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23./24.Shevat 5785 21. / 22. Februar 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 16:51
Shabbatausgang in Jerusalem: 18:08
Shabbateingang in Zürich: 17:41
Shabbatausgang in Zürich: 18:47
Shabbateingang in Wien: 17:08
Shabbatausgang in Wien: 18:15

In der vergangenen Woche hat das Volk Israel die zehn Gebote erhalten. Damit ist eine deutliche Zäsur in den Erzählungen der Torah erreicht. Bisher ging es hauptsächlich darum, wie sich aus den Stämmen der Kinder Ja‘acovs ein grosses Volk bildete. Oder auch zusammenraufte. Die Geschichte ging nicht ohne Streit, Neid und Missgunst vor sich.
Die Zeit, die sie in der Sklaverei in Ägypten verbracht hatten, wird mit 430 Jahren benannt. Die Menschen, die zu Josef reisten, in der Hoffnung, dort die Hungersnot überstehen zu können, hatten zunächst sehr gute Jahre. Nachdem aber der alte Pharao verstarb, dem Josef gedient hatte, wurden sie versklavt und so zu unfreien Menschen.
Moshe, von Gott ausgewählt, fiel die schwere Aufgabe zu, sie aus der Sklaverei zu führen. Warum war die Aufgabe so schwer? Wir haben es in den letzten Wochen immer wieder gelesen, wie sich die Kinder Gottes aufregten, sich beschwerten, ihm das Leben schwer machten.
So schwer, dass er mehrmals fast unter der Last aufgegeben hätte. Auch wenn sein Bruder Aaron ihm als Sprachrohr diente, schlussendlich musste er alles entscheiden.
Bis ihm sein Schwiegervater Jitro zumindest eine Erleichterung vorschlug. Moshe akzeptierte seinen Vorschlag und lernte, von seiner alleinigen Verantwortung etwas an andere abzugeben. Sie sollten lernen, zu beurteilen, abzuwägen und auch, so notwendig, zu verurteilen. Eine der wesentlichen Management-Formen war geboren: ‚Management by delegation‘.
Ab diesem Moment begann eine neue Ära. Für das Volk von Eigenbrötlern oder positiv ausgedrückt Individualisten, musste ein Regelwerk geschaffen werden. Den Anfang, wir haben es in der Vorwoche gelesen, machten die zehn Gebote. Diese sind das unabänderliche Grundrecht. Die Kinder Israels stimmen ohne Wenn und Aber zu, sich an diese Gebote zu halten.
Auf dieser Grundlage erhält das Volk Israel nun weitere grundlegende Gebote, die Basis für ein umfassendes juristisches Kompendium.
Zunächst werden der Umgang und die Stellung der Sklaven geregelt. Die Bedeutung dieser Frage kann daraus abgeleitet werden, dass ihr zehn Verse gewidmet sind. Vielleicht liegt es daran, dass die Kinder Israel selber so lange als Sklaven gelitten haben und es ihnen nicht möglich ist, unbelastet in diesem Bereich zu handeln. Explizit werden wir aufgefordert: «Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen.» und später nochmals «Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen.» Aber sind die Sklaven, von denen hier gesprochen wird, wirklich ‚echte‘ Sklaven, wie wir es verstehen?
Im Text heisst es: עֶבֶד עִבְרִי (ewed ivri) es wird also betont, dass es sich um ‚hebräischen Sklaven‘ handelt. Ihr Eigentümer wird mit dem durchaus respektvollen Begriff אֲדֹנ (adoni – Herr) und nicht mit der üblichen Bezeichnung für einen Eigentümer בעל (ba’al) angesprochen. Die ausgesprochen soziale Rechtsgrundlage für den Umgang lässt vermuten, dass es sich bei dieser Gruppe weniger um typische Sklaven als eher um Diener handelt. Vielleicht um Menschen, die aus welchen Gründen auch immer durch das soziale Netz gefallen sind und sich in fremden Diensten verdingen mussten.
Erstmals wird unterschieden zwischen vorsätzlichem Mord, auf den die Todesstrafe folgt, und unbeabsichtigter Körperverletzung mit Todesfolge. In diesem Fall verspricht Gott, einen Asylort bereitzustellen. Im 4. Buch Moses 35:11–32 werden diese Orte und ihre Funktion näher beschrieben. Bedeutsam ist es, dass mit dieser differenzierten Rechtsprechung das alte Stammesrecht sich einer allgemeingültigen Rechtsprechung unterordnen muss. Nicht ein Angehöriger des Opfers darf Blutrache üben, sondern es ist Sache eines Gerichtes, das Urteil zu fällen.
