28. Cheschwan 5786

Saudi-Arabien hat jetzt klargemacht, dass sie keine Normalisierung mit Israel anstreben werden, solange PM Netanyahu im Amt ist. Ein saudischer Beamter sagte, dass jede Regierung, der die rechtsextremen Minister Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir angehören, «angesichts der Ereignisse in Gaza und im Westjordanland kein Partner für diplomatische Schritte und natürlich auch nicht für ein Normalisierungsabkommen ist.» Der von Trump nahezu zugesagt und von Israel deutlich abgelehnte Verkauf von F-35 Tarnkappen Kampfflugzeugen an Saudi-Arabien kann nicht als Teil des Normalisierungsprozesses angesehen werden und diene den Saudis auch nicht als Legitimierung des israelischen Verweigerung, einen palästinensischen Staat zuzulassen.
Fast täglich greifen israelische Drohnen gezielt Fahrzeuge im südlichen Libanon an. Damit werden damit hochrangige oder zumindest aktive Hisbollah Mitglieder neutralisiert. Gleichzeitig gab die IDF bekannt, in den letzten Wochen zahlreiche Hisbollah-Ziele gestürmt und Waffen beschlagnahmt zu haben.
Im Oktober allein gab es 624 (!) Angriffe durch jüdische Siedler-Terroristen auf die Olivenhaine des Dorfes Burin bei Nablus. Das sind weitaus mehr Angriffe, als es in den letzten 20 Jahren jemals gegeben hat. Einige der Bäume können die palästinensischen Bauern gar nicht mehr abernten. Die jüdischen Siedler-Terroristen haben alle Hemmungen verloren zu haben. Sie greifen nicht mehr nur die Farmer an, sondern freiwillige Erntehelfer, Journalisten und Aktivisten aus dem In- und Ausland. Vor wenigen Tagen liessen sie eine Milchfabrik samt deren Fuhrpark und Produktionshallen in Flammen aufgehen. Die Angriffe häufen sich, haben System, werden von der israelischen Regierung geduldet, vielleicht sogar gefördert. Die Farmer sollen vertrieben werden. Ihre Siedlungsgebiete werden immer kleiner. Ihre Hoffnung auf Gerechtigkeit sinkt. Auch wenn ihre Grundstücke in den alten türkischen Katasterblättern eingetragen sind, die heute noch Gültigkeit haben. Das gilt nur für die Juden aber nicht für sie. Die Siedler bauen einen Aussenposten nach dem anderen, schwer bewacht, nicht bewilligt, aber geduldet. Hilfe bekommen die Palästinenser schon lange nicht mehr. Die Todesschwadronen von Ben-Gvir und Smotrich haben die Herrschaft übernommen. Sie arbeiten mit Polizei und Militär zusammen. Die Palästinenser hoffen nun auf Hilfe vom Ausland. Doch ob die kommen wird?
Ras Ain al-Auja ist das letzte palästinensische Hirtendorf im Jordantal, dessen Bewohner nicht von radikalen Siedlern vertrieben wurden. Religiöse Israelis versuchen sie zu schützen. Sie sind Zionisten, wollen jedoch nicht zusehen, wie Minderheiten im Heiligen Land unterdrückt werden. Laurence Shenkin, 22, kam vor vier Jahren nach Jerusalem, um die Torah zu studieren. Er kam und er will bleiben. «Ich will den Rest meines Lebens hier verbringen – aber in einem normalen Land, das nicht Millionen anderer Menschen unterdrückt.» Im palästinensischen Dorf Ras Ain al Auja versuchen sie das Leid, vor allem der Kinder, ein wenig zu mildern. Sie haben im Dorf ein Camp aufgebaut. Es wird rund um die Uhr bewacht, einige kommen für einen Tag, andere bleiben für Monate. Die Juden tauschen hier oft die Uniform der Reservisten aus Gaza mit dem Clowns-Kostüm, auch wenn es Shabbat ist. Ihr Ziel ist es, den Kindern zu zeigen, dass sie keine Angst haben müssen. Nicht alle Juden sind gewaltbereite Siedler, oder schwerbewaffnete Soldaten. Das ist die Botschaft. Die Menschen im Dorf sind dankbar für die Freiwilligen, denn sie brauchen ihren Schutz. «Seit zwei Jahren kommen die Siedler jeden Tag und werden immer gewalttätiger», erzählt der 49-jährige Hirte Naif Jahalin, der sich zwischendurch zur Gruppe im Freiwilligen-Camp gesellt. Fast täglich kommt ein bewaffneter israelischer Siedler, um die Menschen einzuschüchtern. Sie wollen sich nicht vertreiben lassen. Noch nicht.
