Yitzhak Rabin, s’’l, ermordet am 4. November 1995

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«Der Weg des Friedens ist dem des Krieges vorzuziehen.» (Yitzhak Rabin)

Heute jährt sich der 30. Todestag jenes Mannes, unter dessen Egide Frieden mit den Palästinensern vielleicht möglich gewesen wäre. Anlässlich dieses Tages veröffentlichte das IDF-Archiv bisher unbekannte Tondokumente. Es gibt einige aus dem Jahr 1967, als er Generalstabschef war und aus seiner ersten Zeit als PM in den Jahren 1976 und 1977. 

«Israel ohne militärische Macht wird nicht existieren, aber der Schwerpunkt muss von militärischen Konfrontationen auf Verhandlungsmöglichkeiten verlagert werden.» Dieser weise Satz aus dem Jahr 1977 hätte zwar möglicherweise keinen der Kriege verhindern, aber ziemlich sicher verkürzen können.

Seine hauptsächlichen Themen in den Besprechungen sind die komplexen Beziehungen zwischen Israelis und Arabern, die Beziehung zu den USA, das Gleichgewicht zwischen militärischer Stärke und Diplomatie, die diplomatische Isolation nach dem Sechs-Tage-Krieg und die Notwendigkeit, die Bodentruppen zu verstärken. Auch hier hatte Rabin eine klare Vision: «Ich schlage vor, dass wir keine glatten Wände erklimmen, sondern uns vielmehr bewusst machen, dass die Infanterie bestehen bleiben wird und dass die Infanterie, mit einigen Verbesserungen der einen oder anderen Art, in Zukunft vor der Notwendigkeit stehen wird, schwierige Aufgaben zu erfüllen», sagte er und fuhr fort: «Ich glaube, dieses Forum [eine Militärkonferenz] muss die Realität zur Kenntnis nehmen, sich entsprechend vorbereiten und das Beste aus der Infanterie herausholen. Ich bin von der Infanterie als Kriegswaffe überzeugt … und in der Infanterie wird die erste Priorität immer das Denken und die Pflege und Entwicklung der Infanterie selbst sein … wenn jemand diese Konferenz mit dem Gefühl verlässt, dass das Zeitalter der Infanterie vorbei ist, geht er mit einer falschen, gefährlichen und unpraktischen Schlussfolgerung.»

Seine visionären Ideen formulierte er als PM im Jahr 1976: «Der Staat Israel hat auf zwei parallelen Wegen gelebt, lebt auf ihnen und wird auf ihnen weiterleben. Der eine Weg erfordert Planung, das Erkennen von Entwicklungen, die Bewertung von Entwicklungen auf kurze, mittlere und lange Sicht … während der andere Weg der der unvorhergesehenen Entwicklungen ist.» Das galt für damals und, wie wir es erleben müssen, gilt es auch heute noch. Es galt am 7. Oktober 2023, als Militär und Politik sichtbare Entwicklungen falsch interpretierten. Später fügte Rabin diesem Gedanken noch hinzu: «Die Fähigkeit, gleichzeitig langfristig zu denken – sich vorzubereiten, zu planen – und gleichzeitig auf alle möglichen Umwälzungen vorbereitet zu sein, die es im Nahen Osten gibt, gab und immer geben wird, war und bleibt eines der Hauptmerkmale», und hielt weiter fest, dass: «die Fakten derzeit so sind, dass man mit militärischer Drohung keine diplomatische Lösung durchsetzen kann.»

Kurz vor dem Ende seiner ersten Amtszeit im Jahr 1977 sprach er erneut vor dem Generalstabsforum: «Von Zeit zu Zeit muss man sich der Verantwortung bewusst werden und erkennen, wie man die Kluft zwischen Traum, Vision und Realität überbrücken kann. Was ist heute erreichbar und wie können die Errungenschaften von heute zu einem Sprungbrett für die Zukunft werden.»

