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13. Tishri 5786

Die säkulare Bevölkerung Israels unterschätzt die Bedeutung der Bedrohung für ihre Lebensweise, sagt Yair Littman Nehorai, ein Anwalt, der sein Leben dem Kampf gegen messianischen Extremismus gewidmet hat.
Ayelett Shani, Haaretz, 9. August 2025
«Ich bin mit Dikla verheiratet und Vater von drei Kindern, von Beruf Rechtsanwalt und besorgter Bürger. Seit mehreren Jahren kämpfe ich gegen die wachsende Macht der messianischen Ideologie. Wir befinden uns in einem historischen Moment, und wenn wir uns nicht zusammenraufen, wird niemand aus dem liberalen Lager mehr in Israel leben können.
Mein Vater, Rabbi Michael Zvi Nehorai, war einer der engsten Anhänger und Schüler von Rabbi Zvi Yehuda Kook[1]. Ich erinnere mich an viele der heute bekannten Namen – wie Rabbi Zvi Tau [Führer der Anti-LGBTQ-Partei Noam] oder Rabbi Dov Lior [ein ultranationalistischer Rabbi] – aus meinem Elternhaus. Irgendwann schrieb mein Vater einen Artikel, in dem er eine Idee von Rabbi Kook kritisierte, woraufhin dieser meinen Vater aus der Yeshiva ausschloss. Mein Vater ging in die Wissenschaft und schloss sich Meimad [einer gemässigten religiösen Bewegung] an. Ja, die Grundlagen meines Verständnisses der Kook-Doktrin stammen aus meinem Elternhaus. Aber mir ist wichtig, dass die Menschen verstehen, dass ich nicht den Kampf meines Vaters kämpfe – ich rechne nicht ab.
Ich sehe eine echte Gefahr. Ich bin nicht mit der Überzeugung aufgewachsen, dass es unsere Aufgabe in der Welt ist, die Erlösung zu beschleunigen. In diesem Sinne standen die Ansichten und die Erziehung meines Vaters im Einklang mit dem religiösen Zionismus, der in seinem Wesen nicht messianisch ist. Die Weltanschauung der chassidischen Sekte von Rabbi Kook ist dagegen messianisch – und sie hat den ‘religiösen Zionismus’ von innen heraus übernommen.
Mein Vater war natürlich nicht glücklich darüber, aber er hat es akzeptiert. Heute bete ich regelmässig und gehe regelmässig in die Synagoge.»
Der damalige Bildungsminister Naftali Bennett vergab im Jahr 2016 den Israel Preis[2] an Eli Sadan[3] für sein ‘Lebenswerk & Besondere Leistung für Gesellschaft und Staat’. Für Nehorai war das der Moment, in dem er erkannte, dass Israel sich auf seiner schnellen und gefährlichen Abwärtsspirale befand. Dass Israel sich auf dem besten Weg befand, sich zu einem Staat zu entwickeln, der nichts mehr mit den Werten der Gründerzeit zu tun hatte.

Nehorai erkannte, welche Ideologie hinter der Mechina ‘Bnei David’ stand. Eli Sadan war General in der Miliz von Rabbiner Zvi Yisrael Thau. Thau entwickelte sich zum geistigen Führer der Chardal-Bewegung (Nationalistische Haredim), die sich durch strengstmögliche Einhaltung der Halacha und einen extremen Nationalismus auszeichnet. Ausserdem war er einer der führenden Köpfe der LGBTQ-feindlichen Partei ‘Noam’.

Heute ist Noam, mit einem einzigen MK, Avi Maoz, in der Regierung vertreten. Maoz hatte eine Wahlplattform mit Religious Zionism (Bezalel Smotrich) und Ozma Yehudit (Itamar Ben-Gvir) gebildet. Prompt erhielt Maoz von Netanyahu das Amt eines stv. Ministers im Büro des PM und achtet seither über die ‘Identitätssicherheit’ Israels.
