Schmot, Emor 21:1 – 24:23

ב“ה

18./19. Ijjar 5785                                                             16./17. Mai 2025

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:50

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         20:11

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:39

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:55

33./34. Omer

Das Modell des Tempelbergs im Park des Israel Museums in Jerusalem

Dieser Wochenabschnitt befasst sich hauptsächlich mit den Priestern. Ebenso detailliert, wie wir andere Vorgaben, wie den Bau und die Ausstattung des Mischkan, die Kleidung der Priester und die verschiedenen Opfer kennengelernt haben, lesen wir hier, welche besonderen Vorschriften für Priester gelten.

Unverständlich ist für das heutige Verständnis, dass der Priester «frei von körperlichen Gebrechen» sein muss, seien sie angeboren und chronisch oder durch Unfall und Krankheit erworben und heilbar. Der so für den Dienst im Stiftszelt selbst nicht zulässige Priester darf die Opfergaben, die für ihn zum Verzehr bestimmt sind, essen. Aber er darf nicht hinter den Vorhang treten, der den Vorraum mit dem Altar vom Raum mit der Bundeslade trennt.

Heisst das, dass derjenige, der aus Altersgründen nicht mehr 100 % gesund ist, körperlich oder geistig vom Tempeldienst verbannt wird? Aufs Altenteil geschoben, wo er zwar ernährt wird, aber ansonsten für die Gesellschaft wertlos wird? Das kann nicht der Sinn dieser Vorschrift sein, denn in Schmot 19:14 haben wir gelesen: «Du sollst einen Tauben nicht verfluchen und einem Blinden kein Hindernis in den Weg stellen; vielmehr sollst du deinen Gott fürchten. Ich bin der Herr.» Beide Anordnungen enden mit dem Satz: «Ich bin dein Herr!» Durch diesen Zusatz drückt Gott immer wieder aus, dass dies sein absoluter Wille ist.

Wir dürfen also diese zunächst unverständliche Stelle so interpretieren, dass es darum geht, nicht in Versuchung zu geraten, die Beeinträchtigung des Betroffenen zu seinen Ungunsten auszunutzen. Gott will ihn einschränken, aber nicht demütigen. Er darf weiterhin von den Opfergaben essen, die den Priestern vorbehalten sind.

Dies ist nicht die einzige schwer verständliche Stelle im Wochenabschnitte Emor!

In den letzten Versen zwischen Schmot 24:10 – 23 lesen wir von einem dramatischen Vorgang. Moses musste Recht sprechen über einen Mann, der den Namen Gottes lästerlich ausgesprochen hatte. Gottes Richterspruch war klar: Auf die Schmähung des Gottesnamens steht die Todesstrafe ebenso wie für die Ermordung eines Menschen. Ist der Tod als Strafe für eine Schmährede nicht sehr hoch?

Unser grosser Weiser Maimonides, schreibt in De’ot 7:3 «Es gibt drei Sünden, für die von einem Menschen in dieser Welt Vergeltung verlangt wird und für die ihm trotzdem ein Anteil an der zukünftigen Welt verweigert wird: Götzenanbetung, verbotene sexuelle Beziehungen und Mord. Lashon hara ist ihnen allen gleichwertig.» Die üble Nachrede ist also gleichzusetzen mit einem Mord! Im Deutschen kennen wir den Begriff ‘Rufmord’, der im Englischen mit ‘Character assassination’, die romanischen Sprachen leiten den entsprechenden Begriff vom Lateinischen ‘diffamare/Gerüchte verbreiten’ ab.

