Die erste Phase der Waffenruhe – Tag 17

5. Cheschwan 5786

Wenn die aktuelle Gesetzgebung nicht zielführend ist, dann muss man eben ein neues Gesetz schaffen. MK Avichai Boaron, Likud, hat einen Gesetzesentwurf eingebracht, um Naftali Bennett an einer Kandidatur bei der nächsten Wahl zu hindern. Der Entwurf wurde vom Komitee für Gesetzgebung gebilligt. Natürlich ist er massgeschneidert für den grössten Konkurrenten von Netanyahu. So muss ein Politiker, der eine neue Partei gründet, zunächst alle Schulden seiner alten Partei begleichen. Vorausgesetzt, diese alte Partei wurde innerhalb der letzten sieben Jahre aufgelöst. Nur dann kann er wieder Wahlkampfgelder beantragen. Die zwei ehemaligen Parteien ‘Yamina’ und ‘Jewish home’ dürften, so der Sender ‘Kan’, insgesamt knapp US$ 4 Millionen Schulden haben. Benny Ganz lobte zwar grundsätzlich den Entwurf, bezeichnete es aber in diesem Fall, wo es auf einen Mann zugeschnitten und rückwirkend aktiviert werden soll, als politischen Racheakt.

Der Chef-Unterhändler der Hamas, Khalil Al-Hayya, hat betont, die Hamas werde die Waffen an den Staat abgeben, sobald die Besatzung endet. Ihre Waffen seien ausschliesslich mit der Besatzung und der Aggression gegen sie verbunden. Welchen Staat er meint, bleibt offen. Ebenfalls wird nicht klar, von welcher ‘Besatzung’ er spricht. Er könnte entweder von Gaza sprechen, aber auch vom Staat Israel. Sowohl bei der Hamas als auch im Iran und in den meisten muslimischen Staaten ist die Zerstörung Israels und die Vertreibung der Juden Staatsdoktrin und ein zwingendes Gebot. «Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: „Die Stunde wird nicht eintreten, bis die Muslime gegen die Juden so lange kämpfen und sie töten und sich der Jude hinter einem Stein und einem Baum verstecken wird. Da sagt der Stein oder der Baum: „O Muslim! O Diener Allahs! Dieser ist ein Jude hinter mir, so komm und töte ihn!“ Der einzige Baum, der das nicht macht, ist Al-Gharqad, denn er gehört zu den Bäumen der Juden.» [Ṣaḥīḥ Muslim, Kapitel 52, Hadithnr. 5203]

Bar Kuperstein, der vor zwei Wochen aus der Geiselhaft freikam, war bereit, ein ausführliches Gespräch über die Zeit in Gaza zu führen. Er sieht neben der Hamas Ben-Gvir als verantwortlich für die unmenschliche Behandlung. Immer dann, wenn der rechtsradikale Minister für Nationale Sicherheit, der auch für die Gefängnisse verantwortlich ist, neue Restriktionen für palästinensische Häftlinge verkündete, ging es ihnen schlecht. «Es gab Tage, an denen es nichts zu essen gab. Sie [die Hamas] brachten einfach nichts.» Sie selbst hatten aber immer genug, um satt zu werden.

 «Es war um den 270. Tag herum. Da gab es ein Problem mit Ben-Gvir und den palästinensischen Häftlingen. Ich erinnere mich, dass sie zu uns kamen und uns schlugen. Sie stellten uns an die Wand und verprügelten uns heftig … Sie sagten, es sei wegen Ben Gvir – was er unseren Gefangenen antut, bekommt ihr zurück.» Ich erinnere mich, es könnte der Tag gewesen sein, als Ben-Gvir vor der Knesset seine neuen Massnahmen laut schreiend vortrug. Kein Fleisch mehr, nur noch die gesetzliche vorgeschriebenen Minimalportionen, kein Radio, keine Pritschen mehr, nur mehr Matten auf dem Boden. Duschen nur mehr einmal pro Woche 5 Minuten. Alles, was dem Rechtsextremen einfiel, wurde umgesetzt.

 «Auge um Auge – sie taten es noch ein paar Mal, kamen und schlugen uns, und nach etwa einer Woche, ich erinnere mich, brachten sie mich in ihren Raum, verbanden mir die Augen, und als ich dort eintrat, bekam ich zwei Schläge ins Gesicht, wie mit Topfdeckeln», erzählt er. «Ich fiel vor Schmerz zu Boden. Sie zerrten mich an den Beinen durch den Raum, traten auf mich ein und erniedrigten mich so sehr sie konnten. Dann packten sie meine Beine und fesselten sie.» Einer seiner Entführer, so Kuperstein, sagte ihm dann: «Bis jetzt haben wir noch nichts getan. Jetzt wirst du am eigenen Leib spüren, was unsere Gefangenen in Israel spüren.»