Nach aussen sollte die Mechina eine Verbindung zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft darstellen. Tatsächlich stand jedoch die Idee dahinter, die demokratischen Werte Israels zu unterwandern.
Seither vermitteln Sadan und seine Mitarbeiter jungen Menschen alle messianischen Werte: Widerstand gegen säkulare Juden, Reformjuden, konservative Juden, LGBTQ-Personen und Linke. Gegen die Prinzipien von Gerechtigkeit und Gleichheit.
Sadan begründete die ‘Elkana-Methode’[4] um einen religiösen Putsch herbeizuführen. Die Idee war, sich in die israelische Gesellschaft zu integrieren, sei es durch die Übernahme hoher Regierungspositionen, insbesondere in der Armee oder durch die Einrichtung von ‘Torah-Basen’ in der Zivilgesellschaft. Das ist die Grundlage für den Putsch. Er verstand früh, dass er, wenn er die Armee eroberte, hohe Positionen übernehmen könnte.
Bis dahin gab es nur die ‘Hesder Yeshiwot’, die Religionsunterricht mit dem Militärdienst kombinieren. Wobei der Dienst nur 16 Monate dauerte und maximal im Rang eines Unteroffiziers endete. Sadan gründete deshalb die Mechina, ‘Bnei David’, die mit ihren messianischen Programmen die Rekrutierungsbasis für die messianische Armee bildet.
So gelang es Eli Sadan, Schritt für Schritt, die IDF in eine messianische Armee zu transformieren.


Das heute wohl bekannteste Gesicht ist das von Gen. Maj. David Zini, der Mann, der der Nachfolger von Shin-Bet Chef Ronen Bar wurde. Netanyahu hat ihn in einer einsamen Entscheidung für den Job vorgesehen. Zini bezeichnet sich selbst als ‘messianistisch’. «In letzter Zeit ist der Begriff ‚messianisch‘ in den Vordergrund der öffentlichen Diskussion gerückt. Wir sind alle messianisch, wie David Ben-Gurion und die Gründerväter der Nation. Messianismus ist kein abwertender Begriff. Dank dieser beständigen Flamme streben wir in allen Bereichen unseres Lebens nach Perfektion.» Noch im vergangenen Jahr hatte Netanyahu es abgelehnt, ihn zu seinem Militärsekretär zu ernennen. Der Grund: er sei zu messianistisch. Zini ist Anhänger von Rabbi Kook und Rabbi Thau, sein Vater, Rabbi Yosef Zini, ist Mitglied der Noam Partei, ebenso wie sein Schwager.
Gegen Rabbi Yosef Zini leitete die Polizei vor wenigen Tagen ein Untersuchungsverfahren ein. Es gibt eine Tonaufnahme, in der er ‘scherzt’: «Welches Glück, dass ich nicht in der Knesset bin. Denn wenn ich es wäre, würde ich wohl im Gefängnis enden. Falls ich MK Ahmad Tibi sagen höre ‘ich bin einer der Regierenden’ und ich eine Waffe hätte, so würde ich ihn, den angeblich ‘Regierenden’ erschiessen.» Anschliessend hört man ihn lauthals lachen.
In einem Video-Clip erklärt Zini, dass «die Torah und der Staat eins werden müssen. Heute haben wir etwa 5.000 bis 6.000 Absolventen, die überall verstreut sind – in der Armee, dem Schin Bet, dem Mossad und dem öffentlichen Sektor.» Damit entfernt er sich weit weg von dem, was ein moderner, demokratischer Staat anstreben muss: die Trennung von Religion und Staat. Und die Religion wieder dahin zu bringen, wo sie hingehört, nämlich ausschliesslich ins Privatleben.
