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10./11. Tevet 5785 10./11. Januar 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 16:14
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:34
Shabbateingang in Zürich: 16:38
Shabbatausgang in Zürich: 17:48
Shabbateingang in Wien: 16:04
Shabbatausgang in Wien: 17:15

Mit diesem Wochenabschnitt beenden wir das 1. Buch Moses. Die Geschichte unserer Stammeseltern ist erzählt, nun ist es an den Jüngeren, den Weg weiterzugehen. Auch die «Josefsgeschichte» findet mit dem Tod des zweitjüngsten Sohnes von Ja’acov und Rachel ihr Ende.
Was haben wir nicht alles miterleben dürfen: die Erschaffung der Welt, die Vertreibung der ersten Menschen aus dem Garten Eden bis zur Sintflut. Wir haben staunend gelesen, wie Gott mit einigen wenigen Menschen in Kontakt trat, wie die ersten zarten Wurzeln des neuen Glaubens sich in den von Gott ausgewählten Menschen verankerten. Und wie Gott von Generation zu Generation seine Versprechen an die Urväter Avraham, Jitzchak und Ja’acov weitergab. Die Hoffnung, als grosses Volk in einem gesegneten Land zu leben.
Wir nahmen an den Familiengeschichten teil, mussten feststellen, dass sie mehr von Tragödien, Zwist und Kämpfen untereinander geprägt waren als von freudigen Anlässen. Von Kain und Abel, Ishmael und Jitzchak, Esav und Ja’acov, bis hin zu den Geschwistern von Josef. In jeder Generation gab es Intrigen, Übervorteilungen, ja sogar Mord und Totschlag. Dina, die einzige Tochter Ja’acovs, mussten wir leider aus den Augen verlieren.
Jetzt werden wir Zeugen von Ja’acovs letzten Tagen. Siebzehn Jahre waren vergangen, seit er mit etwa siebzig Personen von Kanaan nach Ägypten gezogen war. Heimisch geworden ist er aber dort nie. Er hat als Fremder in der Fremde gelebt. So ist es auch verständlich, dass sein letzter Wunsch ist: «Wenn ich mich zu meinen Vätern gelegt habe, dann bringe mich fort aus Ägypten und lege mich in die Grabstätte meiner Väter.» (Gen 47:30)Sein Körper war alt und müde geworden, aber sein Geist war noch immer hellwach. Er wusste, dass Ägypten nicht ewig die Heimat seiner Söhne, seines Volkes sein würde. Gott hatte ihm und seinen Vorfahren etwas anderes, eine wirkliche neue Heimat versprochen.
Er bittet Josef mit seinen beiden Erstgeborenen Menashe und Ephraim zu sich. Diese beiden Söhne waren bereits vor der Ankunft Ja’acovs in Ägypten geboren. In einer berührenden Szene bittet Ja’acov seinen Sohn, ihm die Verantwortung für diese beiden Knaben zu übergeben. Er will sie an Sohnes statt annehmen, obwohl sie eigentlich Fremde sind, weil ihre Mutter eine Ägypterin ist.
Menashe, der Ältere, steht an Josefs rechten und Ephraim, der Jüngere, zu seiner linken Seite. Ja’acov aber segnet sie so, wie Gott es ihm eingeben hat, den Jüngeren mit der rechten und den Älteren mit der linken Hand, indem er seine Hände über ihren Köpfen kreuzt. Josef vermutet einen Irrtum, weil sein Vater nicht mehr gut sieht, aber Ja’acov lässt sich nicht beirren. Josef scheint irritiert, doch Ja’acov beruhigt ihn: «Auch er [Menashe] wird zu einem grossen Volk werden, aber sein Bruder Ephraim wird grösser sein als er.» (Gen. 48:19) Ja’acov nimmt die beiden Kinder als Söhne des zukünftigen Volkes Israel an. Das ist ein Moment, an dem sich die Geschichte wiederholt. Hier lesen wir, dass Ja’acovs Augenlicht schlecht geworden ist. Auch sein Vater, Jitzhak war im Alter blind geworden.
