16. Nissan 5785
Netanyahu macht wieder einmal vollmundige Versprechen. Nicht nur, dass er den Eltern von noch in Gaza festgehaltenen Geiseln gegenüber betont, er (!) arbeite Tag und Nacht daran, die Geiseln heimzubringen. Jetzt behauptet er auch noch, ‘mit voller Zuversicht’ genau zu wissen, wo sie sich befinden. Und zu versprechen, dass die IDF sich von den Orten fernhält, um die Geiseln nicht zu gefährden. Die Hamas gab mittlerweile an, mehr Zeit für eine Antwort an Israel zu benötigen. Früher am Tag hatte sie betont, alle Geiseln freizulassen, sobald Israel den Krieg beendet.
Selbst die Nerven der stärksten und engagiertesten Mütter liegen irgendwann blank. Einav Zangauker, die sich schon lange zum Symbol des Kampfes um die Geiseln entwickelt hat, richtete eine Videonachricht an Netanyahu. «Mein Sohn Matan wird zusammen mit dem Soldaten Edan Alexander, der die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, in einem Tunnel festgehalten. Es wird erwartet, dass Alexander bei einem möglichen Deal zuerst freigelassen wird. Laut medizinischen Informationen, die mir vorliegen, wurde Matan entführt, während er wahrscheinlich an einer Form von Muskeldystrophie litt, von der die meisten unserer Familienmitglieder betroffen sind. Aufgrund der harten Bedingungen in der Gefangenschaft und des Stresses, unter dem er steht, wissen wir, dass sich sein Zustand verschlechtert hat. Er wurde in schwere Ketten gelegt und ist nicht einmal in der Lage, in dem Tunnel, der niedriger ist als er, aufzustehen. Er durchlebt einen Holocaust. Es besteht ernsthafte Sorge um Matans Wohlergehen, wenn er allein in dem Tunnel bleibt. Die Isolation wird zu einer weiteren Verschlechterung führen und ein Todesurteil für Matan sein. Wenn Matan allein im Tunnel sterben muss, wird ganz Israel wissen, dass der PM bewusst das Todesurteil über einen Bürger verhängt hat, der im Schlafanzug aus seinem Haus entführt wurde – aus reiner persönlicher Rache an seiner Familie.»
Solange der israelische VM Yoav Gallant und der Generalstabschef Herzi Halevi im Amt waren, war es kein Problem, wenn sich Reservisten kritisch gegenüber der Regierung äusserten – solange sie zum Dienst erschienen. Das Grundrecht jeder Demokratie, die freie Meinungsäusserung, war sakrosankt. Seit Eyal Zamir das Amt übernommen hat, ist die Meinungsfreiheit und die Erfahrung, Politik auch kritisch zu betrachten, nicht mehr erwünscht. Nur etwa 10 % der Petitionäre sind derzeit aktiv im Dienst. Die IDF erklärten, dass sie kein Problem damit hätten, wenn Reservisten in ihrem zivilen Leben gegen etwas protestieren, solange sie dies nicht mit dem Militär oder ihrer Rolle darin in Verbindung bringen. Als Folge wurden von Generalstabschef Eyal Zamir zahlreiche Reservisten aus dem Dienst entlassen. Dass Netanyahu voll und ganz hinter der Entscheidung steht, muss nicht betont werden. Er sieht in den Schreiben den Aufruf zur Dienstverweigerung. Was nicht stimmt. Der PM lügt!
Immer mehr ehemalige Soldaten aller Waffengattungen schliessen sich der Aufforderung an die Regierung an, sofort einer Vereinbarung mit der Hamas zuzustimmen, um die Geiseln nach Hause zu bringen. Selbst wenn das zu Lasten des Erreichens der anderen Kriegsziele geht. In einem Brief, der von 1.600 ehemaligen Fallschirmspringern und Infanteristen schrieben sie: «Wir, die Kämpfer und Kommandeure der Fallschirmjäger und Infanterieeinheiten, deren Flagge die Worte trägt: „Wir lassen keine Verwundeten auf dem Schlachtfeld zurück“, fordern die Rückkehr der Geiseln, selbst wenn dies bedeutet, dass die Kämpfe eingestellt werden müssen. Dies ist ein Aufruf, Leben zu retten.»
Heute schlossen sich auch Absolventen des IDF-Elite-Ausbildungsprogramms ‘Talpiot’ den Warnungen an die Regierung an. «Wir verurteilen die Kriegspolitik der Regierung als ‘politischen und persönlichen Interessen’ dienend und nicht den Sicherheitsbedürfnissen entsprechend. Die Fortsetzung des Krieges trägt zu keinem seiner erklärten Ziele bei, er wird nur zu mehr Toten – darunter Geiseln, IDF-Soldaten und unschuldige Zivilisten – und zur Erosion der israelischen Reservekräfte führen. Die Unterzeichner fordern die Öffentlichkeit auf, Massnahmen zu fordern und Bemühungen zu verurteilen, abweichende Stimmen zum Schweigen zu bringen.» Erfolgreiche Absolventen dieses Programms erwerben neben einem militärischen Abschluss auch akademische Abschlüsse in Physik, Mathematik oder IT-Wissenschaften.
Shin-Bet Chef Ronen Bar hat angekündigt, dass er zu einem von ihm selbst gewählten Datum innerhalb der kommenden Wochen zurücktreten wird. In einem Interview mit Kanal 12 erklärte er, dass die fortgesetzte Unruhe um seine Entlassung durch Netanyahu und den Entscheid des OGH, die Entlassung einzufrieren, dem Amt grossen Schaden zufügt. Es wird erwartet, dass er seine eigene Entscheidung noch in dieser Woche dem OGH mitteilen wird.

