Krieg in Israel – Tag 730

13. Tishri 5786

Gestern meldete sich der rechtsradikale Smotrich zu Wort. Er kritisierte Netanyahu scharf für seine Entscheidung, die Offensive in Gaza zu stoppen. «Die Entscheidung, weitere Gespräche nicht mehr wie bisher ‘unter Feuer’ durchzuführen, ist ein Fehler. Es ist eine sichere Möglichkeit, dass die Hamas Zeit schindet und die Position Israels zunehmend untergraben wird, sowohl hinsichtlich der Freilassung aller Geiseln innerhalb von 72 Stunden [nach der Unterschrift des Vertrages] als auch hinsichtlich des zentralen Kriegsziels, die Hamas zu eliminieren und den Gazastreifen vollständig zu entmilitarisieren.»

Auch der ebenfalls rechtsradikale Ben-Gvir äusserte sich gestern: «Angesichts der jüngsten Entwicklungen haben ich und die Otzma Yehudit-Fraktion dem PM klar mitgeteilt: Wenn die Terrororganisation Hamas nach der Freilassung der Geiseln weiterhin existiert, wird Otzma Yehudit nicht Teil der Regierung sein», erklärt Ben-Gvir. Er geht davon aus, dass ein weiteres Existieren der Hamas eine ‘tickende Zeitbombe für das nächste Massaker’ sein wird. Ben-Gvir verabsäumte es aber trotzdem nicht, mitzuteilen, dass «meine Partei wie alle anderen auch, froh sind, wenn die Geiseln nach Hause zurückkehren.»

Netanyahu erklärte gestern Abend in einem kurzen Videostatement, «der einzige Grund, alle Geiseln freizulassen, ist fortgesetzter militärischer und diplomatischer Druck auf die Hamas.» Die Hamas sei nie bereit gewesen, ohne völligen militärischen Rückzug alle Geiseln freizulassen, anderslautende Meldungen seien eine blanke Lüge. Die jetzige Kehrtwendung sei nur durch den auf sie ausgeübten Druck erfolgt. Er selbst habe dank der Unterstützung von Trump dem ‘enormen Druck’ aus dem In- und Ausland standgehalten, der auf ihn ausgeübt worden sei. «Mit Gottes Hilfe wird es sehr bald geschehen, dass wir die Freilassung aller Geiseln erreichen, ohne uns aus dem Gazastreifen zurückzuziehen», fügte er auf Englisch hinzu. Die nun folgenden Verhandlungen werden sich auf wenige Tage beschränken, auch weil Trump gesagt hat, er werde keine Verzögerungstaktik mehr tolerieren. Die zweite Phase, die Entwaffnung der Hamas und die Entmilitarisierung werde «entweder auf diplomatischem Wege gemäss dem Trump-Plan oder militärisch durch uns geschehen», warnte Netanyahu.

Die Hamas zeigte sich überrascht über die positive Haltung des US-Präsidenten auf ihre Reaktion auf seinen Vorschlag. Allerdings zeigten sich die Hamas-Führer in Doha verärgert, dass Trump ihren guten Willen zu wenig würdigte. Die Hamas hatte sich bereit erklärt, alle Geiseln freizulassen, ohne vorher einen klaren Rückzug der IDF aus dem Gazastreifen zu verlangen. Das Weisse Haus hatte dazu eine Karte vorgelegt, wie sich Trump den schrittweisen Rückzug vorstellt, ohne einen exakten Zeitrahmen vorzulegen. Sie empfinden die Skizze als plakativ ohne besondere Aussagekraft. Dieser Punkt wird wahrscheinlich in den kommenden Tagen diskutiert werden.

Ein hochrangiger Hamas-Führer erklärte, dass die Terror-Organisation sehr an einer Beendigung des Krieges interessiert und deshalb bereit sei, den Geisel-Gefangenen-Austausch schnell durchzuführen. Dieser soll «unverzüglich unter Berücksichtigung der Bedingungen vor Ort beginnen», so der Vertreter, der anonym bleiben möchte. «Die Besatzungsmacht darf die Umsetzung des Plans von Präsident Trump nicht behindern. Wenn die Besatzungsmacht ernsthaft an einer Einigung interessiert ist, ist die Hamas dazu bereit.» Israel muss, das ist die Bedingung, alle Militäroperation, an Land, aus der Luft und vom Wasser aus einstellen und sich aus Gaza-City zurückziehen. Auch Aufklärungs- und Drohnenflüge müssen unterlassen werden. «Parallel zur Einstellung der israelischen Militäraktivitäten werden auch die Hamas und die Widerstandsgruppen ihre Militäroperationen und Aktionen einstellen.»