Es gab erste Gerüchte über Misshandlungen, Folter und Tötungen von Häftlingen in israelischen Gefängnissen. Über die Nachrichten kamen sie auch in den Gazastreifen. «Sie brachen mir mehrere Knochen in den Füssen, und ich konnte einen Monat lang oder so nicht darauf laufen», erzählt Kuperstein. Nein, wütend auf Ben-Gvir ist er nicht. Aber darauf, dass alle Massnahmen in den Medien detailliert geschildert wurden. «Sie wissen, dass wir in ihrer Gewalt sind, wie können sie zulassen, dass sie uns misshandeln? Sie sind Minister in der Regierung, sie sollten sich um uns kümmern, warum kümmern sie sich nicht um uns?»

Auch in Gaza gibt es ein forensisches Institut. Dessen Leiter, Dr. Ahmad Dheir, hat die von Israel vereinbarungsgemäss an die Hamas zurückgegebenen 150 toten palästinensischen Gefangenen untersucht. Deir erhebt in einem Gespräch mit der ARD schwere Anschuldigungen. Zahlreiche Tote sind gefoltert worden, trugen Hand- oder Fussfesseln, ein Seil um den Hals oder eine Augenbinde. Er spricht von Brüchen und Prellungen am ganzen Körper. Der Todeszeitpunkt und die Todesursache lassen sich nur schwer zurückverfolgen. Auch israelische NGOs haben die Verletzungen dokumentiert. Die Uno spricht von unerklärlichen 80 Toten in israelischen Gefängnissen und Militärlagern. Die IDF reagiert auf die Anschuldigungen verspätet: «Es handelt sich bei allen bisher übergebenen Leichen ausschliesslich um Tote, die bei Kämpfen im Gazastreifen getötet worden seien. Sie seien nicht lebend in israelischen Einrichtungen festgehalten worden.» Überprüfbar ist das nicht. Die Lügen unserer Feinde waren schon immer erfolgreicher als unsere Wahrheit.

Die UNIFIL behauptet, dass gestern eine ihrer Patrouillen von einer Drohne aus mit einer Granate beschossen wurde. Anschliessend sei von einem Panzer auf die Beobachtertruppe geschossen worden. Es gab keine Verletzten und keine Schäden an den Fahrzeugen. Vor dem Beschuss sei eine bedrohlich wirkende Drohne über ihnen geflogen. Sie konnte neutralisiert werden. «Dieser Angriff stellt eine klare Verletzung der UN-Resolution 1701 und der Sicherheit des Libanon dar.» Von der IDF gab es keinen unmittelbaren Kommentar.

Trotz intensiver Sucharbeiten fehlen Israel immer noch die Fundorte von vier der 13 toten Geiseln. Generalstabschef Eyal Zamir erklärte US- Vizepräsident JD Vance in der vergangenen Woche, dass unter den Gesuchten auch der 2014 von der Hamas getötete und anschliessend verschleppte Soldat Hadar Goldin ist. Israel erklärte, dass die Hamas problemlos weitere tote Geiseln zurückgeben könne, nachdem ihre Fundorte bekannt sind. Die Hamas behauptet aber weiterhin stur, dass sie Hilfe bei der Bergung benötigt.

Heute Abend um 21 Uhr wird die Hamas wieder eine tote Geisel an Israel zurückgeben. Die sterblichen Überreste wurden angeblich heute in Gaza City geborgen.

Ich freue mich, heute wieder eine Rose des Tages vergeben zu können. Sie geht an Ismail, Rafi, Chamad und Dahesch Alkrenawi, vier Cousins aus der Beduinenstadt Rahat. Rahat ist die grösste Beduinenstadt in Israel, knapp 40 km von Re’im entfernt, wo am 7. Oktober 2023 das Supernova-Festival stattfand. Am Morgen des 7. Oktobers um 06:29 begann der massive Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen auf Südisrael. Um 06:35 wurde die Party amtlicherseits beendet und die Besucher wurden aufgefordert, das Gelände schnell zu verlassen. Gegen 07:13 erhielt das Heimatfront-Kommando die falsche Information, dass bereits etwa 90 % der Gäste das Gelände verlassen hätten. Ein tödlicher Fehler!

