3./4. Siwan 5785 30:/31. Mai 2023
Shabbateingang in Jerusalem: 18:59
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:21
Shabbateingang in Zürich: 20:55
Shabbatausgang in Zürich: 22:14
Tag 48 und 49 des Omer
ב“ה
Ein Jahr, zwei Monate und ein Tag sind vergangen, seit Moshe die Israeliten aus Ägypten hinausgeführt hat. Zeit für eine Volkszählung. Zeit, um Ordnung in die bisherige Unordnung zu bringen. Abzuklären, wer soll wo seinen Platz finden. Moshe und Aaron stehen zunächst vor der schier unlösbaren Aufgabe, herauszufinden, wer gehört zu den Israeliten und wer ist quasi ein «Zugereister», einer derer, die sich der wandernden Menschenmenge angeschlossen haben. Aus welchem Grund auch immer, vielleicht weil es Arbeit gab, vielleicht weil er sich in einer Gruppe sicherer fühlte als allein.
Gott hatte angeordnet, die Volkszählung nach Stämmen vorzunehmen. Von jedem Stamm sollte ein Mann, der über 20 Jahre alt und wehrfähig war, bei der Zählung helfen und später auch der Verantwortliche für den Stamm werden. Als die Zählung beendet war, stand fest, dass 603.550 Männer dieser Vorgabe entsprachen. Diese Männer bildeten den Kern der Verteidigungstruppen, die während der weiteren Wanderung dringend benötigt wurden. Ein Riesenheer! Um auch nur eine Ahnung zu bekommen, wie viele Menschen insgesamt dort unterwegs waren, so muss man die Zahl mehr als verdoppeln, Kinder und Frauen sowie nicht wehrfähige Männer wurden nicht mitgezählt. Es müssen also in etwa zwei Millionen Menschen unterwegs gewesen sein. Eine logistische Herausforderung! Eine unglaublich grosse Zahl. Auch heute mit modernsten Mitteln wäre dies nicht zu managen. Aber wer bin ich, um diese Zahl in Frage zu stellen?
Der Stamm Levi wurde zahlenmässig nicht erfasst, deren Aufgabe war der Dienst im Tempel. Gott wies den einzelnen Sippen des Stammes bestimmte Aufgaben zu.
Warum das alles? Vor den Israeliten liegt jetzt die grösste Herausforderung der gesamten Wanderschaft. Sie befinden sich immer noch am Berg Sinai. Keiner weiss genau, was auf sie zukommt, doch dass die Wüste, die vor ihnen liegt, viele Gefahren birgt, das ist jedem klar. Die Wüste ist kein unbewohnter Ort, im Gegenteil. Dort leben kriegerische Stämme, die ihre Siedlungen mühsam der Natur abgerungen haben und nun auch verteidigen.
Moshe, der von seinem Schwiegervater Jethro bereits vor vielen Jahren die ersten Grundzüge des modernen Managements erfahren hat, wird jetzt mit der praktischen Umsetzung konfrontiert. «Management by delegation», er darf jetzt die Verantwortung für den Erfolg der langen Reise mit anderen teilen, konkret mit den Anführern der einzelnen Stämme. Deren Aufgabe ist es wiederum, motivierend auf die Mitstreiter seines Stammes einzuwirken.
Wer schon einmal in der Wüste gewandert ist, der kennt genau das Verwirrende dieser Landschaft. Die Farben der Felsen, wechselnd zwischen einem grellen Weiss bis hin zu einem fast schwarzen Grau, flirrende Luft, die dem Auge etwas vorgaukelt, was gar nicht da ist. Nichts, an dem sich das ungeübte Auge festhalten kann. Wer sich verirrt, der kann sich in der Unendlichkeit der Natur verlieren. Und des Nachts über einem das endlose glitzernde Sternenzelt, die Geräusche der nachtaktiven Tiere, das Wispern des Windes.
Für die Israeliten eine beängstigende Situation, wenn sie denn schon davon wüssten. So aber dürfen sie auf Gott vertrauen. Damit sie sich an etwas orientieren können, hat Gott vorgeschrieben, dass jeder Stamm ein Feldzeichen erhalten soll, das Symbol ihres Stammes und dass sie an einer für sie vorgesehenen Stelle in der Nähe des Mischkan lagern sollen. Diese strikte Ordnung bringt Sicherheit für die Menschen. Stabilität in einer für sie ungewohnten Situation.
