Die erste Phase der Waffenruhe – Tag 7

25. Tishri 5786

In der Absicht, seine Koalition, die derzeit über keine regierungsfähige Mehrheit in der Knesset verfügt, wieder zu stärken, hat Netanyahu der Shas wohl einen noch geheimen Deal angeboten. Es geht nach wie vor um das Ausnahmegesetz zum Militärdienst für haredische Männer. Jedenfalls könnte die Shas Partei unter Arye Deri, die sich im Juli aus der Regierung verabschiedet hat, in der kommenden Woche wieder zurückkommen. Laut neuesten Umfragen würde bei einer Neuiwahl der Likud zwar die stärkste Partei werden, aber ohne die Shas über keine Mehrheit zu einer Koalitionsbildung verfügen. In welchem Staat gibt es dieses ‘Rin inne Kartoffeln un raus ausse Kartoffeln’-Spiel in der Politik? Ist das seriöse und ernstzunehmende Politik? Nachdem auch die Partei von Bezalel Smotrich, Religious Zionism, die bis vor Kurzem die notwendigen 3.5 % zum Eintritt in die Knesset verpasst hatte, wieder an Stimmen zugelegt hat, kommt die Koalition derzeit auf 52/120 Sitzen. Die Opposition kann 58 Sitze für sich verbuchen, die arabischen Parteien 10.

So sieht das pure Gefühl von Freiheit aus! Miran geniesst den ersten Besuch mit seiner Familie am Strand.

Sie kehren nach einer kurzen Zeit im Spital nach Hause zurück: Eitan Horn, Matan Zangauker, Omri Miran, Matan Angrest und Nimrod Cohen wurden bereits wenige Tage nach ihrer Freilassung aus der Geiselhaft nach Hause entlassen. Dort werden sie bei ihren Familien den physischen Heilungsprozess beginnen. Weiterhin eng begleitet von Medizinern und natürlich auch Psychotherapeuten, die gemeinsam mit ihnen die traumatischen Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre aufarbeiten werden. Wenn man das überhaupt kann. Ich wünsche den Familien einen wunderbaren und glücklichen Shabatt!

Zwischen Israel und dem Libanon heisst sie ‘blaue Linie’ und wird auch entsprechend mit blauen ‘Markern’, in dem Fall blauen Tonnen markiert. VM Katz hat jetzt angeregt, die ‘gelbe Linie’, hinter die sich die IDF in Gaza zurückgezogen hat, mit gelben Markern zu versehen. Mit der Installation der gelben Marker soll der Grenzverlauf besser erkennbar sein und verhindern, dass Palästinenser ihn unabsichtlich überqueren. In dieser Woche waren bei einem solchen Vorfall mehrere Palästinenser von der IDF neutralisiert worden. 

Nachdem es gestern in der Ortschaft al-Rihiya südlich von Hebron in Judäa zu einem tragischen Zwischenfall kam, gab die IDF eine Erklärung ab. «Die IDF reagierte auf Steinwürfe und Störaktionen gegen unsere Einheiten. Der Vorfall, bei dem der 11 Jahre alte Mohammad Al-Hallaq erschossen wurde, wird von der IDF untersucht.» Angeblich hat Mohammad zum Zeitpunkt des Vorfalls mit Freunden auf dem Fussballfeld gespielt, als die IDF das Feuer auf sie eröffnete. Er wurde durch ein Geschoss im Bauch schwer verletzt und starb auf dem Weg ins Spital.

Die ultra-rechte NGO ‘Tzav 9’ hat angekündigt, solange die Hilfslieferungen nach Gaza zu blockieren, bis die letzte tote Geisel nach Israel zurückgegeben wurde «Solange das Abkommen nicht erfüllt ist, gibt es keine Hilfslieferungen an die Terror-Gruppen» Diese Aussage ist völlig falsch, die Lieferungen sind nicht für die Terror-Organisationen, sondern für die notleidenden Zivilisten gedacht. «Die Hilfe fördert einen Wiederaufbau ohne Gegenleistung und ohne die Rückgabe der Toten. Es wird keine Hilfe geben, bis die letzte tote Geisel zurückgeben wurde.» Genau mit solchen Aktionen wird das Bild Israels in der Welt verschlechtert. Die Gruppe hatte sich in der Vergangenheit mit Störaktionen gegen die Hilfslieferungen ausgezeichnet, war aber in den letzten Monaten nicht mehr in Aktion getreten.

Ein von al-Jazeera veröffentlichtes Video zeigt, wie Hamas-Mitglieder, unterstützt von schwerem Gerät in Khan Younis nach toten Geiseln suchen. Bulldozer sind zu sehen, wie sie Trümmerteile von den Strassen räumen. Israel hat die Hamas beschuldigt, eine zweistellige Anzahl von toten Geiseln wissentlich zurückzuhalten. Gleichzeitig haben sie die Terror-Organisation über die Mediatoren mit geheimdienstlichen Erkenntnissen versorgt, wo sich tote Geiseln befinden könnten. 

Der NZZ-Chefredakteur Eric Gujer schreibt heute in der NZZ einen Beitrag  zum Thema «Der andere Blick» mit dem Titel «Trotz Waffenstillstand in Gaza: Weder Israel noch die Palästinenser sind bereit für einen echten Frieden» und benennt leider damit den derzeitigen Zustand in Gaza mit dem falschen Begriff. Noch ist das, was herrscht, eine sehr fragile Waffenruhe. 

Ein Waffenstillstand wird frühstens am Ende der zweiten Phase herrschen, die noch nicht begonnen wurde. 

