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11./12. Ijjar 5785 9./10. Mai 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 18:45
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:05
Shabbateingang in Zürich: 20:30
Shabbatausgang in Zürich: 21:44
27. / 28. Tag des Omer

‘Nach dem Tod der zwei Söhne von Aaron’, beginnt der heutige Wochenabschnitt. Gott gibt eine klare Vorgabe, wann die Priester am Versöhnungstag hinter den Vorhang des Mischkans treten dürfen, ohne Gefahr zu laufen, zu sterben.
Der Versöhnungstag, den wir in diesem Jahr beginnend mit dem 1. Oktober abends begehen, ist der höchste Feiertag im Judentum. Ein Tag voll ernster Feierlichkeit, ein Tag, an dem wir uns intensiv mit uns selbst und vor allem auch mit unserem Verhältnis zu Gott auseinandersetzen. Ein Tag, an dessen Ende wir, nachdem das Shofar zum letzten Mal geblasen wurde, sicher sein dürfen, dass Gott uns vergeben hat.
In der Wüste brachten die anwesenden Kinder Israels zwei gleichwertige Ziegenböcke für ein zweites Sühneopfer und einen Widder für ein weiteres Brandopfer vor den ‘Hohen Priester’. Die Ziegenböcke wurden markiert. Einer von ihnen war für Gott bestimmt, der andere sollte zu Asasel, dem Wüstendämon, geschickt werden. Das Ritual, das hier vollzogen wurde, ist ein Übergangsritual, welches das sündhaft gewordene Volk wieder in den Zustand der moralischen Unschuld bringen soll. Nachdem die beiden Ziegenböcke durch das Los voneinander getrennt wurden, wobei es im Dunkeln bleibt, wie die Entscheidung getroffen wurde, überträgt Aaron die Sünden des Volkes auf den Ziegenbock, der anschliessend in die Wüste gejagt wird. Indem er das Lager der Israeliten verlässt, überschreitet er eine Grenze, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Die Israeliten können somit wieder in die Beziehung zu Gott zurückkehren und einen unbelasteten Neubeginn wagen.
Wir finden in diesem Wochenabschnitt auch wieder das uns wohlbekannte Konzept von «rein» und «unrein». Während der Ziegenbock, der durch das Los für Gott bestimmt wurde, bewirkt, dass nach dem Opfer alles im Mischkan Befindliche wieder rituell rein wurde, bleibt der für Asasel bestimmte Ziegenbock unrein. Sowohl Aaron als auch der Mann, der den «Sündenbock» in die Wüste schickte, sind nach der Zeremonie unrein und müssen sich erst wieder durch entsprechende Riten symbolisch reinigen. Es ist eine sehr archaische Zeremonie.
Die Bezeichnung «Sündenbock» wurde erst viel später geprägt und es ist bemerkenswert, dass man uns Juden immer wieder, vor allem in antisemitischen und verschwörungstheoretischen Zuschreibungen, zum «Sündenbock» für alles und jedes macht. In völliger Umkehrung der Bedeutung schiebt man uns die Verantwortung für Katastrophen, Fehlentscheidungen, Kriege, Krankheiten, usw. zu.
Gegen Ende des Wochenabschnitts, der voll mit Anweisungen ist, wie wir uns gegenüber unseren Mitmenschen verhalten sollen, finden wir in 19:18 eine sehr knappe Anweisung: «Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst».
Gerade unter dem Gesichtspunkt, dass wir Juden für alles verantwortlich gemacht werden, scheint es sehr schwer, ja fast unmöglich, dieses Gebot zu halten. Wie sollen wir unseren Nachbarn lieben, der antisemitische Fehlinformationen weitergibt? Wie unseren Vorgesetzten, der uns auf der Karriereleiter blockiert, weil wir jüdisch sind und er denkt, dass das dem Ruf des Unternehmens schadet? Wie den Sohn unseres Freundes, der zuschaut, wie sein Sprössling auf der Anti-Israel Demo in erster Reihe mitmarschiert und «Tod den Juden» schreit?
Und dennoch lesen wir hier «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!»
Vielleicht ist das der verdeckte Sinn vom Versöhnungstag, dass wir in der Stille des Tages uns darauf einlassen müssen, dass Gott nichts Unerreichbares von uns verlangt und dass der Ziegenbock «für Asasel» nicht umsonst in die Wüste geschickt wurde….
Kommen wir wieder zu den ‘Sprüchen der Väter’:
(11) Rabbi Chanina, Sohn Dossas, sagt: Wessen Respekt vor der Sünde höher ist als sein Respekt vor dem Wissen, dessen Wissen hat Bestand.
Wessen Wissen aber grösser ist als sein Respekt vor der Sünde, vorangeht, dessen Wissen hat keinen Bestand.
Er sagt weiterhin: Wer mehr Gutes tut, als er weiss, dessen Wissen hat Bestand.
Wer aber mehr weiss, als er tut, dessen Wissen hat keinen Bestand.
Wir sollten, so Rabbi Chanina, immer im Auge behalten, welche Folgen unser Handeln hat. Uns nicht blauäugig in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang stürzen, ohne unsere innere Stimme zu beachten, manche nennen es Bauchgefühl. Dann heisst es, dass wir ‘wider besseres Wissen’ gehandelt haben. Oder wir müssen uns den Vorwurf gefallen lassen, dass wir ‘es eigentlich hätten wissen müssen’. Viele von uns kennen andererseits auch das Gefühl, als ‘übervorsichtig’ oder gar ‘zögerlich’ abgestempelt zu werden. Unsere schnelllebige Zeit erwartet schnelle Entschlüsse und schnelles Reagieren. Dabei sind die Folgen von einem solchen Handeln nicht vorhersehbar. Deshalb ist derjenige klug, der sich Zeit lässt, abzuwägen, sein Wissen in Bezug auf die bevorstehende Entscheidung anzuklopfen, wenn nötig, nachzujustieren und dann erst die Entscheidung zu treffen. Natürlich ist das noch keine Garantie auf Erfolg, bietet aber die Chance, am Nichterfolg weiterzuarbeiten und ihn in das vorhandene Wissen zu integrieren.
Gutes zu tun ist eine Frage des Herzens, Wissen hingegen ist eine Frage des Verstandes. Wer also bei seinem Handeln z.B. dem Bedürftigen gegenüber sein Herz über seinen Verstand stellt, also Gutes tut, der wird die positive Erfahrung dem Wissen [dem Verstand] zuordnen können. Im Umkehrschluss vergeudet er sein Wissen, wenn er vor jeder solchen Handlung immer zuerst danach fragt, was die Handlung für ihn Gutes bringt.
Ein bisschen Bauchgefühl tut immer gut!
Shabbat Shalom
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