Shmot, Beschalach 13:17 – 17:16

ב“ה

9./10. Shevat 5785                                                        7./8. Februar 2025 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         16:39

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        17:57

Shabbateingang in Zürich:                                                                 17:19

Shabbatausgang in Zürich:                                                                18:26

Shabbateingang in Wien:                                                                   16:46

Shabbatausgang in Wien:                                                                  17:54

Nun ist es so weit! Pharao lässt die Kinder Israel ziehen. Das stimmt nicht ganz, er verweist sie des Landes!

Gott hat immer noch seine eigenen Pläne, er kennt seine Kinder. Er weiss, dass sie noch nicht so gefestigt sind, sich dem grossen Abenteuer zu stellen, das er für sie geplant hat, bis sie versprochenen Land ankommen werden.

Gott liess sie von der Ortschaft Sukkot aus nicht nach Osten Richtung der Philistergebiete ziehen, sondern er lenkte sie nach Südosten in Richtung des Schilfmeeres. Sie sollten nicht kopflos davonlaufen, zurück in die Sklaverei, wenn sie sich den ersten Problemen der Flucht gegenübersehen würden. Gott begleitete sie zuverlässig. Nachts wanderte er als hell strahlende Feuersäule vor ihnen her, während des Tages als Wolkensäule. Man vermutet, dass es ein Vulkanausbruch im Gebiet der Zykladen war, der zur Zeit, als der Auszug aus Ägypten stattfand, die Feuer- und Wolkensäulen auslöste, den Israeliten den Weg wiesen. Ein ähnliches Naturphänomen erleben wir in selben Gebiet derzeit wieder.

Um Pharao zu verwirren, liess Gott sie sogar noch einmal zurückkehren und in der Nähe des Mittelmeeres bei Migdol ihr Lager aufschlagen. Pharao dachte, seine ehemaligen Sklaven hätten sich in der Weite der Wüste verirrt und er hätte leichtes Spiel, sie zu vernichten. Er folgte ihnen mit allem, was sein Kriegsarsenal bereithielt.

Die Kinder Israel sahen ihre Feinde hinter sich auftauchen und verfielen in Panik. In den Jahren der Sklaverei waren sie auch träge geworden. Dass sie selbst aktiv werden und sich etwas überlegen könnten, was ihnen in der misslichen Lage helfen würde, das kam ihnen nicht in den Sinn. Sie schrien zu Gott, der ihnen nicht antwortete. So haderten sie mit Moshe. Ihre ganze Verzweiflung richtete sich nun gegen ihn: „Warum hast du uns zum Sterben in die Wüste geholt? Hätte es denn keine Gräber in Ägypten für uns gegeben? Wir haben es dir doch gleich gesagt, lass uns in Ruhe. Wir wollen Sklaven der Ägypter sein, das ist besser, als in der Wüste zu sterben.“ Sie waren zwar der Sklaverei entkommen, aber sie waren innerlich noch nicht in der neugewonnenen Freiheit angekommen. Ägypten war immer noch in ihren Köpfen.

In der aktuellen Situation kurz vor dem Erreichen des Schilfmeeres muss Moshe sich als „Troubleshooter“ erweisen. Nur er vertraut völlig auf Gott und kann deshalb den für die Kinder Israel kryptischen Satz sprechen: “Bleibt stehen und schaut zu, wie Gott euch heute rettet. So wie heute werdet ihr die Ägypter nicht mehr sehen.“ Wir kennen die Geschichte der wunderbaren Rettung im Schilfmeer.

Der Engel Gottes und Gott selbst stellten sich zwischen die Kinder Israel und die Ägypter, sodass sich der Abstand zwischen ihnen nicht veränderte. Moshe liess mit Gottes Hilfe das Meer zurückweichen und ermöglichte den Kindern Israel die Flucht. Kaum war der Letzte von ihnen in Sicherheit, schloss sich das Wasser wieder und zog alle Ägypter in die Tiefe. Voller Glück und hoffentlich endgültig von ihrem Zweifel an Gott und seinem Sprecher Moshe befreit sangen sie eines der wunderschönen Lieder der Thora, das ‚Lied des Meeres‘ (Shmot 15:1ff). Auch Mirijam, die Schwester von Moshe, erhebt erstmals ihre Stimme. Gemeinsam mit den anderen Frauen der Stämme singt sie das „Lied der Prophetin Mirjiam“. Sie ist die erste Frau, der der Titel „Prophetin“ zugestanden wird und sie wird die einzige in der Geschichte der Thora bleiben.

