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Der Kibbuz Nir Oz wurde im Jahr 1955 in unmittelbarer Nähe zum Gazastreifen errichtet. 2015 wurde er privatisiert. Er ist ein säkularer Kibbuz, der hauptsächlich landwirtschaftlich ausgerichtet ist. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Spargelzucht. Allerdings findet man den Spargel kaum in israelischen Läden, die 1.000 t, die im Jahr 2020 geerntet wurden, werden hauptsächlich ins Ausland exportiert. Es gibt auch eine Fabrik, die Farben und Abdichtungsmaterialien produziert und börsennotiert ist.

Die exponierte Lage unmittelbar an der Grenze zu Gaza machte ihn immer wieder zum Ziel für Raketenbeschuss aus Gaza. Die IDF sah keine andere Möglichkeit, den Kibbuz zu schützen, als zu bitten, die Ernte nur während der Nachtstunden einzufahren.
Im Jahr 2008 traf eine Mörsergranate die Fabrik, dabei wurde ein Arbeiter getötet und vier weitere wurden verletzt.
Während des Massakers vom 7. Oktober 2023 wurden aus Nir Oz 76 Personen nach Gaza verschleppt. Diese Zahl entspricht etwa einem Drittel aller Geiseln. 47 Menschen wurden während des Massakers ermordet. 22 starben, während sie verschleppt wurden. 13 Geiseln wurden in der Geiselhaft ermordet. 36 lebende Geiseln wurden während der zwei Waffenstillstands-Phasen freigelassen. Die sterblichen Überreste von 13 Geiseln wurden nach Israel zurückgegeben. Man geht davon aus, dass derzeit noch fünf lebende Geiseln und die sterblichen Überreste von neun Geiseln in Gaza festgehalten werden.
Am 7. Oktober 2023 um 06:29 begann der Angriff auf Israel. In der Nähe der beiden Kibbuzim hatten die Terroristen an sechs Stellen den Grenzzaun durchbrochen und konnten ohne nennenswerten Widerstand in die Siedlungen eindringen. Fünf Minuten nach dem Alarm wurden die Bewohner aufgefordert, sich unverzüglich in die Schutzräume zu begeben. Die gab es zwar fast in jedem Haus, aber da sie nur als Schutz vor herabfallenden Trümmern von Raketen dienen sollten und niemand mit einem solchen Angriff gerechnet hatte, konnten die Türen nicht verriegelt werden.
Der südlich von Nir Oz befindliche IDF-Posten wurde überrannt. Fünf Soldaten starben. Ein Panzer wurde ausser Gefecht gesetzt, die vier Besatzungsmitglieder wurden nach Gaza verschleppt, drei von ihnen wurden am gleichen Tag ermordet.
Um 06:49 drangen zwischen 300 und 530 Terroristen der Nukhba-Eliteeinheit der Hamas sowie weitere Mitglieder der Hamas, des Palästinensischen Islamischen Dschihad und der Mudschaheddin-Brigaden zu Fuss, mit Pickups und Motorrädern in den Kibbuz ein. Netanyahu wird in seiner ‘Pressekonferenz’ von 20. Mai zynisch erklären, dass die Terroristen in ‘Flip-Flops, mit Aka-47 und billigen Pickups’ gekommen sind. Das war natürlich eine Lüge. Vor allem die 100 bis 130 Nukhba-Terroristen waren bestens ausgerüstet. Die Sicherheitskräfte des Kibbuz gehörten zu den ersten Opfern. In den folgenden Stunden gingen die Terroristen systematisch vor. Kein Haus blieb verschont.
Der erste Hubschrauber der IAF traf um 09:22 ein, geriet jedoch unter Beschuss und musste auf die Basis zurückfliegen. Ein weiterer Hubschrauber und ein Panzer trafen später ein und griffen die Terroristen ausserhalb des Kibbuz an. Zwischen 10:30 und 12:30 zogen sich die Terroristen zurück in den Gazastreifen. Ab 13:10 trafen die ersten Sicherheitskräfte im Kibbutz ein.
Familienangehörige von immer noch in Gaza festgehaltenen Geiseln machten auf dem ‘Platz der Geiseln’ in Tel Aviv gestern, am Tag 600 seit dem Massaker, erneut auf die schreckliche Situation ihrer Lieben aufmerksam.

Anat Angrest, deren Sohn Matan aus dem brennenden Panzer gezerrt und nach Gaza verschleppt wurde, richtete ihre wütenden Worte an die israelische Regierung. «Ich möchte mich hier an alle Mütter und Väter wenden: Stellen Sie sich vor, Sie stehen neben mir, geben alles für den Staat und das Vaterland, werden aber im Stich gelassen und vergessen», sagte sie. «Das kann leider jedem von uns passieren. Dies ist nicht nur mein Krieg oder der Krieg der Familie Angrest oder von 58 Familien.» Als sie das Video sah, wie ihr Sohn aus dem Panzer gezerrt wurde, als die Terroristen auf ihn einschlugen, brach sie zusammen.

