24. Aw 5785
Netanyahu, der nie eine Chance auslässt, die Gesellschaft zu spalten, hat gestern dabei massiv die Grenzen überschritten. Seit Monaten schon behauptet er, die Mehrheit der Bürger stehe hinter ihm und seiner Politik. Das mögen vielleicht Sara N. und Yair N. glauben. Vielleicht schluckt es auch seine Kamarilla. Natürlich nur, um das einsturzgefährdete System der Regierung zu stützen. Die Familien und Freunde der Geiseln und Vermissten wurden von ihm in die Gruppe der ‘Hamas-Anhänger’ aufgenommen, die ‘den Schrecken des 7. Oktober 2023’ befürworten. Sogar die Opfer des Massakers sind in seinen Augen Sympathisanten der Terroristen. Den Krieg zu beenden führt in seiner Wahrnehmung dazu, dass «unsere Söhne und Töchter immer wieder einen endlosen Krieg führen müssen.» Alle seine Speichellecker geben vor, so zu denken wie er. Auch wenn die Opposition, die Medien, die von ihm entlassenen Generäle, die Familien und Freunde der Geiseln und Vermissten und die meisten der westeuropäischen Regierungschefs anderer Meinung sind, die Situation klar sehen. Nur er, nur der grosse selbsternannte Staatsmann hat Recht. Gibt es wirklich niemanden, der ihn auf legalem Weg stoppen kann?

MK Simcha Rothman, Religious Zionism, hatte es sich so schön vorgestellt. In einigen Schulen und Synagogen wollte er zum Thema ‘Antisemitismus’ sprechen und auch mit Opfern antisemitischer Angriffe reden. Eingeladen war er von der ‘Australien Jewish Association’. Doch statt ihn jubelnd zu empfangen, mussten sie ihm nun mitteilen, dass der Innenminister Tony Burke sein Visum kassiert hat. Jetzt darf er für drei Jahre nicht einreisen. Burke hatte erklärt: «Wenn Sie nach Australien kommen, um Hass und Spaltung zu verbreiten, wollen wir Sie hier nicht. Australien ist ein Land, in dem jeder sicher sein kann und sich sicher fühlt.» Rothman regierte: «Die Entscheidung ist eine Kapitulation vor dem Terrorismus und Antisemitismus, der in den Strassen Australiens grassiert. Die australische Regierung ist von islamistischen Dschihadisten damit bedroht worden, was passieren würde, wenn ich zu einem Besuch zugelassen würde, und statt sich um die öffentliche Ordnung zu sorgen und sich entschlossen gegen den Terror zu stellen, habe sie sich dem Terror ergeben.»

Der öffentlich-rechtliche Sender ‘Kan’ berichtete, dass Katar in den vergangenen Jahren rund US$ 10 Millionen an Israelis gezahlt hat. Empfänger waren hochrangige israelische Beamte, darunter mehrere Spitzenberater von Netanyahu. Strafverfolgungsbeamten zufolge hat allein Yisrael Einhorn, ein enger Wahlkampfberater des PM von 2022 bis Ende 2024 monatlich US$ 45.000 erhalten haben. Die Gelder flossen an seine Firma ‘Perception Media. US$ 18.000 erhielt Jonatan Urich, ein zweiter Berater, US$ 11.000 erhielt der Dritte im Bunde, Eli Feldstein. Feldstein hat sich vor einiger Zeit ins Ausland abgesetzt und wurde dort von Beamten von Lahav 443 befragt. Die Untersuchungen von Shin-Bet und Polizei dauern an.

Nach dem offiziellen Ende der Massendemonstrationen kam es gestern zu einem Gerangel zwischen Polizei und Demonstranten. Einige Hundert hatten sich vor der Likud Zentrale versammelt und entzündeten ein Lagerfeuer. Die Polizei griff teilweise gewaltsam ein und verhinderte, dass die Demonstranten den Eingang des Gebäudes erreichen konnten.


