14./15. Adar 5785 14./15. März 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 17:07
Shabbatausgang in Jerusalem: 18:34
Shabbateingang in Zürich: 18:12
Shabbatausgang in Zürich: 19:17
Shabbateingang in Wien: 17:40
Shabbatausgang in Wien: 18:46

In der Vorwoche haben wie gelesen, dass Moshe 40 Tage und 40 Nächte bei Gott auf dem Berg blieb und von Gott alle grundsätzlichen Vorschriften für die Ausstattung und Ausschmückung des Mischkan, die Bundeslade, den Altar sowie die Priestergewänder
erhielt. Danach gab Gott ihm die zwei Bundestafeln, beschrieben mit seiner göttlichen Schrift. Sie sollten in der Bundeslade, die bereits im Mishkan für sie bereitstand, sorgfältig verwahrt werden. Die Tafeln, auf denen die Grundgesetze Gottes für die Kinder Israels geschrieben waren, zur ewigen Erinnerung, dass der Bund zwischen Gott und ihnen nur hält, wenn sie die Gesetze einhalten.
Zu Beginn unseres Abschnittes der Torah legte Gott fest, wie hoch die Abgabe eines jeden über 20-jährigen Mannes sein sollte. Wieder einmal erleben wir, wie gerecht Gott in seinen Forderungen ist, die Abgabe soll für jeden, arm oder reich, gleich hoch sein.

Dann machte sich Moshe wieder auf den langen Weg vom Berg hinab. Die Kinder Israel wurden ungeduldig, als die 40 Tage vorbei waren und Moshe noch nicht zurückgekehrt war. Vielleicht hatten sie sich einfach falsch verstanden. Die Einladung von Gott an Moshe hatte für 40 Tage und 40 Nächte gegolten, Hin- und Rückweg nicht eingerechnet. Immerhin ist der Moses Berg (Horeb) im Sinai 2285 m hoch. Wir wissen nicht, wo die Kinder Israels lagerten. Wir dürfen auch nicht vergessen, Moshe hatte nur wüstentaugliche Kleidung, die nicht zum Besteigen eines Berges geeignet war. Auch wenn er durch die bereits mehrwöchige Wanderung körperlich fit war, so war er doch nicht mehr der Jüngste. Noch dazu musste er auf dem Rückweg zusätzlich zwei schwere Steintafeln schleppen.
Inzwischen hatte sich im Lager grosse Unruhe ausgebreitet. Die Kinder Israel hatten ihn offensichtlich schon 40 Tage plus sechs Stunden nach seinem Aufbruch erwartet. Nun war er noch nicht da. Drei Monate nach der Flucht aus Ägypten schien er sie zum ersten Mal verlassen zu haben. Und sie, die sich an die andauernde Betreuung durch ihn gewöhnt hatten, werden auf einmal Mal Angst bekommen haben.
Im Talmud, Traktat Shabbat 89 III steht, dass sich Satan die Unsicherheit der Kinder Israels zunutze gemacht hat, indem er ihnen den Tod Moses‘ vorgaukelte.
‘Nach Ablauf der vierzig Tage kam der Satan und brachte Verwirrung in die Welt. Er sprach zu ihnen: ‘Wo ist euer Meister Moshe?’ Sie erwiderten ihm: ‘Er ist in die Höhe gestiegen.’ Darauf sprach er zu ihnen: ‘Die sechs Stunden sind ja bereits verstrichen.’ Sie aber beachteten ihn nicht. ‘Er ist gestorben.’ Sie aber beachteten ihn nicht. Da zeigte er ihnen das Bild seiner Bahre, da sagten sie zu Aaron: Dieser Mann ist Moshe.’
Oder war da doch noch etwas anderes im Spiel? Die grosse Frage, die sich hier in diesem Wochenabschnitt stellt, ist, wer sind die, von denen Aaron in Vers 32:4 sagt „Das sind deine Götter Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben!“?
In Vers 12:37-38 haben wir gehört, dass zusammen mit den Kindern Israel, die allein schon mehr als 600.000 Menschen waren (Kinder, Frauen und ältere Menschen nicht mitgerechnet!) noch „eine grosse Gruppe“ עֵרֶב רַב, erev rav,[1] mit ihnen zog. Wie gross diese Gruppe war, darüber sind sich die Weisen unklar. Können sie es gewesen sein, die einen schlechten Einfluss auf die Kinder Israels hatten und sie aufforderten, das «Goldene Kalb» zu schaffen? Die zutiefst verunsicherten Kinder Israels waren leicht manipulierende Opfer. Vielleicht sind die ‘erev rav’ dann nach der Fertigstellung feixend dagestanden und haben gerufen „Das sind deine Götter Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben!“
Ihnen fehlte ja die Erfahrung, die die Kinder Israel mit Gott gemacht hatten, sie waren erst zu ihnen gestossen, als die dramatische Vorgeschichte, die in der Durchquerung des Schilfmeeres ihren Höhepunkt fand, zu Ende war. Sie waren als Wandergefährten wohl von Moshe akzeptiert worden. Aber ihnen fehlte das kollektive Erleben. Sie waren nicht Teil davon und beobachteten alle neue Entwicklungen quasi als unbeteiligte Aussenstehende.
So können sie das, was sie einfach gewonnen haben, indem sie im Schutz der grossen Menschenmenge selbst sicher wandern konnten, auch leicht wieder ablegen. Statt sich auf einen unsichtbaren Gott zu verlassen, der ihnen ein wenig geheimnisvoll und vielleicht auch gefährlich schien, kehrten sie schnell wieder zurück zu den Götzen, die sie in ihrem Vorleben angebetet hatten.
