Was geschah am 9. Februar? (Krieg Tag 492)

11. Shevat 5785

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Die gestern freigelassenen Geiseln, Ohad Ben Ami, Or Levy und Eli Sharabi, leiden, so die ersten Berichte der israelischen Gesundheitsbehörden, an mehreren Erkrankungen. Neben einer extremen Fehl- und Unterernährung leiden sie unter Muskelschwund, Herzproblemen, verschleppten Infektionen und ernsten physischen und psychischen Problemen. Aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen in den letzten 16 Monaten sind einige Erkrankungen ohne intensive Untersuchungen noch gar nicht erkennbar.

Von den restlichen 17 der 33 Geiseln, die in der ersten Phase des Abkommens aus den Fängen der palästinensischen Terror-Organisation Hamas freigelassen werden sollen, sind entsprechend Erkenntnissen des Shin Bet acht nicht mehr am Leben. Neben Kfir, 2, und Ariel, 5, ist deren Mutter Shiri Bibas, 33, die einzige Frau. Fünf der männlichen Geiseln sind unter 50, fünf sind älter. Shlomo Mansour, 86 und Oded Lifshitz, 84 sind die beiden ältesten der verbliebenen Geiseln. Avera Mengisto, 30 und Hisham Al-Sayed, 36, befinden sich seit 2014 in Geiselhaft.

Die IDF hat sich entsprechend dem Abkommen über Nacht komplett aus dem Netzarim-Korridor zurückgezogen. Damit ist die ‘Salah-al din Strasse’, die Gaza von Nord nach Süd durchschneidet, für den gesamten zivilen, gewerblichen, aber auch terroristischen Verkehr unbehindert befahrbar. Im Abkommen war festgehalten worden, dass der Abzug aus dem kompletten Netzarin-Korridor spätestens am 21. Tag nach in Krafttreten der 1. Phase beendet sein muss. Die IDF darf sich jetzt nur noch in einer Puffer-Zone von etwa einem Kilometger entlang der Grenze zwischen Gaza und Israel sowie im Philadelphi-Korridor entlang der Grenze zwischen Gaza und Ägypten aufhalten. Von dort muss sich die IDF am 50. Tag des Waffenstillstands zurückziehen.

Das nationale Sicherheitskabinett wird erst am Dienstag oder Donnerstag die Gespräche über die Möglichkeit der Phase 2 des Abkommens aufnehmen. Die Verhandlungen hätten bereits am 3. Februar beginnen sollen, wurden aber in klarer Verletzung der Bedingungen zur ersten Phase des Abkommens immer wieder verschoben. Zunächst war der Grund, dass man erst auf das Treffen Netanyahus mit dem Nah-Ost-Beauftragten Steve Witkoff warten wolle. Das Treffen fand in der vergangenen Woche statt. Dann sollten sie bis nach den Besprechungen des Sicherheitskabinetts verschoben werden. Die können erst stattfinden, nachdem Netanyahu wieder aus den USA zurück ist. Nachdem es an Bord der ‘Wing of Zion’ ein Schlafzimmer gibt, könnte er ausgeruht und ohne Jetlag noch heute das Treffen abhalten. Aber nein, das muss wieder warten. In Doha befindet sich derzeit ein israelisches Team, das keinerlei Verhandlungs-, geschweige denn Entscheidungsbefugnis hat. Was für ein dummes und gefährliches Spiel spielt Netanyahu da? Will er mit aller Gewalt das Leben der Geiseln noch mehr gefährden?

Sobald die Hamas erkennt, dass Netanyahu tatsächlich an der Fortsetzung der Verhandlungen kein echtes Interesse hat, werden sie die erste Phase abbrechen und zum Terror zurückkehren. Für die neun der derzeit noch lebenden Geiseln, die in der ersten Phase freigelassen werden sollen und für eine unbekannte Zahl der restlichen Geiseln kommt das einem möglichen Todesurteil gleich.

