Shmot, Wajakhel 35:1 – 38:20

ב“ה

21./22. Adar 5785                                                         21./22. März 2025 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         17:11

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        18:28

Shabbateingang in Zürich:                                                                 18:22

Shabbatausgang in Zürich:                                                                19:27

Shabbateingang in Wien:                                                                   17:51

Shabbatausgang in Wien:                                                                  18:57

Dieser Wochenabschnitt beginnt damit, dass Moshe sein Volk um sich schart. Er erinnert noch einmal daran, dass der siebte Tag jeder Woche, der Shabbat, der wöchentliche Ruhetag ist, an dem man sich jeglicher Arbeit enthalten muss. Und er fügt noch eine neue Vorschrift hinzu, die bis heute stark auf unser Leben einwirkt. „Ihr werdet kein Feuer entzünden“ (Vers 35:3) Das gewählte Futur wird der Befehlsform gleichgestellt, ein absolutes Verbot!

Kein Feuer machen, was bedeutet das für uns heute? Was zünden wir denn tatsächlich noch mit einem Feuer an? Kerzen, den Kamin, vielleicht noch den Grill und Tabakwaren. Damit ist klar, was wir am Shabbat nicht dürfen. Der Funke, den das Feuer erst auslöst, gilt im übertragenen Sinne auch als der „Funke, der Neues schafft“. Damit steht jeder kreativen Tätigkeit am Shabbat und an den meisten unserer Feiertage dieses Verbot gegenüber. Lesen dürfen wir, aber nicht schreiben. Natürlich dürfen wir unser Essen heiss oder zumindest lauwarm geniessen, aber nicht aufheizen oder gar frisch zubereiten. Wir dürfen den Gottesdienst selbstverständlich mit mehr oder weniger wohltönenden Melodien bereichern, aber wir müssen auf die Begleitung mit einem Instrument verzichten. Wir alle kennen diese Vorschriften zur Genüge. Um sie zu umgehen, haben Menschen immer wieder Methoden und Hilfsmittel ausgetüftelt, wie man sie umgehen kann.

Denken wir nur an die allgegenwärtigen Shabbat-Uhren, die Teewasser aufheizen, Klimaanlagen einschalten und die Beleuchtung in der Wohnung regeln. Oder natürlich auch die Shabbat-Lifte, die uns problemlos von Etage zu Etage befördern. Ohne sie wäre ein Aufenthalt in einem mehrstöckigen Hotel gar nicht möglich und die Tourismusindustrie hätte ein Problem.

Auffallend ist, dass dieses spezielle Shabbatgesetz offensichtlich nicht für den Mischkan oder später für den Tempel gilt.

Bei allen Bemühungen, sich strikt an die Shabbatgesetze zu halten, muss man sich aber trotzdem eine Frage stellen. Bei allen Versuchen, den auslösenden Funken zu automatisieren, ist es tatsächlich so, dass daran kein Mensch beteiligt ist? Sitzt nicht bei jedem Stromversorger zumindest ein diensthabender Mitarbeiter, der dafür sorgt, dass unsere Shabbat-Uhren und -Lifte keine Unterbrechung erleiden? Wir sollten einmal darüber nachdenken. Da hilft auch der Trick bei alten Zügen und Trams nicht, den Halteknopf mit dem Ellbogen zu betätigen.

In Vers 37:7-9 lesen wir, ebenso wie schon vorher in Vers 25:17-20, von einem künstlerischen Highlight in der Thora. Aus der Deckplatte der Bundeslade, in welcher die zwei Gesetzestafeln aufbewahrt werden sollen, arbeitete der Künstler mit Namen Bezalel zwei Cherubim heraus.

Erstmals trafen wir die Cherubim als Wächter über das Paradies (Ber 3:24). Sie stehen dort, seit Adam und Eva daraus vertrieben wurden. Heute lernen wir ein zweites Paar kennen. Sie hielten ihre Flügel schützend über die Bundeslade, die Köpfe einander zugewandt. Zwischen ihnen, geschützt durch die ausgebreiteten Flügel, soll der rabbinischen Tradition entsprechend, die Schechina, also die Präsenz Gottes gewohnt haben.

Wir wissen nicht viel von ihnen, nur dass sie Köpfe mit Gesichtern haben und Flügel. Ob sie über einen Körper, Arme oder Beine verfügten, wird uns nicht offenbart. Vielleicht sind sie aber auch das personifizierte Bild eines Gefühls, der Zuwendung und des Schutzes?

Denn an einer anderen Stelle treffen wir sie auf der Baustelle zum Tempel Salomons. Im 2. Buch der Chroniken, 3:10-13 finden wir eine ähnliche Beschreibung. Wie erfahren, dass sie Füsse hatten, auf denen sie standen und dass ihre Gesichter voneinander abgewandt waren. Sollten die Cherubim etwa Spiegelbilder unserer Gefühle sein?

In dieser Woche sehen wir, sie schauen sich an. Nach der grossen Unsicherheit, ja mehr noch, nachdem die Kinder Israel sich von Gott gelöst und das „Goldene Kalb“ gebaut hatten, konnte Moshe sie endlich wieder um sich scharen und vereinen. «Moshe versammelte sie», so beginnt dieser Wochenabschnitt. Die Kinder Israel sind zufrieden mit ihrem derzeitigen Leben, voll Vertrauen in die Zukunft.

