Krieg in Israel – Tage 445 und 446

24. Kislev 5785

Leider musste die IDF erneut den Tod von drei Soldaten bekannt geben. Cpt. Ilay Gavriel Ategi, 22, Staff Sgt. Netanel Pessach, 21, und Sgt. First. Class Hillel Diener, 21, s’’l, verloren ihr Leben durch die Explosion eines Sprengsatzes in der Region um Beit Hanoun.

Die im November freigelassene Geisel Hanna Kazir, 78, s’’l, hat den Kampf um ihr Leben verloren. Ihr bis dahin guter Gesundheitszustand hatte sich während der Gefangenschaft dramatisch verschlechtert und konnte auch nach ihrer Freilassung nicht mehr stabilisiert werden. Katzir war während des Massakers vom 7. Oktober 23 aus ihrem Heimatkibbutz Nir Oz verschleppt worden.

Das israelische Verhandlungsteam kehrte gestern Abend aus Katar zurück, um das weitere Vorgehen bei den Verhandlungen zu besprechen. Dies teilte das Büro des PM mit.  Die Gespräche der letzten Tage seien ‘bedeutsam’ gewesen

Am sechsten Tag seiner Befragung spielte Netanyahu erneut seine Beziehung zu Walla-Chef Shaul Elovitch herunter. Die Vereinbarungen, die als Gegenleistung zu seiner positiven Berichterstattung getroffen wurden, wurden von seinen Mitarbeitern ausgearbeitet. Er selbst sei weder an der Ausarbeitung beteiligt gewesen, noch hätte er in allen Fällen den vollständigen Inhalt gekannt. Oft hätte er die Dokumente auch unterschrieben, ohne sie gelesen zu haben. So ähnlich hatte er sich bereits gestern geäussert. «Es gab weder vor noch nach der Unterzeichnung der Dokumente eine von Bestechung geprägte Beziehung. Ich finde es ziemlich interessant, dass diese Genehmigungen in den Anklagen enthalten sind.»

Als weiteren Beleg für die eher negative Berichterstattung führte er ausführlich aus, dass sein Sohn Yair zu der Zeit, also 2013, mit einer nicht-jüdischen Frau liiert war. «Ein Artikel, der darauf abzielte, die Unterstützung meiner Wählerschaft zu schmälern.» Am Abend des Erscheinungstages war der Artikel aus der Online-Zeitung verschwunden. Dass dies erst so spät geschah, bezeichnet Netanyahu als Beleg, dass einem allfälligen Einspruch durch sein Büro nicht stattgegeben wurde. Im Übrigen sei ‘Walla’ eine marginale Nachrichtenplattform[1], die ihn in keiner Weise beeinflusse.

In der nordsyrischen Stadt As Suqaylabiyah zündeten Islamisten einen Weihnachtsbaum an, der auf der Grünflache eines Kreisverkehrs installiert worden war.  Hunderte Demonstranten gingen in den christlichen Vierteln von Damaskus auf die Strasse. «Wenn wir unseren christlichen Glauben in unserem Land nicht mehr so leben dürfen wie früher, dann gehören wir hier nicht mehr hin», erklärte ein anonymer Demonstrant. Nach Angaben der ‘Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte’ handelte es sich bei den Islamisten um Ausländer der Gruppe ‘Ansar al-Twahid’. Ein Sprecher von HTS betonte, dass «diejenigen, die den Baum in Brand gesteckt haben, keine Syrer sind. Sie werden bestraft. Der Baum wird bis morgen früh wiederhergestellt und erleuchtet sein.» HTS hat versprochen, für den Schutz der Minderheiten in Syrien einzustehen.

Der libanesische PM Najib Mikati traf sich gestern mit Abgeordneten der USA und Frankreichs, um mit ihnen die ‘andauernden Verletzungen des Waffenstillstandsabkommens durch Israel’ zu diskutieren. Das berichtet die mit der Hisbollah affiliierte Zeitung ‘al-Akhbar’. Mikati hat auch darum gebeten, den fünfköpfigen Ausschuss zusammenzurufen, der mit der Überwachung des Abkommens betraut ist. Der Libanon, so Mikati, verstösst nicht gegen das Abkommen und bietet daher auch keinen Grund, die Kampftätigkeiten wieder aufzunehmen. Israel hat bis Ende Januar Zeit, sich aus dem Südlibanon zurückzuziehen, jedoch fordern sowohl Mikati, also auch die UNIFIL einen früheren Abzug.

Weil sich erneut eine ballistische Rakete, abgeschossen von den Houthi-Terroristen im Jemen, auf dem Weg nach Zentral-Israel befand, wurde grossräumig der Alarm ausgelöst. Auf dem Weg in einen Schutzraum stürzten zahlreiche Personen oder erlitten eine Panikattacke. Magen David Adom gab an, 25 Personen behandelt zu haben, bevor sie, falls nötig, ins Spital eingeliefert wurden. Unter den Verletzten befindet sich auch eine 60-jährige Frau, die sich bei einem Sturz schwer verletzte. Die Rakete wurde abgefangen, bevor sie in den israelischen Luftraum eindrang. Der Alarm wurde aufgrund der Möglichkeit von herabstürzenden Fragmenten aktiviert. Ein Sprecher der Houthis kündigte an, dass die Angriffe fortgesetzt werden, «bis die Aggressionen gegen unser Volk enden.» Habe ich etwas verpasst? Haben wir die Houthis zuerst angegriffen?

