20. Elul 5785

Boaz Ganor, Direktor der Reichman Universität in Herzliya glaubt, dass das, was von der Hamas übrig blieb, keine Bedrohung für Israel mehr darstellt. Auch für ihn ist die Freilassung aller Geiseln das wichtigste Ziel. Alle anderen Bedingungen, die zu einem Waffenstillstand führen, sind für ihn verhandelbar. Seine Hoffnung ist, dass die derzeit bei einigen Politikern vorherrschende, wie er es nennt, Fantasie einer massenhaften ‘freiwilligen’ Migration der Zivilisten ein Ende findet. Seine Befürchtung ist, dass diese Migration zu einer nicht kontrollierbaren Welle von globalen palästinensischen Terroranschlägen führen könnte. Ganor ist ehemaliger hoher Offizier des Geheimdienstes, Gründer des ‘International Policy Institute for Counter-Terrorism’ an der Reichman Universität, das sich als Think Tank zur Terrorismusbekämpfung versteht. Ganor ist alles andere als ein blauäugiger, naiver Friedensaktivist. Er kennt Gaza und die Gefahren, die von dort ausgehen können. «Ich glaube nicht, dass dieser Krieg für Israel existenziell ist. Es ist der härteste Krieg seit dem Unabhängigkeitskrieg von 1948 und der gerechtfertigtste seitdem, vergleichbar mit dem Jom-Kippur-Krieg von 1973. Aber eine existenzielle Bedrohung bedeutet, unsere Existenz zu gefährden. Das war am 7. Oktober nicht der Fall. Vielleicht wäre es so gewesen, wenn alle Fronten gleichzeitig ausgebrochen wären. Aber am 8. Oktober war das nicht der Fall – und es ist auch jetzt nicht der Fall. Es ist ein Krieg, für den wir uns bewusst entschieden haben.» Ein Denkansatz, der sich tatsächlich von den Mainstream-Ansätzen unterscheidet. So muss man auch seine Erklärung verstehen, dass der Krieg in Gaza im Prinzip dreigeteilt ist. Der erste dauerte sechs Wochen, vom 8. Oktober bis zur ersten Waffenruhe vom 23. bis zum 30. November. Diesen Teil nennt Ganor die Reaktion auf die Invasion (sic) im Süden Israels. Der Hamas sollte in dieser Phase grösstmöglicher Schaden zugefügt werden. Die zweite Phase dauerte bis zum Januar 2025. Hier wurde der Hisbollah grosser Schaden zugefügt, Hamas-Chef Yahyah Sinwar und Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah wurden neutralisiert. Seither befinden wir uns in der dritten Phase. Ganor betont, dass die Sicherheits- und Existenzfrage seit der Staatsgründung immer ein Thema waren. Sie können nur auf drei Arten gelöst werden: durch Friedensabkommen, durch eine Änderung der Haltung unserer Feinde, die die Existenz Israels akzeptieren, oder durch Ignorieren des Problems, was jedoch eine Fantasievorstellung und die Wurzel von Ideen wie Donald Trumps Plan für den Gazastreifen sei. Für Ganor ist aber auch die Zwei-Staaten-Lösung eine Fantasie, so wie es die Oslo-Verträge waren, die er ablehnte, weil er Arafat als Partner für Frieden nicht traute. Heute misstraut er schnellen diplomatischen Lösungen, aber auch dem ‘absoluten Sieg’. «Wir entfernen uns immer weiter davon. Vor sechs Monaten wäre es noch einfacher gewesen, drei Monate später war es schon schwieriger und jetzt ist es noch schwieriger – und in weiteren drei Monaten wird es noch schwieriger sein.» Das Kriegsziel, das Netanyahu immer wieder beschwört und das seine rechten Apologeten wie eine Fahne vor sich hertragen, die 100 %-ige Sicherheit für Israel, wird es nur geben, wenn das Problem in einer der drei von Ganors Arten gelöst wird, denn: «Nichts, was wir in Gaza tun, wird, wenn es nicht zu den drei von mir genannten Punkten gehört, die Gefahr beseitigen, dass es zu einem späteren Zeitpunkt zu einem weiteren 7. Oktober in Gaza, im Westjordanland, im Libanon, in Syrien oder an einem anderen Ort kommen könnte.» Die Fantasie mancher Anhänger des gross-israelischen Gedankens, der in der Wieder-Besiedlung sowie Juda und Samaria erfüllt werden soll. Ihre Vorstellung, dass nur Krieg und Umsiedlung künftige Invasionen (sic) verhindern können, erkennt er als falsch.
