Krieg in Israel – Tag 652

23. Tammus 5785

Syriens interimistischer Präsident Ahmed al-Sharaa hat erneut beteuert, dass er die Minderheiten in Syrien schützen will. In der vergangenen Woche kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Drusen und Regierungstruppen sowie Beduinen. Mehr als 700 Menschen verloren dabei ihr Leben. «Der syrische Staat ist entschlossen, alle Minderheiten und Gemeinschaften im Land zu schützen … Wir verurteilen alle Verbrechen, die in Sweida begangen wurden», sagte Sharaa in einer Fernsehansprache, kurz nachdem sein Büro einen ‘sofortigen Waffenstillstand’ in der südlichen Provinz verkündet hatte.

Aussenminister Gideon Sa’ar bezeichnet die erneute Zusage des syrischen Präsidenten als sehr unzuverlässig. Nach den tödlichen Zusammenstössen zeige es sich, dass es ‘sehr gefährlich’ sei, als Angehöriger einer Minderheit in Syrien zu leben. Er nannte dabei explizit: Kurden, Drusen, Alawiten und Christen. «Dies hat sich in den letzten sechs Monaten immer wieder gezeigt», sagt er und fügt hinzu, dass die internationale Gemeinschaft «die Pflicht hat, die Sicherheit und Rechte der Minderheiten in Syrien zu gewährleisten und die Wiederaufnahme Syriens in die Familie der Nationen von ihrem Schutz abhängig zu machen.»

In der NZZ von heute steht ein interessanter Artikel von Chaim Noll über die Drusen, ihre Geschichte und Religion. Die Drusen haben sich bereits im 11. Jahrhundert vom schiitischen Islam abgespalten. Wegen ihrer anderen Religionen gegenüber toleranten Haltung werden sie vom fundamentalistischen Islam abgelehnt und sind, wie jetzt in Syrien, gefährdet und Angriffen ausgesetzt. Diese tolerante Haltung erlaubt es ihnen auch, mit Nicht-Drusen in Frieden miteinander zu leben. Sie missionieren nicht, sie verbreiten keine Literatur über ihre Religion, die ausschliesslich von ‘Eingeweihten’ Männern und Frauen, weitergegeben wird. Konversionen gibt es schon lange nicht mehr, Hochzeiten finden innerhalb der drusischen Gesellschaft statt. Man lebt weitgehend abgeschlossen unter sich. Die Vorschriften und das Wissen werden durch ‘Sendschreiben’ weitergegeben, die der Gründer der Religion, Hamza ibn Ali ibn Ahmad, zwischen 1017 und 1021 geschrieben hat. In den Texten findet man Einflüsse der griechischen Philosophen und des rabbinischen Judentums. In der Vergangenheit versuchten die Drusen sich durch Flucht in gebirgige Regionen zu retten (s. gestern), wie die ‘Drusenberge’ im Süden von Syrien sowie dem Golan und dem Karmel Gebirge in Israel zu entkommen. Dennoch bleibt die Gefährdung virulent. 2018 gab es ein Massaker in Sweida durch den IS bei dem 216 Menschen getötet und 150 verletzt wurden. Zudem wurden zahlreiche Frauen und Kinder entführt.

Angesichts der neuen Massaker nannte Netanyahu die Drusen ‘die Brüder unserer Brüder’, die es zu schützen gelte. Die 150.000 Drusen, die in Israel leben, sind loyale Bürger des Staates, 80 % der Männer leisten ihren Wehrdienst in der IDF. Für die israelische Regierung ist es wichtig, ein gutes Einvernehmen mit den syrischen Drusen aufzubauen. Ihr Wohngebiet liegt, strategisch wichtig, unmittelbar östlich des Golans.

Übrigens: Vom 27. Februar 2007 an war ein Druse, Majallie Whbee, damals stv. Knesset-Sprecher, für einige Tage amtierender Präsident des Staates Israels. Der Grund war, dass der damalige Präsident, Moshe Katzav, wegen der Anklageerhebung gegen ihn die Amtsgeschäfte ruhen liess (Kann das bitte mal jemand Netanyahu in Erinnerung bringen????) und die erste Knesset-Sprecherin sich im Ausland befand. So viel zum Thema Apartheid in Israel!