Zwei am 13. Oktober freigelassene Geiseln berichten über besonders dramatische Ereignisse während und nach ihrer Zeit in Geiselhaft. Avinatan Or, der während der gesamten Zeit einzeln gehalten wurde, grub in mühseliger Arbeit während einiger Wochen einen Tunnel, um den Folter-Schergen zu entkommen. Er musste sich durch aufgehäufte Sandsäcke und eingestürzte Tunnel graben, bis er eines Tages auf eine Baumwurzel traf. «Es war so, als spürte ich auf einmal das Leben statt des sicheren Todes.» Am nächsten Tag erreichte er sein Ziel, zum ersten Mal seit einem Jahr sah er die Sterne. Er schrieb auf einen Sandsack ‘Geisel’ und plante seine nächsten Schritte. Doch er wurde entdeckt. Er wurde tagelang geschlagen und für eine Woche auf einen Stuhl gefesselt. Er war sicher, sterben zu müssen. Drei Dinge schrieb er auf: ‘Auch das geht vorbei – Geduld – bleib ruhig’. Diese Worte halfen ihm, zu überleben. Rom Braslavski berichtet, dass er nach wie vor bis zu zehn Panik-Attacken am Tag erleidet. «Für das blosse Auge ist es nicht ersichtlich, aber ich erleide unglaubliche Schmerzen, viel mehr als bei einer posttraumatischen Störung. Herzrasen, Schwitzen, Stottern, Zittern.» Nach seiner Rückkehr nach Israel fühle er sich von der Regierung ignoriert. «Ich werde vielleicht in jeder Hinsicht und von jedem Beamten im Stich gelassen. Seit meiner Rückkehr habe ich vom Staat nichts als Spott erfahren.» Das Geld, das er von der Regierung erhalten habe, sei lächerlich. Von Netanyahu und Ben-Gvir habe er noch nichts gehört. «Ich verspreche, nichts wird mich umbringen!»

Seit dem ersten Tag des Massakers vom 7. Oktober 2023 haben wir ihn täglich mehrmals gesehen, im Fernsehen, in den Online- und Printmedien. Unaufgeregt und sachlich erklärte er uns, was vor sich ging. In den Kibbuzim, im Libanon und an der Grenze zu Syrien. Welche Schäden die Houthi-Terroristen angerichtet hatten, welche Bedrohung der Irak und der Iran darstellten. Flottenadmiral Daniel Hagari wurde ‘zum Gesicht des Krieges’. Nach Meinungsverschiedenheiten mit der Regierung, die ihm ‘Überschreitung seiner Befugnisse’ vorwarf, trat er am 9. März 2025 von seinem Posten zurück. Angeblich, um in den Ruhestand zu gehen. Nach einer kurzen Rückkehr während des Iran-Krieges trat er endgültig aus der IDF aus.
Als er am Tag des Massakers vom 7. Oktober 2023 erstmals vor die Medien trat, wusste er schon, dass seine Berichte nicht immer das wahre Bild zeigen würden, dass nämlich das Ansehen der Armee, auf die Israel bis dahin blind vertraut hatte, deutlichen Schaden genommen hatte. Und so musste er bei jedem Bericht versuchen, das Bild in der Öffentlichkeit wieder zu kitten. In fast jeder Familie gab es einen Soldaten, der in Gaza, unerreichbar für sie, kämpfte. Kämpfte für die 251 Geiseln, kämpfte, um die Täter zu finden, die das Massaker geplant und ausgeführt hatten.

Er spielte Videos, Satellitenbilder und Audioaufnahmen ein, um so transparent wie nur möglich zu berichten. Genau das, die transparente und ungeschminkte Wahrheit, kostete ihn seinen Job. Wer Netanyahu kritisiert, steht sofort auf der Abschussliste.
