ב“ה
19./20. Kislev 5785 20./21. Dezember 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 15:59
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:19
Shabbateingang in Zürich: 16:19
Shabbatausgang in Zürich: 17:30
Shabbateingang in Wien: 15:45
Shabbatausgang in Wien: 16:57

Dieser Abschnitt der Torah ist zugleich der Beginn der grossen Josefsgeschichte. Ja‘acov hatte sich mit seiner Grossfamilie in Kanaan niedergelassen. Josef gehört nicht mehr zu den Patriarchen. Er ist der Übergang, das Bindeglied zwischen den Stammvätern und Moshe, der uns in der Zeit des Exils in Ägypten bis zu seinem Tod und damit auch dem Ende der Toraherzählungen begleiten wird.
Ja’acov hatte zwölf Söhne, von denen Josef sein Lieblingssohn war. Er war der letzte Sohn seiner Lieblingsfrau Lea. Heute würde man vielleicht sagen, er war ein verwöhntes Vatersöhnchen, ein eitler Geck und vor allem ein kleiner Denunziant. Also kein allzu liebenswerter Charakter.
Alles, was er berichtenswert fand, trug er seinem Vater Ja‘acov zu. Der muss ihn abgöttisch geliebt haben. Sogar einen Mantel aus vielfarbigen Stoffen liess er für ihn nähen, damals ein teures Stück. Mit dem flanierte der 17 Jahre alte Knabe nichts tuend durch das Dorf und nervte seine Brüder mit seinen Träumen.
Als er einmal träumte, welche herausragende Stelle er unter ihnen einnahm, riss ihnen der Geduldsfaden, sie sannen darauf, ihm eine Lektion zu erteilen. Die Gelegenheit kam, als der Vater ihn losschickte, sie auszuspionieren.
Unterwegs trifft er einen Mann, der ihn fragt: „Wen suchst du?“ „Ich suche meine Brüder!“ Sucht er sie wirklich? Oder sucht er seine Brüder, um der Verbindung willen, die er gerne zu ihnen herstellen möchte? Hat er vielleicht Sehnsucht nach einem guten Familienzusammenhalt? Den, so muss er erfahren, wird er zu dem Zeitpunkt noch nicht finden. Noch muss er der einsame junge Mann bleiben, der sich erst seine Position innerhalb der Familie erkämpfen muss. Was ihm, wie wir gleich erfahren werden, zu dem Zeitpunkt nicht gelingen wird. Das erreicht er erst viele Jahre später.
Fast wäre es zu einem Mord gekommen, den Ruben, der Älteste, gerade noch verhindern konnte. Die Brüder warfen den hilflosen jungen Mann in einen trocken gefallenen Brunnen, aus dem er von midianitischen Händlern gerettet und um 20 Silberstücke an vorüberziehende Ismaeliten verkauft wurde. So kam Josef, der Kanaaniter, nach Ägypten und wurde an den Haushalt von Potiphar verkauft. Potiphar war der Haushofmeister des Pharaos.
Die Brüder kehrten nach Hause zurück in scheinbarer Trauer um den getöteten Bruder. Um den Vater zu täuschen, hatten Josefs Brüder sein Obergewand bei sich behalten, tränkten es im Blut eines Ziegenbocks und legten diesen dem Vater vor, als Beleg für die traurige Nachricht, dass er von einem wilden Tier zu Tode gebissen worden war.
Der Vater versank in tiefe Trauer, weil er den Tod seines Lieblings nicht verwinden konnte. Er dachte sogar über Selbstmord nach.
Damit könnte die Josefsgeschichte enden, wenn nicht Gott ganz andere Pläne gehabt hätte. Josef, der bisher ein überbehütetes Kind war, muss sich nun in der Fremde behaupten und seinen Weg suchen.
Gott steht ihm dabei zur Seite. Alles, was der junge Mann beginnt, gelingt ihm. Sein Chef vertraute ihm völlig, liess ihm freie Hand in allen seinen Handlungen. Der einzige Wermutstropfen war, dass Josef, der ein attraktiver junger Mann gewesen sein muss, sich ständig gegen die Verführungsversuche durch die Ehefrau seines Chefs wehren musste. Er blieb standhaft, liess sich allerdings einmal überrumpeln und verlor bei seiner Flucht das Oberkleid, an dem sich die Frau festgeklammert hatte, in der Hoffnung, ihn zu halten. Sie nutzte die Chance, den Sklaven Josef, der ihr nicht zu Willen gewesen war, bei ihrem Mann zu denunzieren, der ihn prompt ins Gefängnis werfen liess.
