Die erste Phase der Waffenruhe – Tag 77

6. Tewet 5786

2020 in Washington

Erinnern wir uns, am 28. Januar 2020 stellte Trump, mit Netanyahu in subalterner Funktion zugeordnet, den ’Deal of the Century’ vor. Auf 181 Seiten hatte er seine Vision für einen Frieden zwischen Israel und den Palästinensern ausgearbeitet. Im Prinzip hatte sein Schwiegersohn, Jared Kushner, schon damals die Arbeit für ihn gemacht. Der Plan sollte das Erfolgsthema seiner ersten Amtszeit werden. Angekündigt hatte Trump den Plan schon 2018, doch der erste Ansatz war von den Palästinensern abgelehnt worden. Aber jetzt stand er vor den Mikrofonen und Kameras: «Gemeinsam können wir eine neue Ära im Nahen Osten einläuten», sagte Trump, der das Abkommen auch als «das schwierigste aller Zeiten» bezeichnete. Er dankte den Regierungen von Oman, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten für ihre Unterstützung im Friedensprozess.

Netanyahu nannte es ‘einen historischen Tag’, «vergleichbar mit dem 14. Mai 1948, als US-Präsident Harry Truman als erster Staatschef den Staat Israel anerkannte. Herr Präsident, ich glaube, dass wir uns noch Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte lang, an den 28. Januar 2020 erinnern werden», fuhr Netanyahu fort und erklärte, der Plan sei «ein realistischer Plan für dauerhaften Frieden.» Und heute? In den Mülltonnen der Geschichte entsorgt.

Am 28. Dezember 2025, also fast genau fünf Jahre später, fliegt Netanyahu in die USA. Mit im Gepäck den ’20-Punkte-Trump-Plan’, den Trump, erneut mit Netanyahu an seiner Seite, verkündete. Wiederum hatte Kushner mit seinem Team den Plan ausgearbeitet. Gaza sollte wieder besetzt werden. Jetzt aber nicht militärisch, sondern wirtschaftlich. Das Trump Inc. Imperium plante für Gaza ein weiteres Traum-Resort. Bis das umgesetzt werden kann, soll eine internationale Truppe die fragile Waffenruhe in Gaza beobachten. Trump wird sich selbst an die Spitze eines Überwachungsgremiums stellen. Und jetzt? Der Rest ist Schweigen. In Gaza rührt sich nichts, es wird ein bisschen weniger geschossen, gekämpft, gestorben. Zum Sterben gibt es derzeit nur zwei Gründe: man verirrt sich und betritt den von Israel kontrollierten Teil des Gazastreifens, oder man erfriert. Aber der Trump-Plan scheint kein Momentum aufzunehmen. Trump verkündete am 10. Oktober die erste Phase der Waffenruhe. Seither beschuldigen sich beide Seiten, diese regelmässig zu brechen. Netanyahu und Trump beherrschen beide das Pippi-Langstrumpf-Prinzip «Ich mach‘ mir die Welt … wie sie mir gefällt». Auf Neudeutsch sprechen wir von «Fake it till you make it!» Ob der Plan überhaupt jemals funktionieren wird, wird sich erst im Laufe der noch nicht definierten Zeit zeigen. Niemand wird zugeben, dass er einer Illusion aufgesessen ist. Für Trump steht am Ende schlimmstenfalls ein wirtschaftlicher Verlust. Für Israel, vertreten durch den bisher schlechtesten PM, geht es um viel mehr: um das politische Überleben auf dem internationalen Parkett und um das sicherheitstechnische und militärische  Überleben in der Region. Verlieren wir die ‘Freundschaft’ von Trump, wird er noch weniger Rücksicht auf uns nehmen, als er es jetzt schon tut. Nützliche Idioten und das ist Israel für ihn, findet er allemal auch an anderen Orten.

Wenn einer fällt, reisst er die anderen mit….

Was haben der ‘Qatargate-Skandal’ und die Weitergabe von Daten an die ‘Bild-Zeitung’ miteinander zu tun? Gar nichts möchte man meinen. Und doch laufen die Fäden beider Fälle im Büro des PM zusammen. Noch gilt Netanyahu nicht als Verdächtiger, aber die Schlinge zieht sich immer enger. Eli Feldstein, Jonatan Urich und Israel Einhorn gingen zur fraglichen Zeit im Büro des PM ein und aus. Dass jeder, der das grundlos versucht, abgewiesen wird, ist ein offenes Geheimnis und auch durchaus verständlich. Also zieht die Aussage, sie hätten dort ‘nichts zu tun gehabt’ nicht! Katar zahlte die beiden Netanyahu Berater gut. Immerhin wollten die Kataris eine gute Medienpräsenz. Das versprachen die beiden israelischen Medien-Profis. Im März wurden Feldstein und Urich festgenommen, Einhorn setzte sich nach Serbien ab (dort wirkt er als Berater von Präs. Vucic). Dann kam der Verdacht, aus Israel seien vertrauliche Mitteilungen an Katar geliefert worden. «Katar ist kein Feind», so verteidigte Netanyahu seine Mitarbeiter.

Feldstein gab zu, geheime Mitteilungen aus dem Büro des PM an die Bildzeitung geliefert zu haben. Feldstein beteuerte, nicht nur er, sondern auch Urich und Netanyahu waren an dem Vorfall beteiligt. «Um ein solches Dokument zu veröffentlichen, muss der PM von Anfang bis Ende eingeweiht sein. Netanyahu ist derjenige, der letztendlich hinter der Weitergabe der Informationen steckt.» Feldstein fühlt sich von allen um ihn herum verraten. Er ist angezählt, aber noch nicht am Boden. Und versucht vielleicht den Befreiungsschlag. Das könnte dann für Netanyahu gefährlich werden. Inzwischen wissen wir es besser, Katar unterstützt die Hamas finanziell und fördert den Terror gegen Israel.

Ein bewaffneter Siedler-Reservist überfuhr gestern scheinbar mit seinem Quad einen am Strassenrand betenden Palästinenser. Er fuhr anschliessend einige Meter zurück, beschimpfte den am Boden liegenden Mann. Dann wendete er sein Fahrzeug, gestikulierte und fuhr in die Gegenrichtung zurück. Erstaunlich ist, dass der Palästinenser offenbar völlig unverletzt sofort aufstand und zu einem Minibus ging. Die IDF untersucht den Vorfall. Im Netz kursieren bereits Verdachtsmomente, dass es sich um einen KI-generierten Film handeln könne. Der Reservist wurde vom Dienst suspendiert, seine Waffe wurde eingezogen. Nach Angaben der IDF handelt es sich um den gleichen jüdischen Siedler-Terroristen, der zuvor Schüsse in einem benachbarten Dort abgefeuert hatte (s. gestern). Er wurde unter Hausarrest gestellt.

Am frühen Vormittag ereigneten sich erneut zwei Terror-Angriffe auf israelische Zivilisten. Der Angreifer tötet zwei Personen, bevor er unschädlich gemacht werden konnte. Das erste Opfer war ein 68 Jahre alter Mann, s’’l, den er mit einem Auto in der Nähe von Beit Shean rammte, das zweite Opfer eine Frau, 19, s’’l, die er an anderer Stelle, in der Nähe von Afula Israels erstach. Bei diesem Angriff verletzte er mindestens zwei weitere Personen. Der Terrorist wurde als Ahmad Abu al-Rub, 37, aus dem Dorf Qabatiya identifiziert.



Kategorien:Israel, Politik

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