Das Goldene Kalb ist entstanden aus dem Schmuck, den die Frauen auf den Befehl Gottes hin bei den Ägypterinnen eingesammelt hatten. Gehörte es also zu Gottes Plan, dass dieser Ungehorsam, dieser Abfall vom noch jungen Glauben, Teil einer vorbestimmten Entwicklung sein soll?
Natürlich hatte Gott diese Entwicklung bereits vorhergesehen. Er warnt Moshe: „Dein Volk, das du aus Ägypten herausgeführt hast, läuft ins Verderben“, und bezeichnet es als „schwerfälliges Volk“, als עַם-קְשֵׁה, am kashe – ein Vorwurf, den wir uns in den Schriften immer wieder anhören müssen.
Moshe muss bei seiner Rückkehr das volle Ausmass des Geschehens erkennen und zerstört voller Wut die göttlichen Gesetzestafeln, aber auch das Goldene Kalb.
Gott gibt den Kindern Israel eine zweite Chance. Moshe muss zwei neue Tafeln zurechthauen und noch einmal diktiert Gott seine Worte, die Grundlagen des Bundes mit den Kindern Israel. Schreiben muss jetzt aber Moshe!
Kommen wir zu den «Sprüchen der Väter»
(19) Rabbi Elazar sagt: Sei emsig, Torah zu lernen und wisse, was du einem Gesetzesverächter (apikorus) zu erwidern hast. Wisse auch vor wessen Angesicht du arbeitest und wer dein Arbeitgeber ist, der dir den Lohn deiner Leistung zahlen lassen wird.
Rabbi Elezar fordert uns auf שקוד ללמד תורה – shakud lilmod Torah, das bedeutet, fleissig und im weitesten Sinne auch ununterbrochen. Nur dann, so Elezar, werden wir genug zu sagen wissen, wenn wir mit einem Ungläubigen diskutieren. Sowohl Samson Raphael Hirsch, ein Vertreter der Orthodoxie, dessen Text ich benutze, als auch ‘modernere’ Texte benutzen hier Begriffe aus dem täglichen Arbeitsumfeld. Das soll wohl suggerieren, dass das ‘fleissige’ Lernen der Torah, die Arbeit mit den Texten der Beruf ist, dem wir nachgehen sollen, um dann unseren Lohn, in diesem Fall Wissen zu erhalten.
Genau diese Haltung ist einem modernen Menschen, der für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss, nicht zuzumuten. Ganz im Sinne der göttlichen Vorschriften möchte ich an dieser Stelle ergänzen: «Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen», so wie es in Shmot 23:12 steht. „Gehe sechs Tage deiner Arbeit zu deinem Lebenserwerb zu und lerne fleissig am siebten Tag.“ Viele auch derzeit wieder stattfindende Diskussionen in der israelischen Politik würden sich erübrigen!
(20) Rabbi Tarfon sagt: Der Tag ist kurz, die Arbeit gross, die Arbeiter faul, der Lohn ist viel, der Hausherr drängt.
Wir sind oft geneigt, die Tage, die noch vor uns liegen, als unendlich viele zu sehen. Wie oft sagen wir in unterschiedlichen Situationen: ‘Ach, heute habe ich dazu keine Lust, keine Zeit, das mache ich irgendwann.’ Wir wollten etwas anschauen, haben es aber auf den nächsten Besuch verschoben und dann gab es nie wieder die Gelegenheit dazu. Rabbi Tarfon mahnt uns, nie zu vergessen, dass ‘der Hausherr’, natürlich Gott, eine genaue Buchhaltung führt und ganz genau weiss, wieviel Zeit uns noch bleibt. Zaudern wir, versagen wir uns selbst die Freude, etwas erreicht zu haben. Diese Freude und Zufriedenheit ist für uns eine Motivation, die uns unterstützt, unsere Tage mit intensivem Leben zu füllen.
(21) Er pflegte zu sagen: Dir liegt nicht ob, das Werk zu vollenden, du bist aber nicht befugt, davon müssig zu bleiben. Hast du viel Torah gelernt, gibt man dir vielen Lohn; und treu ist dein Arbeitgeber, dir den Lohn deiner Leistung zu zahlen; wisse aber, dass der Lohn der Gerechten im Jenseits zu erwarten ist.
Gott sieht uns sowohl als Individuum, aber vor allem auch als Teil der gesamten Menschheit. Wir als Individuen sind gar nicht in der Lage, den grossen Plan Gottes zu erfüllen, dazu braucht es die unbewusste Kooperation aller Menschen, die jeder für sich ein Teilstück leistet. Wir werden eines Tages nicht bemessen an dem, was wir tatsächlich geleistet haben, sondern was wir im Rahmen unserer Möglichkeiten mit unsrem optimalem Einsatz erreicht haben. Gewertet und gewichtet werden wir aber erst nach dem Ende unserer irdischen Tage.
Shabbat Shalom
[1] Heute werden von den extrem rechten und extrem religiösen «erev rav» als üble Beschimpfung bezeichnet, die keinem der 12 Stämme Israels angehörten. Eine infame Beleidigung! Keiner von uns 16 Millionen Juden, weiss, ob er ein Nachfahre von Ja’acov ist oder von einem Volk, das sich den Bnei Israel angeschlossen hat. Abgesehen von den Kohanim.
Kategorien:Religion
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