Die Wüste ist für die Israeliten die Schule des Lebens. Mit fest gefügten Strukturen. Niemand musste um einen scheinbar besseren Platz kämpfen, das Ego des Individuums musste hinter dem kollektiven Ego, das das Überleben sichert, zurücktreten. Erst hier, im täglichen Kampf um ein sicheres Weiterkommen, wurden aus Sklaven freie Menschen, die sich zu einem grossen Plan zusammenschlossen, um am Ende ein Volk zu werden.
Was hat der moderne Mensch, dem die Selbstverwirklichung so viel bedeutet, daraus gelernt? Es schmerzt, sagen zu müssen: Nichts. Wir sind nach wie vor gefangen in unserem Ego. Verfolgen teils rücksichtslos nur unsere eigenen Ziele und vergessen dabei, dass auch wir Teil eines gesellschaftlichen Systems sind.
Manchmal tut es gut, einen Schritt zurückzutreten und unseren Standort innerhalb der Gesellschaft neu zu definieren. Es tut gut, wenn man dabei nicht ganz allein steht, wenn ein anderer uns dabei hilft.
Ich wünsche uns allen diesen anderen und das Vertrauen in seine guten Absichten.

Nachdem am Sonntagabend Shavuot beginnt, möchte ich ein paar Worte zu diesem Feiertag sagen. Shavuot bedeutet nichts anderes als ‘Wochen’. 50 Tage sind seit Pessach vergangen, seither haben wir an jedem Abend ‘Omer gezählt’. Shavuot gehört mit Pessach und Sukkot zu den drei Wallfahrts- und Freudenfesten im Judentum. Es sind Tage, an denen vor der endgültigen Zerstörung des Tempels im Jahr 70 CE besondere Opfer dargebracht wurden.
In der Torah finden wir verschiedene Bezeichnungen für dieses Fest:
Chag Shavuot / Wochenfest (Shmot 34:22 u. Dwarim 16:10)
Chag haKatzir / Tag der Ernte (Bamidbar 23:16)
Yom HaBikkurim / Tag der Erstlingsfrüchte (Wajikra 28:26)
Der Talmud bezeichnet das Fest auch als ‘Atzeret’. Dieses Wort bedeutet ‘feierliche Versammlung’.
Die Vielfalt der Namen deutet auf eine Vielfalt von Bedeutungen hin. In Israel beginnt zur Zeit von Shavuot die Weizenernte und markiert damit den Beginn der jährlichen Erntezeit.
Die Liturgie bezieht sich auf den erneuten Empfang der ‘Zehn Gebote’ am Berg Sinai. Wir erinnern uns: Moshe war mit den von Gott selbst beschriebenen Steintafeln vom Berg Sinai herabgestiegen. Sein Volk war kleingläubig, ob er wohl jemals wieder zu ihnen zurückkehren würde. Aaron liess sich manipulieren und schuf ihnen mit dem ‘Goldenen Kalb’, hergestellt aus dem Schmuck der Ägypterinnen, einen ‘neuen Gott’, den sie anbeten konnten. Als Moshe das sah, zerschmetterte er die beiden Steintafeln.
Doch Gott war gnädig. Noch einmal durfte Moshe hinauf auf den Berg kommen und erhielt ein zweites Mal die Gesetzestafeln, nur, dass er sie diesmal nach dem Diktat Gottes selbst beschreiben musste.
Dementsprechend heisst das Fest auch: Chag matan Toratenu / das Fest der Offenbarung unserer Torah.
In orthodoxen Gemeinden finden in der Nacht zwischen dem ersten und zweiten Feiertag gemeinsame Torah Studien statt, die erst bei Morgengrauen mit dem Gebet ‘Shema Israel’
enden. In anderen Gemeinden finden in den Abendstunden besondere Lernveranstaltungen statt, die aber in der Regel spätestens um Mitternacht enden.
Am ersten Abend essen wir traditionell milchige Speisen. Es werden zwei mögliche Begründungen dafür gegeben. Zum einen haben wir die Torah am Sinai an einem Shabbat erhalten. Das Schlachten von Tieren war an diesem Tag verboten, sodass es sich von allein verbot, Fleisch zu essen. Zweitens wird die Torah gerne mit nahrhafter Milch verglichen, die die Israeliten begierig aufnahmen. Für die, die sich gerne mit dem Talmud beschäftigen: Das Wort für Milch, חלב, hat den Zahlenwert 40 (8+30+2), was die Zahl der Tage ergibt, die Moshe auf dem Berg Sinai verbrachte.
Ich wünsche euch Shabbat Shalom und Chag Shavuot Sameach!
Kategorien:Religion
Hinterlasse einen Kommentar