Nehorai hält fest: «Meiner Einschätzung nach erwarten die Sekte von Kook und der Hof von Tau von Zini, dass er die Ressourcen des Shin-Bet einsetzt, um den Erlösungsprozess voranzutreiben, einen auf der Halacha (religiöses Gesetz) basierenden Staat zu fördern und gegen das liberale Israel und die Protestbewegung vorzugehen. Wir müssen aufwachen und verstehen, dass diese Leute – unter denen sich auch wunderbare, gute und anständige Menschen befinden, die ihr Leben für das Land geben würden – uns zu einem halachischen Staat führen.»

Was spätestens bei Zinis Abschiedsrede bei der IDF klar wurde: Sein Herz schlägt für die Orthodoxen, für deren Rekrutierung in die IDF er verantwortlich war und die er so gerne in die IDF und in die gesamte Gesellschaft integrieren möchte. «Es stehen tiefgreifende, bedeutende Veränderungen bevor, die uns neue Wege eröffnen werden», sagte Zini zur Haredi-Gemeinde. «Aber nur, wenn wir aus brüderlicher Liebe handeln.» Sara N., die Geheimwaffe des Deep State, hatte darauf gedrängt, Ronen Bar aus dem Shin-Bet zu entlassen und Zini einzusetzen. Obwohl er über keinerlei Erfahrung in dem Gebiet verfügt.
Es gibt Stimmen, die behaupten, Zini sei der extremste und alarmierende Kandidat für einen so verantwortungsvollen Posten, den Israel jemals gesehen hat. Ich mag mich dem nur anschliessen.
Zinis jüngste Äusserungen, die auf eine vorangehende Entfremdung von den Werten der Staatskunst hinweisen, stimmen bedenklich. So sagte er: «Das Justizsystem ist eine Diktatur, die das ganze Land kontrolliert.» An anderer Stelle behauptet er: «Einige ehemalige Shin-Bet-Chefs waren ’verwirrt’, als sie sich als an das Gesetz gebunden betrachteten, weil «sie doch in erster Linie dem Premierminister unterstellt sind.» Den Krieg in Gaza bezeichnet er als ‘ewigen Krieg, der nur mit dem ‘totalen Sieg’ enden kann. Kein Wunder, dass er nie eine wichtige Führungsrolle erhalten hat, sein nationalistischer und extremistischer Wirrkopf ist überall in der IDF bekannt. Der Shin-Bet verfügt über weitreichende Befugnisse: Verwaltungshaft, Kontrolle über riesige Geheimdienstnetzwerke und die Möglichkeit, harte Verhöre durchzuführen und drastische Einschränkungen der Grundfreiheiten zu verhängen, darunter auch solche, die die Bewegungsfreiheit und die Privatsphäre betreffen. Auch ob eine Partei oder ein Kandidat zur Knesset zugelassen wird, ist von seiner Entscheidung abhängig. Ob da die fanatische Ideologie gut eingesetzt wird?

Moshe Feiglin, selbst rechtsextremer Likudnik, gegen Oslo, für die Annäherung an die Orthodoxie, mehrfacher Herausforderer Netanyahus um den Parteivorsitz, rassistisch («Man kann einem Affen nicht das Sprechen beibringen und einem Araber nicht die Demokratie lehren. Wir haben es mit einer Kultur der Diebe und Räuber zu tun. Mohammed, ihr Prophet, war ein Räuber, ein Mörder und ein Lügner. Der Araber zerstört alles, was er berührt.»), freute sich in einem You-Tube-Clip: «Wenn Generalmajor Zini zum Chef des Shin-Bet ernannt wird, wird die Behörde zu einer Geheimpolizei, die gegen die regierungsfeindlichen Demonstranten in der Kaplan-Strasse in Tel Aviv und alle anderen zerstörerischen Kräfte vorgehen wird. Dann wäre die Party vorbei.»