Die starre Haltung der arabischen Nachbarn schätzte er schon damals insofern richtig ein, als er betonte, dass sie keinen Glauben an einen diplomatischen Prozess haben, der nicht von militärischer Macht begleitet wird. Israel habe sich gegen jede vermeidbare Gebietsabgabe gestellt, sei es beim Teilungsplan 1947, als auch nach den Waffenstillstandsabkommen von 1949 bis zum Jahr 1967. «Ich kenne keine einzige Grenze, die als Grenze zwischen uns und den arabischen Ländern diente und ideologisch begründet war. Niemand hat sie ideologisiert. Sie wurden aufgrund der Umstände geschaffen, ohne im Voraus als Ziel definiert worden zu sein», sagte er. Den Friedensbegriff sah er sehr differenziert: «Ich definiere Frieden nicht als Ziel … das bevorzugte Ziel ist Frieden, aber ich würde andere Vereinbarungen nicht von vornherein ablehnen. Eine Politik, die nur auf Verhandlungen abzielt und gleichzeitig keine militärische Stärke gewährleistet, hat kein Existenzrecht.»

Ein zweiter Themenkreis beschäftigt sich mit seiner Haltung gegenüber den USA. Heute erleben wir die Abhängigkeit von den USA unter der Regierung von Donald Trump. Trump mischt sich in sämtliche Entscheidungen ein, die den Krieg gegen Gaza betreffen: sei es, dass er Angriffe erlaubt oder verbietet oder dass er ständigen Druck auf den PM ausübt. Besonders hervorstechend war das vorgeschriebene Telefonat mit Katar, in dem sich Netanyahu entschuldigen musste für die wohl letzte Eigenmächtigkeit, die er sich erlaubte: den misslungenen Angriff auf Hamas-Terroristen in Doha. Im Gegenzug erhielt er die Unterschrift auf einem Papier, das den Weg zum Waffenstillstand ebnen sollte.  Das Papier ist heute, wir müssen es täglich erleben, fast nichts mehr wert.

1967, nach dem Sechs-Tage-Krieg, zitiert Rabin den damaligen US-Aussenminister Dean Rusk: «Das nächste Mal, wenn wir euch bei einer Bruchlandung helfen sollen, beratet euch bitte mit uns, bevor ihr abhebt», und erklärte dazu: «Das heisst, wenn Sie wollen, dass wir Ihnen in schwierigen Zeiten, während eines Krieges, zur Seite stehen, dann beraten Sie sich bitte mit uns darüber, wohin Sie fliegen, was Sie tun und wohin Sie wollen. Und wenn Dean Rusk in unserem Flugzeug am Steuer sitzt, fliegen wir nicht einfach dahin, wohin wir wollen.»

Ich ersetze im letzten Satz den Namen des Piloten: «Und wenn Donald Trump in unserem Flugzeug am Steuer sitzt, fliegen wir nicht einfach dahin, wohin wir wollen.» Das ist genau das, was das damalige und auch das heutige Verhältnis zwischen Israel und den USA beschreibt!

Lea Rabin, die Witwe von Jitzhak zitiert in ihrem  Buch ‘Ich gehe weiter auf seinem Weg’ aus Rabins Rede nachdem er den Ehrendoktor in Philosophie erhalten hatte: «Unsere Kämpfer siegten nicht aufgrund ihrer Waffen, sondern aufgrund ihres Sendungsbewusstseins, ihrer Überzeugung von der Richtigkeit ihrer Sache, ihrer tiefen Liebe zu ihrem Heimatland und der Einsicht in die schwierige Aufgabe, die ihnen anvertraut wurde, nämlich die Existenz unseres Volkes in seiner Heimat zu sichern und selbst um den Preis des eigenen Lebens das Recht des jüdischen Volkes zu verteidigen, in einem eigenen Staat zu leben – frei, unabhängig und in Frieden.»

