Bereshit,  Vajeze 28:10 – 32:3

8./9. Kislew 5786                                                 28./29. November 2025 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         15:55

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         17:14

Shabbateingang in Zürich:                                                                 16:21

Shabbatausgang in Zürich:                                                                17:29

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Ja‘acov muss sein Elternhaus verlassen. So steht es in Ber 28:10 וַיֵּצֵא יַעֲקֹב va’jetze Jacov.

Er kehrt zurück an den Ort seiner Vorfahren, Haran. Heute liegt Haran an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei. Haran ist neben Jericho eine der wenigen durchgehend bewohnten Städte der Welt. Sie wurde im 62. Jht. BCE gegründet. Auffallend sind die Häuser, die ein bisschen wie Bienenstöcke aussehen oder auch an die Trullis in Süditalien oder die Bories in der Provence erinnern. 

Dorthin war die Familie Terachs von Ur aus gezogen und von dort aus hatte Avraham sich auf den Weg nach Kanaan gemacht.

Nun ist also der Enkel Avrahams in Haran angekommen auf der Flucht vor seinem Bruder Esav, den er, nach unserem ethischen Empfinden, zweimal betrogen hatte. Zuerst um sein Recht des Erstgeborenen und dann um den Segen des Vaters.

Jusepe de Ribera, 1639

Offenbar hatte er keinen Mantel bei sich, den er als Polster hätte nutzen können, denn er nahm, als es Nacht wurde, einen der Steine, die er vorfand, und lagerte seinen Kopf darauf. Möglicherweise handelte es sich um einen Kultstein, wie er damals in der Levante häufig vorkam. Der Prophet Jirmejahu sei, so die Legende, mit dem ‚Jakobsstein‘ nach Irland ausgereist, wo er seither als ‚Krönungsstein‘ eingesetzt wird. Für die Krönung von Charles III wurde er von Edinburgh nach London ausgeliehen.

In der Nacht träumt er den Traum von der „Jakobsleiter“. Diese Leiter ist das Bindeglied zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen. Gott stand, zumindest im Traum für Ja‘acov erkennbar und erneuerte seine Versprechen, die er schon Avraham und Jitzhak gegeben hatte.

Ja‘acov, überwältigt von diesem Gotteserlebnis, versprach, an dieser Stelle ein Haus Gottes, Bet-El, zu errichten und von allen Gütern ein Zehntel an Gott abzugeben. Das darf man nicht als eine finanzielle Abgabe verstehen, wie wir sie heute kennen, sondern als Opfergabe. Und trotzdem bildet dieses Versprechen durchaus die Grundlage zur heutigen Abgabepflicht in den Gemeinden. Bet-El lag etwa 20 km nördlich von Jerusalem, im heutigen Samaria

Er wanderte weiter und kam in der Nähe von Haran zu einem Brunnen. Dort traf er auf seine spätere Frau Rahel, eine Tochter seines Onkels Laban.

Wir erinnern uns, dass auch der Knecht Avrahams, der ausgeschickt worden war, eine Frau für Jitzhak zu finden, Rivka zunächst an einem Brunnen traf. Nicht auf einem Marktplatz, nicht im Haus ihres Vaters. Nein, die Treffen fanden beide an einem Brunnen statt. An jenem Ort, der das lebensnotwendige Wasser spendete, ohne das, vor allem in der Hitze des Orients, niemand überleben kann. In Haran kann es im Sommer bis zu 50° heiss werden!

Während jedoch Rivka sich frei entscheiden durfte, ob sie gemeinsam mit dem Boten zu ihrem Bräutigam reisen wollte, musste sich Ja‘acov die Zusage des Onkels mühsam erarbeiten.

Die immer noch bewohnte Altstadt von Haran

Und wurde so selbst das Opfer einer List, wie sein Bruder das Opfer seiner List geworden war. Er warb um Rahel, musste aber sieben Jahre arbeiten. Nicht er bekam eine Mitgift, nein er musste sich seine Frau ‚erarbeiten‘. Um dann in der Brautnacht betrogen zu werden und zum Ehemann der älteren Schwester seiner Geliebten gemacht zu werden. Lea war nicht die Frau, die er begehrte, aber er musste sich fügen. Er wurde zum betrogenen Betrüger. Sein Onkel bestand darauf, dass es das Recht der erstgeborenen Tochter sei, als erste verheiratet zu werden. Er, der seinen Bruder um dessen Erstgeburtsrecht betrogen hatte, musste nun dafür büssen, indem er selbst Opfer dieser Tradition wurde. Fast kann er uns leidtun! Und ein zweites Mal musste er sieben Jahre für seinen Onkel arbeiten. Sieben Jahre, die Zahl sieben steht für die Vollendung eines Zeitraums. So wie der Shabbat, der siebte Tag der Woche, das Ende der Erschaffung der Welt markierte.