Hagari war am vergangenen Montag auf Einladung von Keren Hajessod in Zürich. Bei ihm war die ehemalige Geisel Omer Wenkert Er nahm sich Zeit für ein ausführliches Interview mit der NZZ
Es ist spannend, noch einmal zu lesen, wie sich der 7. Oktober entwickelte. Im Hauptquartier habe das pure Chaos geherrscht. «Es wurde schnell klar, wie verheerend der Angriff war. Die israelische Armee hat den Auftrag, zwischen der Bevölkerung und dem Feind zu stehen. Und diesen Auftrag hat sie am 7. Oktober nicht erfüllt. Es war für uns ein gewaltiger Misserfolg und Rückschlag.» Ab dem Augenblick folgten regelmässige Liveauftritte und Videoerklärungen.
Genauso habe ich Hagari erlebt: «Ich sagte dem Land, was ich wusste. Ich wollte den Menschen etwas geben, woran sie sich festhalten konnten, ihnen ermöglichen, die Lage richtig einzuschätzen.» Es wurde schnell klar, dass irgendwann eine umfassende Untersuchung erfolgen müsste, aber zu dem Zeitpunkt und auch für die fast 800 Tage seither musste der Fokus auf dem Kampf liegen. Hagari sagte grundsätzlich nur, was er wusste und was er vertreten konnte. «Wenn man einmal seine Glaubwürdigkeit verloren hat, gibt es keine zweite Chance. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich keine Tauchausrüstung, kein Gewehr, keinen Helm. Ich hatte nur meine Glaubwürdigkeit.»
Eine der Besonderheiten dieses Krieges war, dass er an, wie Netanyahu betonte, sechs Fronten geführt wurde: dem Libanon, der Hamas, Syrien, dem Iran, dem Jemen und dem Irak. Jeder der Kriegsschauplätze war anders, stellte andere Bedrohungen dar. Die ballistischen Raketen aus dem Iran haben ein anderes Zerstörungspotential als der von Anfang an asymmetrische Krieg in Gaza. Bei jedem Einsatz muss die Motivation klar sein: «Wir haben nur dieses eine Land, wir müssen alles tun, dass es sicher wird oder sicher bleibt. An einigen Fronten waren wir erfolgreich, an anderen sind wir gescheitert.»
Hagari nimmt auch Stellung zur Kritik an Israel, dass es zu viele ‘unnötige Opfer’ gegeben hat. «Jedes unschuldige Menschenleben, das ausgelöscht wird, ist eine Tragödie. Am 7. Oktober wurden in Israel Frauen, Babys, alte Menschen auf grausamste Weise ermordet. Ebenso ruchlos ging die Hamas mit der eigenen Bevölkerung um. Der Hamas-Führer Musa Abu Marzuk sagte, die 500 Kilometer langen Tunnels unter der Erde seien dafür da, die Hamas-Kämpfer vor Luftangriffen zu schützen. Über der Erde liege die Verantwortung für das Überleben der Bevölkerung hingegen bei den Vereinten Nationen. Es lag an der Hamas, den Krieg schnell zu beenden, indem sie unsere Geiseln freigelassen hätten.»
Hagari räumt ein, dass es keine Kriegsverbrechen in dem Sinn gegeben hat, dass sie absichtlich ausgeführt wurden. Er gab aber zu, dass es vereinzelte Fälle gegeben hat, die jetzt von der militärischen Justiz untersucht werden. Dazu gehört auch das veröffentlichte Video aus Sde Teiman und die zugrunde liegenden Vorwürfe der Misshandlung von Gefangenen durch Reservesoldaten.
Wie sieht Hagari die Auswirkungen des Krieges? «Der 7. Oktober ist eine Lektion und ein Warnsignal für die ganze Welt. Die Länder Europas sollten verstehen, dass diese Bedrohung auch bei ihnen auftreten kann. Denn es geht nicht nur um Juden und den Islam. Es geht auch um Liberalismus und Demokratie, es geht um die Feinde einer liberalen Gesellschaft. Gleichzeitig sollte Europa dafür sorgen, dass Social Media und künstliche Intelligenz nicht dazu genutzt werden, neue Wellen des Antisemitismus und des Terrors auszulösen. Sondern dass die Minderheiten in ihren Ländern in Sicherheit leben können.»

Mein Dank geht an Daniel Foppa von der NZZ, Tali und Ofer für die tolle Organisation und Durchführung der Veranstaltung,
Kategorien:Israel
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