Shmot, Tasria-Mezora 12:1 – 15:33

ב“ה

4./5. Ijjar 5785                                                                      2./3. Mai 2025 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:40

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         20:00

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:21

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:33

 20./21. Tag des Omer

Dieser Abschnitt der Torah behandelt das Thema post-natale ‚Reinheit‘ bzw. ‚Unreinheit‘.

Kann es sich tatsächlich um körperliche „Reinheit“, bzw. „Unreinheit“ handeln, die hier angesprochen wird? Während der 40-jährigen Wüstenwanderung war es schwierig, Mutter und Kind nach der Geburt nach hygienischen Standards zu betreuen. Heute, wo eine Geburt im Normalfall unter hygienisch einwandfreien Bedingungen stattfindet, ist die Reinigung der erste Teil der liebevollen Zuwendung, die die junge Mutter und ihr Kind erfahren.

In Vers 12:2 steht, dass sie nach der Geburt eines Knaben sieben Tage unrein ist. Am achten Tag nach der Geburt wird der Knabe beschnitten. Mit der Beschneidung des Knaben am 8. Tage endet auch seine symbolische Unreinheit, er wird in den Bund Gottes aufgenommen.

Danach ist die Mutter noch für weitere 33 Tage unrein. Insgesamt dauert die Zeit, in der sie sogar abgeschieden von den anderen leben muss und selbstverständlich auch nicht zum Tempel gehen darf, 40 Tage. Nur die Frau kann entscheiden, ob die Abgeschiedenheit für sie ein ‚muss‘ oder ein ‚darf‘ ist. Für viele war es die einzige Zeit, sich intensiv nur auf sich selbst zu besinnen und die ersten Lebenswochen nur ihrem kleinen, noch völlig von ihr abhängigen Baby zu widmen.

Bringt sie ein Mädchen auf die Welt, so dauert die Zeit der Unreinheit sogar 14 Tage länger, also insgesamt 66 Tage.

Was könnte der Hintergrund für diese zeitlichen Vorschriften sein? Damals wie heute stellt eine Geburt eine unglaubliche Belastung für den weiblichen Körper dar. Muskeln, Sehnen und Haut wurden im Laufe der neun Monate immer mehr gedehnt, bis sie unmittelbar nach der Geburt spontan erschlafften. Jetzt müssen sie sich langsam wieder zurückbilden und ihre alte Spannkraft wieder erlangen. Das, was die Torah als ‚Reinigungsfluss‘ bezeichnet, ist nichts anderes als das langsame und gründliche Ausspülen von Blut- und Geweberesten aus der Gebärmutter. Heute weiss man, dass dieser gesamte Vorgang zwischen sechs und acht Wochen dauert. Die weisen Frauen des Altertums wussten über alle diese Vorgänge offenbar genau Bescheid und ermöglichten es der Frau, während dieser Zeit einen besonderen Schutz zu geniessen.

Nach dem Besuch der Mikwe, die hier nicht explizit erwähnt wird, die aber eine bindende Vorschrift ist, bevor die Frau wieder zum Tempel gehen darf, soll sie Opfer bringen. Und zwar die gleichen für einen Sohn und für eine Tochter. Ein junges Schaf, oder, wenn sie sich das nicht leisten kann, eine Taube als Brandopfer und eine Taube als Sühnopfer für sie. Nicht der Vater, sondern die Frau bringt die Opfer. Das beweist, dass auch sie eine klar definierte Rolle innerhalb der Gesellschaft hatte, was die religiöse Zugehörigkeit angeht.

Das Brandopfer beendet rituell ihre Unreinheit. Das ist nachvollziehbar auf Basis der Opfervorschriften. Aber ein Sühnopfer? Welche Sünde soll die Mutter denn im Zusammenhang mit der Geburt begangen haben? Wir können es nur vermuten. Vielleicht hat sie während des schmerzhaften Geburtsvorganges geschrien und geschimpft. Vielleicht hat sie geschworen, nie wieder Kinder haben zu wollen. Beides wäre eine Sünde gewesen, wenn auch eine durchaus verständliche. Bekanntermassen sind die meisten der schmerzhaften Erfahrungen nach der Geburt wie weggeblasen.