Am Nachmittag zerstörte die IAF eine Raketen-Abschuss Station, die sich nur etwa 22 Meter neben einem UN-Gebäude befand. Vor dem Angriff wurden die Zivilisten aufgefordert, das Gebiet zu verlassen. Das Gebäude befand sich im ‘Flüchtlingscamp Shati ‘ in Gaza City. Unmittelbar nach dem Angriff wurde noch eine (hoffentlich) letzte Rakete aus dem Komplex geschossen.

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Generalstabschef Herzi Halevi hat zugesichert, die Zeitpläne für die Untersuchungen über die Verfehlungen um den 7. Oktober 2023 zu beschleunigen. Er betont, «dass ein qualitativ hochwertiger, gründlicher und professioneller Untersuchungsprozess als Pflicht gegenüber den Hinterbliebenen, den Familien der Geiseln und der Öffentlichkeit durchgeführt werden muss.» VM Israel Katz hatte die Abgabe der Ergebnisse ursprünglich bis zum 31. Januar verlangt, den Termin dann aber vorgezogen.

Leider kam es in Syrien anlässlich einer Demonstration gegen die Präsenz des israelischen Militärs erneut zu einem tragischen Zwischenfall. Die Demonstranten hatten auf Zurufe der IDF, sich zurückzuziehen, nicht reagiert. Die IDF begann anschliessend, die Demonstration mit Schüssen in ihre Richtung aufzulösen. Vier Personen wurden dabei verletzt, darunter ein Kind, das in den Rücken geschossen wurde und ein Mann, der einen Bauchschuss erlitt. Zwei weitere Personen wurden als leicht verletzt eingestuft. Die IDF untersucht den Fall. Der Vorfall fand in der Nähe der Al-Dawaiya-Kaserne in der Nähe der Grenze zu Israel ausserhalb der Pufferzone statt.

Dazu eine Frage: Ist es nicht möglich, gemeinsam mit den neuen Machthabern eine geordnete Übergabe und/oder Zerstörung der Waffenlager zu vereinbaren, ohne unerwünscht und eigenmächtig auf syrischem Staatsgebiet zu operieren?

Zum vierten Mal innerhalb einer Woche schossen auch gestern die Houthi-Terroristen wieder eine ballistische Rakete auf Zentral-Israel ab. Sie konnte abgefangen werden, bevor sie in den israelischen Luftraum eindrang. Der Raketen-Alarm wurde in weiten Teilen des Zentrums aus Angst vor herabstürzenden Teilen ausgelöst. Neun Personen wurden mit leichten Verletzungen behandelt, zwei weitere erlitten Panik-Attacken. Hezam al-Asad, ein Sprecher der Houthis fragte: «Wie lange können sich vier Millionen Menschen in Schutzräumen verstecken? Rennt in die Schutzräume, wir haben euch gewarnt. Hört auf, die Kinder in Gaza zu ermorden.» Ein grösseres Fragment stürzte in Be’er Ya’akov ab und riss die Verankerung einer Klimaanlage an einem Haus ab.

Der UN-Sicherheitsrat wird am kommenden Montag zu einer Dringlichkeitssitzung zusammentreffen. Am Dienstag hatte FM Gideon Sa’ar einen entsprechenden Antrag gestellt.  Der israelische Botschafter bei der UNO, Danny Danon hinterfragte: «Die Houthis haben es offensichtlich noch nicht verstanden, was mit denen geschieht, die Israel angreifen. Ich erwarte vom Sicherheitsrat, dass er Israel unterstützen und die Angriffe auf uns verurteilen wird.» Bisher haben die Houthis mehr als 200 Raketen und 170 Drohnen gegen Israel abgeschossen. Bisher hat Israel dreimal zurückgeschossen. VM Israel Katz betonte bei einem Truppenbesuch, dass Israel keinen weiteren Beschuss unbeantwortet lassen wird. «Genauso wie wir uns um Sinwar in Gaza, Haniyeh in Teheran und Nasrallah in Beirut gekümmert haben, werden wir uns um die Anführer der Houthis in Sana’a oder irgendwo sonst im Jemen kümmern. Wir werden sowohl gegen ihre Infrastruktur als auch gegen sie selbst vorgehen, um die Bedrohung zu beseitigen.»

Wurde gestern noch berichtet, dass das israelische Verhandlungsteam zu ‘internen Beratungen’ aus Katar zurückgekommen sei, muss man heute erkennen, dass es erneut keinerlei ernsthafte Annäherung zwischen der Hamas und Israel gibt. Die Hamas, die in den letzten Tagen Zeichen von Flexibilität gezeigt hatte, ist offensichtlich wieder auf den harten Standpunkt zurückgekehrt, dass es ohne ein komplettes Ende des Krieges auch keine Geiselfreilassung gibt. Die von Israel verlangte Liste der lebenden und toten Geiseln wurde bis heute nicht übergeben.