Um uns selbst vor den Folgen der üblen Nachrede, der Schmährede gegen einen Menschen zu schützen, beten wir am Ende der Amida einen Text aus Psalm 34:14: «Bewahre meine Zunge vor Bösem und meine Lippen vor falscher Rede! »

Manchmal ist es sehr schwer, seine Zunge im Zaume zu halten. Natürlich werden wir heutzutage niemanden mehr zum Tode verurteilen, wenn ihm der Tatbestand der üblen Nachrede gerichtlich nachgewiesen werden konnte. In unserer modernen Rechtsprechung wird festgeschrieben, dass aus der üblen Nachrede oder auch Verleumdung und Beschimpfung für den Betroffenen ernsthafter sozialer, beruflicher oder privater Schaden entstehen kann. Der Täter muss daher mit einer Gefängnisstrafe bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe bis maximal CHF 540.000 [1]rechnen.

Wieviel besser ist es, die Situation gar nicht erst eskalieren zu lassen. Der Versuch ist es allemal wert!

Kommen wir wieder zu den Sprüchen der Väter.

(14) Rabbi Dosa ben Harkinas, sagt: Morgenschlaf und Mittagswein, Kinderunterhaltung und Sitzen in den Vereinshäusern der Ungebildeten bringen den Menschen aus seiner Welt.

Rabbi Dosa lehrte zur Zeit des Zweiten Tempels und starb hochbetagt etwa um das Jahr 120.

Ich bin durchaus geneigt, diesen von Rabbi Dosa beschriebenen Menschen zu beneiden. Er scheint sich seinen Tag ausschliesslich nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Doch bei genauerem Hinschauen spüre ich auch eine unbestimmte Leere. Schlafen ist gesund, in der Nacht kann sich der erschöpfte Körper erholen und die Träume können helfen, Gedanken neu zu ordnen, wenn wir ihre Botschaft erkennen und uns auf sie einlassen. Doch zu viel Schlaf hinterlässt oft eine Schwere in uns, die uns den ganzen Tag nicht verlässt. Ein Glas Wein zu einem feinen Mittagessen wird dem, der es mag, gut munden. Zu einem guten Wein gehört aber auch ein gutes, oft für den Mittag zu schweres Essen. Wie will man danach noch arbeiten?

Warum aber soll er sich nicht intensiv mit seinen Kindern beschäftigen? Rabbi Dosa muss ein sehr strenger Mann gewesen sein, der davon ausging, dass die Kinder den Vater von seiner wichtigsten Aufgabe abhalten, dem Lernen der Torah. Dabei gib es doch heute nicht Normaleres, als dass sich auch der Vater intensiv mit seinen Kindern beschäftigt, eine enge Bindung zu ihnen aufbaut und sie beim Aufwachsen begleitet. Heute wird es als selbstverständlich angesehen, dass auch Väter in Elternteilzeit gehen.

Ebenso verhält es sich mit dem Plaudern mit ‚Ungebildeten‘. Wer sind die ‚Ungebildeten‘? Ich versuche mich in die Zeit von Rabbi Dosa zu versetzen. Ich kann mir nur vorstellen, dass es Männer sind, die nicht den ganzen Tag Zeit haben, sich mit der Torah zu beschäftigen: Handwerker, Bauern, Kaufleute….

Heisst es nicht im Buch Kohelet Kapitel drei: „Alles hat Zeit und für jedes Vorhaben unter dem Himmel … Zeit zum Weinen und Zeit zum Lachen, Zeit zum Klagen und Zeit zum Tanzen.“

Das Buch Kohelet wird König Salomon zugeschrieben, dagegen sprechen aber zahlreiche Forschungsergebnisse, die es auf einen wesentlich späteren Zeitpunkt zur Zeit des Zweiten Tempels datieren.

Hier finden wir eine Rechtfertigung, unser Leben entsprechend unseren Bedürfnissen zu leben. Solange eine Bedingung erfüllt ist, über die wir in der vorigen Woche gesprochen haben: Es muss ausgewogen sein und alle Bereiche des Lebens gleichermassen erfüllen.

Shabbat Shalom


[1] Die Summe ergibt sich als maximal 180 Tagsätzen zu maximal je CHF 3.000.



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