Im Gegenzug zu den 48 lebenden und toten Geiseln werden 250 palästinensische Gefangene mit lebenslangen Haftstrafen und mehr als 1.700 Gefangene, die im Zusammenhang mit dem 7. Oktober 23 verhaftet wurden, freigelassen. Drei Gefangene stehen dabei ganz oben auf der Wunschliste der Hamas: Marwan Barghouti, Ahmad Sa’adat und Abdulla Barghouthi.

Netanyahu versprach bei einem Treffen mit Familien von in Gaza gefallenen Soldaten: «Bis die erste Klausel – die Freilassung aller Geiseln, lebende und tote – erfüllt ist, bis die letzte Geisel, alle Geiseln, auf israelisches Gebiet gebracht worden sind, werden wir keine weitere Klausel umsetzen. Der Druck von Trump nimmt zu. Diesmal wird er nicht zögern, länger als vorgehen zu warten. Dieses Mal ist er entschlossen.» Die Hamas erklärte heute, es sei ihr unmöglich, alle Geiseln innerhalb von 72 Stunden freizulassen. Das sind zwei Aussagen, die sich diametral gegenüberstehen und eigentlich die Umsetzung des Trump-Plans verhindern. So kündigt Netanyahu auch an: «Wenn nicht alle unsere Geiseln innerhalb der 72 Stunden frei sind, dann werden wir, mit dem vollen Rückhalt aller Parteien, die Kämpfe wieder aufnehmen.»

Beste Freunde werden sie im Leben nicht mehr werden. In einem angespannten Telefonat schimpfte Trump in Richtung Netanyahu. Nachdem Netanyahu erklärt hatte, das ‘Njein’ der Hamas zum Trump-Plan gebe keinen Grund zum Feiern, schnauzte ihn Trump an. «Ich weiss nicht warum, aber du bist immer so fucking negativ. Das ist ein Sieg. Akzeptiere es!» Trump hatte offenbar mit einer Ablehnung gerechnet und war nun sehr erfreut, dass die Hamas den Plan wenn auch mit einem ‘Njein’ annahmen.

Die saudi-arabische Zeitung ‘Al-Arabiya’ erklärte, dass bereits gestern Dutzende schwerer Baumaschinen von Ägypten aus nach Gaza hineingefahren sind. Sie werden in der Nähe des Al-Bureij Flüchtlingslagers im Zentrum des Landes ein neues humanitäres Zeltlager aufbauen. Damit sollen die Binnen-Vertriebenen unterstützt und ihre Flucht aus Gaza verhindert werden. Andere Baumaschinen haben begonnen, die Trümmerberge, die durch eingestürzte Häuser verursacht wurden, abzuräumen.

Die IDF gab bekannt, unter zwei Krankenhäusern in Gaza-City miteinander verbundene Tunnel aufgedeckt und zerstört zu haben. Der erste Tunnel befand sich unter dem ‘Jordan Hospital’ im Süden der Stadt. Er war 1 ½ km lang und umfasste Wohn- und Aufenthaltsräume sowie eine Waffenproduktion. Die IDF betonte, dass entsprechend ihren Erkenntnissen Jordanien nicht an diesem Tunnel-Projekt beteiligt war. Der zweite Tunnel beim ‘Hamad Hospital’ liegt im Nord-Osten der Stadt. Hier verläuft der Tunnel genau unterhalb der Gebäude.

Die zwei von Houthi-Terroristen abgeschossenen Raketen, die beide mit der geächteten Splittermunition bestückt waren, konnten von der IAF abgefangen und zerstört werden, ohne Schaden anzurichten. Zuvor hatten sie den Alarm im Grossraum Tel Aviv – Jerusalem, zwischen Jerusalem und Hebron in Judäa und am Westufer des Toten Meeres ausgelöst.



Kategorien:Israel, Politik

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