Genau einen Monat vor seinem Tod hielt Rabin eine Rede in der Knesset. Rückblickend scheint es sein politisches Testament zu sein, dass er uns hinterliess.  Es war der Tag, an dem er der Knesset das Oslo-II-Interimsabkommen vorlegte.

Unterschrieben wurde dieses Abkommen, das über die Zukunft von Judäa und Samaria sowie des Gazastreifens bestimmte, am 24. September von der PLO und Israel, am 28. September von Rabin und Arafat, geleitet von Bill Clinton. Anwesend waren Vertreter aus Russland, Ägypten, Jordanien, Norwegen und der Europäischen Union. Zurückblickend erinnert die Zeremonie an die von Sharm el-Sheikh vor wenigen Wochen. Beide Papiere hielten leider nicht das, was sie sein wollten und sollten: Friedensbringer.

Rabin erachtete das ‘Interims-Abkommen’ für so wichtig, dass er es der Knesset erklären wollte. Rabin war, wie ich schon weiter oben schrieb, gegen jede Gebietsaufgabe. «Die Grenzen des Staates Israel werden im Rahmen der dauerhaften Lösung über die vor dem Sechstagekrieg bestehenden Grenzen hinausgehen. Wir werden nicht zu den Grenzen vom 4. Juni 1967 zurückkehren.» Das war der Tag, bevor der Sechs-Tage-Krieg begann.

Rabin stellte seine Vision der Grenzen Israels vor. Oslo-II sah vor, dass alle Siedlungsblöcke in Judäa und Samaria sowie Gush Katif in Gaza erhalten bleiben sollten. Diese Siedlungsblöcke in Judäa und Samaria, zu den Gush Etzion, Efrat, Beitar und andere grössere Gemeinden gehören, waren wesentliche Teile seiner Vision. Der Jordangraben, mit einem Höhenunterschied von 1.200 m vom Toten Meer bis zu den Hügeln Judäas und Samarias sollte die natürliche Verteidigungs- und Sicherheitslinie zwischen Jordanien und Israel sein.

Sein grösstes Anliegen war ihm ein vereintes Jerusalem unter israelischer Hoheit. Allerdings wollte er auch «die gegenwärtige Rolle des Haschemitischen Königreichs Jordanien in den muslimischen Heiligen Stätten in Jerusalem respektieren. Wenn Verhandlungen über den endgültigen Status stattfinden, wird Israel der historischen Rolle Jordaniens in diesen Stätten hohe Priorität einräumen.»

Hatte sich der Falke, der leidenschaftliche Soldat, in eine Taube, einen Friedensvisionär gewandelt? «Ich war 27 Jahre lang Soldat. Ich kämpfte so lange, wie es keine Chance für den Frieden gab. Ich glaube, dass es nun eine Chance für den Frieden gibt, eine grosse Chance.»

Zu einer Zeit, als der Friedensnobelpreis noch eine hochverdiente Auszeichnung war und nicht wie heute beim ‘Billigen Jakob’ durch Falschaussagen, Lügen und Eigenlob angebotene, erhielt Jitzhak Rabin ihn zusammen mit Shimon Peres und Jassir Arafat im Jahr 1994.

Das, für was Rabin gekämpft hat, zerriss damals das Land. Die einen liebten ihn, waren von seinen Visionen begeistert, hofften darauf, dass sie sich realisieren würden. Frieden, Frieden mit den Nachbarn, die Israel immer wieder in blutige Kriege gezogen hatten. Die unter Führung von Jassir Arafat 1987 die ‘Erste Intifada’ begonnen hatten.

Rabin und Peres hatten unter Vermittlung von US-Präsident Clinton ab 1993 das erste Osloer Abkommen vorangetrieben. Es sah die palästinensische Selbstverwaltung vor, die mittelfristig zur Gründung eines palästinensischen Staates führen sollte. Erstmals hatten Arafat und seine PLO Israel als Verhandlungspartner anerkannt; jene PLO, die Israel zuvor von der Landkarte hatte tilgen wollen.

