Bamidbar, Schlach 13:1 – 15:41

24./25. Siwan 5785                                                                     20./21. Juni 2025 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                        19:08

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        20:30

Shabbateingang in Zürich:                                                                21:08

Shabbatausgang in Zürich:                                                               22:28

Wieder einmal standen Männer aus jedem Stamm vor einer herausfordernden Aufgabe. Sie sollten im Auftrag Gottes das Land erkunden, das Gott den Israeliten zugesichert hatte. Keine Aufgabe für verzagte Menschen. Deshalb lesen wir auch in Vers 13:20 „Habt Mut und bringt Früchte des Landes mit!“

Kennen wir die innere Unruhe, die uns vor jedem Neubeginn überfällt, nicht aus eigener Erfahrung? Das ist so beim ersten Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt, wie ihn gerade in diesen Wochen Zigtausende Studenten erleben. Erstmals allein auf sich gestellt, in einer völlig neuen Situation und in einer neuen Umgebung.

Die innere Unruhe ist das untrügliche Zeichen, dass wir bei aller nach aussen zur Schau gestellten Coolness eigentlich nervös sind. So gesehen ist das sogar ein gesundes Symptom, das zeigt, dass wir nicht kopf- und planlos handeln.

Den jungen Männern wird es nicht anders ergangen sein. Hing es doch von ihren Beobachtungen und Erkenntnissen ab, was sie den Zurückgebliebenen berichten konnten. Ob es ein fruchtbares, reiches Land sein würde oder ein eher dürres Land, das erst von ihnen urbar werden müsste. Ob es dort Menschen gäbe, die schon länger dort siedelten, oder ob es ein einsames Land wäre? Und falls es dort bereits Menschen gäbe, wie würde sich das Zusammenleben mit ihnen gestalten?

Vierzig Tage zogen sie umher, dann kehrten sie, reich beladen mit Weintrauben, Granatäpfeln und Feigen zurück. Das Bild, das wir hier sehen, ist heute noch das Symbol für den israelischen Tourismus, für die Gastfreundschaft. Zwei Männer, die zwischen sich die Stange mit der prallen Weintraube tragen.

Wieder spricht die Torah von der Zahl vierzig. Vierzig Jahre mussten die Israeliten durch die Wüste wandern, vierzig Tage verbrachte Moshe auf dem Berg Sinai bei Gott, vierzig Tage flehte Moshe um Vergebung, nachdem das Volk dem ‚Goldenen Kalb‘ gehuldigt hatte. Viel früher in der Geschichte haben wir gelesen, dass die grosse reinigende Flut vierzig Tage dauerte, bis die Taube mit dem Ölzweig zur Arche zurückkehrte. Die Zahl vierzig steht immer im Zusammenhang mit Erneuerung, Reinigung, Prüfung und Bewährung.

Zurück zu den Spähern. Sie hatten nichts Gutes über das Land, das sie gesehen hatten, zu erzählen. Im Gegenteil, sie erzählten von furchterregenden Menschen, die unbesiegbar dort lebten. Heute würde man von ‚fake news‘ sprechen, die nur aus dem Grund verbreitet werden, um z.B. eine Regierung in Misskredit zu bringen. Oder auch, um die eigene Angst zu verschleiern, mit diesen starken Nachbarn gemeinsam leben zu müssen.

Die Späher schafften es, das Volk mit ihren negativen Worten zu manipulieren. Wieder einmal murrten die Israeliten, lehnten sich gegen Moshe und Aaron auf und verlangten eine ‚politische Neuordnung‘. Die Angst des Volkes Israel ging sogar so weit, dass sie Moshe und Aaron steinigen wollten. Gott war geneigt, drakonische Massnahmen gegen Unruhestifter zu ergreifen, doch Moshe flehte ihn an, gnädig zu sein. Gott beschloss, dass niemand von denen, die sich immer wieder gegen ihn wendeten, das Land der Verheissung erreichen wird.

Nur zwei Männer behielten einen klaren Kopf und schilderten ausführlich, was sie gesehen hatten. Jehoshua, der Sohn Nuns aus dem Stamme Efraim und Kaleb, der Sohn Jefunnes aus dem Stamm Juda. Beide Männer waren später die einzigen ihrer Generation, die das von Gott versprochene Land betreten durften, alle anderen Späher starben unmittelbar nach ihren falschen Berichten. Jehoshua war darüber hinaus derjenige, der nach dem Tod von Moshe zum Anführer bestimmt wurde.

Manchmal ist blindes Vertrauen wichtig, um sich auf Neues einzulassen. Lügen sind nie eine Lösung, noch weniger sind es Verleumdungen.

Ich wünsche uns aber auch allen, die Meinungsbildner und Meinungsträger sind, einen klaren Blick auf die Realität und die Fähigkeit, sich dieser auch zu stellen.

Kommen wir zu den Sprüchen der Väter:

(19) Alles ist vorausgeschaut und die Freiheit ist gegeben und nach dem Guten wird die Welt gerichtet und das Ganze nach der Mehrheit des Geschehenen.

Es ist von Anfang an von Gott bestimmt, dass wir, die Menschen den freien Willen haben, uns zu entscheiden zwischen dem Guten und dem Bösen. Vielleicht scheint es manchmal reizvoller zu sein, den weniger guten Weg zu wählen, um wie es heisst‚ ‚verbotene Früchte zu naschen‘. Auch sie sind von Gott gegeben und stehen uns zur Verfügung. Gott schreibt uns nichts vor, er weiss aber, weil er zeitlos ist, wie unsere Entscheidung lauten wird. Wählen wir das Unrechte, so straft er uns nicht. Manchmal werden wir unsere Entscheidung noch einmal überdenken und neu gestalten. Am Ende jedoch wird das Gute überwiegen und sich die Waagschale zu dieser Seite neigen.

(20) Rabbi Akiwa pflegte zu sagen: Alles ist gegen die Bürgschaft gegeben und ein Netz ist ausgebreitet über alles Lebende. Der Laden ist geöffnet, der Kaufmann borgt, das Buch liegt offen und die Hand schreibt ein. Wer borgen will, komme und borge. Die Gerichtsvollzieher machen jeden Tag die Runde und nehmen Bezahlung von den Menschen mit seinem Wissen und ohne sein Wissen. Es ist alles vorhanden, worauf wir uns verlassen können, die Abwägung unserer Schuld und Bezahlung ist korrekt. Alles ist vorbereitet für das grosse Mahl.

Rabbi Akiwa wählt hier einen interessanten Vergleich. Wir erhalten Gottes schützende Hand als Kredit für unser Handeln ab dem Augenblick der Geburt. Alles, für das wir uns entscheiden zu tun, alles, was wir aus dem reichen Angebot auf unserem Lebensweg aufnehmen, wird in unser Buch des Lebens eingetragen. Damit wächst ständig unsere Verpflichtung Gott gegenüber. Doch damit diese Schuld nicht irgendwann zu belastend wird, haben wir die Möglichkeit, sie abzugelten. Dies geschieht mit jeder Mitzwa, die wir bewusst oder auch unbewusst erfüllen. Wenn alles gut geht, wenn wir unser Leben gottgefällig leben, wird unsere Schuld am Ende unserer Tage ausgeglichen sein.

Shabbat Shalom



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