ב“ה
11./12. Tischrei 5786 3./4. Oktober 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 17:42
Shabbatausgang in Jerusalem: 18:56
Shabbateingang in Zürich: 18:43
Shabbatausgang in Zürich: 19:44

Dieser vorletzte Wochenabschnitt im Jahreszyklus gibt das letzte Lied von Moshe wieder. Es ist die letzte grosse Nachricht, Aufforderung und Mahnung an die Israeliten. Moshe gibt einen Überblick über das, was bisher mit dem Volk Israel geschah, wo es zum Zeitpunkt der Rede steht und wohin der Weg gehen wird.
«Hört mir zu, ihr Himmel, denn ich will sprechen und lasst die Erde die Worte aus meinem Mund hören!» So eindringlich haben wir Moshe nicht sprechen gehört, seit wir ihn, noch in Ägypten, begleitet haben. Sicher, wir haben erlebt, dass er sich massiv geärgert hat, wenn ihm die ihm Anvertrauten wieder einmal nicht zuhörten und seine Pläne, die immer Gottes Pläne waren, torpedierten. Die sich auflehnten, wenn es einmal unbequem wurde auf der langen Wüstenwanderung. Die ihn sogar umbringen wollten, weil sie nicht verstanden, was sich ihnen noch nicht erschlossen hatte. Manchmal hat er mit Gott gehadert, hat ihn angefleht. Aber noch nie hat er so eindeutig den Himmel und die Erde aufgefordert, sich ruhig zu verhalten und ihm zuzuhören.
Im vergangenen Wochenabschnitt haben wir gelesen: «Siehe, du wirst jetzt bald zu deinen Vätern gebettet werden. Dann wird dieses Volk sich erheben; man wird in seiner Mitte Unzucht treiben, indem man den fremden Göttern des Landes nachfolgt, in das es jetzt hineinzieht, es wird mich verlassen und den Bund brechen, den ich mit ihm geschlossen habe. An jenem Tag wird mein Zorn gegen sie entbrennen. Ich werde sie verlassen und mein Angesicht vor ihnen verbergen. Dann wird dieses Volk verzehrt werden…»
Gott trägt Moshe auf, mit diesem letzten Lied nochmals die Israeliten emotional zu erreichen, heute sagt man, zu triggern, und darauf zu hoffen, dass sie sich dann auf immer an den mit Gott geschlossenen Bund erinnern. Wie geht das leichter als mit einem Lied? Ein Lied, die Töne werden in der rechten Hirnhälfte abgespeichert. Diese Seite ist für die kreativ-emotionalen Aktivierungen zuständig.
Mit den ersten Schlafliedern unserer frühesten Kindheit verbinden wir positive Gefühle, unsere erste grosse Liebe wird immer über die Erinnerung an ein spezielles Lied erhalten bleiben. Auf der anderen Seite können bestimmte Tonfolgen auch negative Gefühle auslösen. Die Werbung macht sich das zu Nutzen, der Konsument verbindet eine bestimmte Melodie mit einem Produkt, es ist gar nicht mehr nötig, das Produkt zu nennen oder ein Bild davon zu zeigen.
Wir stehen alle mehr oder weniger weit vorangeschritten in unserer Lebenszeit. Wir wissen, wann wir geboren wurden, wir können uns vielleicht noch gut an Besonderheiten unserer Vergangenheit erinnern. Wir wissen aber nicht, was uns die Zukunft bringt und wir wissen Gott sei Dank auch nicht, wann unser Leben vorbei sein wird.
Jetzt in den Tagen zwischen Yom Kippur und Simchat Torah, das am Montag 13.10. am Abend beginnt, ist die Zeit zwischen der feierlichen inneren Einkehr und der überbordenden Freude. Und vielleicht noch einmal der persönlichen Bilanz: Was ist gut gelaufen, was suboptimal, wo haben wir gänzlich versagt. Unsere Erinnerungen werden uns dabei helfen, Ereignisse in den Kontext unseres Lebens zu stellen. Uns der Frage zu stellen, wie können wir es vermeiden, noch einmal den gleichen Fehler zu machen?
So, wie es im Vers sieben des Wochenabschnitts steht: «Denk an die Tage der Vergangenheit, lerne aus den Jahren der Geschichte! Frage deinen Vater, er wird es dir erzählen, frage die Alten, sie werden es dir sagen.»
Ich wünsche uns allen, dass wir den bevorstehenden Shabbat und die kommenden Tage nutzen, um Rückschau zu halten und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Das Lied von Moshe soll uns dabei helfen!
Gestern bei der Übertragung des Yom Kippur Gottesdienstes aus der ‘West London Synagogue’ wurde dieses Gedicht einer Überlebenden des Massakers vom 7. Oktober vorgetragen. Am kommenden Dienstag jährt sich der Tag zum zweiten Mal. Hier das Gedicht statt einem Abschnitt aus den ‘Sprüchen der Väter’.

Shabbat Shalom, noch einmal Shana tova ve gmar chatima tova!
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