Gott, in dessen Plan auch dieses vermeintliche Unglück vorgesehen war, stand unverbrüchlich an Josefs Seite. Josef stieg schnell wieder auf der hierarchischen Leiter des Gefängnisses auf. Der Kerkermeister machte ihn zu seiner rechten Hand und vertraute ihm völlig.
Jetzt kam ihm seine Gottesgabe zugute, für die seine Brüder ihn nicht nur verachtet, sondern auch gehasst hatten. Es gelang ihm, die Träume des Mundschenks und des Bäckers zu deuten. Dem Mundschenk konnte er eine für ihn günstige Deutung geben, der Bäcker aber musste sein Todesurteil akzeptieren.
In den Träumen hatte Josef den Willen Gottes erkannt und weitergegeben. Er hätte durch die Traumdeutung selbst zu Schaden kommen können, doch auch hier vertraute er auf Gott. Der Mundschenk, der wieder in Ehren aufgenommen worden war, vergass, so wie die meisten Menschen es tun, seinem Retter seine Dankbarkeit zu zeigen.
Die Josefsgeschichte zeigt uns, dass Rivalität, Misstrauen, Eifersucht und Rachsucht Menschen ins Verderben treiben und Beziehungen zerstören können.
Sie zeigt aber auch, dass Kontinuität und ganz bei sich bleiben, positive Signale aussenden können, auch wenn diese oft erst viel später eine Reaktion auslösen.
Am kommenden Dienstagabend beginnt unser Chanukkafest. Wir dürfen jeden Abend eine Kerze mehr anzünden, bis die acht Kerzen den Raum hell und warm erscheinen lassen.
Kommen wir wieder zu den «Sprüchen der Väter»
(18) Rabban Shimon, der Sohn Gamliels sagt: «Auf drei Dingen ist der Bestand der Welt begründet. Auf Wahrheit, auf Recht und auf Frieden. Denn es heisst. Wahrheit und Recht des Friedens richtet in euren Toren.»
Wenn Rabban Shimon darauf hinweist, dass der Bestand der Welt von drei Dingen abhängt, so bedeutet das zugleich auch, dass die Menschheit nur so überleben kann. Menschen, die ehrlich zu sich selbst und anderen sind, Recht, im Sinne von Gerechtigkeit, die wir für uns erwarten, aber auch anderen zukommen lassen und Frieden. Frieden ohne Recht und Wahrheit ist nicht vorstellbar.
Das ist also die schwerste Voraussetzung, die erfüllt werden muss. Die allgemeine Definition lautet: «Frieden ist die Abwesenheit von Krieg.» Heisst das, dass Europa derzeit im Frieden lebt? Seit dem Bosnien Krieg (1992 bis 1994) sind schon wieder dreissig Jahre vergangen.
Der niederländisch-jüdische Philosoph Baruch de Spinoza (1632-1677) schrieb dazu: «Friede ist nicht Abwesenheit von Krieg, Friede ist eine Tugend, eine Geisteshaltung, eine Neigung zu Güte, Vertrauen und Gerechtigkeit.»
Zurückkommend auf meine Frage, ob wir in Europa seit 30 Jahren im Frieden leben, muss man leider sagen: Nein. Bestenfalls sind es einzelne Menschen, auf die das, was Spinoza sagt, mehr oder weniger zutrifft.
Warum aber ist es so schwer, diese Tugenden zu leben? Es sind Charaktereigenschaften, die wir mitbringen. Sie positiv umzuformen und zu verstärken, das ist es, was unsere Aufgabe im Zuge unseres Lebens ist. Sie sind nichts, was man erwerben kann, wie z.B. das Wissen der Naturwissenschaft.
Falls wir uns darauf einigen können, dass Spinoza recht hat, so wird auch klar, was wir nachfolgend von Rabbi Chananja lesen.
Rabbi Chananja, Sohn Ashkajas sagt: «Israel reich begnadigen wollte der Heilige, gesegnet sei Er. Deshalb hat Er ihnen in reichem Mass Lehre und Gesetz verliehen. Denn es heisst: Gott will es um Seiner Gerechtigkeit willen, dass Er der Lehrer immer mehr Grösse und Machtherrlichkeit verleiht.
Je mehr wir uns um die von Spinoza genannten Tugenden bemühen, desto eher werden wir auf einer friedlichen Welt leben können.
Damit endet das erste Kapitel der ‘Sprüche der Väter’.
Shabbat Shalom ve Chag Chanukka sameach!
