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24. /25. Tevet 5785 24./25. Januar 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 16:26
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:45
Shabbateingang in Zürich: 16:58
Shabbatausgang in Zürich: 18:06
Shabbateingang in Wien: 16:24
Shabbatausgang in Wien: 17:33

Zu Beginn des Wochenabschnitts lesen wir, dass Gott sich Moshe zu erkennen gibt als der Gott, der bereits mit Avraham, Jitzhak und Ja’acov einen Bund geschlossen hat. Hier nennt er sich erstmals mit seinem Gottesnamen ‚Adonai‘, dem Namen, den wir in den meisten Gebeten benutzen.
Gott sieht, dass es seinem Volk, mit dem er den Bund geschlossen hat, immer schlechter geht. Pharao unterdrückt es, wo es nur geht, und bürdet ihm mehr und mehr Arbeit auf.
Er beauftragt Moshe damit, zu Pharao zu gehen und ihn aufzufordern, das Volk endlich aus der Sklaverei ziehen zu lassen. Gott weiss, dass noch ein langer Weg vor ihnen liegt, bis es so weit ist. Moshe befürchtet, dass seine Worte ungehört verhallen werden. Ähnliches lesen wir heute in den Sprüchen der Väter.
Noch einmal weist er Gott auf seinen Sprachfehler hin und nun setzt Gott Aaron, den älteren Bruder, endgültig als ‚Sprachrohr‘ ein, der anstelle von Moshe sprechen soll.
Er gibt den Kindern Israel zweimal ein grosses, vierfaches Versprechen: „Ich bin euer Gott. Ich führe euch aus dem Frondienst für die Ägypter heraus und rette euch aus der Sklaverei. Ich erlöse euch mit hoch erhobenem Arm und durch ein gewaltiges Strafgericht über sie. Ich nehme euch als mein Volk an und werde euer Gott sein. Ihr sollt wissen, dass ich Gott bin, euer Gott, der euch aus dem Frondienst in Ägypten herausführt. Ich führe euch in das Land, das ich Avraham, Jitzhak und Ja‘acov unter Eid versprochen habe. Ich übergebe es euch als Eigentum, ich, der Herr.“ (Ex 6:6-8)
Es ist ein vierfaches Versprechen, mit dem Gott nochmals seinen Bund und seine Pläne bekräftigt. In der Mishna Pessachim 10:1-7 lesen wir dies als Begründung, warum wir am Sederabend zu Beginn des Pessachfestes (mindestens) vier Gläser Wein trinken sollen.
Gott übernimmt an dieser Stelle die Handlungsverantwortung für die Kinder Israel. Sie selbst, und das spüren wir auch in der wiederholten Klage von Moshe, dass er nicht so wortgewaltig ist, wie es für die Diskussion mit Pharao notwendig erscheint, haben sich eingerichtet in ihrem Jammer. Sie haben aufgegeben. Nicht viel später, schon unterwegs in der Wüste, werden sie sich immer wieder an ‚die Fleischtöpfe Ägyptens‘ erinnern und sich nach den ‚guten Zeiten‘ zurücksehnen.
Moshe ist verzagt, er traut sich selbst gar nichts zu und vermutet, dass seine Stammesbrüder ebenfalls nicht von seinen Führungsqualitäten überzeugt sind. Doch Gott hat ihn ausgewählt und bestärkt ihn, indem er ihm und Aaron einen neuen Status verleiht: „Schau, ich habe dich als Gott über Pharao gestellt und dein Bruder Aaron wird dein Prophet sein.“ (Ex 7:2)
Gott gibt Moshe noch einen mächtigen Zauber in die Hand, etwas, was in der damaligen Kultur, in der Zauberer und Wahrsager eine wichtige Rolle spielten, nämlich seinen Stab. Moshe kann nun mit dieser verlängerten Hand Gottes die Plagen auslösen. Blut, Frösche, Stechmücken, Ungeziefer, Viehseuchen, Pestbeulen, Hagel kamen über das Land. Alles wurde von den Plagen getroffen, nur Goschen, das Land, in dem die Kinder Israels lebten, blieb verschont. Doch Pharao blieb stur.
Und die Kinder Israel? Sie verharren in ihrer Lethargie. Sie scheinen sich ihrem Schicksal ergeben zu haben. Pharao hat ein leichtes Spiel mit ihnen, warum soll er sie vertreiben? Sie sind ohne Perspektive und arbeiten, ohne einen Aufstand gegen ihn anzuzetteln.
Wir wissen, dass Gott ganz andere Pläne mit ihnen hat.