Offenbar verlief die dringende Aufforderung des syrischen Präsidenten, den Waffenstillstand einzuhalten, ungehört. Nach wie vor laufen Beduinen marodierend durch die Strassen von Sweida. Die Zahl der Opfer seit Beginn der Unruhen ist auf 940 angestiegen. Darunter sind 326 drusische Kämpfer, 262 drusische Zivilisten, von denen 182 systematisch grundlos von Mitgliedern des Verteidigungs- und Innenministeriums exekutiert wurden. Auf der anderen Seite starben 312 Sicherheitskräfte der Regierung und 21 sunnitische Beduinen, von denen drei Zivilisten von Drusen grundlos exekutiert wurden. Weitere 15 Regierungstruppen wurden bei israelischen Angriffen getötet.

Die IDF bestätigte, dass Dutzende israelische Drusen erneut den Grenzzaun zwischen Israel und Syrien durchbrochen haben und sich dabei ‘gewalttätig’ gegenüber der IDF verhalten haben. Die Soldaten hatten versucht, eine aggressive auftretende Versammlung aufzulösen, was ihnen aber nicht gelang. «Nach der Versammlung überquerten die Zivilisten den Grenzzaun in syrisches Gebiet in der Nähe von Majdal Shams und gingen dabei gewalttätig gegen die Streitkräfte vor», so das Militär. «Das Überqueren der Grenze nach Syrien stellt eine Straftat dar, die sowohl die Öffentlichkeit als auch die IDF-Soldaten gefährdet.»

Yasser Abu Shabad, ein von der Hamas gesuchter Milizionär, ist dabei, zu einer bedeutenden Persönlichkeit in Gaza zu werden. Auf seiner Facebook Seite, die er unter seinem Klarnamen betreibt, sucht er seit vorgestern Mitarbeiter für seine Organisation ‘Popular Forces’, die angeblich von einem Geberstaat finanziert werden. Seine Kommentatoren rufen dazu auf, die Hamas zu zerstören und machen ihrem Frust über die katastrophale Lage in Gaza Luft. Doch darf man dem bewaffneten Mann, der vorgibt, den Dialog zu suchen, trauen? «Dies ist eine Reaktion auf den Zusammenbruch offizieller Systeme und die Dominanz einer waffengetriebenen Logik. Wir sind eine unpolitische, populäre Bewegung, die eine stabile, gewaltfreie, friedliche und sichere palästinensische Gesellschaft aufbauen will, die in Würde lebt und an den Dialog als legitimes Mittel zur Erzielung künftiger Verständigungen glaubt», betont er. «Die ‘Popular Forces’ sind eine palästinensische, nationale und unabhängige Organisation, die gegründet wurde, um den Schutz der Zivilbevölkerung, die Verteilung humanitärer Hilfe und die Sicherung von Gebieten zu gewährleisten, die nicht Opfer von Terror oder lokalem Extremismus werdenAuf die Frage nach dem Angriff vom 7. Oktober betont Abu Shabab: „Die Entscheidung der Hamas vom 7. Oktober rechtfertigte die Angriffe auf die Bewohner Gazas. Sie war eine gescheiterte militärische Entscheidung, die uns in die Hölle geführt hat. Aber der 7. Oktober ist keine Entschuldigung für Israels Politik der kollektiven Bestrafung unseres Volkes und die Tötung unschuldiger Zivilisten.» Trotzdem, so erklärt er, ist Israel nicht sein Feind. Shabab sieht auch eine politische Rolle als möglich für sich selbst. «Wir werden das sein, was unser Volk von uns erwartet. Wir werden ihm kein politisches System aufzwingen.» Man muss sich den Namen auf jeden Fall merken und seine Entwicklung beobachten. Vorerst bleiben ihm zehn Tage, um sich der Hamas zu ergeben. Danach soll er vor ein ‘Kriegsgericht’ gestellt werden.



Kategorien:Israel, Politik

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