Aussagen ehemaliger Geiseln / Teil II

12. Shevat 5785

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Gadi Moses, 80, wurde am 30. Januar 2025 freigelassen. Während der gesamten Geiselhaft von 480 Tagen hatte er keinen Kontakt zu anderen Geiseln. Der erste Mensch, den er ausser seinen Peinigern sah, war unmittelbar vor der Freilassung, Arbel Yehoud.

Die längste Zeit verbrachte er in einem dunklen Raum von etwa 4 m2. Es gelang ihm, jeden Tag eine Strecke von etwa 7 km zu gehen, um sich fit zu halten. Um die Strecke abzuschätzen, zählte er die Fliesen am Boden.

Eine andere Art, sich zu beschäftigen, war das Lösen von mathematischen Problemen.

Seine Brille war während der Entführung zerbrochen, nach etwa zwei Monaten gelang es ihm, eine Ersatzbrille zu bekommen. Seine Wächter, von denen er auch immer wieder Neuigkeiten aus Israel erhielt, brachten ihm sogar zwei englischsprachige Bücher. Das Lesen der Bücher teilte er sich sorgfältig ein. Zugang zu Medien, TV oder Radio hatte er nur sehr selten. Die wöchentlichen Demonstrationen und die Solidarität, die die Israelis zeigten, hätten ihn unglaublich gestärkt.

Einige Male sei er von einer Wohnung in eine andere gebracht worden, aber er habe nie in einem Tunnel leben müssen.

Er wusste von seinen Wächtern, dass seine Lebensgefährtin Efrat Katz das Massaker nicht überlebt hatte. Das Schicksal seiner Tochter Moran war ihm unbekannt.

Irgendwann während der langen Zeit der völligen Isolation hat er beschlossen, nur mehr von Tag zu Tag zu leben. Er verbat es sich, von einer Befreiung zu träumen.

Alle fünf Tage erhielt er eine Schüssel mit stark gechlortem Wasser, um damit ‘zu duschen’. Das Wasser schüttete er vorsichtig mit einem Becher über den Kopf, um nicht allzu viel zu verschütten. Er bestand darauf, sich regelmässig zu rasieren, so schwer es ihm auch fiel und so mühsam es war. Aber es war ihm wichtig, sich so weit wie möglich zu pflegen und nicht zu vernachlässigen.

Manchmal, so berichtet er, hatte er Todesangst, umgebracht zu werden. Einmal musste er 12 Stunden in einem geschlossenen Pick-up ausharren. Das Fahrzeug stand genau unter den Büros des IRK in Gaza….

Gadi beschreibt die chaotischen Szenen, die sich während der Übergabe von Arbel und ihm in Khan Younis abspielten. Die Situation sei so beängstigend gewesen, dass er Angst hatte, sie würden vom wütenden Mob ringsum gelyncht werden.

Gadi, der selbst ein begeisterter Bauer ist und vor vielen Jahren mit am Aufbau vom Kibbutz Nir Oz beteiligt war, versprach seinen Wächtern: «Eines Tages, wenn der Krieg vorbei ist, komme ich zurück nach Gaza und zeige euch, wie man das Land richtig bebaut.»

Die jungen Soldatinnen des Aufklärungsstützpunkts Nahal Oz waren während der Geiselhaft meist zusammen. Einmal, so berichteten sie, sassen sie um eine Platte mit Reis. Das war zu einem Zeitpunkt, als sie fast keine Nahrung mehr erhielten. Liri Albag, deren Video noch wenige Wochen vor ihrer Freilassung nicht nur ihre Eltern erschütterte, habe sie immer wieder motiviert. In dieser verzweifelten Situation schlug sie vor, die Reiskörner ringsum zu verteilen, damit jede von ihnen genau die gleiche Menge erhielt. Gleichzeitig mussten sie sich vorstellen, in einem Restaurant zu sitzen und der Reis sei genau das, was sie bestellt hätten.  «So ein Hunger, wie der, den wir hatten, kann nicht erklärt werden», betonte eine der jungen Frauen. Trotz der schlechten Ernährung beschlossen sie gemeinsam, ihre jüdische Identität zu beachten. Dazu gehörte auch, dass sie während der Pessach Woche kein gesäuertes Brot assen und an Yom Kippur fasteten. Agam Berger, die erst Tage nach den anderen vier Soldatinnen freigelassen wurde, hielt sich sogar strikt an die Vorschriften für Shabbat. Ihre Mutter hatte darum gebeten, davon abzusehen, am Shabbat Bilder von ihr zu machen.

Naama Levy, die meiste Zeit der Geiselhaft allein verbringen musste, berichtete, dass einige von ihnen Zwangsarbeit für die Familien ihrer Peiniger verrichten mussten. Sie mussten putzen, kochen (aber nur für die Palästinenser) und die Kinder betreuen.

Liri war es, die den Terroristen vorschlug, ein Video von ihr zu drehen, um ihren Eltern zu zeigen, dass sie am Leben war. Das Video wurde nur wenige Tage vor dem Inkrafttreten der ersten Phase des Abkommens gedreht. Liri hatte verstanden, dass die Hamas unbedingt das Abkommen haben wollte und dass man dazu Druck auf die israelische Regierung ausüben müsse. «Ich habe ihnen gesagt, dass mein Vater eine wichtige Persönlichkeit ist und dass seine Stimme gehört wird. Dann haben sie mit dem Filmen weitergemacht.»