«Wenn die IDF am 6. Oktober so vorgegangen wäre, wie wir es ihr empfohlen hatten, dann wäre es auch nicht zum 7. Oktober gekommen.» 43 Treffen mit hochrangigen Sicherheitsbeamten und anderen Experten hätten stattgefunden. Ihr Bericht mit den Empfehlungen wurde an Netanyahu und alle Leiter der Verteidigungsorganisationen geschickt. Die Empfehlungen betrafen die Nordgrenze. Hier wäre ein Präventivschlag gegen die Hisbollah nur von strategischem Vorteil gewesen. Maj. Gen. (res.) Yitzhak Brick warnte, dass die Bodentruppen niemals das Land angemessen verteidigen können, auch nicht gegen die Hamas. Ganor erklärt, dass der Krieg, wie er jetzt ist, der falsche Ansatz ist. «Der Krieg hat keine Bedeutung, wenn wir einen Punkt erreichen, an dem es kein Ziel mehr gibt.» Was aber war das Ziel? Bis Ende Mai war unklar, welchen Plan Netanyahu für den ‘Tag danach’ verfolgte. Dann kam der Tag, an dem er in einer Rede den Plan von Trump in den Mittelpunkt stellte. «Netanyahu kann den Krieg nicht fortsetzen, ohne den Tag danach zu definieren. Aber jede Definition, die nicht dem Trump-Plan entspricht, wird zum Zusammenbruch der Regierung führen.» Den Punkt der freiwilligen oder auch der erzwungenen Migration sieht Ganor als das grösste Problem. «Was passiert mit der Million Palästinenser, die gegangen sind?», fragte er. «Es gibt zwei Gefahren. Zum einen verschlechtert sich die Lage vor Ort, wo sie hingeschickt werden, an einen Ort, der von vornherein schwach ist.» Also, so seine Überlegungen, sollten die Gazaner in Gaza behalten werden. Von dort aus können sie nicht beliebige globale Terroranschläge ausüben. Was aber soll am ‘Tag danach’ geschehen? Ganor schwenkt auf die Oslo-Verträge um: «Ich habe sogar dagegen geschrieben, aber nicht, weil ich gegen zwei Staaten war. Ich glaubte einfach nicht an Arafat. Er war ein Terrorist, der wusste, wie er uns, die Palästinenser und die ganze Welt täuschen konnte. Von ihm konnte nichts Gutes kommen.» Auf heute bezogen heisst das: «Der Erfolg eines Plans für die Zeit danach wird nicht davon abhängen, wie viele Häuser zerstört werden oder welchen zusätzlichen Schaden wir der Hamas über das hinaus zufügen, was wir ihnen bereits angetan haben.»Hinter allem steht die Muslim-Bruderschaft, die jederzeit eine neue Führungsspitze aufbauen wird. Ihre Ideologie wird weiterhin bestehen. Einen Ansatz, dem entgegenzuwirken, ist die dauerhafte Veränderung des Bildungssystems in Gaza. Das wird lange dauern, aber es wird helfen. Schade, dass er die unrühmliche Rolle der UNWRA gerade auf dem Gebiet nicht anspricht, die antiisraelisch-antisemitische Schulbücher von spendenfreudigen Gutmenschen bezahlen lässt. «Wir sollten auf ein Abkommen für den Gazastreifen hinarbeiten, da wir die Saudis, die Golfstaaten und andere internationale befreundete Staaten dazu bringen wollen, den Gazastreifen wieder aufzubauen, damit wir Einfluss nehmen können und das neue Bildungssystem unter ihrer Kontrolle steht.» In der Gesamtbetrachtung der Situation heute in Israel malt er ein düsteres Bild. Die Beziehungen zu Freunden und Partnern, die Wirtschaft, das Vertrauen in die Politik, die hohe Zahl der Auswanderer haben gelitten. Die Brüche innerhalb der Nation sind nicht zu übersehen. «Ich weiss also nicht, ob dieser Krieg die Gesamtbilanz verbessert oder verschlechtert hat», sagte er mit einem traurigen Blick. Ganor drängt erneut auf ein Ende des Krieges, um die Geiseln zurückzuholen und das Bildungswesen in Gaza zu reformieren, damit Israel einen Punkt findet, an dem ein Grossteil der Welt eher bereit ist, seine Sichtweise anzuhören. «Die Zwei-Staaten-Lösung ist die richtige Lösung, aber nur eine neue Generation nach derjenigen, die den 7. Oktober erlebt hat, kann sie verwirklichen.»