Nicht nur Qatar, sondern vor allem auch die Familien der noch in Gaza festgehaltenen Geiseln sind unzufrieden, dass die Gespräche zur zweiten Phase wieder einmal kurz vor dem Einfrieren stehen. Seit Netanyahu die Chefs der beiden Sicherheits-Organisationen Mossad und Shin-Bet aus den Verhandlungsteams entfernt hat, hat sich eine negative Dynamik in den Verhandlungen entwickelt. Es scheint, als ob die Befreiung der Geiseln nicht mehr die oberste Priorität der Regierung ist, falls sie es denn jemals war. Die allerdings wehrt sich entschieden gegen diesen Vorwurf: «Um eine Einigung zu erzielen, braucht man jemanden, der tatsächlich den Willen der Regierung vertritt und diese Einigung genehmigt, und keinen ‚Dissens‘, der nur dazu dient, die Verhandlungen zu untergraben.» Dermer glaubt und das hat er auch im Weissen Haus so erklärt, dass es nicht möglich ist, alle Geiseln, die lebenden und die toten, zu befreien. Seit Dermer die Nachfolge von Bar und Barnea angetreten hat, hat sich die Disziplin der Verhandlungsführer angeblich verbessert, behauptet eine anonyme israelische Quelle. Die Zahl der Indiskretionen sei drastisch zurückgegangen, insbesondere die, in denen Netanyahu beschuldigt wird, den Fortschritt zu behindern. Dermer nimmt Netanyahu in Schutz, er will sein Amt nicht verlieren.

Der iranische Aussenminister Abbas Araghchi betonte, dass sein Land einen ‘fairen und ehrenwerten’ Deal mit den USA anstrebe. «Wenn die andere Seite ebenfalls von dieser Position ausgeht, besteht hoffentlich die Chance auf ein erstes Verständnis, das zu Verhandlungen führt», sagte er in einer Videobotschaft im Staatsfernsehen nur wenige Stunden vor Beginn der Gespräche. Sein direkter US-amerikanischer Gesprächspartner wird Steve Witkoff sein.

Trump, wieder einmal an Bord der Air Force One auf dem Weg ins Wochenende, betonte gegenüber Journalisten: «Ich will den Iran als wunderbares, grossartiges und glückliches Land sehen. Aber sie dürfen keine Nuklearwaffen haben.» Auf dem Rückweg ins Weisse Haus erklärte Trump den mitreisenden Journalisten: «Wir werden unsere Entscheidung sehr schnell treffen!» Die US-amerikanische Delegation schien mit dem Ergebnis der ersten Gesprächsrunde sehr zufrieden zu sein, ohne jedoch auf Einzelheiten einzugehen.
Steve Witkoff erklärte das illusorische Verhandlungsziel: «Wir erwarten, dass der Iran sein Atomprogramm vollständig abbaut», um dann realistischer hinzuzufügen: «Von den Hardlinern um Trump erwarten nur wenige, dass der Iran das jemals akzeptieren wird.» Abschliessend dachte er über die ‘rote Linie’ nach: «Unsere rote Linie wird sein, dass es keine Aufrüstung ihrer nuklearen Fähigkeiten geben darf.»
Der iranische Aussenminister, Abbas Aragchi, vermutet: «Die Amerikaner wollen so schnell wie möglich einen Deal.» Aragchi traf sich für eine knappe Stunde mit dem US-amerikanischen Sonderbeauftragten Steve Witkoff, obwohl die Verhandlungen indirekt geführt werden. Nach dem Ende der ersten Gesprächsrunde wurde angekündigt, sich am kommenden Samstag, diesmal in Rom, zu treffen. «Ich denke, wir sind einer Verhandlungsgrundlage sehr nahe gekommen … Weder wir noch die andere Partei wollen fruchtlose Verhandlungen, Diskussionen um der Diskussion willen, Zeitverschwendung oder Gespräche, die sich ewig hinziehen.»

