Die erste Phase der Waffenruhe – Tag 3

21. Tishrei

Omri Miram lernt seine kleine Tochter kennen…..

Die 20 lebenden Geiseln sind wieder zurück in Israel! Die gute Nachricht zuallererst: Alle Geiseln befinden sich zumindest äusserlich in einem besseren Gesundheitszustand, als man es aufgrund der letzten Videos befürchten musste. Unglaublich blass, sehr dünn, aber in der Lage, ohne sichtbare Probleme eigenständig zu gehen und zu stehen.

Als Erstes wurde eine Gruppe von sieben Geiseln gegen 8 Uhr vormittags dem IKRK übergeben, die sie anschliessend der IDF zur Weiterfahrt in das Militärcamp Re’im fuhr. Hier trafen sie erstmals auf ihre Familienangehörigen und durften eine kurze Zeit mit ihnen geniessen, bevor sie gegen Mittag in eines der drei Krankenhäuser gebracht wurden. Dort warteten weitere Familienangehörige auf sie. Kurze Zeit zuvor gab die IDF bekannt, auch die weiteren 13 Geiseln empfangen zu haben. Auch sie befinden sich am Mittag auf dem Weg nach Re’im. Alle 20 sind inzwischen in den Krankenhäusern angekommen, wo sie sorgfältigen und ausführlichen Untersuchungen unterzogen werden.

So ganz ohne grosses Drama ging es dann doch nicht. Bevor die Geiseln dem IKRK übergeben wurden, drückte einigen von ihnen ein vermummter Hamas-Terrorist ein Smartphone in die Hand und zwang sie, ihre engsten Verwandten, die bereits in Re’im auf sie warteten, mit einem Video-Call anzurufen. Auf dem Display erschien als Anrufer ‘Al Aqsa Brigaden’. Purer Psychoterror! Die Reaktion war unterschiedlich. Die einen nahmen das Gespräch gar nicht erst an, andere legten auf, als sich ihr Sohn meldete. Sie glaubten an einen dummen Scherz. Also musste der nochmals anrufen. Das Telefon wurde zwischen einzelnen Geiseln auf der einen Seite und zwischen den verschiedenen Familien auf der anderen Seite hin- und hergereicht. Die Emotionen auf beiden Seiten über diese allerersten Kontakte nach mehr als 730 Tagen müssen gewaltig gewesen sein.

Mit der Übergabe der verstorbenen Geiseln wird später im Laufe des Tages gerechnet.

Um 12:30 begann Israel damit, die zugesagten 250 Sicherheitsgefangenen freizulassen. Der ursprüngliche Plan war, mit der Freilassung zu warten, bis alle Geiseln, die lebenden und toten freigelassen, resp. an Israel zurückgegeben wurden. Der Plan wurde aber dahingehend geändert, dass der Zeitpunkt auf den Moment verschoben wurde, in dem alle lebenden Geiseln wieder in Israel waren. Zwischenzeitlich wurden auch die 1.718 gazanischen Gefangenen, die im Zusammenhang mit dem Massaker festgenommen worden waren, aus dem Gefängnis in Ketziot in den Gazastreifen gebracht. In Ketziot waren nach der Übernahme der Flotilla auch die Aktivisten bis zu ihrer Deportation untergebracht.

Gegen 09:00 landete Trump mit der Air-Force Nr.1 in Tel Aviv. Er wurde von Steve Witkoff mit seiner Frau, Jared Kushner mit Ivanka Trump, Staatspräsident Isaac Herzog mit seiner Frau Michal sowie Netanyahu und Sara N. und anderen begrüsst. Während alle ruhig und freundlich small-talk machend an ihrem Platz standen, von Trump mal mit einem Händedruck, mal mit einer angedeuteten Umarmung und Bussi-Bussi begrüsst wurden, versuchte sich Sara N. immer wieder nach vorne zu mogeln und tätschelte Trump liebevoll den Arm. Doch so richtig wohlwollend zeigte der sich heute nicht. Die Begrüssung fiel halbherzig aus. Sara N. gestikulierte und grinste auch beim Gang über den roten Teppich. Es war peinlich!

