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9./10. Cheschwan 5786 31. Okt./1. Nov. 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 16:10
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:27
Shabbateingang in Zürich: 16:52
Shabbatausgang in Zürich: 17:56
‚lech lecha mi haaretz‘ lesen wir im ersten Absatz des heutigen Wochenabschnittes. „Ziehe weg aus dem Land“, so lautet die klare Anweisung von Gott an Avram. „Ziehe fort, lasse alles hinter dir, deine Heimat und deine Freunde.“ Jeder von uns, der schon einmal oder mehrmals sein Geburtsland, ich spreche nicht vom Heimatland, verlassen hat, weiss, wie schwer das ist. Vielleicht hat man gerade erst Wurzeln geschlagen und schon geht es weiter. Bei jeder Veränderung bleibt Liebgewordenes hinter uns: Freunde, Orte, Gefühle. Der Rucksack der Erinnerungen wird immer grösser, je häufiger wir uns verändern. Die moderne Arbeitswelt, die Globalisierung verlangt die vermehrte Mobilität. Heute ist es einfach, Kontakte zu halten. Die sozialen Medien machen es möglich. Avram und Sarai hatten diese Chance noch nicht.
Terach, sein Vater, war mit ihnen sowie mit seinem Enkel Lot, dem Sohn seines zweiten Sohnes aus Ur in Chaldäa, dem südlichen Mesopotamien ausgewandert, um sich in Kanaan anzusiedeln. Auf halbem Weg verstirbt Terach im Alter von 205 Jahren.
Nachdem Gott Avram aufgefordert hatte, sein Land zu verlassen, machte er sich mit Sarai, seinem Neffen Lot auf den Weg, um Gottes Aufforderung zu erfüllen. 75 Jahre war er alt. Das war die erste Prüfung, die Gott Avram auferlegte. Er bestand sie, indem er der Aufforderung, ohne zu zögern, Folge leistete. Insgesamt wird er von Gott zehnmal geprüft werden. In der Mischna, Pirkei Avot, Kap. 5:4 steht zu lesen: „In zehn Prüfungen wurde Avram erprobt, und er bestand sie alle, um zu zeigen, wie gross unseres Vaters Liebe zu Gott war.“ Vor wenigen Wochen habe ich darüber geschrieben.
An dieser Stelle hören wir auch die erste grosse Prophezeiung, die Gott ausspricht „Ich werde dich zu einem grossen Volk machen, dich segnen und deinen Namen gross machen. Ein Segen sollst du sein.“ Wie muss dies in den Ohren Avrams geklungen haben? Wie sollte er der Stammvater eines grossen Volkes werden, wo er schon 75 Jahre alt war und seine Frau Sarai keine Kinder empfangen konnte? Empfand er es als Hohn? Oder fürchtete er sich, was in der Fremde auf ihn zukommen würde? Nein, Avram vertraute auf das Wort Gottes und hinterfragte es nicht.
Als eine Hungersnot ausbrach, zog er mit den Seinen weiter nach Ägypten, in jenes Land, das Generationen später ein Schicksalsort für sein Volk werden sollte. Dort muss sich Avram einer schweren Prüfung unterziehen. Um nicht Gefahr zu laufen, vom Pharao getötet zu werden, weil der Sarai, die eine schöne Frau war, begehrte, gab Avram sie mit ihrem Einverständnis als seine Schwester aus. Pharao machte sie zu seiner Frau, wie immer wir dies hier auch interpretieren müssen. Auch das muss bitter für Avram und seine Frau gewesen sein. Doch Gott half ihnen. Er schlug Pharao mit schweren Krankheiten, die dieser auf die Anwesenheit von Avram zurückführte und ihn aus seinem Land vertreiben liess. Zum Glück für Avram und Sarai. Wiederum durfte er erfahren, dass Gott unverbrüchlich neben ihm stand, solange er sich seinen Anweisungen und Wünschen fügte.
Seinen Weg hinaus aus seiner ursprünglichen Heimat kann man durchaus als Weg hinaus in eine unbekannte Zukunft bezeichnen. Awram ist unser erster Stammvater. Es wird ihm und seinen Nachkommen nicht gelingen, ein zusammenhängendes Stammesgebiet für das ihm prophezeite Volk zu sichern. Die Zerstreuung der Juden weltweit. Das begann nicht erst mit der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahre 70 CE, sondern sie begann bereits in dem Augenblick, in dem der Grundstein für das jüdische Volk gelegt wurde.
Erst mit der Staatsgründung im Jahr 1948 gelang es wieder, ein gemeinsames Heimatland für alle Juden, die dort leben wollen, zu schaffen. Das moderne Israel, das sich zu einem lebendigen und demokratischen Staat entwickeln konnte. Unabhängig davon, wie viele benachbarte Völker diesen Staat immer wieder bedrohten. Die Geschichte hat sich oft wiederholt. Es gab Kriege, es gab Siege, es gab Verluste, es gab Hoffnung und es gab Verzweiflung. Doch immer stand das kleine Volk stolz und unbeugsam in seinem Glauben an Gottes Verheissung auf.