Und dann folgt der Satz, der immer wieder zu hören und zu lesen ist, der aber vor allem von antisemitischen Kreisen bewusst missinterpretiert wird. Er wird z.B. als ‚Beweis‘ dafür herangezogen, dass die IDF ausschliesslich primitiven Rachegelüsten folgt, wenn sie die Häuser von Terroristen zerstört, die einen Mord an einem Juden begangen haben. Der Vorwurf, der von diesen Kreisen immer wieder formuliert wird, geht sogar noch weiter. Für uns, die Juden, sei die Rache unser einziger Ausdruck von Gerechtigkeit. Woher kommt diese völlig abstruse Aussage?
עַיִן תַּחַת עַיִן, שֵׁן תַּחַת שֵׁן, יָד תַּחַת יָד, רֶגֶל תַּחַת רָגֶל
Der Satz «ajin tachat ajin, shen tachat shen, yad tachat yad, regel tachat regel» wird in diesen Kreisen übersetzt mit «Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Bein um Bein».
Ein Richter müsste demzufolge verlangen, dass der, der im Streit einem anderen ein Auge ausgestochen hat, nun selbst ein Auge verlieren muss. Fälschlicherweise wird das Wort תַּחַת in diesen Fällen übersetzt mit «um». Tatsächlich bedeutet es aber «anstelle von». Korrekt übersetzt und interpretiert bedeutet der Satz: «Wenn du jemandem einen Zahn ausschlägst, dann sollst du ihm den Geldwert für den Zahn ersetzen.»
In der vergangenen Woche haben wir auch das strikte Gebot, den Shabbat einzuhalten, erhalten. Wir haben gelernt, dass es nicht nur für die Kinder Israels gilt, sondern auch für Sklaven und alle, die sich bei uns befinden. «Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen.»
Hier wird das Gesetz der Ruhe, und auch das zeigt die besondere Einstellung Gottes gegenüber allem Leben, ergänzt: «Sechs Jahre kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen; im siebten sollst du es brach liegen lassen und nicht bestellen. Die Armen in deinem Volk sollen davon essen, den Rest mögen die Tiere des Feldes fressen. Das Gleiche sollst du mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen tun.» In diesem Gebot finden wir einen sehr modernen Ansatz für ökologische Landwirtschaft. Wir müssen bedenken, dieser Text stammt aus einer Zeit, lange bevor es Dünger gab. Die Menschen hatten damals nicht viele Möglichkeiten, welche Pflanzen sie anpflanzen konnten. Der Boden war karg und nach wenigen Jahren war er ausgelaugt. Im siebenten Jahr wurde ihm so die Möglichkeit gegeben, sich selbst zu regenerieren, sodass in den Folgejahren die Ernte wieder besser wurde. Natürlich sollten die Früchte, die im Ruhejahr reiften, nicht verloren gehen. Sie durften von den Armen, die selbst keine Felder bestellten, aufgesammelt und geerntet werden.
Der Schluss dieses Wochenabschnittes leitet über zu einem der eindrücklichsten Ereignisse der bisherigen Geschichte. Gott wird sich erstmals einer ausgewählten Gruppe des Volkes Israel zeigen. Zusammen mit Moshe und Aaron sollen auch dessen Söhne Nadad und Ahibu sowie die siebzig Ältesten der Stämme auf den Berg Horeb hinaufsteigen. Dort sehen sie erstmals Gott, der ankündigt, er wolle Moshe die Gesetzestafeln geben, die er selbst geschrieben hat. Moshe stieg mit Jehoshua seinem Vertreter, hinauf und blieb dort oben vierzig Tage.
Heute wieder zu den Sprüchen der Väter:
(13) Er sagt zu ihnen: Gehe einmal hin und sehet, welches ist dergute Weg, an dem sich der Mensch festhalten soll. Rabbi Elieser sagt: ein gutes Auge. Rabbi Jehoshua sagt: ein guter Freund. Rabbi Yossi sagt: ein guter Nachbar. Rabbi Shimon sagt: der die Folgen bedenkt. Rabbi Elasar sagt: ein gutes Herz. Er sagte ihnen. Mir leuchten Rabbi Elasar, Sohn des Arachs, Worte mehr ein als eure Worte, denn in seinen Worten sind eure Worte mit enthalten.
Es fällt mir heute an diesem ‚schwarzen Tag‘ für die Menschlichkeit schwer, über das Gute im Menschen nachzudenken. Ich möchte so gerne daran glauben und wurde doch heute bitter enttäuscht.
Was aber will uns Gamliel, ein Schüler Hillels sagen, wenn er in diesen beiden Versen über ‚den guten Weg‘ und ‚den schlechten Weg‘ nachdenkt? Schauen wir die beiden Verse parallel an.
