7./8. Aw 5785 1./2. August 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 18:56
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:14
Shabbateingang in Zürich: 20:41
Shabbatausgang in Zürich: 21:52

40 Jahre Wüstenwanderung sind vergangen, seit die Israeliten aus Ägypten über das Schilfmeer geflohen sind. Moshe ist jetzt 120 Jahre alt. Ein Drittel seines Lebens hat er damit verbracht, Gottes Worte, Vorschläge und Verpflichtungen an das Volk weiterzugeben.
Den Auftrag hatte er erhalten, als er Gott erstmals im brennenden Dornbusch am Berg Horeb traf. Dort wurde ihm auch der Gottesname mitgeteilt.
אֶהְיֶה אֲשֶר אֶהְיֶה – „Ich bin der, der Ich sein werde“
Er erhielt von Gott zunächst den Auftrag, die Israeliten aus dem Exil in Ägypten in die Freiheit zu führen und während der ganzen Zeit als Gottes „Sprachrohr“ zu dienen. Moshe litt unter einem Sprachfehler, er stotterte und hatte deshalb Angst, zu versagen: „Ich bin kein Mann des Wortes“ woraufhin Gott ihm seinen Bruder Aaron als „Stimme“ zur Seite stellte.
Doch jetzt, kurz bevor die Israeliten über den Jordan in das ihnen zugesicherte Land ziehen, ist Vieles anders geworden. Ausser Moshe sind nur noch Kalev und Jehoshua von denen, die aus Ägypten loszogen, am Leben. Moshe weiss, dass auch seine Zeit bald abgelaufen sein wird. Er wird nicht in die neue Heimat hineinziehen dürfen. Aber er durfte das Land sehen, nur wusste er das zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Jetzt, am Ende der Reise und seines Lebens, darf er endlich frei sprechen. Er darf seine Emotionen ausdrücken und seinem Volk sein persönliches Testament hinterlassen. In dieser und der kommenden Woche lesen wir die längste Rede, die Moshe in den vierzig Jahren gehalten hat.
Noch einmal lässt er die Jahre Revue passieren, erinnert sich noch einmal daran, wie es dank Gottes Ratschlägen gelang, aus einer ungeordneten Menschenmenge ein wohlorganisiertes Volk zu machen. Er brachte ihnen nochmals die Managementinstrumente in Erinnerung, die die Last auf seinen Schultern erleichterten. „Wie soll ich allein euch tragen: eure Bürde, eure Last, eure Rechtshändel?“, (Vers 1:12). Auch die Bedeutung eines fairen Gerichtsverfahrens hob er nochmals hervor „Entscheidet gerecht, sei es der Streit eines Mannes mit einem Bruder oder mit einem Fremden. Kennt vor Gericht kein Ansehen der Person!“, (Vers 1:16-17). Wie ist das im Jahr 2025????? Wer in er heutigen Regierung in Israel kennt noch diese Stelle in der Torah?
Die letzten Verse des heutigen Wochenabschnitts sind den einzelnen Stationen der langen Wanderung durch die Wüste gewidmet. Moses erklärt noch einmal eindringlich, welche Entscheidungen Gottes zu den teilweise langen Umwegen geführt hatten. Er will damit seinem Volk versichern, dass jeder ihrer Schritte von Gott in einer bestimmten Absicht gelenkt wurde. Nicht alle Entscheidungen waren den Israeliten klar, sie hatten immer wieder gemurrt und sich bei Moshe beschwert. Sie hatten sich gegen Gott aufgelehnt und sich immer wieder von ihm abgewandt. Es hatte Moshe unglaublich viel Geduld und Mühe gekostet, sie immer wieder aufs Neue zu überzeugen. Nur einmal, wir erinnern uns, war es der sprichwörtliche Tropfen auf den heissen Stein, der seine Gunst bei Gott verspielte. Sein Einschlagen auf den wasserspendenden Felsen hatte dazu geführt, dass Moshe von Gott bestraft wurde.