Erinnert uns dieser Segen an das, was Ja’acov in seiner frühen Jugend geschah? Er war der Zweitgeborene und erhielt, wenn auch durch Tricksereien, den Segen des Vaters Jitzhak als Erstgeborener.
Ja’acovs letzte Worte gelten seinen Söhnen. Wer erwartet, dass er den väterlichen Segen für jeden Einzelnen von ihnen hat, der wird enttäuscht. «Ich werde euch sagen, was euch am Ende der Tage geschehen wird.» (Gen 49:1) In der Literatur wird immer wieder beschrieben, dass Sterbende möglicherweise ihr Leben noch einmal, wie im Zeitraffer vor ihrem inneren Auge sehen. Hier könnte man tatsächlich vermuten, dass das so ist. Jeder Sohn bekommt den Spiegel vorgehalten, was in seinem Leben nicht gut gelaufen ist. Wirklich gut trifft es nur Juda. In Gen 49:8 heisst es «Deines Vaters Söhne fallen vor dir nieder.» Stellvertretend für Josef erhalten dessen Söhne den Segen.
Was geht in Kindern vor, die vom Vater, oder heute auch von der Mutter mit kritischen letzten Worten bedacht werden? Manch einer ist vielleicht froh, wenn es dieses gefürchtete letzte Wort nie gab. Ich weiss aus meiner psychoanalytischen Praxis, welche fast schon traumatisierenden Folgen dieses Wort haben kann. Und ich kenne es auch aus meiner eigenen Familie.
Nicht umsonst hat es zwischen den Stämmen des Volkes Israel immer wieder Macht- und Rangkämpfe gegeben, wie wir im Buch der Richter lesen.
Hat Ja’acov sogar auf seinem Sterbebett seine Tochter Dina vergessen? Sosehr ich mir wünsche, mehr von Dina zu erfahren, so glücklich bin ich, dass sie nicht in der Reihe der Kinder stand, die vom Vater gesegnet wurden. Vielleicht hätte ihr Ja’acov Vorwürfe wegen des sexuellen Missbrauchs in Schem gemacht, ihr die Mitschuld an den Morden gegeben, die die Brüder als Rache begangen hatten. Es wäre unfair ihr gegenüber gewesen, wenn auch heute noch durchaus geübte Praxis weltweit.
Danach starb Ja’acov. Der letzte Erzvater ist von seiner Familie gegangen. Er wird von seiner Familie in der Höhle Machpela beigesetzt.
Die nun verwaisten Brüder haben Angst, Josef würde sich jetzt, nachdem der Patriarch fehlt, doch noch mit seiner Rache gegen sie wenden. Aber er nahm sie liebevoll auf: «Fürchtet euch nicht. Stehe ich denn an Gottes Stelle? Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn, um zu erreichen, was heute geschieht: Ein grosses Volk am Leben zu erhalten.»
In dieser Geschichte lernen wir mehrfach, dass es Gottes grossen Plan gibt und wir Teil davon sind. Doch Gott knebelt uns nicht mit seinem Willen. Er lässt uns die freie Entscheidung darüber, ob wir den Weg gehen, den Gott uns vorschlägt, oder ob wir uns abwenden.
Ob die letzten Jahre, die die Brüder gemeinsam in Ägypten verbrachten, gut oder schlecht waren, erfahren wir an dieser Stelle noch nicht. Als sich die Lebenszeit von Josef ihrem Ende näherte, versprach er seinen Brüdern, Gott werde für sie sorgen und sie wieder heimführen.
In den letzten Stunden seines Lebens muss auch er gespürt haben, dass Ägypten ihm niemals eine wirkliche Heimat war. «Gott wird sich eurer erinnern und aus diesem Land herausführen. Hinein in jenes Land, das er Avraham, Jitzhak und Ja’acov versprochen hat. Nehmt mich [meinen Leichnam] mit von hier.» Sein Wunsch wurde erfüllt.