Der Kaktus des Tages geht an Ruthi Blum, ehemalige Beraterin im Büro des PM. Die Journalistin bei der Jerusalem Post und bei ‘Jewish News Syndicate’. Gemeinsam mit dem israelischen Botschafter in GB, Mark Regev, der früher ebenfalls Berater im Büro des PM war, betreibt sie einen regelmässigen Podcast ‘Israel – undiplomatic’ mit dem Leitsatz: «Auch eine gemeinsame Weltsicht kann zu sehr unterschiedlichen Perspektiven führen.»

Ein Artikel von ihr wurde von ‘Arutz 7’, der religiös-zionistischen Nachrichtenplattform übernommen. ‘Arutz 7’ gilt als mediales Sprachrohr der jüdischen Siedler in Yehuda und Shomron. 

Ihr Leitsatz mag für andere gelten, nicht aber für sie. In ihrem Artikel zerreisst sie Oppositionsführer Yair Lapid, den sie als ‘nicht mehr wichtigen Akteur auf der politischen Bühne’ bezeichnet, in, ich möchte sagen, unflätiger Art und Weise. Sie wirft ihm vor, über keinen ‘ruhmreichen militärischen Hintergrund zu verfügen’ was stimmt, aber seiner chronischen Asthmaerkrankung geschuldet ist, die man ihm nicht vorwerfen darf. Dass sie ihn als ‘bedeutungslos’ bezeichnet und als ‘lächerlich’, wobei sie Lapid gleich in einen Topf mit ‘seinen linken Gesinnungsgenossen’ wirft, versteckt sie hinter einem Zitat von George Orwell «Es gibt Worte, die so dumm sind, dass nur Intellektuelle daran glauben.» Dummerweise zitiert sie Orwell falsch, der sagte: «Es gibt Projekte, die so absurd sind, …» und Projekte sind etwas anderes als Worte. Das aber kann sie offenbar locker übersehen und noch einen Vergleich draufsetzen: «Dennoch ist Lapid nicht nur idiotisch à la Orwell.» Es gab Zeiten, da nannte man Menschen mit einem IQ unter 70 ‘Idioten’. Die Zeiten sind lange vorbei, heute spricht man von Lernbehinderten. Für Blum ist also Lapid, vor seiner politischen Karriere erfolgreicher Journalist und Moderator, lernbehindert. Bezogen auf eine Demonstration gegen die Regierung und ihre Haltung den Verhandlungen zur Freilassung der Geiseln spricht sie ihm «Wahnsinn, nicht nur inhaltlich, sondern auch in Bezug auf die Lautstärke» zu.

Ja, Yair hat, das zeigt das Video, geschrien und stark gestikuliert. Aber kennen wir das nicht alle? Wir setzen uns in einer Sache ein und müssen erleben, wie diese mit Füssen getreten wird. Irgendwann kommen wir zu einem Punkt, an dem wir nicht mehr mit wohlgesetzten Worten und angenehm modulierter Stimme plaudern können. Wo die Stimme kippt und laut wird. So erleben wir Yair im Video, authentisch. Er brachte seine Kritik auf den Punkt. Auf die Koalition. Wie Blum es sieht: «Nein, im Mittelpunkt seiner Tirade stand Bibis Koalition und damit alle, die dafür gestimmt haben und sie weiterhin unterstützen.» Yair legte den Finger auf das Versagen der Koalition. Das ist legitim und durchaus gerechtfertigt. Blum versucht, das Versagen der Koalition, mit den demokratiezerstörenden Bestrebungen der rechten und rechts-extremen Koalitionspartnern zu verschleiern. Damit stützen sie die, die seit dem 29. Dezember 2022, dem Tag, an dem die Koalition angelobt wurde, alles darauf ausrichten, ihre Regierung ad ultimo fortzusetzen. Ihren grossen Führer Netanyahu vor den Schranken des Gerichts zu bewahren und die Demokratie zu zerstören. Damit sie sich des ‘Gesindels’, wie Blum die Opposition nennt, endgültig entledigen können. Dann wird niemand mehr da sein, der die Geiseln versucht zu retten, niemand, der den Wahn des absoluten Sieges stoppen kann. Niemand, der das Eigentum der Palästinenser in Yehuda und Shomron schützen wird.  Dann wird es das Israel, wie wir es kennen und lieben, nicht mehr geben.

Meinen jüdischen Lesern wünsche ich Chag Chanukka sameach und allen, die es feiern, erbauliche Weichnachten!


[1] ‘Walla’ hatte im November 54.43 Millionen Besucher, liegt damit auf dem sechsten Platz insgesamt in Israel. Von den Medien hat nur ‘ynet news’ mit 151.87 Millionen Besuchern deutlich mehr Bedeutung.



Kategorien:Israel, Politik

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