Die Organisatoren der Schlussveranstaltung korrigierten nach dem Ende noch einmal die Teilnehmerzahlen nach oben. Allein am Platz der Geiseln und in der nahen Umgebung hatten sich 500.000 Menschen versammelt, um für ein sofortiges Ende des Krieges und eine sofortige Freilassung aller Geiseln zu demonstrieren. Israelweit wurden die Zahlen mit einer Million beziffert. Das liegt deutlich niedriger, als am Nachmittag vermutet.
Das von der Hamas veröffentlichte Video von Matan Zangauker stammt zwar schon vom Januar 2024, ist aber trotzdem ein berührendes Zeugnis. Einav Zangauker zeigt das Video am Platz der Geiseln und beteuert anschliessend: «Mein Matan, mein Held, ich bin so stolz auf dich, dass du 681 Tage lang stark geblieben bist. Bleib weiterhin stark», sagt sie. «Matan hat um Lärm gebeten, also macht Lärm!», sagt Zangauker unter tosendem Applaus. «Meine Seele schmerzt und brennt vor Sehnsucht nach dir», klagt sie und fügt hinzu, dass die israelische Regierung diesen ‘gerechten Krieg’ in einen ‘endlosen Krieg verwandelt habe. «Wir haben keine würdige Regierung, aber wir haben die würdigste Nation der Welt», fährt Zangauker fort. «Wir fordern ein umfassendes Abkommen und ein Ende des Krieges», sagt sie. «Wir fordern, was uns zusteht – unsere Kinder! Und wir werden es so lange fordern, bis wir es bekommen.»
Netanyahu ist offenbar bereit, einen teilweisen Waffenstillstand und ein teilweises Geiselabkommen zu akzeptieren. Ein an den Verhandlungen beteiligter Beamter gab gegenüber ‘Kanal 12’ eine Erklärung ab: «Israel strebt derzeit nur ein umfassendes Abkommen an. Aber es gibt zu viele ungelöste Fragen hinsichtlich des Kriegsendes. Wenn die Hamas einem Teilabkommen unter hier akzeptablen Bedingungen zustimmt, wäre es keine Überraschung, wenn sich die rote Linie plötzlich verschiebt.» Netanyahu sei bereit, mit der Hamas über ein ‘schrittweises Abkommen zu diskutieren. „Wir haben aber noch keinen Entwurf von den Vermittlern erhalten.»

Bei seinem gestrigen Besuch in der Siedlung Ofra, nördlich von Ramallah, erinnerte Netanyahu an sein vor 25 Jahren abgegebenes Versprechen. «Wir werden alles tun, um unseren Besitzanspruch auf das Land Israel zu sichern, die Gründung eines palästinensischen Staates zu verhindern und die damaligen – und leider immer noch bestehenden – Versuche, uns hier zu entwurzeln, zu vereiteln. Gott sei Dank haben wir gehalten, was ich versprochen habe.» Netanyahu nahm gestern an den Feiern zum 50-jährigen Bestehen der Siedlung teil.
Die palästinensischen Terroristen von Hamas und Djihad erwägen offenbar, die noch lebenden Geiseln nach Gaza-City zu verlegen. Sie wollen damit die geplante Offensive und Besetzung des Gebietes durch die IDF verhindern. Die saudische Zeitung ‘Asharq al Awsat’ beruft sich in ihrem Bericht auf anonyme Quellen. Angeblich hat die Hamas ‘positiv’ auf das neue Verhandlungspapier reagiert. Einzelheiten gibt es noch nicht.
Yossi Verter bringt es in seiner wöchentlichen Kolumne im Haaretz wieder einmal auf den Punkt. «Manchmal hat man einfach keine andere Wahl, als laut auszusprechen, was normalerweise unausgesprochen bleibt: JM Yariv Levin hat den Verstand verloren. Geistig und klinisch gesehen ist er nicht mehr unter uns. Das ist keine psychiatrische Diagnose, sondern die offensichtliche Schlussfolgerung aus der Beobachtung seiner Handlungen, Boykotte und Kommentare. Sein jüngstes Verhalten macht einen viel unbehaglicher und ängstlicher als das Verhalten eines durchschnittlichen Ministers.» Gideon Sa’ar, einst noch Oppositionspolitiker, erklärte, Levin «solle sich in eine Klinik einweisen lassen.» Jetzt ist Sa’ar reumütig an die Brust von Netanyahu zurückgekehrt, erhielt sofort einen Ministerposten und darf jetzt eines der Sprachrohre von Netanyahu sein. Als solches hat er sich auch dem ehemals für irre erklärten Levin angenähert und macht jetzt gemeinsame Sache mit ihm.
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