Bereshit, Wajeschew 37:1-40:23
19./20. Kislev 5785 20./21. Dezember 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 15:59
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:19
Shabbateingang in Zürich: 16:19
Shabbatausgang in Zürich: 17:30
Shabbateingang in Wien: 15:45
Shabbatausgang in Wien: 16:57
Dieser Abschnitt der Torah ist zugleich der Beginn der grossen Josefsgeschichte. Ja‘acov hatte sich mit seiner Grossfamilie in Kanaan niedergelassen. Josef gehört nicht mehr zu den Patriarchen. Er ist der Übergang, das Bindeglied zwischen den Stammvätern und Moshe, der uns in der Zeit des Exils in Ägypten bis zu seinem Tod und damit auch dem Ende der Toraherzählungen begleiten wird.
Ja’acov hatte zwölf Söhne, von denen Josef sein Lieblingssohn war. Er war der letzte Sohn seiner Lieblingsfrau Lea. Heute würde man vielleicht sagen, er war ein verwöhntes Vatersöhnchen, ein eitler Geck und vor allem ein kleiner Denunziant. Also kein allzu liebenswerter Charakter.
Alles, was er berichtenswert fand, trug er seinem Vater Ja‘acov zu. Der muss ihn abgöttisch geliebt haben. Sogar einen Mantel aus vielfarbigen Stoffen liess er für ihn nähen, damals ein teures Stück. Mit dem flanierte der 17 Jahre alte Knabe nichts tuend durch das Dorf und nervte seine Brüder mit seinen Träumen.
Als er einmal träumte, welche herausragende Stelle er unter ihnen einnahm, riss ihnen der Geduldsfaden, sie sannen darauf, ihm eine Lektion zu erteilen. Die Gelegenheit kam, als der Vater ihn losschickte, sie auszuspionieren.
Unterwegs trifft er einen Mann, der ihn fragt: „Wen suchst du?“ „Ich suche meine Brüder!“ Sucht er sie wirklich? Oder sucht er seine Brüder, um der Verbindung willen, die er gerne zu ihnen herstellen möchte? Hat er vielleicht Sehnsucht nach einem guten Familienzusammenhalt? Den, so muss er erfahren, wird er zu dem Zeitpunkt noch nicht finden. Noch muss er der einsame junge Mann bleiben, der sich erst seine Position innerhalb der Familie erkämpfen muss. Was ihm, wie wir gleich erfahren werden, zu dem Zeitpunkt nicht gelingen wird. Das erreicht er erst viele Jahre später.
Fast wäre es zu einem Mord gekommen, den Ruben, der Älteste, gerade noch verhindern konnte. Die Brüder warfen den hilflosen jungen Mann in einen trocken gefallenen Brunnen, aus dem er von midianitischen Händlern gerettet und um 20 Silberstücke an vorüberziehende Ismaeliten verkauft wurde. So kam Josef, der Kanaaniter, nach Ägypten und wurde an den Haushalt von Potiphar verkauft. Potiphar war der Haushofmeister des Pharaos.
Die Brüder kehrten nach Hause zurück in scheinbarer Trauer um den getöteten Bruder. Um den Vater zu täuschen, hatten Josefs Brüder sein Obergewand bei sich behalten, tränkten es im Blut eines Ziegenbocks und legten diesen dem Vater vor, als Beleg für die traurige Nachricht, dass er von einem wilden Tier zu Tode gebissen worden war.
Der Vater versank in tiefe Trauer, weil er den Tod seines Lieblings nicht verwinden konnte. Er dachte sogar über Selbstmord nach.
Damit könnte die Josefsgeschichte enden, wenn nicht Gott ganz andere Pläne gehabt hätte. Josef, der bisher ein überbehütetes Kind war, muss sich nun in der Fremde behaupten und seinen Weg suchen.
Gott steht ihm dabei zur Seite. Alles, was der junge Mann beginnt, gelingt ihm. Sein Chef vertraute ihm völlig, liess ihm freie Hand in allen seinen Handlungen. Der einzige Wermutstropfen war, dass Josef, der ein attraktiver junger Mann gewesen sein muss, sich ständig gegen die Verführungsversuche durch die Ehefrau seines Chefs wehren musste. Er blieb standhaft, liess sich allerdings einmal überrumpeln und verlor bei seiner Flucht das Oberkleid, an dem sich die Frau festgeklammert hatte, in der Hoffnung, ihn zu halten. Sie nutzte die Chance, den Sklaven Josef, der ihr nicht zu Willen gewesen war, bei ihrem Mann zu denunzieren, der ihn prompt ins Gefängnis werfen liess.