Die angreifende Hamas hat möglicherweise nichts vom Festival gewusst. Ihr Ziel war die Stadt Netivot. Die Terroristen wurden umgeleitet und trafen um 08:12 auf die von der Polizei errichtete Strassensperre, die sie schnell durchbrachen. Gegen 08:20 traf ein einzelner, beschädigter Merkawa Panzer auf dem Gelände ein. Von der Mannschaft war nur noch der Fahrer, Ido Somech, am Leben. Es gelang ihm, Fahrzeuge der Terroristen zu überfahren. Später gelang es noch, zahlreichen Flüchtenden Schutz zu geben. Um 11:35 trafen die ersten IDF-Soldaten ein und begannen mit der Rückeroberung des Geländes, die gegen 15 Uhr abgeschlossen war.

Die Alkrenawis sind einer der grössten Clans in Rahat. Gegen 06:30 ruft ein weiterer Cousin an und schlägt Alarm. Sein Sohn Hisham arbeitet seit einigen Wochen im Speisesaal vom Kibbutz Be’eri. Für die Hamas sind sie Verräter, weil sie bei ‘den Juden’ arbeiten. Helfen wird ihnen niemand. Sie müssen selbst aktiv werden. Als sie das Gelände des Festivals, in der Nähe von Be’eri erreichen, sehen sie Flüchtende. Verstört, verletzt, verwirrt, aber auch vollgepumpt mit Drogen. Viele Strassen sind von der Polizei mittlerweile gesperrt, sie müssen versuchen querfeldein zu fahren. Je näher sie dem Festival-Gelände kommen, desto gefährlicher ist es weiterzufahren. Überall sind Terroristen, überall wird geschossen.

Sie beginnen damit, Menschen zu evakuieren. Viele von ihnen sind nicht ansprechbar, sie leben nur noch im Fluchtmodus. Sie geben ihnen Wasser, lassen sie mit ihren Handys telefonieren. Stundenlang rasen sie zwischen Re’im und Ofakim hin und her, 20 km pro Strecke. Zwischen 30 und 40 Menschen sind es, die sie retten

Hisham ist überzeugt, dass die vier Cousins ihn retten werden. Ihn und Aya Maydan, eine Jüdin aus Be’eri. Aya wollte am 7. Oktober, wie an jedem Samstag, mit einem Freund mit dem Velo für den ‘Israman’ trainieren. Kurz nachdem sie den Kibbutz verlassen hat, fliegen die Raketen. Sie wirft sich in einen Bewässerungsgraben. Ihr Mann ruft an, rät ihr, in einem der kleinen Betonbunker Schutz zu suchen, die überall stehen. Sie will zurück in den Kibbutz, drei Beduinen, die sie flüchtig aus dem Kibbutz kennt, darunter Hisham, warnen sie, dass im Kibbutz überall Terroristen sind, die jeden töten. Aya und Hisham verstecken sich in einem Erdnussfeld. Hisham gibt seinem Vater auf Ayas Handy ihren Standort durch. Er ist sicher, es wird nicht lange dauern. Immer wieder rufen die Cousins Hisham an: «Wir kommen dich holen, noch fünf Minuten.» Dann wieder «Noch 20 Minuten.» Es werden sieben lange Stunden.

Dann taucht der weisse SUV auf, die Türen werden aufgerissen. Aya kauert vor dem Beifahrersitz am Boden, kann nicht sehen, was draussen vor sich geht. Auf einmal bleibt das Auto stehen, sie hört Ismail brüllen: «Nein! Nein! Nein! Nicht schiessen! Wir sind Israelis! Wir sind Zivilisten!» Die Soldaten können es kaum glauben.

Bodo Ramelow

Die vier Beduinen wurden am Wochenende in der Benediktinerabtei ‘Dormitio’ in Jerusalem mit dem ‘Mount Zion Award’ als ‘grösste zivile Lebensretter während des Massakers’ ausgezeichnet. Die Laudatio hielt Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow. Er hielt in fest, dass es wichtig sei, «mit aller Deutlichkeit daran zu erinnern, dass auch Beduinen das gleiche Staatsbürgerrecht wie alle in Israel haben» Sie hätten beim Angriff der Hamas nicht weggeschaut, sondern unter Einsatz ihres Lebens viele Menschenleben gerettet. Ramelow, der in seiner Fraktion ‘die Linke’ Sprecher für Religionspolitik ist, betonte, dass die Ausgezeichneten aktiv daran arbeiten, dass sich Religionen aufeinander zubewegen. «Religion darf nie Teil des Problems sein. Religion muss Teil der Lösung sein», so Ramelow. «Religion darf nie Begründung für Kriege oder Gewalt sein.»



Kategorien:Israel, Politik

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