Sie wanderten weiter nach Süden, nun sicher, dass von Ägypten und den Ägyptern keine Gefahr mehr ausgehen würde. Sobald sie jedoch in die Wüste Sinai kamen, muss ihnen etwas in ihrem Leben gefehlt haben. Sechseinhalb Wochen waren sie erst unterwegs und konnten noch keine Vorstellung haben, was noch alles auf sie zukommen würde. Und was beklagten sie nun? „In Ägypten sind wir an den Fleischtöpfen gesessen und hatten Brot genug zu essen. Hier werden wir verhungern.“ Fleischtöpfe für Sklaven? Es ist kaum vorstellbar, dass es die jemals gegeben hat. Fleischtöpfe gab es wohl eher nur für die Ägypter. Woher aber kommt dann die Illusion, der sie anheimfielen? Die sie umgebende Wüste war trocken und ungastlich. Die Wüste war heiss am Tag und kalt in der Nacht. Sie waren umgeben nur von Sand, der vor allem in der Nacht nie leise ist, sondern „spricht“,[1] geplagt von Winden, die die Sandkörner auf der Haut prickeln lassen und Sandkörner in jede mögliche Körperöffnung pressen. Da konnte es schon passieren, dass das ägyptische Kopfkino ihnen etwas vorgaukelte. Diese Erinnerung gefiel ihnen naturgemäss viel besser als die harte Realität.

Sie würden noch viel zu lernen haben. Sie, die es in den Jahren der Fronarbeit verlernt hatten, mussten erst wieder lernen, selbstständig zu denken und verantwortungsvoll zu handeln. Das ist der Grund, warum Gott sie durch die harte Schule der Wüste gehen lässt.

Jeder von uns steht im Laufe des Lebens immer wieder vor dem inneren Schilfmeer. Jeder von uns kennt einen Auszug aus einem Lebensabschnitt in einen neuen. Der Auszug aus dem Elternhaus, der Berufswechsel, der Ortswechsel, eine neue Partnerschaft, aber auch die Verluste, die wir im Laufe des Lebens erleiden. Immer wieder stehen wir vor der Frage, wird sich das Schilfmeer vor uns öffnen und den Weg freimachen für einen neuen Lebensabschnitt, oder wird es uns den Weg mit seinen Wellen versperren.

Die Kinder Israel müssen sich erst innerlich vom alten Leben in der Sklaverei verabschieden, ehe sie ein neues Leben beginnen können.

Doch zurück zu den Sprüchen der Väter.

(9) Rabbi Jochanan, Sohn Sakkais, empfing von Hillel und Shammai. Er pflegte zu sagen: Hast du viel Torah gelernt, so tue dir darauf nichts zugute, denn dazu wurdest du gebildet.

(10) Fünf Schüler hatte Rabbi Jochanan, Sohn Sakkais, es sind: Rabbi Elieser, Sohn Horkenos‘, Rabbi Jehoshua, Sohn Chananjas, Rabbi Jossi, der Cohen, Rabbi Shimon, Sohn Netanels und Rabbi Elasar, Sohn Arachs.

(11) Er pflegte ihre Vorzüge aufzuzählen: Rabbi Elisier, Sohn Horkenos‘, ist eine gekalkte Zisterne, die keinen Tropfen verliert. Rabbi Jehoshua, Sohn Chananajas: Heil, die ihn geboren! Rabbi Jossi, der Cohen, ist ein Chassid, Rabbi Shimon, Sohn Netanels ist sündenscheu, Rabbi Elasa, Sohn Arachs, ist wie ein stets stärker fliessender Quell.

(12) Er pflegte zu sagen: Wenn alle Weisen Israels in einer Waagschale wären und Elieser, Sohn Horkenos‘ in der anderen, würde er sie alle aufwiegen. Abba Sha’ul sagt in seinem Namen: Wenn alle Weisen Israels in einer Waagschale wären und Elieser, Sohn Horkenos‘ mit ihnen, Elasars Sohn Archas aber in der anderen, würde er sie alle aufwiegen.

Diese vier Verse lassen sich mit einem Wort von Ijjob erklären, der sinngemäss sagte: „Die Weisheit Gottes ist höher als der Himmel, länger als der längste vorstellbare Weg und breiter und tiefer als das Meer.“ Ijjob will uns damit sagen, dass wir uns, der eine mehr, der andere weniger anstrengen müssen, wenn wir die Torah auch nur annähernd verstehen wollen. Gott hat jeden von uns mit einem Mass an Intellekt ausgestattet, der es uns ermöglicht, dieses unendliche Wissen in uns aufzunehmen. Doch es wird uns, trotz aller Bemühungen nie ganz gelingen. Wir sollen unsere Begabung annehmen und sie zu nutzen wissen. Auch wenn wir wissen, dass wir es im Lernen und Verstehen nie zu völliger Perfektion bringen werden. Im 12. Vers betont Rabbi Jochanan, dass der Wert jedes Einzelnen gleichbedeutend ist mit dem Wert aller. Das kollektive Erkennen und Verstehen von Teilen der Torah führt hin zu einer individuellen Wissensvermehrung, wenn jeder sich mit seinem neu gelernten Wissen in die Gesellschaft einbringt. Das perfekte Umsetzen von pars pro toto – der Teil gilt für das Ganze.

Shabbat Shalom


[1] Wüste heisst auf Hebräisch «midbar». Die Wurzel für die Worte ‘midbar’ und ‘ledaber’ sprechen, sind d, b , r.



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