19./20. Elul 5785 12./13. September 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 18:09
Shabbatausgang in Jerusalem: 19:24
Shabbateingang in Zürich: 19:26
Shabbatausgang in Zürich: 20:28

Das Leben von Moshe ist bald zu Ende. Im heutigen Wochenabschnitt schlägt er den ganz weiten Bogen zwischen dem Jetzt und dem allerersten Anfang der Geschichte des Volkes Israel.
Zu Beginn steht die Aufforderung, die Erstlingsfrüchte aller Feldfrüchte, die sie vorfinden, unmittelbar nach der Ankunft im versprochenen Land Gott darzubringen. Vor dem Hohepriester sollen sie stehen und ihm bestätigen, dass sie angekommen und bereit sind, das Land in Besitz zu nehmen. Heute würden wir die glückliche Nachricht, die erste Ernte in der neuen Heimat bereits vorgefunden zu haben, auf Instagram veröffentlichen, als WhatsApp verschicken oder zumindest als Mail an alle unsere Freunde. Immerhin könnten wir doch den Beweis liefern, dass unser Entscheid, Gott zu vertrauen, gut und richtig war. Das Land hat sich als fruchtbar erwiesen und wird unser Leben sichern. Damals bestätigten die Menschen dies dem obersten Priester, der im Auftrag Gottes den Dienst im Tempel versah.
Es wird ausdrücklich festgehalten, dass alle Menschen sich über ihre neue Heimat freuen sollen und zwar alle, die Israeliten, die Leviten und, nicht zu vergessen, die Fremden. Wie schaut es heute mit den Fremden aus, die bei uns Schutz suchen? Haben sie ihn auch wirklich gefunden? Bieten wir ihnen zwar das Dach über dem Kopf und die Sozialleistungen, die ihnen per Gesetz zustehen, lassen aber die Inklusion vermissen?
In Vers 26:5 ff wird genau dieses Thema angeschnitten: ארמי אבד אבי arami oved awi. Wir alle kennen diesen Satz aus der Pessach Haggada. «Mein Vater [Awram] war ein wandernder Aramäer» So interpretiert man in der Regel diese berühmte Textstelle. Ein Mann, der immerhin schon 75 Jahre alt war, machte sich auf Gottes Geheiss auf den Weg aus seiner Heimat und zog bis nach Ägypten. Am Anfang unserer Geschichte waren es Fremde, Aramäer, die das gemeinsame Schicksal trugen. Awram und Sarai, die ersten Gründereltern. Auch für ihre Kinder und Enkel liessen sie später nach passenden Lebenspartnern in der alten Heimat suchen.
Rashi hingegen interpretiert den gleichen Satz als «Ein Aramäer wollte meinen Vater [Ja’acov] töten». Rivka schickte ihren geliebten Sohn Ja’acov, den Enkel Awrams aus Angst vor der Rache seines Bruders Esav, den er betrogen hatte, zu ihrem Verwandten Laban. Dort musste er 20 Jahre lang Frondienste leisten, bevor er eine von Labans Töchtern heiraten durfte. Er floh mit seiner Familie, doch Laban verfolgte ihn, in der Absicht, ihn zu töten. Erst als Gott ihn zum Einlenken zwang, gab er seinen Plan auf und versöhnte sich mit Ja’acov.
Beide Interpretationen sind zulässig, das Original erlaubt beides. Und doch macht es einen grossen Unterschied, für was man sich entscheidet.
Entscheiden wir uns für die Erinnerung an Awram, so können wir daraus Kraft schöpfen, «Wenn es Awram gelungen ist, dann werde auch ich den Neubeginn mit Gottes Hilfe schaffen!».
Entscheiden wir uns aber für die Erinnerung an die Verfolgung und Bedrohung durch Laban, so wird diese Last uns immer wieder hinunterziehen und das Leben schwer machen.
Zehn Tag trennen uns von Rosh HaShana. Das neue Jahr wollen wir in Freude, Dankbarkeit und Kraft beginnen. Deshalb dürfen wir uns an Awram erinnern.
Weil aber in diesem Jahr auch Sorgen, Angst und Unsicherheit unsere täglichen Begleiter sind, müssen wir uns auch an Laban erinnern.
Kommen wir zu den Sprüchen der Väter:
(5) Zehn Wunder geschahen unseren Vätern in Ägypten und zehn am Schilfmeer.
(6) Zehn Plagen brachte Gott über die Ägypter in Ägypten und zehn am Schilfmeer.
Einfach zusammengefasst: «Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall.» Nehmen wir für einmal an, die Hebräer, wie sie in Ägypten genannt wurden, waren die Eulen und die Ägypter die Nachtigallen. Lesen wir die Geschichte des Exils in Ägypten, so werden wir feststellen, dass die Plagen, die Gott über Ägypten schickte, weil Pharo sich stur stellte und die Hebräer nicht aus seinen Fängen entlassen wollte, immer nur ihn und mit ihm sein Volk trafen. Wir lesen mehrfach, dass ganz Ägypten betroffen war und ‘nur das Gebiet, in dem die Hebräer siedelten, verschont blieb’. Heute könnte man es als eine win:win – Situation bezeichnen. Gott baute mit jeder neuen Plage den Druck mehr auf. Je mehr die Ägypter litten, desto grösser wurde das Vertrauen der Hebräer in die Macht Gottes. Je mehr sie ihm vertrauten, desto stärker wurde ihre Zuversicht, dass alles sich doch noch zum Guten für sie wenden würde. Je stärker wurde auch ihr Vertrauen in Moshe, der ihre Führung übernehmen sollte. Und schlussendlich, auch die Zuversicht in die unendlichen Fähigkeiten Gottes stärkte Moshe, der anfangs gar nicht überzeugt war, diese Rolle übernehmen zu können. Auf der anderen Seite schwächte jede neue Plage das Vertrauen der Ägypter in Pharo, bis hin zu dem Moment, in dem sie erkennen mussten, dass auch er nur ein ‘normaler Mensch’ war, der den Tod seines Erstgeborenen betrauern musste. Das Leiden der Ägypter bestärkte sie im Wunsch, die Hebräer loszuwerden. Gleiches mussten sie noch einmal am Schilfmeer erleben, als die Hebräer trockenen Fusses durch das Meer entkommen konnten, sie aber allesamt im zurückkehrenden Meer ertranken.

Vielleicht kann man historisch das Teilen des Schilfmeeres mit einem Tsunami erklären, der nach einem Vulkanausbruch in der Ägäis das Rote Meer in Unruhe versetzte. Tatsächlich fand um 1650 BCE die ‘minoische Erupiton’ statt, die auf der Insel Thera, heute Santorini, stattfand. Ascheablagerungen aus diesem Vulkanausbruch sind bis weit nach Ägypten hinein nachweisbar.
Auch wenn dieser wissenschaftliche Erklärungsversuch kaum zu widerlegen ist, die zehn Wunder und Plagen sind doch mindestens ebenso glaubhaft.
Shabbat Shalom
Kategorien:Religion
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