Schmot, Bo 10:1 – 13:16

ב“ה

2./3. Shwat 5785                                                         31. Januar/1. Februar 2025

Shabbateingang in Jerusalem:                                                                       16:33

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                                      17:51

Shabbateingang in Zürich:                                                                              17:08

Shabbatausgang in Zürich:                                                                             18:16

Shabbateingang in Wien:                                                                               16:35

Shabbatausgang in Wien:                                                                              17:43

Die Zeiten haben sich geändert!

In der vergangenen Woche haben wir über die ersten sieben Plagen gelesen, die Gott über den störrischen Pharao schickte. Das Wasser des Nils wurde zu Blut, Frösche bedeckten das ganze Land, Stechmücken wurden zu einer Plage für Menschen und Tiere, Ungeziefer verunreinigte alles, die Viehseuche befiel alle Nutztiere der Ägypter, Hagel zerstörte jedes Korn, Beulen liessen die Haut der Menschen aufplatzen. Dies alles betraf ganz Ägypten. Nur das Gebiet, in dem der Stamm Ja’acovs siedelte, blieb davon verschont. Dass dieser Umstand den Pharao und die Ägypter nicht wohl gesonnen gegenüber ihnen stimmte, ist verständlich. Aber was wäre sinnvoller gewesen, als die ungeliebten ‘Fremden‘ so schnell als möglich loszuwerden? Doch dann hätte Pharao auf seine billigen Arbeiter verzichten müssen.

Moshe und Aaron müssen ganz erschöpft gewesen sein von der schon lange andauernden Pendeldiplomatie, sie waren auch nicht mehr die Jüngsten. Hätten sie nicht so fest auf Gott und seine Pläne vertraut, sie hätten sich schon lange fragen müssen, was er mit seinem Handeln beabsichtigt. Statt Pharao immer wieder aufs Neue mit einer weiteren Plage zu bedrohen, hätte er ihn auch vernichten können. So aber blieb Pharao hart gegenüber den Kindern Israel und ihrem Gott. Doch, wir ahnen es, das war genau der Plan Gottes! Genauso steht es auch im ersten Satz dieses Wochenabschnittes: „…Ich habe das Herz von Pharao und das seiner Diener verhärtet, damit ich ihnen die Zeichen meiner Macht zeigen kann.(Shmot 10:1) Gott als grosser Zauberer? Nein, Er hat ganz andere Pläne.

Doch schauen wir weiter. Als Nächstes fielen die Heuschrecken, auch heute noch die grosse Bedrohung der Landwirtschaft rund um das südliche Mittelmeer, über alles her, was vom Hagel verschont blieb. Auf die Heuschrecken folgte eine dreitägige Finsternis. Gott kündigte noch eine letzte Plage an, dann, so war es sein Plan, würde Pharao die Kinder Israel nicht nur ziehen lassen, er würde sie aus Ägypten verjagen. In der darauffolgenden Nacht starben alle Erstgeborenen von Menschen und Tieren.

Nur die Kinder Israels wurden verschont, so wie sie von allen vorherigen Plagen verschont geblieben waren. Als Zeichen sollten die Kinder Israels Blut auf ihren Türstöcken verstreichen.  וּפָסַח יְהוָה, עַל-הַפֶּתַח «Gott wird an euren Türen vorbeigehen» (Shmot 12:23)

Es ist spannend, die Pläne Gottes einmal unter einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten. Nach den zehn Plagen war in Ägypten nichts mehr so wie es zuvor gewesen war. Gott hatte den prächtigen und mächtigen Staat des Pharaos zerstört. Nur den Staat? Er hatte viel mehr als das getan.

Der Nil, die Quelle allen Lebens in Ägypten, hatte sich in Blut verwandelt. Die Sonne, Sitz des mächtigen Sonnengottes Ra hatte er gezwungen, sich für drei Tage zu verdunkeln. Die heiligen Tiere des Landes starben durch die Viehseuche. Die Fruchtbarkeitsgötter erwiesen sich als wirkungslos. Der Skarabäus, sowohl ein heiliger Käfer als auch ein Gott, wird zu fliegendem Ungeziefer. Und ganz zum Schluss noch die Erstgeborenen. Jene Kinder, die in fast allen Kulturen einen Sonderstatus einnehmen. Die entweder besonders privilegiert sind oder auch irgendwelchen Göttern geopfert werden. Die Erstgeburten von Tieren wurden von den Kindern Israel Gott geopfert. Erstgeborene Knaben werden bis heute im Judentum symbolisch durch einen Cohen ausgelöst.

