Bamidbar, Chukat 19:1 – 22:1

8./9. Tammus 5785                                                                     4./5. Juli 2025 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         19:09

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        20:30

Shabbateingang in Zürich:                                                                 21:07

Shabbatausgang in Zürich:                                                                22:25

Die Dinge entwickeln sich dramatisch für das Volk Israel, vor allem aber auch für Moshe. 38 Jahre sind sie nun schon in der Wüste unterwegs und nähern sich langsam dem Ziel ihrer Reise. Es ist der Wochenabschnitt der grossen Verluste. So hatte Gott es angekündigt, niemand aus der Generation derer, die Ägypten verlassen hatten, sollten im von ihm versprochenen Land ankommen.

Zunächst jedoch lesen wir eine für uns unverständliche Anweisung. Vielleicht die unverständlichste in der ganzen Torah. Es geht um die ‚rote Kuh‘. Gott hebt die Bedeutung dieses Gesetzes besonders hervor. זֹאת חוקת הַתּוֹרָה, sot chukat hatora kann frei übersetzt werden als «Dieses in Stein gemeisselte Dekret».

Um einen Menschen, der mit einem Verstorbenen Kontakt hatte und der damit unrein wurde, wieder zu ‚reinigen‘, bedarf es eines speziellen Reinigungswassers. Das reinigende Element basiert auf der Asche einer als Ganzes mit stark duftenden Gewürzen zusammen verbrannten ‚roten Kuh‘. Die Rückstände werden mit frischem Wasser vermischt und als ‚Reinigungswasser‘ für das Volk Israel zur Verfügung gestellt. Von der hier als ‚rote Kuh‘ bezeichneten Kuh, die noch niemals trächtig war, noch jemals gemolken wurde oder im Joch gegangen ist, gibt es tatsächlich eine Rasse, deren Fell rot-golden ist.

Mirjam, die Schwester von Moshe, stirbt in der Wüste Zin. In der Torah ist sie immer aktiv an für das Volk Israel wichtigen Ereignissen beteiligt. Sie war diejenige, die beobachtete, was mit ihrem Baby-Bruder geschah. Sie war es auch, die ihre Mutter als Amme für ihn vorschlug. Namentlich wird sie in dieser Szene zwar nicht genannt, aber aufgrund ihrer Nähe zu Moshe während der folgenden Jahre geht die Tradition davon aus, dass sie eben diese Schwester ist.

Jahrzehnte später, nach der Durchquerung des Schilfmeeres, erleben wir ihre übergrosse Freude, als sie zusammen mit den anderen Frauen tanzt und singt. In dieser Textstelle wird sie als erste Prophetin bezeichnet. מִרְיָם הַנְּבִיאָה  – Mirjam hanevia. Mirjiam und die Frauen wiederholen mit ihrem Lied den ersten Vers des viel längeren «Shir haYam» (Lied des Meeres): «Singt für den Herrn, denn er ist gross! Die Pferde und Wagen [der Ägypter] hat er ins Meer geworfen!»

Viel später, wir haben vor wenigen Wochen davon gelesen, stellt sie erstmals gemeinsam mit ihrem Bruder Aaron die Vorherrschaft von Moshe infrage «Hat Gott wirklich nur mit Moshe gesprochen? Hat er nicht auch mit uns gesprochen?» Doch Gott weist sie in die Schranken. Er wisse schon, mit wem er direkt spreche und mit wem nicht. Damit hat Gott den alleinigen Anspruch von Moshe, als Prophet von ihm anerkannt zu sein, nochmals bekräftigt.

Unmittelbar nach dem Tod Mirjams erhebt sich das Volk erneut gegen Moshe und Aaron. Wieder machen sie Moshe verantwortlich dafür, dass es in der Wüste kein Wasser für sie gebe und stellten erneut die Frage, warum er sie aus Ägypten geführt habe, nur um nun in der Wüste zu sterben. Wieder wendet sich Moses an Gott.

Dieser gibt ihm eine klare Anweisung: «Nimm deinen Stab, versammele dich mit dem Volk Israel vor dem Felsen und sprich zu ihm [dem Felsen]. Er wird genug Wasser geben, um die Menschen und das Vieh zu tränken.» Doch was macht Moshe? Er schlägt mit seinem Stab zweimal auf den Felsen. Hat er die Nerven verloren? War das genau das eine Mal zu viel, dass das Volk sich gegen ihn erhob? Zwar fliesst das Wasser wie versprochen, aber dieses Mal ist es auch für Gott das eine Mal zu viel, dass Moshe und Aaron ihm nicht blindlings vertrauen. «Ihr beide werdet das Volk nicht in das Land bringen, das ich euch versprochen habe!» Wie schmerzlich muss es für Moshe gewesen sein, das zu hören. Vor allem, weil er weiss, dass es mit Gott kein Verhandeln gibt. Wenn er etwas beschlossen hat, dann ist es so.

Dann verstirbt auch Aaron und das Volk Israel trauert 30 Tage um ihn.

Der zentrale Punkt dieses Wochenabschnittes ist das Wasser. Wasser als Sinnbild des Lebens. Und damit auch als Sinnbild für die Torah.