Nehorai hält Seminare, in denen er während vier Stunden über Messianismus und messianisches Denken aufklärt. Den Druck der Öffentlichkeit, die Haredim in den Militärdienst zu verpflichten, bezeichnet er als katastrophal. Ja sogar als kollektiven Selbstmord des liberalen Israels. Hier werde eine religiöse, messianische Armee, befehligt von den Rabbinern, geschaffen. Es ist das Militärrabbinat, das den Soldaten jüdische Traditionen vermittelt. Der heutige oberste Militärrabbiner wurde von Eli Sadan ernannt und schuf innerhalb kürzester Zeit einen Ableger der Schule von Rabbi Kook innerhalb der IDF. Das Gesicht der IDF änderte sich dadurch deutlich. Liberale und konservative Juden gibt es kaum noch, die Gleichschaltung hat schon lange begonnen. Nehorai hat Angst, dass die IDF bereits gefallen ist und es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann das auch für die Polizei gilt.

Diese Gruppe um Eli Sadan, die von sich selbst behauptet, ‘religiös-zionistisch’ zu sein, sieht er als Mitglieder einer messianischen, ultraorthodoxen Strömung an. Sie denken ausschliesslich erlösungsorientiert, die Rolle des jüdischen Volkes besteht einzig darin, unsere gesamte Existenz als göttliches Spiel anzusehen.
Der erste Teil, und damit kehre ich zurück zur Linie Herzl, Ben-Gurion, Netanyahu. Sie hatten und haben die Aufgabe einen funktionierenden Staat mit einer funktionierenden Armee zu schaffen. Das ist die Phase des säkularen Zionismus. Die zweite Phase ist die der Spiritualität. Es wird die Zeit sein, in der ein halachischer Staat im ganzen Land installiert wird und der dritte Tempel aufgebaut wird. Die ganze Welt, vom Nord- bis zum Südpol und rund um den Äquator, wird die ‘Einheit Gottes’ anerkennen.
Die Abschaffung der Gewaltenteilung, die einige Politiker so vehement vorantreiben, deutet darauf hin, dass der Übergang von der ersten zur zweiten Phase bevorsteht. Davon gehen Politiker wie Yariv Levin, Simcha Rothman, Itamar Ben-Gvir, Bezalel Smotrich und andere, hier nicht genannte aus. Netanyahu lässt sie gewähren. Sara N. forciert ihr Tun. Tatsächlich verkündete Rabbi Tau 2019, dass der Punkt erreicht sei. Die säkularen, liberalen Israelis hätten ihre Pflicht erfüllt und seien ab sofort nur mehr ein Hindernis auf dem Weg zur Erlösung.
Die Messianer sind überzeugt, dass alles nach Gottes Plan geschieht, selbst wenn in China ein Sack Reis umfällt. Die Anklage gegen Netanyahu ist ebenso Teil wie die zweite Amtszeit Trumps. Sie sind auch überzeugt, dass zwischen dem Holocaust, dem 7. Oktober und dem Krieg in Gaza ein enges Band besteht. Mit dem Ziel, die Erlösung voranzutreiben. Das Massaker und der Krieg in Gaza stoppten die Umwälzungspläne für die Justiz. Jetzt, wo die Hoffnung keimt, dass der Krieg in Gaza hoffentlich doch zu einem Ende kommt, hat Levin die Dokumente für die Abschaffungspläne wieder auf den Schreibtisch gelegt. Sobald die Sommerpause der Knesset in wenigen Tagen vorbei sein wird, wird er das Thema wieder starten. Die Schuldfrage für alles, was vor, während und nach dem 7. Oktober geschah, muss nicht diskutiert werden. Für die Messianer stehen sie fest, es sind die Liberalen.
Zurück zum liberalen Erbe Israels. Golda Meir, David Ben-Gurion oder Yitzhak Rabin standen für ein pluralistisches Gesellschaftsbild. Sie verstanden sich als säkular-liberal oder sozialistisch. Geprägt waren sie durch die europäischen Ideale der Aufklärung. Gleichheit, Meinungs- und Religionsfreiheit, Recht auf Bildung und eine demokratische Staatsform wurden in der Unabhängigkeitserklärung von 1948 verankert. Jedoch gab es seit der Staatsgründung den Kampf um Koalitionen. Immer wieder gab es Parteien, die liberale und progressive Positionen förderten. Ihnen gegenüber stehen seither die konservativen, religiösen und nationalistischen Parteien, die eine durchgehend liberale Politik verunmöglichen.