Pharao war demzufolge kein Erstgeborener, er musste überleben, um sein Heer hinter den fliehenden Kindern Israel herzuschicken. Dort, am Schilfmeer, ereilt ihn sein Schicksal. Gott hat sein Land zerstört, er hat die Götter als wirkungslos demaskiert und nun fügt er dem Pharao den finalen Stoss zu. Er versinkt in den Wellen des Schilfmeeres.

Gott hat hier die Voraussetzung geschaffen, dass Er in wenigen Wochen, wie wir in Shmot 20:2ff lesen werden, mit Fug und Recht sagen kann: Ich sei dein Gott, der ich dich aus dem Lande Mizrajim, aus dem Sklavenhause hinausgeführt. Es soll dir nicht ein anderer Gott sein vor meinem Angesichte.“

Er sagt nicht: „Es gibt keine anderen Götter neben mir.“ Nein, er fordert die Kinder Israels und heute auch uns aus, keine anderen Götter neben ihm zu haben. Fürwahr, eine grosse Herausforderung zu Beginn des Monotheismus!

Kommen wir wieder zu den Sprüchen der Väter:

 (7) Er [Hillel] sah einmal den Schädel in den Wellen und sagte zu ihm: „Weil du andere ertränkt hast, wurdest du ertränkt, aber am Ende werden auch diejenigen ertrinken, die dich ertränkt haben.”

Hillel ging davon aus, dass der Kopf vom Rumpf getrennt wurde, dass er also als Strafe für einen begangenen Mord enthauptet wurde. Daraus schloss er, dass sich Gottes Plan an ihm so erfüllte, dass er ebenfalls einem gewaltsamen Tod durch die Rächer seines Opfers anheimfiel. Die aber werden eines Tages dasselbe Schicksal erleiden müssen. Hillel schloss daraus, dass Gott ein gerechter Richter ist. Für mich einer der am schwierigsten nachvollziehbaren Verse von Hillel.

(8) Er wiederholte oft: „Je mehr Fleisch auf den Knochen eines Menschen – desto mehr Fäulnis wird in seinem Grab sein; je mehr Eigentum, desto mehr Sorgen; je mehr Frauen, desto mehr Hexerei; je mehr Sklavinnen – desto mehr Ausschweifungen; je mehr Sklaven, desto mehr Diebstahl. Je mehr man sich mit der Tora beschäftigt, desto mehr Sinn im Leben. Je mehr man in der Gesellschaft von Weisen sitzt, desto mehr gewinnt man an Intelligenz. Je mehr man fragt, desto mehr versteht man. Je mehr man den Bedürftigen hilft, desto mehr Übereinstimmung besteht zwischen den Menschen. Wer sich einen guten Namen verdient hat, hat sich in diesem Leben wiedergefunden. Derjenige, zu dessen Eigentum die Worte der Tora wurden – hat das Recht auf Leben in der nächsten Welt erworben.”

Man kann diesen Text recht einfach zusammenfassen: ein Übermass an allem, führt zu einem höheren Risiko von Verlust, obwohl man doch einen Zugewinn erwartet: Zuviel Nahrung schadet dem Körper, zu viel Besitz erhöht bei manchem Verlustängste und Misstrauen in die Menschen ringsum. Interessant ist, dass Hillel hier einen wichtigen Aspekt anspricht: Nicht nur der Schüler lernt vom Lehrer, auch der Lehrer lernt durch das Lehren. Durch den Austausch von Fragen und Antworten kann man den eigenen Blickwinkel erweitern. Vor etwa 40 Jahren stellte mir ein Schüler eine Frage, die ich nicht beantworten konnte. Ich versprach ihm die Antwort für den nächsten Tag. Damals gab es noch keine McGoogle, den Alleswisser. Ich musste mich in ein paar Informationen einlesen und gab ihm am nächsten Tag die Antwort. Prompt fragte er: „Ist Ihnen das jetzt nicht peinlich, dass Sie das erst nachlesen mussten?“ Meine Antwort: „Nein, erstens habe ich so etwas Neues gelernt und zweitens wäre es mir peinlich gewesen, dich anzulügen mit der Gefahr, dass du das eines Tages erkannt hättest.“ Erinnern wir uns an Kapitel 1, Vers 6: „Mach dir selbst einen Lehrer.“

Halten wir die Augen offen, nicht immer ist viel=mehr und wer unser Lehrer ist, entscheiden nur wir selbst!

Shabbat Shalom




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