Das alles erklärt aber nicht den grossen Unterschied in der Zeit der rituellen Unreinheit. Heutzutage, wo es den Frauen nach vielen Jahren und Kämpfen endlich gelungen ist, sich zu emanzipieren, fällt es schwer, die damalige Denkweise zu akzeptieren. Um es auf einen knappen Nenner zu bringen: sind weibliche Babys weniger wert als männliche? Buben sind die Stammhalter, sie sind die, die den Fortbestand der Familie sichern. Mädchen müssen früh lernen, sich den Wünschen und Vorstellungen, aber auch den Anforderungen der Männer unterzuordnen.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass diese Vorstellung auch in durchaus als aufgeklärt geltenden Gesellschaften verwurzelt war. In anderen Kulturkreisen gilt sie bis heute. Kommt es zu Versorgungsengpässen in der Ernährung, so findet man mehr unterernährte Mädchen als Buben. Es gibt immer noch drastische Unterschiede in der Bildung. In China und Indien tötete man jahrelang weibliche Föten, um dem Bevölkerungswachstum Einhalt zu gebieten.

Damals durfte die junge Mutter ganz für sich, vielleicht gemeinsam mit einer guten Freundin, nur für ihr Kind da sein. Versteht man die Abgeschiedenheit unter diesem Aspekt, so darf man sich einen hellen und sonnigen Ort vorstellen. Nicht voller Trauer über die auferlegte Trennung von der Familie, sondern durchaus voller Vorfreude auf das Kommende.

Unsere heutige Gesellschaft verlangt zumeist, dass Frauen sich möglichst schnell wieder in den täglichen Arbeitsprozess eingliedern. Wäre es nicht schön, wenn wir ihnen endlich eine längere Zeit zugestehen würden, um allein oder gemeinsam mit dem Vater des Kindes die ersten, so wichtigen Tage, Wochen und Monate des winzigen Menschen begleiten zu dürfen?

Kommen wir zu den Sprüchen der Väter:

(8) Rabbi Elasar aus Bartota sagt: „Gib Ihm von dem, was Sein ist, denn du und was dein, ist Sein. So ist von David gesagt: ‚Von Dir ist alles und von Deiner Hand haben wir Dir gegeben‘.“

Hier kann es einerseits natürlich nur um Geld gehen, wobei es schwer nachvollziehbar ist, wie Gott und der physische Besitz von Geld in Einklang gebracht werden können. Vieles aber spricht dafür, dass Rabbi Elasar von Fähigkeiten, Mut, Charaktereigenschaften, einem guten Gedächtnis oder Ähnlichem spricht, die wir von Gott erhalten haben und die wir ihm deshalb auch wieder uneingeschränkt zur Verfügung stellen sollen. Der hier angesprochene Psalm 24; 1 ff von David lautet: ‚Gottes ist die Erde und was sie füllt, die Welt und die darinnen wohnen. Denn er hat sie am Meere gegründet und sie auf Strömen gefestigt‘. Wir dürfen uns nicht darauf berufen, alles von Gott als Geschenk, in dem Sinn wie wir Geschenke kennen, als unwiderruflichen Eigentumswechsel zu betrachten. Sondern eher als Dauerleihgabe, die wird für Gott pflegen müssen und die wir jederzeit bereit sind, an ihn zurückzugeben.

(9) Rabbi Jakaov sagt: „Wer auf dem Weg geht und lernt und unterbricht sein Lernen und sagt: ‚Wie schön ist dieser Baum, wie schön ist dieser Acker‘, dem rechnet man es an, als ob er sich an seiner Seele versündigt.“

Wie kann es nicht gottgefällig sein, sich an den Schöpfungen Gottes zu erfreuen? Wie kann es sein, dass wir uns an ‚unserer Seele versündigen‘, wenn wir Gottes Schöpfungen würdigen? Es heisst, wenn wir uns mit der Torah beschäftigen, dann muss unser ganzer Geist, unsere gesamte Aufmerksamkeit ausschliesslich auf sie gerichtet sein. Unsere Gedanken sollen nicht abschweifen. Wenn wir uns in einer anderen Situation an einer Blume, einem Baum oder etwas anderem erfreuen, so sollen wir einen entsprechenden Segen sprechen. Aber niemals beides miteinander vermischen. Das wäre so, als wenn wir in einem intensiven Gespräch plötzlich die Augen abwenden und unsere Aufmerksamkeit etwas anderem zuwenden. Das ist zumindest unhöflich. Verstehen wir das Lernen der Torah als Zwiesprache mit Gott, so ist das Verhalten eine Sünde.

Shabbat Shalom!



Kategorien:Israel, Religion

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