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3./4. Tewet 5785 3./4. Januar 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 16:08
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:28
Shabbateingang in Zürich: 16:30
Shabbatausgang in Zürich: 17:41
Shabbateingang in Wien: 15:55
Shabbatausgang in Wien: 17:07

„Blut ist dicker als Wasser“. Diese Erfahrung machen Josef und seine Familie in diesem Wochenabschnitt. Josef hat sich gewandelt. Aus dem Knaben, der mit dem farbenfrohen Mantel durchs Leben eilte, ist ein verantwortungsvoller Mann mit einer eigenen Familie geworden. Er trifft auf seine Brüder, die ihn verlacht haben, ihn verstossen haben und ihn töten wollten. Die ihren Vater im Glauben liessen, er sei tot. In dem Moment, in dem seine Brüder bis auf den jüngsten, Benjamin, erstmals wieder vor ihm stehen, muss es ihm wie ein déjà-vu Erlebnis vorgekommen sein. Wie er als Knabe geträumt hatte, dass sich Sonne, Mond und Sterne vor ihm verbeugten und er diese als seine Familie deutete. Sogar sein Vater hatte damals spöttisch gelacht. Sein geliebter Vater, dessen Lieblingssohn er doch gewesen war! Und nun stehen seine Brüder vor ihm als Bittsteller. Sie leiden unter der Hungersnot und er kann ihnen helfen.
Sie erkennen ihren „kleinen Bruder“ nicht, er aber weiss ab dem ersten Moment, wen er vor sich hat. Josef scheint fast hilflos in dieser Situation. Statt sich ihnen zu offenbaren, weist er sie ab, bezichtigt sie der Spionage und schickt sie fort. Eigentlich müsste es ihnen seltsam vorgekommen sein, dass er nach einem weiteren Bruder fragte – woher hatte dieser hohe Beamte des Pharaos dieses Wissen?
Er schickt sie fort, fordert sie auf, den kleinen Bruder zu bringen und behält Shimon als Pfand. Josef ist mittlerweile überzeugt, dass er das Werkzeug Gottes ist. Wieso sonst würde er über die Kunst der Traumdeutung verfügen, die ihm so viel Pech und auch so viel Erfolg eingebracht hatte? Nach dem ersten Schrecken möchte er ihnen doch etwas Gutes tun und gibt ihnen neben dem gekauften Getreide auch den Kaufpreis mit.
Mehr an Annäherung geht noch nicht. Die Wunde, die sie ihm zugefügt haben, ist auch nach 20 Jahren nicht verheilt. Aber die Sehnsucht ist gross, jedoch hat er auch Angst, zurückgewiesen zu werden. Was, wenn sie ihn immer noch hassen?
Für den mittlerweile alten Vater ist das eine furchtbare Situation, er ist sich sicher, dass er nun zwei Söhne verloren hat. Aber der Hunger ist grösser und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich wieder auf den Weg nach Ägypten zu machen. So kommen sie tatsächlich zurück und bringen Benjamin mit. Nochmals stellt Josef sie auf die Probe, doch da übernimmt Jehuda, der viertälteste Sohn Ja’acovs, die Rolle des Vermittlers.
Er hält ein leidenschaftliches Plädoyer für seinen Vater und seine Brüder. Er schildert eine Familiengeschichte, die nicht nur sonnige Tage gekannt hat. Er erzählt vom Sohn, der von ihnen verkauft wurde und von der Angst des Vaters, beide Lieblingssöhne zu verlieren. Er schont sich und seine Brüder nicht.
Josef erkennt, dass die Brüder anders geworden sind, aus den eifersüchtigen jungen Männern sind ebenfalls verantwortungsvolle Familienväter geworden.
In diesem Moment bricht der Panzer, den Josef um sein Herz gelegt hatte, entzwei. Bevor er sich seinen Brüdern zu erkennen gibt, schickt er alle Umstehenden fort. Er spürt, dieser Augenblick gehört nur ihm und seiner Familie. Statt dunkler Gedanken, die sich gerade erst von seiner Seele lösen, reicht er ihnen beide Hände. Er erklärt ihnen, nicht sie hätten ihn in die Verbannung geschickt, sondern es sei Gottes Plan gewesen. Er hätte nach Ägypten kommen müssen, um von dort aus die Geschicke seiner Familie für Gott beeinflussen zu können.
Geschichte kann auch in modernen Familien nicht rückgängig gemacht werden. Sie wird immer im kollektiven Gedächtnis aller Beteiligten verankert sein. Aber, und das ist es, was uns dieser Wochenabschnitt lehrt, wir müssen versuchen, sie in einen neuen Kontext zu stellen. Dazu braucht es Liebe, dazu braucht es Kraft und den absoluten Willen aller, einen Neuanfang zu wagen und ein neues Beziehungsnetz zu spinnen.