Mirjam hatte es ermöglicht, dass Moshe aus dem Nil gerettet wurde. Das Schilfmeer hatte sich geteilt, um das Volk Israel endgültig vor den ägyptischen Verfolgern zu retten. In der Wüste leidet das Volk Israel unter Wassermangel und Gott schickt die Rettung durch einen Felsen, aus dem er das rettende Wasser sprudeln lässt. Mirjam stirbt und eine grosse Dürre setzt ein. Ohne Wasser kein Leben.

Das Volk Israel ist müde geworden während der langen Wanderung. Die Beziehung zwischen ihnen und Gott scheint gestört. Doch irgendwann löst sich der Beziehungsknoten, und sie können endlich gegenüber Moshe und damit auch Gott zugeben, dass sie Fehler gemacht haben.

In der Nähe der Grenze zu Moab kamen sie an einen Ort Be’er. Dort sagte Gott: «Versammle Dein Volk hier, ich werde ihnen Wasser geben.»Voll Glück und die Freude, dass es von jetzt an besser werden würde, stimmten die Menschen erneut ein Lied an «Brunnen breche hervor!»

Wasser ist Leben, Wasser ist immer in Bewegung. Wasser ermöglicht Mobilität. Wasser kann vernichten, aber auch Schutz geben. Wasser verändert die Landschaft. Das kann man vor allem in Wüstengebieten oder entlang von Wasserläufen erkennen. Dass Wasser ein Grundbedürfnis ist, erleben wir in diesem bisher viel zu trockenen und viel zu heissen Sommer. Es ist die Natur und damit auch die Menschen, die leiden.

Wasser ist auch das Sinnbild für die Torah. Wenn wir uns das immer wieder vor Augen halten, werden wir vielleicht die von ihr ausgehenden Kräfte für uns leichter erkennen und verstehen können.

Kommen wir wieder zu den Sprüchen der Väter.

(22) Rabbi Elazar ben Azariah pflegte zu sagen: Wessen Wissenschaft mehr ist als seine Tat, der gleicht einem Baum, dessen Zweige viel sind und dessen Wurzeln wenig. Ein Wind kommt und entwurzelt ihn und stürzt ihn um auf seine Krone. Von ihm ist gesagt: „Er ist wie ein Vereinsamter in der Öde und sieht nicht, wenn Gutes kommt. Er wohnt auf ausgeglühtem Boden in der Wüste, in salzgetränktem Land, das nicht zu bewohnen ist. Aber wessen Taten mehr sind als seine Wissenschaft, der gleicht einem Baum, dessen Zweige wenig und dessen Wurzeln viel. Kommen auch alle Winde der Welt und wehen gegen ihn, sie bewegen ihn nicht von der Stelle. Von ihm ist gesagt: „Er ist wie ein Baum, der gepflanzt am Wasser und zum Wasserbruch seine Wurzeln sendet. Er spürt nicht, wenn Hitze kommt, sein Blatt bleibt frisch, im Jahr der Dürre sorgt er nicht, hört nie auf, Frucht zu tragen.“

Wir haben im Vers 12 schon einmal einen ähnlichen Satz gelesen: Der, dessen gute Taten grösser sind als seine Weisheit, dessen Weisheit wird überleben, der, dessen Weisheit seine guten Taten übersteigt, dessen Weisheit wird vergehen. Den Satz haben wir so verstanden, dass das Wissen der Torah allein, ohne dass es angewendet wird, abstrakt bleibt und nicht zur positiven Veränderung des Menschen beiträgt. Wird das Wissen jedoch angewendet, so wird die Torah Teil des Lebens. Rabbi Elazar folgt hier erneut dem Modell. Wer Wissen anhäuft, ohne es anzuwenden, gleicht einem ‚kopflastigen‘ Baum, der nicht geerdet ist. Beschreiben wir nicht oft Wissenschaftler als ‚verkopft und abgehoben‘ und nicht wirklich lebensfähig? Genau das Bild wird hier beschrieben. Menschen, die ihr Leben damit zubringen, zu studieren, ohne zu erkennen, dass sie mit ihrem Wissen Veränderungen herbeiführen könnten. Zahlreiche Entdeckungen wurden durch Zufälle gemacht. Oft sind es die kleinen Dinge, die Grosses begründen. Man muss jederzeit offen sein, die Kleinigkeiten wahrzunehmen.

So wie z.B. Alexander Flemming, als er zufällig sein Laborfenster über Nacht offenliess, Pilzsporen auf seinen Bakterienkulturen entdeckte. Aus dieser Kombination entstand Penicillin, das heute aus der Medizin nicht mehr wegzudenken ist. Oder wie die kleine blaue Wunderpille, die als Bluthochdruckmedikament konzipiert war. Dort blieb sie erfolglos. Als man jedoch eine bahnbrechende Nebenwirkung bei Männern entdeckte, wurde Viagra für Pfizer ein Riesenerfolg.

Der Mensch, der vielleicht sogar spielerisch immer auf der Suche nach Neuem ist, sein gelerntes Wissen versucht anzuwenden wird als ‚homo ludens‘ jeden Gegenwind aushalten. Er ist tief genug verwurzelt in sich selbst, um auch Rückschläge auszuhalten.

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel

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