Das ‚gute Auge‘ sieht a priori das Gute in den Mitmenschen, in ihren Taten und Handlungen. Der Mensch, der ein solches Auge hat, freut sich, wenn es dem Nächsten gut geht, er kennt weder Neid noch Missgunst. Das ‚schlechte Auge‘ hingegen sucht in allem das Schlechte, das Negative. Und wenn es auch noch so klein ist. Mehr noch, wer die Mitmenschen mit einem solchen Auge betrachtet, der freut sich an ihrem Pech, an ihrem Misserfolg, sind es dem Nachbarn neidig, wenn es ihm scheinbar besser geht.
Ganz ähnlich ist es mit dem ‚guten Freund‘. Er wird uns immer schützen, uns stärken und uns wieder auf die Beine helfen, wenn wir gestolpert und gefallen sind. Er wird seine Liebe und Kraft für uns einsetzen, ohne nach dem Nutzen für sich zu fragen. Der ‚schlechte Freund‘ hingegen wird uns einlullen in falsche Liebe, in falsches Mitgefühl und wird alles tun, um seinen persönlichen Nutzen aus allem zu ziehen, was uns geschadet hat. Schlussendlich, wenn wir nicht mehr nützlich für ihn sind, wird er uns verlassen und abstreiten, uns jemals gekannt zu haben.
Der ‚gute Nachbar‘ ist nicht nur der, bei dem wir jederzeit etwa ausleihen können und der uns, soweit es ihm möglich ist, immer mit Rat und Tat zur Seite steht. Er ist es auch, der uns unsere Lebensqualität in unserer Wohnumgebung sichert. Hingegen kann uns der ‚schlechte Nachbar‘ das Leben zur Qual machen. Ich bin sicher, jeder von uns kennt beide und weiss, dass der schlechte Nachbar durchaus der Grund sein kann, fortzuziehen, einen lieb gewordenen Ort oder sogar die Heimat zu verlassen.
Der, der die ‚Folgen bedenkt‘, behält den Überblick und stürmt nicht einfach blindlings los. Er ist keiner, der leichtsinnig ist und keiner, der sich dem Reiz eines blendenden Angebotes ergibt. Vielleicht erscheint er in seiner Bedächtigkeit manchmal langweilig. Dabei wägt er nur ab, ob sich der Einsatz für ein Risiko lohnt oder nicht. Wahrscheinlich ist er der zuverlässigste Mensch, dem man zu begegnen das Glück hat! Der, der sich ‚ungeniert alles nimmt, von dem er glaubt, es steht ihm zu‘, ohne es jemals zurückgeben zu können, dessen leichtsinniger Umgang nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Mitmenschen grossen Schaden anrichten kann, macht ihn zum Blender. Oftmals ist er in seiner Leichtigkeit beliebt, lässt aber, wenn er geht, nur dumpfe Leere zurück.
Gamliel stellt fest, dass das letzte Begriffspaar, das ‚gute‘ und das ‚schlechte‘ Herz allein alle anderen Eigenschaften aufwiegt. Wir kennen im Judentum das Herz per se als den Ort an, der nicht nur gut im Sinne von mildtätig oder schlecht im Sinne von missgünstig ist. Hat jemand ein ‚gutes Herz‘, so wird er sein ganzes Tun versuchen, danach auszurichten. Im Gegensatz zu dem Menschen, der das Pech hat, ein ‚schlechtes Herz‘ zu haben. Er wird, wenn er sich ändern will, viel daran arbeiten müssen. Dabei kann ihm ein Mensch mit einem ‚guten Herzen‘ behilflich sein. Wenn er sich denn darauf einlässt
(14) Er sagte zu ihnen: Geht einmal hin und sehet, welches ist der schlechte Weg, von dem sich der Mensch fernhalten soll. Rabbi Elieser sagt: ein böses Auge. Rabbi Jehoshua sagt: ein schlechter Freund. Rabbi Yossi sagt: ein schlechter Nachbar. Rabbi Shimon sagt: der borgt und nicht bezahlt, einerlei, ob einer von Gott borgt oder von den Menschen borgt, denn es ist gesagt, ein Gesetzloser macht immer Schulden und zahlt nie, ein Gerechter aber ist ein Gewährer und Geber. Rabbi Elasar sagt: ein schlechtes Herz. Darauf sagte er zu ihnen: Mir leuchten Rabbi Elasar, Sohn des Archas, Worte mehr ein als eure Worte, denn in seinen Worten sind eure Worte mit enthalten.
Shabbat Shalom!
Kategorien:Religion
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