Die Hamas hat gestern, am Samstag, erneut ein Video veröffentlicht. In dem drei Minuten langen Video erklärt Edan Alexander, 21, dass er sich seit 551 Tagen in Geiselhaft befindet. Bereits im vergangenen November hatte die Hamas ein Video mit Alexander veröffentlicht. Er war am 7. Oktober 2023 von seiner Militärbasis nach Gaza verschleppt worden. Die Familie autorisierte die Medien, das ganze Video zu veröffentlichen.



© für beide Cartoons: Amos Biderman
Juden in aller Welt begannen am Samstagabend mit dem Seder den Beginn des siebentägigen Pessach-Festes. Das Pessach Fest endet in Israel am Abend des 19. Aprils. Im Ausland nach acht Tagen am Abend des 20. Aprils. In diesem Jahr wurde vielerorts der noch in Gaza festgehaltenen 59 Geiseln gedacht. So wurden Plätze an der Sedertafel symbolisch für die Geiseln freigehalten, spezielle Gebete gesprochen und gelbe, bereits halb verwelkte Blumen auf den Tischen verteilt. Gelb als Symbol für die Geiseln und halb verwelkt, um daran zu erinnern, dass ihr Leben in den Tunnels von Gaza täglich mehr bedroht ist.


Für Christen begann gestern mit dem Palmsonntag die Osterwoche. In der Altstadt von Jerusalem zogen zahlreiche Pilger mit Palmwedeln zur Grabeskirche. Für die Sicherheitskräfte in Jerusalem stellt dieses Aufeinandertreffen von hohen Feiertagen ein besonderes Sicherheitsrisiko dar. Besonders am Karfreitag, wenn eine grosse Zahl von Pilgern den Kreuzweg Jesu symbolisch nachgeht.

Auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv begingen Familien und Freunde der noch in Gaza festgehaltenen Geiseln einen gemeinsamen Seder. Die Öffentlichkeit wurde eingeladen, am Seder teilzunehmen. «Bringen Sie Ihr Feiertagsessen mit, bringen Sie eine Matte oder einen Stuhl mit, kommen Sie mit den Kindern, kommen Sie mit Freunden – lassen Sie uns zusammen sein», hiess es. Zahlreiche Tel Avivis folgten ebenso der Einladung, wie Angehörige der freigelassenen Geiseln. Mit der Forderung ’59 or resign’ (das Wortspiel funktioniert nur in Englisch) forderten sie den von Netanyahu neu ernannten Chef des Verhandlungsteams, Minister Ron Dermer auf, die Verhandlungen wieder in Gang zu bringen. Für die kommenden Tage kündigte das Forum an, Gedenkveranstaltungen auf dem Platz der Geiseln durchzuführen.



In der Nacht von Samstag auf Sonntag hat die IDF ein Kommando-Zentrum der palästinensischen Terror-Organisation Hamas zerstört. Das Zentrum befand sich im al-Ali Krankenhaus im Norden des Gazastreifens. Vor dem Angriff hatte die IDF sowohl das Krankenhaus als auch die nähere Umgebung evakuieren lassen. Ein Mitarbeiter des Krankenhauses gab an, kurz vor dem Angriff von einem Mitglied der israelischen Sicherheitskräfte angerufen worden zu sein. Zwei Raketen der IDF hätten den Aufnahme- und Notfallbereich des Spitals zerstört und andere Bereiche beschädigt. Laut ersten Angaben hat es keine Opfer gegeben.

Erneut wurde ein Teil von Kahn Younis zu Kampfzone erklärt. Die Bewohner der Region wurden aufgefordert, sich sofort in den nordwestlich gelegenen Sicherheitsbereich zu evakuieren. Nur 30 Minuten zuvor wurden erneut zwei Raketen aus Gaza in Richtung Israel abgefeuert. Eine der Raketen wurde abgefangen, die andere stürzte über offenem Gebiet ab.

Am späten Sonntagnachmittag wurden von den Houthi-Terroristen zwei ballistische Raketen auf Israel abgeschossen. Der Raketen-Alarm wurde in weiten Teilen im Süden Israels, über Tel Aviv bis Jerusalem ausgelöst. Die IDF gab bekannt, dass versucht wurde, die Raketen abzufangen, es aber noch unsicher ist, ob der Versuch gelungen ist. Bisher gab es keine Schadensmeldungen. Südlich von Hebron stürzten einige Schrapnells ab, ohne jedoch Schaden anzurichten.
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