Trump verfolgt weiter seinen von Grössenwahn geprägten Friedenstrip. Er behauptet, während eines Fluges am Freitag mit Putin telefoniert zu haben. Allerdings fällt auf, dass aus dem Weissen Haus keine wie sonst übliche Bestätigung des Telefonats kam. Von Journalisten der New York Post gefragt, wie häufig er mit Putin telefoniert habe, antwortete er kryptisch: «Das sage ich jetzt besser nicht.» Aber er glaube schon, dass Putin ‘besorgt’ um den Tod von Menschen auf dem Schlachtfeld sei. «All diese Toten. Junge, junge, schöne Menschen. Sie sind wie Ihre Kinder, zwei Millionen von ihnen – und das ohne Grund.» Trump nutzt wieder die Chance, auf seinen Vorgänger Joe Biden verbal einzudreschen. «Der drei Jahre andauernde Krieg hätte nie stattgefunden, wenn ich 2022 Präsident gewesen wäre. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu Putin. Biden war eine Schande für unsere Nation. Eine totale Schande.» Trump hatte nach seiner Wahl behauptet, er werde die Kriege in der Ukraine und in Gaza noch vor seinem ersten Tag als Präsident beenden. Der liegt nun schon drei Wochen zurück und ausser heisser Luft und völlig grotesken Plänen war zu den Versprechen nichts zu hören. Zum Thema Nr. 1, Gaza, Thema Nr. 2, Ukraine kann jetzt neu hinzu Thema Nr. 3, Iran. Über mögliche Verhandlungen mit dem Iran wollte er jedoch keine Einzelheiten preisgeben: «In gewisser Weise erzähle ich Ihnen nicht gern, was ich Ihnen sagen werde. Wissen Sie, das ist nicht nett.» Dann soll er doch bitte den Mund halten!

Der rechtsextreme Smotrich hat nun endlich eine Definition gefunden, warum er das Abkommen zur Freilassung der Geiseln und den Waffenstillstand ablehnt. «Vergleiche mit dem Holocaust sind ein schwerwiegender Fehler und verharmlosen den Holocaust. Aber für diejenigen, die die Behandlung unserer Geiseln durch die Hamas heute noch mit dem Holocaust vergleichen und uns deshalb dazu bringen wollen, uns der Hamas zu ergeben, habe ich eine Frage: Würden Sie einen Deal mit Hitler unterzeichnen, der die Nazis an der Macht hält und ihnen erlaubt, den nächsten Holocaust vorzubereiten

Die extrem-nationalistische und nach Eigendefinition ‘glückliche Faschistin’, Miri Regev, ritt einen Angriff gegen den gerade im Amt bestätigten Präsidenten des OGH Isaac Amit und seine Kollegen. «Richter Isaac Amit und seiner Clique im OGH, die sagten, ihre Türen stünden offen und die ernsthaft über Anträge bezüglich der Ernährung, der Dicke der Matratze und der Menge an Bettzeug für verfluchte Nukhba-Terroristen beraten, empfehle ich, sich der Realität zu stellen, sich den Zustand unserer Geiseln anzusehen und die Antragsteller die Stufen des Gerichts hinunterzustossen.» Genau das aber macht eine Demokratie mit einer unabhängigen Justiz aus: Das Prüfen von Anträgen, auch wenn sie vielleicht nicht immer in  das persönliche Weltbild passen.

Am Nachmittag kam es zu einem tödlichen Zwischenfall in der Nähe von Gaza City, Dutzende Palästinenser näherten sich der Grenze und liessen sich weder durch Zurufe noch durch Warnschüsse der IDF stoppen. Die IDF stufte dies als Bedrohung ein und eröffnete das Feuer. Entsprechend palästinensischen Medien wurden dabei drei Personen getötet. Bei einem ähnlichen Zwischenfall in der Nähe von Khan Younis wurde eine weitere Person eliminiert.

Ach ja, da war noch was: Nach einem sinnlos von fünf Tagen auf eine ganze Woche verlängerten USA-Aufenthalt bestieg Netanyahu gestern Abend die ‘Wing of Zion’, um nach Israel zurückzukehren. An seiner Seite: Sara N., die nach zwei Monaten unter der warmen Sonne Floridas nun auch wieder nach Jerusalem zurückkehrt. Hier erwartet sie eine Anklage wegen Behinderung der Untersuchungsbehörden und Belästigungen von Kronzeugen im Strafverfahren gegen ihren Mann.



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