13. Elul 5785
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Kaktus oder Rose, das überlasse ich für heute jedem selbst.

Man sagte mir, Austern müssen nach Meer schmecken, nach dem reinen, unvermüllten Meer. Qualitativ hochwertige Austern in Europa müssen sie aus der Bretagne kommen. Am besten aus der Nähe des Flusses Bélon, jenem Fluss, in dem sich Süsswasser mit Meerwasser mischt. Der zweite Faktor für die perfekte Auster ist das Wetter, Sonne, Wind und Regen (!) im ausgewogenen Mass und zur rechten Zeit. Der dritte Faktor ist die Geduld. Vier Jahre darf die Auster im Meer reifen, zweimal am Tag ihr Fitnessprogramm für die perfekte Form und ein festes Fleisch absolvieren. Entweder traditionell per Hand in Zuchtaschen oder in modernen Betrieben vollautomatisch von den Gezeiten gesteuert. Danach reift sie in der mineralstoffreichen Flussmündung für zwei bis drei Monate. Anschliessend kommt sie auf den Markt, offen oder, das gilt für die ganz teuren Exemplare, in Sperrholzkistchen.

Ob eine Auster ‘gut’ ist, hört der Fachmann durch leichtes Klopfen auf die harte Schale. Das Ergebnis entscheidet, ob sie in den Verkauf kommt oder nicht. In Frankreich ‘schlürft’ man sie nur mit ein wenig Zitronensaft. Dazu Weissbrot und ein leichter Weisswein und der Austern-Fan ist glücklich. In Zürichs französischster Brasserie kosten sie pro Stück zwischen CHF 7.50 und 13.00. Oder als ganze Platte mit 25 Stück CHF 185,–. Das reicht dann für zwei Personen.


Shira Pur schreibt im Ha’aretz: «Nicht trotz, sondern wegen des Krieges können die Israelis nicht aufhören, Austern zu schlürfen.» Eine regelrechte Austern-Welle habe Tel Aviv erreicht. Sie hinterfragt, ob dies ein kulinarischer Versuch sei, sich von der Realität zu entfernen oder eine säkulare Antwort auf das derzeitige extremistisch-religiöse Klima, in dem messianische Politiker versuchen, Gaza erneut zu besiedeln.

Sie versucht das bei einem Besuch im angesagten Restaurant Basta. Auch wenn Chef Itai Hargil erklärt, sie sollen nur nach Meer schmecken, werden sie, wenn auch fachmännisch präsentiert, aber mit einem Tupf der grünen scharfe Paste. Nach den Preisen, die im Vorjahr durch die Decke gingen, kostet eine Auster nur mehr umgerechnet US$ 3.60. Geliefert wird von Rungis aus Paris. In seiner Blütezeit verkaufte Basta 1.500 Austern pro Tag.
Hargil erzählt, dass Israelis 100 Stück auf einmal essen würden. Dann müssen sie einen Magen aus Stahl haben. Ein Dutzend sind die unbedenkliche Obergrenze. Danach streikt in der Regel der Verdauungstrakt. Immerhin bestehen sie fast ausschliesslich aus tierischem Eiweiss. Mit den Beschwerden geht niemand am nächsten Tag irgendwohin, geschweige denn nach Gaza!

Auf welchem Markt in Frankreich Hargil Austern für weniger als € 1.00 /St gegessen hat, behält er lieber für sich. Und woher ein Kollege im Mai 600 frische Austern erhalten haben will, auch dazu schweigt er lieber. Austern gibt es nur in den Monaten mit ‘R’, zumindest aus seriösen Quellen.
Ein Kollege, Neri Ashkenazy, Gründer der ‘israelischen Austern-Vereinigung’ plant Grosses: «Wir bieten Spezialitäten wie Austern Rockefeller oder ein grossartiges Tartar mit Fisch an, das wir ‘Tartaroyster’ nennen», sagt Ashkenazy. «Meine nächste Entwicklung ist Austern-Eiscreme.» Das sei kein Scherz.
«Die Welle kam nicht trotz des Krieges, sondern wegen des Krieges», sagt Yasmin Einav Aharoni vom Institut für Soziologie und Anthropologie der Ben-Gurion-Universität. «Sie basiert auf dem Wunsch, für einen Moment von hier zu fliehen, durch etwas, das so unisraelisch ist, besonders in einer Zeit, in der alles so schwierig ist und die Situation hier von Tag zu Tag verzweifelter wird.Es hat etwas, einen Bissen aus einer anderen Welt nehmen zu können. Es ist etwas, dessen Ursprung ganz klar ist: Geografisch gesehen stammt es eindeutig nicht von hier.»
Es wirkt, so endet der Text im Haaretz, ein bisschen wie die letzten Tage von Pompeji, dekadent, in Erwartung der grossen Katastrophe und gelähmt von ihr. Und gleichzeitig unfähig, darauf angemessen zu reagieren.
Kategorien:Israel
Und plötzlich bekommen Austern eine ganz andere Bedeutung!
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