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Omer Wenkert, 23, der nach 505 Tagen Geiselhaft freigelassen wurde, berichtete in der vergangenen Woche in einem Interview bei Kanal 12, er sei während der gesamten Zeit seiner Geiselhaft von allen Nachrichten-Kanälen abgeschnitten gewesen. Trotzdem wären die Folgen von jedem geplatzten Geisel-Deal deutlich spürbar gewesen. «Jedes geplatzte Abkommen löste viel Frustration, Wut und Zorn bei der Hamas aus. Ganz zu schweigen davon, wenn einer von ihnen, einer ihrer Väter getötet wurde, ihre Familien oder ihre hochrangigen Beamten ums Leben kamen. Man spürte es. Man wusste genau, was passiert war.»
Die Entführer seien dann immer besonders brutal gewesen. Er wurde angespuckt, geschlagen oder, obwohl er damals schon sehr schwach war, zu anstrengenden körperlichen Aktivitäten gezwungen, die über seine Fähigkeiten hinausgingen. Das Ziel der Terroristen sei gewesen, ihn laufend zu demütigen.

Ob er die ‘Verabschiedungszeremonie’ als letzte Demütigung empfunden habe, wurde er gefragt. «Es war ein Sieg für mich. Ich habe den Kampf beendet. Es hat mich nicht gedemütigt. Ich habe gekämpft, gekämpft, gekämpft, gekämpft und gewonnen. Ich hatte ein breites Grinsen im Gesicht.»

Omer war mit seiner Freundin, Kim Damti, 22, s’’l, zum Musik-Festival in Re’im gefahren. Als um 06:30 die Sirenen anfliegende Raketen meldeten, flohen beide in einen der Schutzbunker. Angst hatte er zunächst nicht. Er dachte, es seien vielleicht nur einige wenige Terroristen und die IDF würde gleich da sein und sie verhaften. Um 7:29 schaute er das letzte Mal auf die Uhr, jemand schrie: «Da sind überall Terroristen, rein in den Bunker» und dann hätte bereits der Angriff auf sie begonnen. Die Terroristen warfen eine erste Granate, die alle, die sich im Bunker befanden, zu Fall brachten. Danach begannen die Terroristen, den Bunker in Brand zu setzen. «Vorher herrschte Hysterie, die Leute schrien, aber als sie anfingen, uns zu verbrennen, wurde es still … Ich bekam leichtes Würgen, es gab viel Rauch, sie warfen Granaten mit bestimmten Materialien, die uns erstickten. Die ganze Zeit war ich – es ist schrecklich, das zu sagen – damit beschäftigt, Leichen zu nehmen und sie mir auf den Kopf zu legen, um meinen Kopf zu schützen, falls sie wieder kämen, um auf uns zu schiessen, falls eine Granate kommt … Ich wollte meinen Kopf so weit wie möglich nach unten drücken, aber jedes Mal kam er langsam zum Vorschein, weil man sich an eine Leiche drängt und dann explodiert eine weitere Granate und alles bewegt sich.» Das war das letzte Mal, dass er seine Freundin sah. Ob sie zu dem Zeitpunkt noch lebte, kann er nicht sicher sagen, er konnte nicht mehr sprechen, bekam keine Luft. Er hörte jemanden ins Telefon schreien. «Sie bringen uns um, sie verbrennen uns!» In dem Augenblick wurde ihm klar: «Ja, genau das tun sie mit uns!» Irgendjemand rief, ‘die IDF ist da’ und drei Mädchen verliessen den Bunker.