Gott, in dessen Plan auch dieses vermeintliche Unglück vorgesehen war, stand unverbrüchlich an Josefs Seite. Josef stieg schnell wieder auf der hierarchischen Leiter des Gefängnisses auf. Der Kerkermeister machte ihn zu seiner rechten Hand und vertraute ihm völlig.
Jetzt kam ihm seine Gottesgabe zugute, für die seine Brüder ihn nicht nur verachtet, sondern auch gehasst hatten. Es gelang ihm, die Träume des Mundschenks und des Bäckers zu deuten. Dem Mundschenk konnte er eine für ihn günstige Deutung geben, der Bäcker aber musste sein Todesurteil akzeptieren.
In den Träumen hatte Josef den Willen Gottes erkannt und weitergegeben. Er hätte durch die Traumdeutung selbst zu Schaden kommen können, doch auch hier vertraute er auf Gott. Der Mundschenk, der wieder in Ehren aufgenommen worden war, vergass, so wie die meisten Menschen es tun, seinem Retter seine Dankbarkeit zu zeigen.
Die Josefsgeschichte zeigt uns, dass Rivalität, Misstrauen, Eifersucht und Rachsucht Menschen ins Verderben treiben und Beziehungen zerstören können.
Sie zeigt aber auch, dass Kontinuität und ganz bei sich bleiben, positive Signale aussenden können, auch wenn diese oft erst viel später eine Reaktion auslösen.
Am kommenden Dienstagabend beginnt unser Chanukkafest. Wir dürfen jeden Abend eine Kerze mehr anzünden, bis die acht Kerzen den Raum hell und warm erscheinen lassen.
Kommen wir wieder zu den «Sprüchen der Väter»
(18) Rabban Shimon, der Sohn Gamliels sagt: «Auf drei Dingen ist der Bestand der Welt begründet. Auf Wahrheit, auf Recht und auf Frieden. Denn es heisst. Wahrheit und Recht des Friedens richtet in euren Toren.»
Wenn Rabban Shimon darauf hinweist, dass der Bestand der Welt von drei Dingen abhängt, so bedeutet das zugleich auch, dass die Menschheit nur so überleben kann. Menschen, die ehrlich zu sich selbst und anderen sind, Recht, im Sinne von Gerechtigkeit, die wir für uns erwarten, aber auch anderen zukommen lassen und Frieden. Frieden ohne Recht und Wahrheit ist nicht vorstellbar.
Das ist also die schwerste Voraussetzung, die erfüllt werden muss. Die allgemeine Definition lautet: «Frieden ist die Abwesenheit von Krieg.» Heisst das, dass Europa derzeit im Frieden lebt? Seit dem Bosnien Krieg (1992 bis 1994) sind schon wieder dreissig Jahre vergangen.
Der niederländisch-jüdische Philosoph Baruch de Spinoza (1632-1677) schrieb dazu: «Friede ist nicht Abwesenheit von Krieg, Friede ist eine Tugend, eine Geisteshaltung, eine Neigung zu Güte, Vertrauen und Gerechtigkeit.»
Zurückkommend auf meine Frage, ob wir in Europa seit 30 Jahren im Frieden leben, muss man leider sagen: Nein. Bestenfalls sind es einzelne Menschen, auf die das, was Spinoza sagt, mehr oder weniger zutrifft.
Warum aber ist es so schwer, diese Tugenden zu leben? Es sind Charaktereigenschaften, die wir mitbringen. Sie positiv umzuformen und zu verstärken, das ist es, was unsere Aufgabe im Zuge unseres Lebens ist. Sie sind nichts, was man erwerben kann, wie z.B. das Wissen der Naturwissenschaft.
Falls wir uns darauf einigen können, dass Spinoza recht hat, so wird auch klar, was wir nachfolgend von Rabbi Chananja lesen.
Rabbi Chananja, Sohn Ashkajas sagt: «Israel reich begnadigen wollte der Heilige, gesegnet sei Er. Deshalb hat Er ihnen in reichem Mass Lehre und Gesetz verliehen. Denn es heisst: Gott will es um Seiner Gerechtigkeit willen, dass Er der Lehrer immer mehr Grösse und Machtherrlichkeit verleiht.
Je mehr wir uns um die von Spinoza genannten Tugenden bemühen, desto eher werden wir auf einer friedlichen Welt leben können.
Damit endet das erste Kapitel der ‘Sprüche der Väter’.
Shabbat Shalom ve Chag Chanukka sameach!
Kategorien:Religion
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