Arbel Yehoud wurde gemeinsam mit ihrem Partner Ariel Cunio aus ihrem Haus in Nir Oz entführt. Sie war bis zum 30. Januar eine Geisel des Islamisch Palästinensischen Djihads. Jeden Angriff der IAF hat sie als traumatisch erlebt. «Ich sah Leuchtraketen auf der anderen Seite der Zeltplane, und dann kamen die Flugzeuge. Es waren Kampfflugzeuge, die sehr tief und sehr nah waren. Die Bombardierungen begannen, und dann hörte ich die Schüsse und das Rennen.« Einer ihrer Entführer habe mit einem geladenen Gewehr auf das Zelt gezielt, in dem sie festgehalten worden sei. «Ich glaube nicht, dass es ein Wort gibt, das die Angst vor dem Geräusch der Kämpfe beschreiben kann – die Bombardierungen, die Flugzeuge, die wenigen Sekunden des Geräuschs, bevor eine Rakete fällt, die Schiessereien. Diese Angst ist lähmend, sie ist erschreckend. Man weiss nicht, ob man in der nächsten Minute noch atmet und wo es einen erwischt.«

Arbel erfuhr während der Geiselhaft, dass ihr Bruder Dolev, 35, s“l, der während des Massakers das Haus verliess, um anderen zu helfen, am gleichen Tag ermordet wurde. Er galt als vermisst, bis seine sterblichen Überreste im vergangenen Sommer in Israel gefunden wurden. Über die Zeit in Gaza berichtet sie: «Als Frau allein in Gefangenschaft zu sein, ist eine andere Geschichte. Es gibt Dinge, die später enthüllt werden oder die vielleicht nie enthüllt werden», einige Details hat sie nicht einmal ihren Eltern mitgeteilt: «Es ist besser, wenn sie es nicht wissen.»

Arbel wurde von Eitan und Lucas Cunio auf den Platz der Geiseln begleitet. Die zwei sind Brüder von Ariel und David. David war mit seiner Frau Sharon und den Zwillingen Yuli und Emma verschleppt worden. Sharon und die beiden Mädchen wurden im November 2023 freigelassen.

Sharons Schwester, Danielle und ihre kleine Tochter Emilia wurden ebenfalls verschleppt, kamen aber Ende November frei. Danielle hatte kurz nach ihrer Freilassung über die Zeit der Gefangenschaft berichtet. «Wir wurden von unserer Familie getrennt. Auf dem Weg nach Gaza wurden wir von einem Mob geschlagen und bespuckt. Die Menge johlte und ich bemühte mich, dass Emilia nicht viel davon mitbekam. Sie hat all ihre Kraft aus mir geschöpft. Ein Kind darf nicht depressiv werden. Ein Kind darf keine Hoffnungslosigkeit erleben. Du sagst dir: ›Ich werde alles tun, alles, damit mein Mädchen dieses Trauma so reibungslos wie möglich übersteht‹. Und dann tust du alles.» Die alleinerziehende Mutter beschrieb auch, dass sie um ihrer Tochter willen, um Essen oder die Möglichkeit, sich zu waschen, gebettelt habe.
Das letzte Lebenszeichen von David stammt vom Februar, von Ariel fehlt jede Spur. Die Mutter von Ariel und David, Sylvia Cunio, hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Doch es sei sehr hart. «Die Ungewissheit ist schrecklich und unvorstellbar brutal. Wir können nicht glauben, dass es keinen Deal gibt, nichts. Es ist entsetzlich. Aber ich habe dennoch Hoffnung, dass sie zurückkehren werden.»

Zu den engen Freunden der Brüder zählt auch Yarden Bibas. Er wurde im Februar freigelassen. Seine Frau Shiri sowie seine kleinen Söhne Ariel und Kfir wurden auf unvorstellbar grausame Art kurz nach dem Massaker ermordet. Die beiden Kinder wurden zum Symbol der Verschleppungen nach Gaza. Niemand wird je das Bild vergessen können, als Shiri, die Augen in purer Angst aufgerissen noch versuchte, ihre beiden Kinder mit einer Decke zu schützen. Ariel liebte es, sich als Batman zu verkleiden, Yuval Raphael zollte ihm mit ihrem Bühnenkostüm beim ESC Liebe und Respekt.

Im Zuge der ersten Phase der mittlerweile gebrochenen Waffenruhe im Februar 2025 wurden weitere Mitglieder des Kibbuz Nir Oz freigelassen: Gadi Moses, Ofer Kalderon, Iair Horn, Sagui Dekel-Chen, and Sasha Troufanov.