Ein sehr guter Beitrag, der versucht zu klären, warum die ‘konfliktreiche jüdisch-palästinensische Geschichte’ sehr lange brauchen wird, um zu heilen. 

Gleich zu Beginn hält er fest, was in den meisten Medien ausgeblendet wird. Dort wird zumeist betont, dass Israel ein ‘unverhältnismässiges Dauerbombardement auf unschuldige Zivilisten’ durchgeführt hat, ohne die Kausalität zu beachten. Die Ursache war eindeutig das Massaker vom 7. Oktober 2023, das grösste Pogrom gegen Juden seit der Shoah. Der Krieg war die Folge.

‘Nie wieder’ von Guyer als ‘Phrase einer selbstentleerten Vergangenheitsbewältigung’, bezeichnet ist für Israel die ‘wahre Staatsraison’.

Bis für Israel dieses andernorts gutmeinend gestammelte ‘Never again is now’ für Israel wieder selbstverständliche Realität wird, wird es Generationen dauern. «So lange wird sich die Wunde nicht schliessen. Die Blutorgie wird zur jüdischen Nakba, wie die Palästinenser Flucht und Vertreibung im Jahr 1948 nennen. Eine Urkatastrophe, die noch Generationen nachwirkt.»

Interessant ist, dass Guyer das israelische Vorgehen gegen den Iran, aber auch gegen den Libanon als ‘umsichtig’ bezeichnet und seiner Hoffnung Ausdruck verleiht, dass ‘aus diesen beiden Kriegen ein neuer und besserer Naher Osten entstehen kann’.

Gaza ist anders. Und das ist nicht nur Netanyahu zu verschulden. Der sieht im Krieg gegen die Hamas die Gelegenheit, seinen politischen Sitz zu fixieren. Die aktuellen Umfragen scheinen ihm Recht zu geben. Seine Devise seit dem 7. Oktober 2023 hätte lauten können: Raketen statt Gefängnis.

Auf der anderen Seite die ‘kaltblütige Mordlust der Hamas-Schlächter’. Gerade erst aufgefundenen Dokumente, die Yahya Sinwar zugeschrieben werden, zeigen, wie genau das Massaker geplant war. Inklusive den grausamen Morden, nachdem man möglichst viele Juden gefoltert und geschändet hatte. Filmaufnahmen sollten im Netz alles bis ins letzte Detail dokumentieren.

Am 7. Oktober bejubelten Hamas-Mitglieder und blutgeile Zivilisten die Parade der ermordeten oder schwerstverletzten Juden und die Geiseln, die auf Motorrädern oder Golfcarts verschleppt wurden. Ein makaberes Schauspiel.

Seither hat sich der Charakter der Terroristen nicht geändert. Guyer betont, dass die Hamas dem Trump-Plan zustimmen musste. Aber die Zivilisten sind kriegsmüde. Wird die Hamas weiterkämpfen? Ja, so ist er sicher, auch dann, wenn der Trump-Plan vollständig umgesetzt wird, was unwahrscheinlich ist. Er wird, so Guyers traurige Einschätzung, Zeit kaufen. Zeit, sich neu zu organisieren. 

Dabei helfen auch die palästinensischen Gefangenen, die von Israel in den Gazastreifen entlassen wurden. Unter ihnen befinden sich zahlreiche Protagonisten der Hamas und der Muslim Bruderschaft. Sie haben Zeit, viel Zeit. Das ist Teil ihrer Ideologie. Insh Allah, ihr Tag wird irgendwann kommen. Dann werden sie erneut zuschlagen.

Auch Israel wird sein Verhältnis zu den Palästinensern neu überdenken müssen. Jetzt, wo die lebenden Geiseln zu Hause sind, ist die Zeit dafür gekommen. 

Guyer verfolgt einen interessanten Denkansatz. Die Sperranlage, ob Mauer oder Zaun zwischen Israel, Samaria und Judäa hat ihren Zweck erfüllt. Seit sie besteht, ging die Zahl der Anschläge auf Israel dramatisch zurück. «Die Mauer machte es aber leicht, die Existenz der Palästinenser zu verdrängen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Die Aussöhnung mit mehreren arabischen Staaten verstärkte noch die Selbsttäuschung.» Der Gazastreifen mutierte zum unbedeutenden Nebenschauplatz. Ruhiggehalten mit Geld aus Katar, das Netanyahu Monat für Monat weiterreichte.

Das neue Problem verortet Guyer bei den Siedlern, die unterstützt von der ultrarechten Kamarilla, zum neuen Zentrum der politischen Macht werden. Sie werden das neue Machtzentrum, um das die Regierung kreist. Um das Netanyahu kreist, um sich nicht zu verlieren. 

Dabei ging der Blick darauf verloren, dass der Krieg eine neue Art von Solidarisierung mit sich brachte: die der politischen Gutmenschen weltweit, die zwar Israel-Kritik rufen, aber in Wirklichkeit einen neuen, unglaublich extremen Antisemitismus prägen. Der begann, sich nur wenige Stunden nach dem Massaker zu zeigen. Das Medusenhaupt, das nicht mehr auszurotten ist. 

Die Muslim-Brüder haben ihr Ziel erreicht. Israel ist der bad-boy des Nahen Ostens geworden. Ohne die Palästinenser wird es keinen Frieden im Nahen Osten geben. Netanyahu setzt nach wie vor auf militärische Gewalt. Die Hamas verzögert die diplomatischen Wege. 

So wird ein Frieden in der Region wohl nicht zu schaffen sein.



Kategorien:Israel, Politik

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