Die Tendenz, dass die Gräben zwischen den Weltanschauungen immer tiefer werden und vor allem, wie Nehorai eingangs befürchtete, geht die Spaltung immer schneller vor sich. Neben den Spannungen zwischen liberal-demokratisch auf der einen und konservativ-nationalistisch auf der anderen Seite, zeigen sich weitere gesellschafts-relevante Diskrepanzen. Säkulare Juden stehen religiösen gegenüber, Juden und Araber sprechen nicht nur eine andere Sprache, sie leben auch in anderen Welten, Zionisten und Postzionisten führen ihren Kampf nicht nur an den Universitäten aus.
Wobei man hier trennscharf vorgehen muss. Postzionisten dürfen nicht mit Antizionisten verwechselt werden. Postzionisten folgen einer Philosophie von Rav Abraham Kook, dass der Zionismus seine Erfüllung mit der Staatsgründung gefunden hat und daher heute obsolet ist. Der Antizionismus richtet sich gegen den Staat Israel. Ob und wie man ihn mit dem Antisemitismus gleichsetzen kann, ist umstritten. Es gibt viele Versuche, den Nachweis zu erbringen, ob es diesen Zusammenhang gibt oder nicht.
Die israelische Autorin Noa Tishby[5] schreibt, «dass der Antizionismus, so gutartig er von einigen Aktivisten auch dargestellt wird, sich nur gegen eine einzige Nation auf der Welt richtet. Antizionisten negierten das Existenzrecht dieser einen Nation und verteidigen dies mit einer flammenden Vehemenz und Selbstgerechtigkeit. Antizionismus ist lediglich eine ‘politisch korrekte’ Version des Antisemitismus.»
Der derzeit noch als demokratisch zu bezeichnende Staat Israel entwickelt in einigen grundlegenden Bereichen Tendenzen, die befürchten lassen, dass sich der jüdische Staat Israel weg vom 1948 geplanten Ideal entwickelt.
- Bereits wenige Wochen nach der Vereidigung der ultrarechts-religiösen Regierung am 29. Dezember 2022 wurde klar, dass die Grundfesten des Rechtsstaates gefährdet sind. Der Kampf gegen die Unabhängigkeit der Justiz wurde in seinem vollen Umfang erkennbar. Die Menschen gingen auf die Strasse und demonstrierten gegen die Regierung, die diesen Trend vollumfänglich unterstützte. Die bösen Gesichter dieser Bemühungen waren und sind auch heute noch: Justizminister Yariv Levin und MK Simcha Rotman. Der Krieg in Gaza hat Vieles verzögert. Erstes Opfer dieser eigenmächtigen Anmassung von erlaubter Rechtsprechung ist GStA Gali Baharav-Miara. Sie wurde auf unrechtmässige Art entlassen. Der OGH widersprach. Sie ist bis zum Ende des Verfahrens mit allen Rechten und Pflichten immer noch im Amt. Und das ist gut so!
- Meinungsfreiheit in den Medien ist ebenfalls ein Zeichen einer Demokratie. Israel behauptet von sich volle Medienfreiheit zu haben. Das ist aber leider ein Wunschdenken. Die NGO ‘Reporter ohne Grenzen’ stellt uns auf Platz 112/180 zwischen Haiti und Madagaskar. Vor allem seit dem Massaker vom 7. Oktober gibt es Einschränkungen. Sowohl von militärischer Seite darf nicht über alles berichtet werden, zahlreiche Vorgänge werden mit einem ‘Maulkorb’, die eher Mitte-Links einzuordnende Tagezeitung Ha’arez musste es hinnehmen, dass sie von der Regierung geächtet wurde. Al Jazeera wurde die Berichterstattung direkt aus Israel verboten. Netanyahu selbst übersieht gerne die israelische Medienwelt und bevorzugt es, Interviews zumeist dem Lieblingssender von Trump, Fox News, zu geben. Die Israelis werden mit vorfabrizierten kurzen Videos abgespeist, wo kein Risiko besteht, von den Journalisten vor Ort gegrillt zu werden.