Doch worin bestand die Perfektion, die Vollendung, für die Ja‘acov so hart arbeiten musste? Lea, seine erste Frau wurde schwanger. Seine geliebte Rahel jedoch blieb unfruchtbar. So wie Sarah zunächst unfruchtbar gewesen war und dieses Schicksal auch mit ihrer Schwiegertochter Rivka teilte.

Die Vollendung besteht darin, dass bei allen drei Frauen erst durch Gottes Eingreifen seine Prophezeiung wahr wird: „Deine Nachkommen werden zahlreich werden, wie die Sterne am Himmel.“

Nachdem sie vier Söhne geboren hatte, erfüllte sich das Schicksal dieser ungeliebten Frau. Sie dankte Gott für ihre vier Söhne. Dann trat sie als Ehefrau in den Schatten seiner geliebten Frau Rahel zurück. Jedoch war diese verbittert geworden. Sie konnte sich nicht mit ihrem Schicksal als „nutzlose“ Frau abfinden. Und liess es zu, dass sie die Familiengeschichte wiederholte. So wie Sara durch ihre Dienerin Hagar Avraham seinen eigentlich Erstgeborenen, Ishmael schenkte, so gebar auch Rahels Magd Bilha einen Sohn für Ja’acov.

Der Verlust des Erstgeborenenrechts ist bei Esav und Ja‘acov nicht einmalig. Auch Ishmael verlor dieses Recht, als sein Halbbruder Jitzhak geboren wurde und er mit seiner Mutter fliehen musste.

Jahre später, nicht mehr der junge Mann, der seine Heimat verlassen musste, gesegnet mit 13 Kindern von vier Frauen, wollte Ja‘acov endlich wieder nach Hause. Sein Schwiegervater will ihn nochmals überlisten, und es ist wiederum Gott zu verdanken, der Ja‘acov stärkt und ihm Hilfe und Unterstützung verspricht, sodass er sich schliesslich auf den Weg machen kann.

Zwar will Laban ihn nochmals aufhalten, jedoch weist Gott ihn in seine Schranken. Ihm bleibt nichts anders zu tun, als seine Töchter, Lea und Rahel, zu segnen und sie ziehen zu lassen.

Der Mann, der nach Hause zurückkehren wird, mit zwei Frauen, deren Dienerinnen, zwölf Söhnen und einer Tochter, von deren dramatischen Schicksal wir noch hören werden, ist nicht mehr der, der vor 26 Jahren sein Elternhaus verlassen hat.

Aus dem unscheinbar wirkenden jungen Mann, der sich dem Willen seiner Übermutter Rivka klaglos unterordnete und ihrem Willen folgte, ist ein reifer Mann geworden. Das Leben hat ihn geliebt und gehasst, er hat sich gefügt und ist an seinem Schicksal erwachsen geworden.

Das ist es, was uns dieser Wochenabschnitt lehrt. Wer sich dem Leben stellt und damit auseinandersetzt, der reift an ihm. Es ist der tägliche Kampf und das tägliche Glück am Leben, die uns reifer und hoffentlich auch ‚gescheiter‘ machen.  Wie wir unser Leben gestalten, liegt auch an uns. Wir dürfen es nicht vergessen: Gott hat uns mit der Fähigkeit ausgestattet, wählen zu können und uns zu entscheiden.

Mit dem Ende des fünften Kapitels enden die ‚Sprüche der Väter‘. Es hat mir grossen Spass gemacht, die Kapitel noch einmal durchzuarbeiten und meine Gedanken dazu mit euch zu teilen. Ich mache jetzt ein paar Wochen Pause. Bis dahin überlege ich mir, was ich euch als Nächstes anbieten kann. Falls ihr einen Wunsch oder Vorschlag habt, schreibt es mir doch einfach.

Die Wochenabschnitte der Torah laufen wie bisher weiter.

Shabbat Shalom



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