Bisher haben wir es geschafft, alle inneren Bedrohungen zu bekämpfen, so wie wir die von aussen kommenden abwehren konnten. Jetzt hat sich eine Situation ergeben, die uns vielleicht seit der Staatsgründung vor die grösste Herausforderung stellt. Das Land, die Gesellschaft ist gespalten, die Politik zentriert sich nur mehr auf die Wünsche eines Mannes und seiner Familie. Sogar die Frage, ob der grausame Krieg in Gaza enden darf oder weitergeführt wird, wird von ihm entschieden.
Gott hat Avram das Land gezeigt und nochmals versprochen, es ihm und seinen Nachfahren zu Eigen zu geben. In diesem Augenblick zweifelt Avram: „Herr, mein Herr, woran soll ich erkennen, dass ich es zu Eigen bekomme?“ Gott liess ihn einschlafen und sagte ihm im Traum „Deine Nachkommen werden als Fremde in einem Land wohnen, das ihnen nicht gehört. Sie werden dort als Sklaven dienen und man wird sie vierhundert Jahre lang hart behandeln. Aber auch über das Volk, dem sie als Sklaven dienen, werde ich Gericht halten und nachher werden sie mit reicher Habe ausziehen. (…) Erst die vierte Generation wird hierher zurückkehren; (…).“ Was Gott Avram im Traum zeigt, ist die Geschichte des Exils in Ägypten, die Zeit der harten Fronarbeit und die Zeit der anschliessenden 40 Jahre dauernden Wüstenwanderung.
Gott verspricht, dass er immer an der Seite Avrams und seiner Nachkommen sein wird. Nach der Geburt seines Erstgeborenen, Ishmaels, verspricht er ihm „Ich will einen Bund stiften zwischen mir und dir und dich sehr zahlreich machen. (…) Das ist mein Bund mit dir: Du wirst Stammvater einer Menge von Völkern.“ Er gibt Avram seinen neuen Namen, Abraham, Vater von Vielen und ändert auch den Namen von Sarai auf Sarah.
Das grösste aller Wunder aber steht Abraham und Sarah aber noch bevor: In Jahresfrist, so verspricht ihnen Gott, werden sie einen gemeinsamen Sohn, Jitzhak, haben, der in den Bund mit Gott eintreten wird.
Wir können jetzt schon, noch ziemlich am Beginn der Torah erkennen, wie voll mit Leben gefüllt sie ist. Jeder Abschnitt lehrt uns etwas Neues, auch wenn wir ihn in jedem Jahr erneut lesen. Und immer wieder wird klar, wie viele Parallelen wir zwischen der Anfangszeit des jüdischen Volkes und der heutigen Zeit finden können. Wenn wir nur genau hinschauen!
Kommen wir nun zu den Sprüchen der Väter:
(11) Vier Eigenschaften gibt es bei den Temperamenten: leicht zu erzürnen und leicht zu besänftigen: sein Nachteil wird durch seinen Vorteil aufgewogen; schwer zu erzürnen und schwer zu besänftigen: sein Vorteil wird durch seinen Nachteil aufgewogen; schwer zu erzürnen, aber leicht zu besänftigen: das ist ein Chassid; leicht zu erzürnen, aber schwer zu besänftigen: das ist ein Gesetzloser.
Diese Typen kennen wir! Müssen wir uns mit demjenigen auseinandersetzen, der uns an das HB-Männchen der 60-er Jahre erinnert, so wissen wir genau, ein beruhigendes Wort, bringt ihn doch sofort wieder auf den Boden. Wie kann man mit ihm umgehen? Kurz wegducken und schon ist er wieder der liebenswerte Kauz, als den wir ihn kennen.
Der zweite Typ erinnert an das Erinnerungsvermögen eines Elefanten. Es dauert lange, bis er die Fassung verliert. Viele Menschen missverstehen das und trampeln auf seinen Nerven herum. Aber sie vergessen dabei eines. Das Erinnerungsvermögen eines Elefanten ist so gross, dass er nie, und ich meine wirklich nie, etwas vergisst.
Der dritte Typ erinnert mich an Moshe, der mit unendlicher Geduld alles ertrug, was sein Volk anstellte. Nur selten lesen wir, dass er wütend wurde. Beeindruckend ist seine Reaktion auf das ‚Goldene Kalb‘. In Schmot 32.19 ff kommt er mit den Gesetzestafeln vom heiligen Berg, sieht das ‚Goldene Kalb‘ und zerschmettert die wertvollen Tafeln. Er trifft eine weise Entscheidung, die zwar zahlreiche Männer das Leben kostet. Doch nach dieser drastischen Strafe, die Gott den Israeliten auferlegt hatte, konnte Moshe dem Volk wieder den Segen Gottes versprechen.
Den vierten Typen bezeichne ich als ein bedauernswertes emotionales Wrack. Einerseits kann er seine Emotionen nicht in den Griff bekommen und reagiert schnell und heftig auf alles, was vermeindliche Angriffe auf ihn darstellen könnte, lässt sich dann aber fast nicht mehr beruhigen. Ein unangenehmer Zeitgenosse, dessen Verhalten man fast nicht einordnen kann.
Es ist spannend, wie unterschiedlich die Menschen sind.
Shabbat Shalom
Kategorien:Religion
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