- Über die Zunahme des Einflusses von religiösen Parteien muss man, wenn man die Vorkommen verfolgt, nicht nachdenken: Sie nehmen seit Beginn dieser unsäglichen Koalition in einem unglaublichen Ausmass zu. Ihre Anmassung ist es, in der Regierung eine zentrale Rolle zu spielen. Ihre Ansprüche, wie z.B. beim Ausnahme-Gesetz für haredische Männer, aber auch für die masslosen finanziellen Unterstützungen für ihre religiösen Bildungseinrichtungen nehmen immer mehr erpresserische Züge an, denen sich Netanyahu beugt, getrieben von nur einem Ziel. Seinem Machterhalt. Moderne, demokratische Staaten müssen die Trennung zwischen Staat und Religion nicht nur als Lippenbekenntnis leben, sondern es auch konsequent durchführen. Religion ist Privatsache und darf nicht in die Politik hineinspielen.
- Ein letztes Merkmal, die Einhaltung der Menschenrechte und der Minderheitenschutz muss auch hinterfragt werden. Seit Avi Moaz, einziger MK der Anti-LGBTQIA+-Community ‘Minister für die Einhaltung der jüdischen Identität’ wurde, ist der Minderheitenschutz in der Regierung kein Thema mehr. Aber das ist nichts Neues, das ‘Nationalstaatsgesetz’ von 2013 machten aus Angehörigen von Minderheiten in Israel Bürger zweiter Klasse. Arabisch, bis anhin zweite Amtssprache, erhielt einen Sonderstatus, die nationale Selbstbestimmung im Staat hat ausschliesslich das jüdische Volk. Die Menschenrechte, so wird uns immer wieder, vor allem auch vom UN-Menschenrechtsrat vorgeworfen, werden sowohl gegen die Bevölkerung in Judäa und Samaria, als auch aktuell in Gaza missachtet. Leider teilweise zu Recht und eines demokratischen jüdischen Staates nicht würdig.
Als dazu passende weiterführende Literatur empfehle ich:
Der Messias kommt nicht – Abschied vom jüdischen Erlöser, Walter Homolka et al.
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau, 2022
ISBN Print 978-3-451-38996-2
Hier noch ein Beitrag aus der NZZ : https://www.nzz.ch/gesellschaft/ich-dachte-einfach-nicht-dass-sie-so-weit-gehen-wuerden-wie-fuehlt-es-sich-an-wenn-die-demokratie-im-eigenen-land-stirbt-und-wie-holt-man-sie-zurueck-ld.1903592
[1] Rabbi Zvi Yehuda Kook (1891-1982) gilt nicht nur als der Vater des ‘Religiösen Zionismus’, der Partei, der Bezalel Smotrich vorsteht. Sein Gedankengut von Gross-Israel fusst auf den Ideologien von: Messianismus, Auserwähltheit und Heiligkeit des Landes. Gelebt wurde das in der Untergrundbewegung ‘Gush Emunim’.
[2] Der Israel-Preis ist der angesehenste Preis in Israel. Er wird am Unabhängigkeitstag vom Präsidenten in Jerusalem vergeben.
[3] Eli Sadan gründete 1988 eine vor-militärische Ausbildungsstätte, Mechina, ‘Bnei David’. Dort sollten orthodoxe Männer auf den vollen Dienst in der IDF vorbereitet werden.
[4] Benannt nach Elkana, dem Sohn des Propheten Samuel.
[5] Noa Tishby, Israel. Der Faktencheck über das am meisten missverstandene Land der Welt. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2922, S. 339 und 344.
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