Das zweite Bild, das sich aufdrängt, wenn wir diesen Text der kunstvollen Ausstattung des Mischkan lesen, stammt aus einer Zeit, in der wiederum grosse Unsicherheit über die Zukunft des Volkes Israel herrschte. Der Tempel wurde 951 BCE geweiht und 586 BCE durch die Babylonier zerstört. Es folgten einige Jahrzehnte des Exils in Babylon. 515 BCE wurde der zweite Tempel eingeweiht und fiel im Jahr 70 CE den Angriffen und Plünderungen durch die Römer zum Opfer. Die Bundeslade und damit auch die Cherubim sind seither verschollen. Cherubim sind zeit- und raumlos. Sie mögen diese Katastrophe bereits vorhergesehen haben.

An dieser Stelle ist Selbstreflexion nötig. Wir sollten hinterfragen, wo unser Anteil an der Zerstörung des ersten und des zweiten Tempels lag.

Kommen wir zu den Sprüchen der Väter. Heute beginnen wir bereits mit dem dritten Kapitel.

  • Akawja, Sohn Mahalals, sagt: Betrachte drei Dinge, so kommst du nicht in die Hand der Sünde. Wisse, woher du gekommen. Wohin du gehst und vor wem du einst Rechenschaft und Rechnung zu geben haben wirst. Woher du gekommen? Von einem der Fäulnis verkommenen Keim. Wohin du gehst? Zu einem Ort des Staubes, des Moders und Gewürmes. Vor wem du einst Rechenschaft und Rechnung zu geben haben wirst? Vor dem König von Königen, dem Heiligen, gesegnet sei Er!

Als ich den ersten Vers zum ersten Mal las, verspürte ich den tiefen Wunsch in mir, das Buch an dieser Seite zu schliessen und an einer anderen Seite erneut zu öffnen. Akawja schildert so drastisch Anfang und Ende unseres Lebens, wie man es sich selbst kaum zugesteht. Doch verlangt Akawja tatsächlich, dass wir uns so intensiv mit den Grenzen unseres Lebens beschäftigen sollen? Soll dieses intensive Nachdenken uns die Lebensfreude nehmen, unsere Tatkraft einschränken oder uns vielleicht sogar in eine Depression absinken lassen? Die zwei ersten Fragen nach dem Woher und dem Wohin sollen uns nicht von der Frage abhalten, vor wem wir eines Tages Rechenschaft ablegen müssen. Ein Vers im vierten Kapitel des Buches hilft uns, die Ratschläge von Akawja zu verstehen: «Rabbi Levitas aus Jawne sagt: Sei unbedingt bescheidenen Sinnes, denn des irdischen Menschen Hoffnung ist Moder.» Hier hilft uns das hebräische Original, den Text zu erschliessen: לאן אתא הולךlean ata holech, wohin du gehst an jedem Tage deines Lebens, nicht wohin du gehen wirst am Tage deines Todes. Wir sollen jederzeit, an jedem Tag demütig sein und nicht dem Hochmut anheimfallen. So werden wir keine überflüssigen Sünden vor unserem göttlichen Richter versuchen müssen zu rechtfertigen. Das würde uns sowieso nicht gelingen!

  • Rabbi Chanina, Assistent des Hohen-Priesters, sagt: Bete für das Wohl der Regierung: denn wäre nicht Furcht vor ihr, sie würden einer den anderen lebend verschlingen.

Dieser Vers ist ein interessanter Ansatz. Bis zur Zerstörung des zweiten Tempels und den Beginn der jüdischen Diaspora waren es die Hohen Priester, die durch ihr Amt den Respekt des Volkes hatten. Auch wenn sie oft, wie wir heute wissen, äusserst korrupt waren. In Jerusalem findet man heute ein kleines Museum mit dem Titel ‘The burnt house’. Ausgrabungen haben gezeigt, dass es im Zuge der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 CE weitgehend zerstört wurde. Das Haus gehörte der Familie Qathros, die im Talmud (Pesachim 57) unrühmliche Erwähnung findet: „Wehe mir wegen des Hauses Qathros, wehe mir wegen ihres Schreibrohrs! … Denn sie sind Hohepriester, ihre Söhne Schatzmeister und ihre Schwiegersöhne Tempelaufseher, und ihre Knechte schlagen das Volk mit Stöcken!“ Bis zur Zerstörung des Tempels waren es einerseits die Priester und andererseits die säkularen Herrscher, diedas Volk führten. Danach und bis heute sind es die Regierungen. Die Korruption scheint sich heute voll auf diese zu konzentrieren. Und trotzdem sollen wir für sie beten? Dahinter steht die Hoffnung, dass sie zumindest alles daransetzen werden, Volksaufstände und Bürgerkriege zu verhindern. Nein, nicht aus philanthropischen Gründen, sondern ganz im Sinne ihres eigenen Vorteils, dem Erhalt der Macht.

Hoffen wir, dass es bei uns zu keinem Volksaufstand kommt!

Shabbat Shalom



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