Kommen wir wieder zu den ‘Sprüchen der Väter’

(2) Rabban Gamliel, der Sohn von Rabbi Yehudah HaNassi, sagt: «Schön ist das Studium der Torah, wenn es kombiniert wird mit der Arbeit für den Lebensunterhalt[1]. Denn die Anstrengung in beiden Fällen führt dazu, dass die Sünde vergessen wird. Und jedes Studium der Torah, das nicht von Arbeit begleitet wird, wird am Ende zunichte gemacht und zieht die Sünde nach sich.
Und alle, die sich für die Gemeinschaft abmühen, sollen dies um des Himmels tun, denn der Verdienst ihrer Vorfahren steht ihnen bei und ihre Rechtschaffenheit währt ewig. Und was dich betrifft, so werde ich, der Allmächtige, dir einen grossen Lohn gutschreiben, als hättest du es allein getan.»
Dieser Text schildert, welche Folgen ein ausgewogenes Studium Torah im Leben des Menschen hat. Warum werden hier zwei so unterschiedliche Dinge wie das ausschliesslich ‘geistige Arbeiten’ mit den Texten der Torah und der heiligen Bücher und das ‘geistige und manuelle Arbeiten‘ für den Lebensunterhalt in einem Atemzug erwähnt?
Warum werden beide auch noch in den Zusammenhang mit der Sünde gebracht? Wer ein wenig ‘out of the box’ denkt, der wird verstehen, was Rabban Gamliel meinte. Wenn wir uns in der Absicht, erfolgreich zu sein, gleichermassen auf die geistige und die manuelle Arbeit konzentrieren, so werden wir keine Zeit finden, uns mit Dingen zu beschäftigen, die man als ungewollt, ungewünscht bis hin zu sündig bezeichnet.
Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass ein ausschliessliches Studium der Torah ohne, dass gleichzeitig für den Lebensunterhalt gesorgt ist, auf Dauer dazu führt, sich dem Studium nicht mehr widmen zu können. Die Notwendigkeit, vielleicht eine Arbeit annehmen zu müssen, für die man nicht geeignet ist und die man nicht aus ganzem Herzen ausführt, kann bei entsprechender charakterlicher Disposition dazu führen, auf die schiefe Bahn zu geraten.
Um den nächsten Satz entschlüsseln zu können, muss man wissen, dass Rabban Gamliel um 9 bis 50 C.E. lebte. Er war ein Enkel von Hillel, den wir bereits kennengelernt haben. Zu dieser Zeit wuchsen Lehrhäuser und Gemeinden nicht nur in «Erez Israel», dem von Israeliten besiedeltes Gebiet, sondern auch im ehemaligen Exil in Babylon. Es war daher wichtig, die Gemeinden als das zu erhalten und zu stärken, was sie im Judentum waren und sind: Der Grundstock, der das Wissen der vorherigen Generation in die Gegenwart bringt und für die Zukunft schützt und erweitert.
Wer sich dieser Aufgabe widmet, den, so Rabban Gamliel, erwartet ein hoher Lohn, ohne dass er darauf spekuliert hat.
Shabbat Shalom!
[1] דרך ארץ = derech eretz ist ein Begriff, der an dieser Stelle erstmals in der rabbinischen Literatur Eingang findet. Das Lernen der Torah soll kombiniert werden mit Arbeit i.S. von דרך ארץ. Formuliert wurde die Definition von Rabbi Samson Raphael Hirsch (1808 -1888) und stellt eine mögliche Beziehung zwischen dem traditionellen, orthodoxen Judentum mit der Aussenwelt dar. Der Begriff דרך ארץ bedeutet wörtlich übersetzt ‚Weg des Landes‘, hat aber mehrere Bedeutungen. Eine davon ist die hier verwendete.
Kategorien:Religion
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