17./18. Siwan 5785 13./14. Juni 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 19:06
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:28
Shabbateingang in Zürich: 21:06
Shabbatausgang in Zürich: 22:26
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Die Gruppe der Wandernden ist so gross, dass es ein logistisches Problem ist, die Riesenzahl von Menschen zu dirigieren. Erinnern wir uns, allein mehr als 600.000 war die Zahl der möglichen Soldaten, wie die Zählung in der vergangenen Woche ergab. Heute würde das kein Problem mehr darstellen. Heute könnte man die Kommunikation mit verschiedenen WhatsApp-Gruppen regeln, aber damals?
Damals war das viel problematischer. Gott hatte jedem Stamm einen bestimmten Lagerplatz rund um den Mishkan zugeteilt. Seine Anweisungen an die Israeliten kamen durch gezielt eingesetzte göttliche Signale. Solange er in Form der Wolke über dem Lager schwebte, durften sie ruhen, sobald sich die Wolke erhob, mussten sie aufbrechen. So wie Gott beim eigentlichen Auszug aus Ägypten die Feuer- und Wolkensäule eingesetzt hatte, um ihnen eine Orientierung zu geben.
Jetzt wurde das Wolkensignal verstärkt durch Trompeten. Auch hier gibt Gott eine genaue Anweisung, mit welchen Tönen welche Stämme über besondere Ereignisse, wie Aufbruch, Versammlung oder auch bei Angriffen informiert werden sollten. Ein einfaches, aber durchaus effektives System. Übrigens, ganz verloren gegangen ist dieses System bis heute nicht. Noch immer wird der bevorstehende Beginn des Shabbats oder eines Feiertages durch das Blasen eines Shofars von der südlichsten Ecke der Stadtmauer um Jerusalem angekündigt. In einigen Orten Israels hört man kurz vor Shabbateingang ein bekanntes Lied aus den Lautsprechern. Niemand darf sagen, er hätte es nicht gehört!
Als alles organisiert und geplant ist, gibt Gott am 20. Tag des 13. Monats nach dem Aufbruch aus Ägypten das Signal, den Sinai in Richtung Norden zu verlassen.
Eigentlich müsste man denken, dass die Israeliten jetzt, da es endlich weiterging, und die Durchquerung der Wüste vor ihnen lag, hochmotiviert waren.
Doch was machten sie stattdessen? Sie quengelten wieder einmal wie Kinder, die sich mit dem, was da ist, begnügen sollen. Jeden Tag «nur» Manna als Nahrungsmittel, das sorgte für Unmut. «Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst zu essen bekamen, an die Gurken und Melonen, an den Lauch, an die Zwiebeln und an den Knoblauch.» Durchaus nachvollziehbar, dass ihnen Manna, das aussah wie „Koriandersamen und Bdelliumharz“ kulinarisch langsam, aber sicher zu viel wurde. Oder eben zu wenig. Ganz ehrlich, was regt den Gaumen mehr an? Mit Zwiebeln und Knoblauch gedünsteter Fisch und anschliessend eine erfrischende Wassermelone, oder ein harzartiges, wenngleich auch gesundes Nahrungsmittel mit aromatischem Geruch, aber bitterem Geschmack? Nu?
Sie beschweren sich bei Moshe, dem verständlicherweise wieder einmal alles zu viel wird. «Ich kann dieses ganze Volk nicht allein ertragen, es ist mir zu schwer.» Natürlich liess Gott ihn nicht allein mit seiner Not. Fortan sollten ihm 70 Männer, erfahrene und bewährte Stammesälteste, helfen, das manchmal so aufmüpfige Volk zu beruhigen. Das Volk aber strafte er, indem er es erst mit Wachteln überfütterte, die eine böse Allergie auslösten.
Es war wahrlich nicht die beste Zeit für Moshe. Mirjam und Aaron, seine Geschwister, zogen über ihren Bruder her. Es ist bekannt, dass grosse Schwestern gerne dazu neigen, ihre jüngeren Brüder zu bevormunden, sie ständig zu kritisieren. Aber in diesem Fall kam noch etwas hinzu. Mirjam hatte Moshe das Leben gerettet, wahrscheinlich fühlte sie deshalb eine besondere Verantwortung für ihn. Viel erfahren wir nicht von dem Gespräch. Es scheint, als ob die Geschwister eifersüchtig auf die besondere Beziehung zwischen Gott und Moshe waren und sich zurückgesetzt fühlten. «Hat etwa der Herr nur mit Moshe gesprochen? Hat er nicht auch mit uns gesprochen?» Was hat das mit Moshes’ zweiter Frau zu tun? Moshe hatte hören müssen, dass die beiden sich über seine «nubische Frau» geäussert hatten. Hatte diese ihn so sehr mit Beschlag belegt, dass er keine Zeit mehr für seine Geschwister hatte? Oder, dass er keine Zeit mehr hatte, seine Führungsaufgaben gegenüber den Israeliten wahrzunehmen? Oder andersherum, dass er vor lauter Pflichten seine Frau vernachlässigte? Wir wissen es nicht. Für Moshe war diese Situation auf jeden Fall nicht nur persönlich kränkend, sondern stellte auch seine Autorität in Frage.