Für dieses Abkommen akzeptierte Rabin sogar eine Landrückgabe für Friedens-Garantien.

Seine Gegner waren die Ultra-Rechten und Kabbalisten. Auf einer Demonstration in Jerusalem wurden Rabin-Puppen verbrannt, ein falscher Sarg wurde mitgeführt, Poster, die ihn in einer SS-Uniform zeigten. Schlimmer konnte man ihn in Israel nicht schmähen. Seine Witwe Lea erzählt später in einer TV-Reportage: «Er hat alles getan, um das absolut zu ignorieren. Manchmal habe ich ihn gefragt: Wie kannst du das aushalten, dass die hier vor deinem Haus stehen und schreien? Dann hat er gesagt: Die werden dafür bezahlt. Wegen der Hetze seine Politik zu ändern, kam für ihn überhaupt nicht in Frage.»

An der Spitze der Protestbewegung stand: Benjamin Netanyahu. Er steht auf dem Balkon des Hotel Ron In Jerusalem, feuert mit einer seiner geschliffenen Reden die Demonstranten an, die unter ihm vorbeiziehen. Sie fordern den Tod von Rabin, Kabbalisten stossen Verwünschungen aus. Und Netanyahu? Er steht auf dem Balkon, die rechte Hand zur Faust geballt, nach oben gereckt. «Die Israelis wollen richtigen Frieden, das bedeutet Sicherheit und einen Partner, auf den sie sich verlassen können. Daran glauben die Menschen hier nicht, das ist kein richtiger Frieden, sondern ein vorgetäuschter», so Benjamin Netanyahu damals. Heute stehen Netanyahu und seine religiösen und rechtsradikalen Genossen an der Spitze der israelischen Regierung.

Nur zwei Wochen später findet auf dem ‘Platz der Könige’ in Tel Aviv eine Friedensdemonstration statt. Mehr als 100.000 Menschen sind gekommen. Die Stimmung war heiter. Auf der Bühne standen Shimon Peres, Miri Aloni und Jitzhak Rabin. Ein im Radio immer wieder gespieltes Lied, das zum Symbol der Friedensbewegung geworden war ‘Shir HaShalom’ wurde angestimmt. Miri Aloni hatte es schon Hunderte Male gesungen. Am 4. November sangen mit ihr die beiden grossen Politiker. Rabin, der Verschlossene, der in der Öffentlichkeit nie lachte, lächelte. Er tat etwas, was er noch nie getan hatte, er sang, jeden Ton falsch treffend, aber glücklich.

Solange, bis er hinterrücks von Jigal Amir, einem jüdischen Extremisten ermordet wurde.

Der Schreiber des Liedes Yaakov Rotblit erklärte vor wenigen Tagen: «Der Mord war für alle ein furchtbarer Schlag. Das ganze Land trauerte jahrelang. Die Folgen, mit denen wir heute konfrontiert sind, sind traurig und immer noch schmerzhaft. Was auch immer man von Rabin halten mag: Seine Integrität stand ausser Frage. Er war ein ehrlicher Mann.»

https://www.timesofisrael.com/in-new-recordings-rabin-heard-counseling-to-plan-for-peace-but-expect-the-unexpected/

https://www.haaretz.com/israel-news/2025-11-02/ty-article-magazine/.premium/yitzhak-rabin-israel-wouldnt-exist-without-military-might-but-the-goal-is-peace/0000019a-4483-d1db-abda-d6cf42e00000

https://de.wikipedia.org/wiki/Jitzchak_Rabin

https://www.juedische-allgemeine.de/israel/der-falke-der-zur-taube-wurde/

https://www.jewishvirtuallibrary.org/interim-agreement-on-the-west-bank-and-the-gaza-strip-oslo-ii

https://www.spiegel.de/geschichte/israel-ermordung-von-jitzchak-rabin-30-jahre-spaeter-friedens-hymne-shir-lashalom-wird-wieder-gespielt-a-55442791-dc3e-4515-b165-e8ad446fddaf



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