Es muss eine bittere Erfahrung für den alt gewordenen Mann gewesen sein, dass er am Ende seines Lebens nicht die Früchte seines unermüdlichen Tuns ernten darf. Moshe hat sich nie in den Vordergrund gespielt. Er wollte nie ein Anführer werden. Erst als Gott ihn vermehrt dazu drängte, hat er die Verantwortung übernommen.
Mit Shabbatausgang beginnt nach Sonnenuntergang der 9. Aw, jener Trauertag, an dem wir der Zerstörung der beiden Jerusalemer Tempel gedenken.
Es ist kein Zufall, dass in unserem Wochenabschnitt der 12. Vers mit dem Wort „איכה“ beginnt. Ejcha, so beginnt auch das Klagelied, welches wir am 9. Aw singen. Nur dreimal wird die Langform des Fragewortes „אֵיך“ ejch gewählt. Einmal an dieser Stelle (Vers 1:12), gesprochen vom grössten Propheten aller Zeiten, Moshe, ein zweites Mal in einem Buch des Propheten Jeschajahu „Wie ist die treue Burg zur Buhlerin geworden?“ und ein drittes Mal in den Klageliedern, geschrieben vom Propheten Yirmijahu. „Wie konnte es so weit kommen, dass sie einsam, allein und ohne Bewohner sitzt die einst so volkreiche Stadt Jerusalem?“ (Ejcha 1:1). Für jeden der drei Propheten gibt es einen Grund, warum die Tempel zerstört wurden und das Volk Israel in die Diaspora verstreut wurde. Er liegt immer im menschlichen Fehlverhalten.
Manche Menschen tendieren dazu, jegliche Verantwortung für andere abzulehnen. Sie hoffen, dass diese Aufgabe von anderen erfüllt wird. Ihr Handeln, ohne einen Blick auf das Wohlergehen der Gesellschaft, wird sie irgendwann vereinsamen lassen. Mehr als das, sie können sich so nie in einer schützenden Gesellschaft verwurzeln. Moshe hat uns vorgelebt, wie man Verantwortung übernehmen kann, ohne sich dabei immer wieder in den Vordergrund zu spielen.
Kommen wir zu den Sprüchen der Väter:
(11) Rabbi Jonathan sagt: Wer die Torah aus Armut erfüllt, der wird sie auch aus Reichtum erfüllen. Wer die Torah aus Reichtum unerfüllt lässt, wird sie auch in Armut unerfüllt lassen.
Heute möchte ich statt eigener Gedanken die Legende von einem unserer grossen Lehrer, Hillel, erzählen.
Die Gemara (Joma 35b) berichtet, dass Hillel jeden Tag als Holzfäller arbeitete, um ein wenig Geld zu verdienen. Die eine Hälfte brauchte er für den Unterhalt seiner Familie, die andere Hälfte musste er dem Beamten im Beit Midrasch, dem Lehrhaus, zahlen, damit der ihn einliess. Dort lernte er von den grössten und berühmtesten Gelehrten seiner Zeit.
Einmal, an einem Freitag, war es ihm nicht gelungen, genügend Geld zu verdienen, um ins Beit Midrasch eingelassen zu werden, und so musste er draussen bleiben. Doch er liess sich nicht unterkriegen.
Unerschrocken stieg er kurz vor dem Schabbat aufs Dach des Lehrhauses und lauschte durch die Dachluke den Schiurim, dem Unterricht des grossen Rabbi Schemaja und des berühmten Rabbi Awtaljon.
Doch während der Winternacht schneite es sehr stark. Und so wurde er am nächsten Morgen fast erfroren unter drei Ellen Schnee entdeckt. Die Menschen im Beit Midrasch liessen die Gesetze des Schabbats ausser Acht und retten sein Leben.
Kategorien:Religion
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