Eines wissen wir jetzt schon, die Geschichte hat es gezeigt: Wenn Gott einen Plan hat, dann wird er ihn auch verfolgen!
Und nun wieder weiter zu den Sprüchen der Väter.
(5) Hillel sagt: Sondere dich nicht ab von deiner Gemeinde, setze keine Zuversicht in dich bis zu deiner Sterbestunde. Fälle kein Urteil über deinen Nächsten, bis du an seine Stelle gekommen bist. Sage auch von keinem Wort, es sei unmöglich, dass es gehört werde. Denn es gelangt doch endlich dahin, wo es gehört wird. Sage auch nicht, wenn ich Musse haben werde, dann werde ich lernen, vielleicht wirst du nie Musse haben.
Ist es nicht das, was wir immer wieder erleben, bei uns selbst und bei anderen. Das Gefühl, andere nicht zu brauchen, unseren Weg besser allein gehen zu können. Schön, das mag für den einen oder anderen stimmen, es gibt Situationen, die muss man allein meistern. Aber ist es nicht so, dass wir der Gemeinde oder wie es heute heisst, der Peergroup, Clique, Freundeskreis oder beruflichem Umfeld auch etwas wegnehmen, wenn wir uns weigern, uns einzubringen? Jeder von uns hat Fähigkeiten, die es wert sind, mit denen von anderen Menschen zu verschmelzen und zu unser aller Entwicklung beizutragen. Wie oft verfallen wir auch in die Ungerechtigkeit, über andere zu urteilen, von denen wir vielleicht nicht mehr als den äusseren Schein kennen oder die wir nur nach einem ‚on dit‘ beurteilen. Ohne die Gründe des anderen zu kennen, warum er in einer Situation so und nicht anders handelt, ist es pure Selbstüberheblichkeit, wenn wir uns das Recht anmassen, ihn zu be- oder verurteilen. Oder andererseits, dass wir schweigen, in der Annahme, niemand wird uns zuhören oder unserem Wort Bedeutung zumessen. Ojeh und dann die Geschichte, die meist beginnt mit den Worten: „Irgendwann, wenn ich Zeit habe…“ Betrachten wir das alles unter dem Aspekt, dass wir Teil eines Ganzen, Teil einer Gemeinschaft sind, so können wir die Worte Hillels als Aufforderung verstehen, uns selbst zu hinterfragen und uns in angemessener Weise innerhalb unseres Umfeldes neu zu positionieren.
(6) Er pflegt zu sagen: Ein Unwissender wird nicht sündenscheu, ein Ununterrichteter nicht fromm. Ein Schüchterner lernt nicht. Und wer sich zu viel dem Geschäft hingibt, nimmt nicht an Weisheit zu. Und wo es an Männern fehlt, da bemühe dich, ein Mann zu sein.
Natürlich sind hier auch die Frauen gemeint! Hillel spricht im ersten Satz über einen בּוּר ‚bor‘. Dieses Wort beschreibt einen Menschen, der aufgrund seiner eingeschränkten geistigen Fähigkeiten nicht in der Lage ist, zwischen falsch und richtig zu unterscheiden und daher auch keine Sünde als solche zu erkennen kann. Das Wort ‚bor‘ leitet sich etymologisch von einem ‚leeren, unbebauten Feld‘ ab. Ebenso wenig, wie ein solches Feld Früchte trägt, darf man von einem Unwissenden ohne entsprechende Zuwendung und Schulung eine Erweiterung seines Urteilsvermögens erwarten. Warum aber kann ein schüchterner Mensch nicht lernen? Als Lehrerin ist die Frage einfach zu beantworten: Weil er sich nicht traut. Entweder, weil er die Ungeduld seines Lehrers kennt, oder und das ist schlimmer, weil er das hämische Grinsen seiner Freunde und Kollegen kennt. Gibt es, und darauf bezieht sich der nächste Satz, ein Zuviel an zeitlichem Aufwand für den Beruf? Ja, das gib es, und der beginnt in dem Moment, wo keine Zeit mehr für andere Dinge bleibt. Ich spreche nicht von einem begründbaren, unabdingbaren Zeitaufwand, sondern von dem Moment, wenn das Zuviel als Grund für eine Vermeidung von anderen Dingen herhalten muss. Den letzten Satz möchte ich gerne mit Humanisten übersetzen. Wo es an einem solchen Himanisten fehlt, sollen wir einspringen. Das gilt vor allem im zwischenmenschlichen Bereich.
Shabbat Shalom
Kategorien:Religion
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