Der Zeitplan ist schon kurz nach der Landung völlig durcheinander. Nach der verspäteten Ankunft in der Knesset traf Trump in der Knesset eine Gruppe von ehemaligen Geiseln und deren Angehörigen. Bevor er den Plenarsaal der Knesset betrat.

Auf der Besuchertribüne hatten neben zahlreichen Eingeladenen die US-amerikanischen Gästen auch zahlreiche israelischen Honoratioren platzgenommen: Generalstabschef Eyal Zamir, Polizei-Chef Daniel Levy sowie der neue Chef des Shin-Bet, David Zini, das geistige Oberhaupt der Drusen in Israel Muwaffak Tarif. Und natürlich Sara N.. Auf der Bühne sah man vereinzelt rote Schirmkappen, die an die Gäste ausgegeben worden waren. Der Text lautet: ‘Trump the peace president’. Entgegen den sonstigen Gepflogenheiten bei besonderen Anlässen war GStA Gali Baharv-Miara nicht eingeladen worden. Das war ein ganz privater Racheakt der Regierung!

Begrüsst wurde Trump von Knesset-Sprecher Amir Ohana, der auch gleich seine Rede hielt, die darin gipfelte, dass er betonte: «Die Welt braucht mehr Trumps.» Leider enthielt sie, wie auch die nachfolgende Rede von Netanyahu, hauptsächlich Lob für den Präsidenten, der in Israel nicht nur Kult- sondern mancherorts Halbgott-Status erhalten hat. Ohana nannte ihn einen ‘Giganten der Geschichte’, der «in das Pantheon der Geschichte eingehen wird.» Trump wird bereits als Friedens-Präsident bezeichnet und verglichen mit König Kyros, der die Juden aus dem Exil von Babylonien rettete und ihnen die Heimkehr ermöglichte.

Auch die Rede von Trump, die mehr als eine Stunde dauerte, war leider nur heisse Luft, Lob in alle Richtungen (vor allem in seine eigene), Stories aus seinem Leben, Stories aus dem Eheleben der Kushners, aus dem Leben der Witkoffs. Und immer wieder der Begriff ‘Frieden’. Davon ist Israel nach wie vor unglaublich weit entfernt. Zum einen die Frage, mit wem sollen sie Frieden schliessen, es gibt auf der anderen Seite keinen entsprechenden Staat. Zum anderen ist Phase eins erst abgeschlossen, wenn alle Geiseln, auch die toten, wieder in Israel sind.

Seit dem Nachmittag ist aber klar, dass das nicht der Fall ist. Die sterblichen Überreste von 24 Geiseln bleiben derzeit noch in der Gewalt der Hamas. Irgendwann wird man zur zweiten Phase übergehen. Dann, wenn alle Geiseln wieder daheim sind. Oder vorher? Das würde den Trump-Plan massiv verändern. Bei dem Gaza-Abkommen handelt es sich laut Trump «nicht nur um das Ende eines Kriegs, sondern vielmehr um die historische Morgenröte eines neuen Nahen Ostens.» Weiter sagte er: «Die Sonne geht über einem heiligen Land auf, das endlich Frieden gefunden hat.» Trump fabulierte auch wieder von den Kriegen, die er beendet habe: «Bis gestern waren es noch sieben, doch heute sind es acht Länder, denen ich den Frieden gebracht habe.»

Trumps Rede wurde kurz durch zwei lautstark protestierende linke MKs, Aman Odeh und Ofer Cassif, beide von der arabischen Hadash Partei, gestört, die von den Knesset-Ordnern sofort aus dem Plenarsaal geführt wurden. Trump wandte sich auch direkt an Präsident Herzog und forderte ihn auf, sofort die Gerichtsverfahren gegen Netanyahu einzustellen, indem er ihn begnadigt. «Ich habe eine Idee, warum begnadigen Sie ihn nicht?  Er ist einer der grössten Kriegs-Präsidenten (sic!) Er ist ein grossartiger Typ, Zigarren, rosa Champagner, wen interessiert das?» Sara N. auf der Besuchertribüne klatschte wie wild und setzte wieder einmal ihr berühmtes Miss Piggy-Grinsen auf. Trump vergass natürlich auch nicht, seine Vorgänger, Barack Obama und Joe Biden auf das Respektloseste der Unfähigkeit beschuldigen. Dabei muss man an dieser Stelle wieder einmal festhalten: Bereits im Sommer 2024 lag der jetzt als Trump-Plan hochstilisiert Plan auf dem Tisch. Die Hamas hatte zugestimmt. Wer ihn verhinderte, war, nicht zum ersten Mal: Netanyahu. Der US-Präsident hiess damals: Joe Biden, während Trump noch im Wahlkampfmodus durch die USA irrlichterte.

