerze weniger an, bis am achten Abend nur mehr ein Licht brannte. Hillel wählte die andere Reihenfolge, der wir heute überwiegend folgen.

Die nachfolgenden Sprüche sind in ihrer Sprache so einfach und selbsterklärend, dass sie keiner grossen Analyse bedürfen.

12. Hillel und Schammai waren die Schüler der Vorgenannten
Hillel sagte:
Sei wie die Schüler Aarons und
liebe den Frieden und strebe nach Frieden,
liebe die Menschen und führe sie zum Gesetz.

Der Prophet Maleachi schreibt in seinem Buch 2.6: „Getreue Weisung war ihm im Mund, Fälschung fand sich ihm nicht auf den Lippen, in Frieden ging er mit mir, in Geradheit, und viele kehrte er ab von dem Fehl.“ (Gemäss der Übersetzung von Buber-Rosenzweig 1929) Dieser Satz des Propheten widerspiegelt klar den Charakter Hillels, dessen Handeln immer geprägt war von Ausgleich, heute würden wir von ‚Appeasement‘ sprechen. Ein Charakterzug, dem Aggression fremd ist. Bei Hillel darf es jedoch nicht mit Schwäche verwechselt werden, es geht ihm um den Ausgleich, in dem alle Betroffenen sich finden können.

13. Ferner sagte er:
Wer seinen Namen gross machen will, wird ihn verlieren.
Und wer nicht zunimmt, der nimmt ab.
Und wer nicht lernt, der ist des Todes schuldig.
Und wer die Krone nur ausnützt, der wird zugrunde gehen.

Hillel ist überzeugt, dass man sich einen guten Namen, shem tov, nur erwerben kann, indem man von seiner Leistung und seinem Charakter her überzeugt. Ein Blender, der zwar auf den ersten Blick überzeugend und faszinierend wirkt, der vielleicht auch kurz motivierend sein kann, wird in sich zusammenfallen, wenn seine Mitmenschen herausfinden, dass sich hinter er oft schillernden Fassade nichts befindet. Und so formuliert er den zweiten Satz so, wie man ihn jedem Studenten mitgeben will. Wer nicht an Wissen zunimmt, der stagniert, und verpasst die Dynamik des Lebens und Lernens. Von Hillel weiss man, dass er kein Geld hatte, um sich einen Platz im Lehrhaus zu leisten. Daher stieg er Nacht für Nacht auf das Dach des Lehrhauses und lauschte am Fenster den Vorträgen seiner Lehrer. Eines Morgens blieb es dunkel im Lehrhaus. Man machte sich auf die Suche nach dem Grund und fand ihn, völlig eingeschneit, auf dem Fenster kauernd. Im letzten Satz ist der Begriff der ‚Krone nicht klar. Gemeint ist ‚keter torah‘, die Krone der Torah. Das ständige Lernen und Verstehen des unendlichen Wissensschatzes der Torah. Wer dies, wie der oben genannte Blender, nur dazu einsetzt, um Ehre und einen guten Namen zu erschleichen, der wird keinen Nutzen daraus ziehen können, sondern der Vergessenheit anheimfallen.

14. Ferner sagte er:
Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich? Wenn ich nur für mich bin, was bin ich dann? Wenn nicht jetzt, wann sonst?

Diese oft auf T-Shirts aufgedruckten Sätze bieten reichlich Stoff zum Nachdenken. Eigentlich sollte der erste Teilsatz eine Selbstverständlichkeit für jeden ausreichend entwickelten und sozialisierten Menschen sein: Wer ausser mir selbst kann die Verantwortung für mich und mein Tun übernehmen? Welchen Menschen bin ich gewillt, so über mich bestimmen und entscheiden zu lassen, was ich tun soll? Die Antwort auf den zweiten Teilsatz muss infolge des Vorhergehenden lauten: Wenn ich nur für mich bin, nicht rechts- und links auf andere schaue, dann bin ich ein Nichts, ein Egoist und habe es nicht verinnerlicht, was es bedeutet, ein verantwortungsvoller Mensch zu sein. Womit die Antwort auf die dritte Frage nur lauten kann: Man darf nichts davon ohne echten Grund aufschieben, erstens weil das Leben eben dynamisch ist und wir zweitens nicht wissen können, was im nächsten Moment auf uns zukommt. Leben im Hier und Jetzt.

15. Schammai sagte:
Mache die Torah zum Mittelpunkt deines Lebens.
Versprich wenig und tue viel.
Empfange jeden Menschen mit freundlicher Miene.

Shamai betont, was heute das offizielle Credo der orthodoxen Rabbiner in Israel ist. Das Lernen der Torah wiegt alles andere auf. Shamai realisiert aber, dass neben dem Lernen der Torah auch noch andere Dinge das menschliche Dasein beherrschen: Sei es der tägliche Broterwerb, sei es die Betreuung innerhalb der Familie, sei es das soziale Umfeld, in das wir alle eingebettet sind. Um alle diese Ansprüche miteinander zu synchronisieren, schlägt er vor: Nimm dir nur so viel an Lernzeit vor, wie du wirklich leisten kannst. Solltest du mehr investieren können, so tue es. Wann immer jemand zu dir kommt, zu Besuch, zum Lernen oder um einen Rat zu holen, empfange ihn mit positiver Haltung, auch dann, wenn du selbst gerade eigentlich nicht in der Verfassung dazu bist! Er hat es verdient, dass du ihm unvoreingenommen gegenübertrittst.

Worte, über die es sich nachzudenken lohnt und in denen jeder etwas für sich findet. In diesem Sinne

Shabbat Shalom!



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