Dass das göttliche Urteil in dieser Situation ein politisches ist, wird schnell klar. Das Volk braucht einen unantastbaren Führer, und der ist Moshe. Daher auch die Feststellung: «Moshe aber war ein sehr demütiger Mann, demütiger als alle Menschen auf der Erde.» Aaron kommt ebenfalls ungestraft davon, denn als oberster Priester soll auch er nicht in Zweifel gezogen werden. Die Geschwister müssen jedoch eine Standpauke über sich ergehen lassen, die es in sich hat. «Wer seid ihr, dass ihr Moshe angreift? »
Mirjam hingegen als schwächstes Glied dieser Beziehungskette wird von Gott mit einer siebentägigen Dermatitis bestraft. Doch auch Mirjam erfährt die Loyalität ihres Volkes. Sie lassen sie nicht einfach zurück, sondern warten, bis sie nach sieben Tagen wieder zu ihnen zurückkehren darf.
Erst dann ziehen sie weiter.
Kommen wir nun zu den Sprüchen der Väter:
(18) Er [Akiwa] pflegte zu sagen: Bevorzugt ist der Mensch, dass er im Ebenbild geschaffen ist. Ein besonderer Vorzug ist’s, dass es ihm zum Bewusstsein gebracht worden, dass er im Ebenbild geschaffen: denn es ist gesagt: ‘Denn im Ebenbild Gottes hat er den Menschen geschaffen.‘ Bevorzugt sind Israel, dass sie Kinder genannt sind. Ein besonderer Vorzug ist’s, dass es ihnen zum Bewusstsein gebracht worden, dass sie Gottes Kinder genannt wurden., denn es ist gesagt: ‚Kinder seid ihr Gott, eurem Gott.‘ Bevorzugt ist Israel, dass ihm ein kostbares Werkzeug gegeben ist. Ein besonderer Vorzug ist’s, dass es ihm zum Bewusstsein gebracht worden, mit welchem die Welt erschaffen worden; denn es ist gesagt: ‚Eine das Gute aneignende Lehre habe Ich euch gegeben, verlasst meine Torah nicht.
Gott ist nicht bildlich, die Vorstellung vom weisen Mann, der mit einem langen Bart auf einer Wolke sitzt, ist Kinderglaube und endet irgendwann. Was aber ist dann mit dem Ebenbild Gottes gemeint?
Sind wir in seinem Ebenbild geschaffen, so wie ein Kind zumeist einem seiner Elternteile gleicht, oder dem von beiden einige Merkmale mitgegeben wurden? Oder ist es nicht viel mehr, dass wir von Gott die Möglichkeit des freien Willens erhielten, die Möglichkeit, uns zwischen zwei Wegen zu entscheiden?
Gott hat uns erschaffen mit der Kraft über unseren Körper zu entscheiden und die innere Kraft dessen zu nutzen, was uns als ‘Nefesh’, eine Form der Seele, bekannt ist. Die ‘Nefesh’ hat, das wissen wir, ihren Sitz im Blut, ist unser Lebensquell, der mit der Geburt beginnt und uns mit dem Tod verlässt. Die ‘Nefesh’ gilt auch als der göttliche Motor in uns, die ‘koach sichli’, die unserem Intellekt zugrunde liegt.
Niemand von uns kann sich ein Bild von Gott machen, das konnte noch nicht einmal Moshe, unser grösster Prophet, denn auch er durfte Gott nie von Angesicht zu Angesicht sehen. Wir erkennen Gott nur in der Torah, die er uns gegeben hat als Leitfaden für unser Leben. Das ist es, zu was Gott uns im letzten Satz des heutigen Abschnitts auffordert: «Verlasst meine Torah nicht!“ Halten wir uns daran, dann erfüllt sich das Wort, dass wir erschaffen sind in seinem Ebenbild.
Shabbat Shalom
Kategorien:Religion
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