Liri, die auf dem Video so erbarmungswürdig aussah, wuchs in der Geiselhaft über sich hinaus. «Manchmal hörte ich Radio und wusste genau, was los war. Es war nicht einfach zu realisieren, dass es lange dauern würde bis zu unserer Heimkehr. Wir versuchten, optimistisch zu bleiben und die Dinge zu managen. Einmal wollten die Terroristen mich zu den Tunneln bringen, aber ich habe mich geweigert. Ich habe ihnen gesagt, dass ich das nicht tun würde. Ich konnte die Stille und Einsamkeit dort nicht ertragen», zitierte Channel 12 Albag.

«Wir müssen alle Geiseln schnell herausholen», betonte sie. «Jede Minute ist für sie eine Ewigkeit.»

Yarden Bibas hatte versucht, seine Familie, Shiri, Kfir und Ariel vor einer Verschleppung durch die Hamas-Schergen zu retten, indem er sich aus der relativen Sicherheit des Schutzraumes direkt in die Hände der Terroristen begab. Wir wissen, dass sein Plan leider nicht aufging und möglicherweise tödlich für seine Familie endete.

Yarden litt während seiner Geiselhaft hauptsächlich unter dem Psychoterror, dem er durch seine Peiniger ausgesetzt war. So wurde er, unmittelbar nachdem die Hamas ihm mitteilte, dass seine Familie durch einen israelischen Angriff getötet wurde, gezwungen, ein von Israel als PR eingestuftes Video aufzunehmen. Doch damit nicht genug, die Terroristen sprachen immer wieder von seiner Familie und hielten ihn damit bis zu seiner Freilassung  in der Unsicherheit, was ihr Schicksal betrifft. Deshalb forderte die IDF die palästinensische Terror-Organisation erneut dringend auf, endlich den Zustand von Shiri und ihren Söhnen bekannt zu geben.

Yarden und Ofer Calderon, die gestern miteinander freigelassen wurden, verbrachten die erste Zeit der Geiselhaft zusammen und nutzten die Zeit, um, wie die meisten Geiseln, Arabisch zu lernen. Während der gesamten 484 Tage wurde Ofer immer wieder in ein anderes Versteck gebracht. Manchmal waren es Häuser, manchmal auch Tunnel.

Beide Männer gaben an, sowohl körperlich als auch seelisch misshandelt worden zu sein. Sie wurden regelmässig grundlos geschlagen und in Käfigen gehalten. Bilder dieser Käfige wurden immer wieder veröffentlicht, wenn es der IDF gelang, grössere Tunnelsysteme aufzudecken und zu zerstören. Bis zu zwölf Geiseln wurden in diese Käfige ohne jede Infrastruktur gesteckt. Für die Terroristen gab es ausreichende sanitäre Anlagen und Aufenthaltsräume.

Ofer Calderon bekam seine Peiniger selten zu sehen. Waren sie in der Nähe, wurde er oft in einen dunklen Raum gesperrt. Calderon war gemeinsam mit zwei seiner Kinder, Erez und Sahar, aus dem Kibbutz Nir Oz verschleppt worden, die Kinder wurden im November freigelassen. Die Terroristen hielten ihn für einen Reserve-Soldaten und behandelten ihn dementsprechend schlecht. Es gelang ihm bis zu seiner Freilassung nicht, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Erkennbar wurde das, als er bei der ‘Übergabe-Zeremonie’ in einer olivfarbenen Phantasieuniform erscheinen musste.

Keith Siegel wusste nichts über das Schicksal seines Sohnes Shai, der zur Zeit des Massakers in Kfar Aza war. Die Terroristen hatten ihm berichtet, er sei tot. Dass er tatsächlich lebte, hörte er eines Tages im Radio.

Auch er wurde immer wieder zwischen verschiedenen Verstecken, sowohl in Appartements als auch in Tunnels, ‘verschoben’. Kamen Besucher, wurde er ‘weggesperrt’. Keith ist strenger Vegetarier. Während der Geiselhaft zwang er sich aber immer wieder Fleisch zu essen, wenn man es ihm vorsetzte und es keine Alternative gab. Er wusste, er musste essen, was es gab, wenn er überleben wollte. Oftmals wurde ihm, so wie allen anderen auch, eine Portion Essen hingehalten und dann mit einem hämischen Lachen wieder weggenommen.

Kurz vor der Freilassung hatte die Hamas einen Brief veröffentlicht, in dem Siegel für die ‘gute Behandlung’ während seiner Geiselhaft dankte. In dem Brief, den er offensichtlich unter Zwang schrieb, heisst es, dass er ‘Essen und Trinken, Medikamente, Vitamine, Augentropfen, ein Blutdruckmessgerät und anderes’ erhalten habe. Sein Essen, so heisst es, sei seinen Bedürfnissen und Essgewohnheiten angepasst gewesen. Der Brief ist nichts anderes als ein weiteres Beispiel für das zynische Verhalten der Terroristen ihren Geiseln gegenüber.

Einige der bisher freigelassenen Geiseln berichten übereinstimmend, man habe ihnen immer wieder grundlos wegen ‘Widerstand gegen die Terroristen’ Handschellen angelegt oder sie in Tunnelanlagen mit feuchtkalter Luft und unzureichender Belüftung gehalten.



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