Gadi Moses gehört zu den Gründern von Nir Oz. Sein Traum ist es, den Kibbuz wieder aufzubauen. Er wollte mit den Terroristen verhandeln, wurde gezwungen, ihnen Geld und seine Autoschlüssel zu geben. Er wurde im eigenen Auto nach Gaza verschleppt. Seine Lebensgefährtin Efrat Katz, s’’l, war mit ihrer Tochter Doron und deren Kindern Raz und Aviv, im Haus, als die Terroristen dort eindrangen, wie man auf einem Video sehen konnte. Sie wurde noch in Israel ermordet, ihre sterblichen Überreste wurden bald darauf gefunden. Doron und ihre Mädchen wurden im November 2023 freigelassen.

Gadis Exfrau, Margalit, wurde im November freigelassen. Sie lehnte eine Einladung von Netanyahu mit der Begründung ab, sie wolle nicht für ein PR-Foto herhalten, solange ihre Freunde noch in den Tunnels von Gaza leiden. «Ich sehe keinen Grund, zu einem Treffen mit einer Person zu gehen, die mit ihren Handlungen beweist, dass die Freilassung der Geiseln nicht zu ihren obersten Prioritäten gehört und sie dem Tod überlässt.» Das war im November 2023!



Ofer Kalderon wurde gemeinsam mit zwei seiner Kinder, Sahar und Erez, aus ihrem Haus in Nir Oz verschleppt. Die demenzkranke Schwiegermutter, Carmela Dan, 80, und seine autistische Nichte Noya, 12, s’’l beschlossen, im Schutzraum zu bleiben. Sie wurden von den Hamas Terroristen ermordet. Ofer und seine Kinder konnten sich für einige Stunden verstecken, bis sie von den Terroristen entdeckt und verschleppt wurden. Aus ihrem Versteck mussten sie hilflos das Massaker mit ansehen. Ofers Ex-Frau Hadas überlebte im Sicherheitsraum ihres Hauses. Sahar und ihr Bruder Erez wurden im November 2023 freigelassen. Sahar berichtete, «wie Hunderte, wenn nicht Tausende Bewohner des Gazastreifens über die Grenze geströmt waren, um Anteil an dem Massaker ihres Mörder-Regimes zu nehmen. Ich habe viele kleine palästinensische Kinder und Mütter gesehen. Die Menschen strömten auf mich zu, um mich zu schlagen», so die 16-Jährige. «Ich hatte noch nie solche Angst verspürt. Ich hatte Todesangst.»


Iair und Eitan Horn wurden ebenfalls aus einem Haus im Kibbuz verschleppt. Nachdem das Haus keine Spuren von einem Kampf aufwies, galten sie lange als vermisst. Erst Berichte von im November freigelassenen Geiseln bestätigten, dass sie nach Gaza verschleppt waren und am Leben waren. Iair wurde im Februar 2025 freigelassen, sein Bruder Eitan befindet sich nach wie vor in Gaza.
Sagui Dekel-Chen hatte sich als einer der ersten dem Sicherheitsteams des Kibbuz angeschlossen. Seine hochschwangere Frau Avital und zwei kleine Kinder überlebten das Massaker im Schutzraum ihres Hauses. Sein jüngstes Kind lernte er erst nach seiner Freilassung im Februar 2025 kennen, es war im Dezember 2023 zur Welt gekommen. Hier gibt es eine englische Version!


Sasha Troufanov wurde gemeinsam mit seiner Partnerin, Sapir Cohen, seiner Mutter Yelena und Grossmutter Irena Tati aus Nir Oz nach Gaza entführt. Die drei Frauen wurden im November 2023 freigelassen. Nach seiner Freilassung im Februar dieses Jahres erzählte Sasha seiner Freundin, dass «er während dieser ganzen Zeit, seit er als Geisel genommen und in Gaza festgehalten wurde, dafür gebetet hat, dass ich einen Mann finde, den ich lieben kann, und dass ich nicht auf ihn warten soll. Er wollte nicht, dass ich auf einen Mann warte, von dem er glaubte, dass er nie nach Hause zurückkehren würde. Er glaubte nicht, dass er überleben würde.»
Yehoud appellierte an die Regierung: «Ich war dort. Ich weiss genau, was die Geiseln durchmachen», sagte Yehoud und nannte die Namen der Geiseln aus Nir Oz, die noch immer in Gefangenschaft sind. «Ich appelliere an das israelische Volk und seinen Regierungschef Benjamin Netanyahu: Trump hat die Tür geöffnet, Edan Alexander ist hinausgegangen, und diese Tür muss offenbleiben, bis alle nach Hause kommen.»
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