Kommen wir wieder zu den ‚Sprüchen der Väter‘.
- Rabbi Jehuda ha-Nassi sagte: Welches ist der rechte Weg, den der Mensch für sich wählen soll? Der rechte Weg ist all das, was für denjenigen, der es tut, selbst ehrenvoll ist, und was ihm auch Ehre von den Menschen einbringt.
Sei bei der Ausübung einer leichten Mizwa so achtsam wie bei einer schweren, denn du kennst nicht den Lohn für die Mizwot. Bedenke den momentanen kurzfristigen Verlust durch das Ausführen einer Mizwa gegenüber dem künftigen dauerhaften Gewinn durch das Befolgen der Mizwa.
Und bedenke auch den momentanen kurzfristigen Gewinn durch das Begehen einer Sünde gegenüber dem künftigen dauerhaften Verlust als Folge der Sünde.
Betrachte drei Dinge, und du gerätst nicht in Sünde: Wisse, was über dir ist – ein Auge, das sieht, und ein Ohr, das hört, und dass alle deine Taten in einem Buch aufgeschrieben werden.
Auffallend in diesem Abschnitt ist die jeweilige Dopplung der Aspekte. Nicht nur für uns selbst soll der gewählte Weg ehrenvoll sein, sondern uns auch Ehre in den Augen von anderen einbringen. Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel. Wenn wir die Shabbat-Gesetze einhalten, tun wir uns selbst etwas Gutes. Innehalten, die Batterien nach sechs Tagen Arbeit wieder aufladen, zur Ruhe kommen. Aber auch gemeinsam mit der Familie sein, lesen, sprechen, fühlen. Gemeinsam aus den Zwängen des Alltags heraustreten, ihn vielleicht neu bewerten und dann das, was man heute als ‘quality life’ bezeichnet, in die kommende Woche hineintragen.
Wir wissen nicht, wie Gott das Einhalten der einzelnen Mizwot bewertet. Was für den einen unglaublich schwer ist, scheint dem anderen leicht zu fallen. Aber sind für Gott nicht alle Mizwot gleich viel wert? Nehmen wir wieder ein Beispiel. In Moses 5, 22:1 lesen wir, dass man ein Fundstück an den Eigentümer zurückgeben muss. Das ist sicher einfach, wenn wir den Eigentümer leicht ermitteln können. Aber wenn das nicht der Fall ist? Geld und Fundstücke unter € 10 darf man behalten, alles, was mehr wert ist, muss man bei der Polizei abgeben. Allerdings gebührt einem dann ein Finderlohn von 10 %. Das ist doch eine leichte Mizwa, oder?
Man muss, so steht es bei Moses 2, 23:12, den Shabbat heiligen. Das ist, je nachdem in welchem Beruf man tätig ist, eine schwere Mizwa. Alle die, die im Gesundheits- oder Rettungswesen arbeiten, sind, sobald ein Einsatz ansteht, von dieser Pflicht befreit. Das Retten eines Lebens steht über allem. Für nahezu jeden Selbstständigen ist das Einhalten dieser Mizwa leicht, jeder andere muss sich um einen entsprechenden Dienstplan kümmern, was das Einhalten in vielen Fällen erschwert.
Im 5. Buch Moses 22:5 lesen wir, dass eine Frau keine Männerkleidung tragen darf. Der einen Frau fällt es leicht, auf die bequemen Kleidungsstücke zu verzichten, für andere kann es aus dem einen oder anderen Grund nahezu unmöglich werden. Schwieriger wird es mit sich selbst gegebenen Vorsätzen oder gar Eiden. So steht im 4. Buch Moses, 30:3 zu lesen. Diese nicht zu beachten, gilt als ebenso verwerflich, wie wenn sie anderen gegenüber gegeben wurden.
Spannend ist der letzte Satz dieses Abschnitts: „und dass alle deine Taten in einem Buch aufgeschrieben werden.“ Hier muss man das hebräische Original heranziehen, um zu verstehen, was gemeint ist und an was uns Rabbi Jehuda haNassi erinnert: בְּסֵֽפֶר es heisst ‚basafer – in dem Buch‘ und nicht einfach in einem Buch. Basefer ist jenes Buch, das Gott an Rosh HaShana öffnet und das sich an Yom Kippur schliesst – das Buch unseres Lebens.
Shabbat Shalom und, es soll noch gelten, ein gutes, neues, bürgerliches Jahr 2025!
Kategorien:Religion
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