Gestern wurde in der UNO-Generalversammlung mit überwältigender Mehrheit (142) gegen 10 Ablehnungen und 12 Enthaltungen die ‘New York Declaration’ (s. gestern) angenommen. Die Abstimmung gilt als Grundlage für den Prozess, die Zwei-Staaten-Lösung zu erreichen. Die USA bezeichneten die Abstimmung als «eine weitere fehlgeleitete und unangebrachte PR-Aktion, die ernsthafte diplomatische Bemühungen zur Beendigung des Konflikts untergräbt.» Dany Danon, der Vertreter Israels bei der UNO beklagte: «Diese einseitige Erklärung wird nicht als Schritt in Richtung Frieden in Erinnerung bleiben, sondern nur als eine weitere leere Geste, die die Glaubwürdigkeit dieser Versammlung schwächt… Das ist keine Diplomatie. Das ist Theater.» Mit dem Papier wird die PA aufgefordert, die Führung eines palästinensischen Staates zu übernehmen. Die Hamas hingegen wird aufgefordert, die Kontrolle über Gaza abzugeben. Israel erklärt, dass ein solcher Schritt eine Belohnung für die Hamas darstellt. Netanyahu hatte mehrfach erklärt, dass die PA keine Kontrolle bei der Regierung des Gazastreifens erhalten darf. Gegen den Vorschlag stimmten: Argentinien, Ungarn, Mikronesien, Nauru, Palau, Papua, Neu Guinea, Paraguay und Tonga.

Das Forum für Familien fordert alle Israelis auf, heute Abend an den Demonstrationen teilzunehmen, die um 19 Uhr an der ‘Savidor Station’ in Tel Aviv beginnen und mit einem Slichot-Gottesdienst [Gottesdienste mit speziellen Bussgebeten, die ab heute bis Jom Kippur täglich abgehalten werden] um 23 Uhr auf dem Platz der Geiseln enden. Demonstrationen finden heute wieder in allen grösseren Städten im ganzen Land ab. «Wir erleben derzeit einen weiteren bewussten Versuch, ein Abkommen zur Freilassung von Geiseln zu sabotieren», erklärte das Forum in einer englischsprachigen Stellungnahme. «Die Besetzung des Gazastreifens und die Fortsetzung dieses endlosen, sinnlosen Krieges bringen dem israelischen Volk Zerstörung. Dies ist kein Krieg, um die Hamas zu stürzen, sondern ein Krieg, der die israelische Gesellschaft zu stürzen droht – und das werden wir nicht zulassen!» In einer weiteren Meldung auf Hebräisch heisst es: «Nach einer turbulenten Woche und dem israelischen Angriff auf dem Boden von Katar rufen die Familien der Geiseln die Nation Israel dazu auf, auf die Strasse zu gehen, sich an unsere Seite zu stellen und den Entscheidungsträgern zu sagen: Die gesamte Nation Israel steht hinter den Geiseln! Beendet den Krieg und bringt uns die 48 Geiseln zurück – jetzt!

Das wahre Bild des Sieges wird erst dann entstehen, wenn alle zu Hause sind.» Bei der Veranstaltung in Tel Aviv werden zahlreiche freigelassene Geiseln und Angehörige von noch in Gaza festgehaltenen Geiseln sprechen. Agam Berger, die im Januar freigelassen wurde, wird auf ihrer historischen Violine, die einem Opfer der Shoa gehörte, die HaTikwa spielen.
Die von den Houthi-Terroristen in der Nacht auf Israel abgeschossene Langstrecken-Rakete war mit einem international geächteten‘ Splitterbomben-Sprengkopf’ bestückt. Die Rakete konnte von der IAF erfolgreich abgefangen werden. Von der IDF wurde nicht bestätigt, dass sie einen Splitterbomben-Sprengkopf’ trug. Die Houthi-Terroristen gaben an, mit dem Angriff ‘sensible Ziele’ in Tel Aviv ins Visier genommen zu haben.



Die IAF hat erneut ein Hochhaus in Gaza-City zerstört. Auch einige Zelte der unmittelbar anschliessenden Zeltstadt wurden dabei zerstört. Zuvor hatte das Militär mit Flugblättern die sofortige Evakuierung der Region angeordnet. Lebten vor Beginn der Offensive gegen Gaza-City dort noch etwa eine Million Menschen, so haben mittlerweile 280.000 Menschen die Flucht in den Süden begonnen. Ein weiteres Ziel der IAF war heute das ‘Shati-Camp’, welches zuvor evakuiert wurde.
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