Unklarheit gab es kurzfristig, ob Netanyahu nun doch zum Gipfel nach Ägypten reisen wird. Nach einem Telefonat mit dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sissi, hatte der kurzfristig eine Einladung für Netanyahu ausgesprochen. Der Besuch wurde kurze Zeit später auch vom Büro des ägyptischen Präsidenten bestätigt. Nur eine Stunde später teilte das Büro des PM mit, aufgrund des bevorstehenden Feiertages Simchat Torah werde Netanyahu nicht teilnehmen. So ganz Recht hatte Trump nicht mit seiner Aussage, dass die Welt Netanyahu ab heute lieben werde. Der irakische PM drohte Ägypten sofort wieder zu verlassen, wenn Netanyahu teilnehmen werde. Erdogan erklärte, sofort wieder umzukehren zu wollen, sollte Netanyahu kommen. In Sharm el-Sheikh angekommen hingegen ist PA-Präsident Mahmoud Abbas.

Um 16:15 verabschiedete sich Trump mit einer dreistündigen Verspätung aus Israel, um nach Sharm el-Sheikh zu fliegen. Vorher hatte er sich, noch in der Knesset, halb spassig beschwert, er käme nun zu spät zur Konferenz: «Vielleicht sind alle schon wieder weg, wenn ich komme!

Nur vier der 28 während der Geiselhaft gestorbenen Geiseln werden heute im Laufe des Tages nach Israel zurückgebracht. Die Hamas gab am Nachmittag die Namen bekannt: Guy Illouz, Yossi Sharabi, Bipin Joshi und Daniel Perez. Das Forum für Familien von Geiseln und Vermissten hat eine umfassende Reaktion der Regierung gefordert, nachdem klar wurde, dass heute nur die sterblichen Überreste von vier Geiseln nach Israel zurückgebracht werden. Sie verlangen, sofort alle weiteren Verhandlungen einzustellen, bis die Vereinbarungen vertragsgemäss erfüllt sind. Die Terrorgruppe hatte erklärt, sie wisse nicht, wo sich die Leichen der restlichen Geiseln befinden. Während der letzte 24 Stunden, so gaben sie an, seien etwa 200 Leichen unter den Trümmern geborgen worden. Sie gehen davon aus, dass sich zahlreiche Leichen unter den Trümmerteilen befinden, die für Ersthelfer nicht zugänglich waren.

Netanyahu hat damit keines der von ihm immer wieder betonten Kriegs-Ziele erreicht.

Chag Simchat Torah Sameach!



Kategorien:Israel, Politik

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1 Antwort

  1. Netanyahu hat gar nichts erreicht. Ausser das Land zu spalten, es international fast zu isolieren und seine eigene Immunität zu sichern.

    Er hat die Geiseln nicht befreien können. Und nach zwei Jahren Krieg liegt der Gazastreifen in Schutt und Asche, mehr auch nicht. Er hat die Hamas nicht ausgeschaltet, vielleicht geschwächt aber sie ist sicher nicht am Ende.
    Trump hat sich spät dazugeschaltet und wird er gefeiert als derjenige, der die Geiseln befreit hat.

    Er mag zwar dümmlich daherschwätzen und auch in unpassenden Situationen (wie eben in Scharm El sheick), aber ich kann mir gut vorstellen, dass er hart durchgreift, sollte jemand „seinen“ Frieden untergraben. Ein falscher Schlag der Hamas und er schickt seine Marines. Dann ist fertig!

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