Doch dann hörten sie Schüsse und wussten, dass es nicht die IDF war, die vor dem Bunker stand. Eine weitere Granate flog in den Bunker, ein Mädchen reagierte blitzschnell und warf sie zurück. «Das war der Moment, wo ich beschloss, aufzustehen und nach draussen zu gehen. Wenn ich sterbe, sterbe ich draussen, auf den Beinen … Ich hatte einen Moment, den man Selbstachtung nennen würde. Ich sagte, ich arrangiere mich mit dem Tod, ich bin bereit dafür, ich gehe jetzt hinaus in den Tod, den ich für sicher halte, und ich akzeptiere ihn und will ihn.» Draussen sah er die Terroristen, die ihm sagten, sie würden ihn nicht erschiessen. «Da wusste ich, ich würde verschleppt und machte mir vor Angst in die Hose.» Innerhalb weniger Minuten befand er sich, an den Beinen gefesselt, auf einem Pick-Up liegend, in Gaza.
Die Terroristen machten mit den Opfern, die teilweise schwerverletzt, geschändet, teilweise tot, teilweise unverletzt aber gefesselt, einzeln oder in Gruppen, auf den Ladeflächen der Pick-Ups lagen, mehrere Runden durch die schreiende, mordlüstern geifernde Menge der Zivilisten. Diese zu Monstern mutierten Menschen, die teilweise bis vor Kurzem noch als Land- oder Bauarbeiter in den Kibbutzim gearbeitet hatten, schlugen und bespuckten die Geiseln.
Omer wusste nicht, wie viele Geiseln es in Gaza gab. In dem Tunnel, in dem er lange dahinvegetierte, traf er auf vier thailändische Geiseln sowie auf Liam Or, der im November 2023 freigelassen wurde. Die Geiseln wurden immer wieder schwer geschlagen. Sie lebten in völliger Dunkelheit. Ihre Nahrung bestand meist aus wenig Wasser und Pitabrot.
Nachdem Liam Or entlassen worden war, teilte man ihm mit, dass auch er freigelassen würde. Nach wenigen Tagen wurde er stattdessen verlegt – in eine Zelle von knapp 1 m2. Seit dem Moment wurde er allein festgehalten und führte absichtlich regelmässige Selbstgespräche.
Omer erinnert sich, dass genau an seinem Geburtstag ein Terrorist kam und ihn mehrfach mit einer Eisenstange auf den Kopf schlug. Das war der Tag, an dem er erstmals zusammenbrach. Bis dahin hatte er jedem, der ihn quälte, misshandelte und schlug in die Augen gesehen. «Und nachdem er gegangen war, sagte ich mir: Das ist mein Geburtstag. Ich brach völlig zusammen und beschloss, mir genau in diesem Moment etwas Gutes zu tun. Ich sagte: ‚Okay, das ist der Tiefpunkt meines Lebens.‘ Aber trotzdem sagte ich mir: Das ist der Moment, in dem ich mich selbst segnen will.»
Gegen Ende der Geiselhaft traf er auf Tal Shoham, Evyatar David und Guy Gilboa-Delal.

Tal Shoham wurde gleichzeitig mit Omer freigelassen. Als neue sadistische Tortur mussten Evyatar David und Gilboa-Delal der ’Verabschiedungszeremonie’ aus einem Lkw heraus beobachten. Am Tag seiner Freilassung erinnerte sich Omer daran, wie die beiden ihm von einem Lieferwagen aus zuwinkten, während er auf der Bühne stand. «Dieses kleine Lächeln, das sie mir schenkten, bevor ich nach Hause ging, war das Bewegendste, was ich von dieser Zeremonie mitgenommen habe.»

Omer sagt, dass er keinen Drang nach Rache spürt: «Ich denke überhaupt nicht an sie. Ich beschäftige mich überhaupt nicht mit ihnen. Ich habe kein Interesse daran – es würde mich in keiner Weise erfüllen. Und genau das hat uns Tal Shoham oft gesagt: ‚Vergesst nicht, dass er am Ende in seiner eigenen Bösartigkeit gefangen bleiben wird, in der unmenschlichen Grausamkeit, die er mit sich trägt. Nicht nur er – sie alle. Und wir werden unser Leben weiterleben. Und das wird der Sieg sein.‘»
Vom Tod seiner Freundin Kim erfuhr Omer erst nach seiner Freilassung. Ihre sterblichen Überreste wurden erst Tage nach dem Massaker in der Nähe des Bunkers gefunden, in dem sie gemeinsam Schutz gesucht hatten.
Kategorien:Israel
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