Die erste Phase der Waffenruhe – Tag 91 und 92

21. Tewet 5786

Kurz nachdem der iranische Kronprinz Reza Pahlavi die Iraner aufgefordert hatte, sofort mit einer Grossdemonstration zu beginnen, gingen Tausende in Teheran auf die Strassen. Diese Demo gilt als Versuch, herauszufinden, ob die Iraner sich vom Sohn des letzten Schahs beeinflussen lassen. Unmittelbar nach Beginn der Demos unterbrach die Regierung landesweit den Internetzugang und die Telefonleitungen. Die Demonstranten skandierten Unterstützungen für den Schah, die bisher mit der Todesstrafe geahndet wurden. Bisher wurden 45 Menschen getötet, darunter auch acht Minderjährige. Einige Hundert Menschen wurden verletzt, etwa 2.000 festgenommen.

Landesweit schlossen aus Solidarität weitere Märkte und Basare. In Zahedan im Süd-Osten des Landes kann man auf einem Video Schüsse hören. Sicherheitskräfte haben offenbar damit begonnen, Feuer auf die Demonstranten zu eröffnen. Wie viele Menschen verletzt wurden, ist nicht bekannt. Erst am Samstag kam ein Bericht der ‘Times’ in die israelischen Zeitungen. Ein Arzt aus Teheran berichtet, dass seit Donnerstagabend in sechs Krankenhäusern etwa 217 Tote eingeliefert wurden. Die meisten von ihnen wurden durch scharfe Munition erschossen. Allein bei einem Vorfall bei einer Polizeistation in Teheran seien laut Beobachtern 30 Jugendliche ums Leben gekommen. Die Revolutionsgarden wurden von Ayatollah Ali Khamenei in die höchste Alarmstufe versetzt, noch höher, als sie es während des 12-Tage-Krieges im vergangenen Sommer war.

Der iranische Aussenminister Abbas Araghchi erklärte während eines Besuchs im Libanon: «Die Amerikaner und Israelis haben erklärt, dass sie direkt in die Proteste im Iran eingreifen. Sie versuchen, die friedlichen Proteste in spaltende und gewalttätige Proteste zu verwandeln», sagte er und fügte hinzu: «Was die Möglichkeit einer militärischen Intervention gegen den Iran angeht, halten wir diese für sehr unwahrscheinlich, da ihre bisherigen Versuche völlig gescheitert sind.»

© Guy Morad, Facebook

Der iranische GStA, Mohammad Movahedi Azad erklärte, jeder, der an den Demonstrationen teilnimmt oder Demonstranten hilft, werde als ‘Feind Gottes’ angesehen. Es droht die Todesstrafe. Azad wies die Staatsanwälte an, die notwendigen Verfahren vorzubereiten und die Exekutionen umgehend anzufangen.

Kronprinz Reza Pahlavi wandte sich direkt an Trump: «Herr Präsident, dies ist ein dringender und unmittelbarer Aufruf um Ihre Aufmerksamkeit, Unterstützung und Ihr Handeln», schrieb Reza Pahlavi in den sozialen Medien. «Bitte seien Sie bereit, einzugreifen, um dem iranischen Volk zu helfen. Ich habe die Menschen aufgerufen, auf die Strasse zu gehen, um für ihre Freiheit zu kämpfen und die Sicherheitskräfte mit ihrer schieren Zahl zu überwältigen. Letzte Nacht haben sie das getan. Ihre Drohung gegenüber diesem kriminellen Regime hat auch die Schlägertrupps des Regimes in Schach gehalten. Aber die Zeit drängt. In einer Stunde werden die Menschen wieder auf die Strasse gehen. Ich bitte Sie um Ihre Hilfe.» Welche Art von Hilfe er erhofft, liess er offen. In seiner bis anhin letzten Ansprache am frühen Samstagvormittag forderte er erneute landesweite Demonstrationen ab 18 Uhr. Gleichzeitig sagte er erstmals, dass er sich darauf vorbereitet, in den Iran zurückzukehren.

Mitglieder des Kibbutz Alumim trafen sich gestern in Tel Aviv, um die Rückgabe von Master Sgt. Ran Gvili zu fordern und zu betonen, dass vor seiner Heimkehr ein Übergang in die zweite Phase nicht möglich ist. Gvili war von den Hamas-Schergen ermordet worden, als er versuchte, im Kibbutz Leben zu retten. Bar Kuperstein, der zur letzten Gruppe der freigelassenen Geiseln gehörte, berichtete, wie es ihm gelang, während der Geiselhaft den Shabbat einzuhalten: «In Gefangenschaft war der Schabbat das Stabilste, was ich hatte, so komisch das auch klingen mag», sagt Kuperstein. «In Gefangenschaft gibt es keinen Tag, keine Nacht, kein Zeitgefühl. Aber die Heiligkeit des Schabbats ist etwas, das einen aufrecht hält. Ich konnte nicht laut beten, also betete ich still in meinem Inneren, ohne dass mich jemand hören konnte. Das war der einzige Ort, an dem ich mich frei fühlte. Es half mir, mich selbst nicht zu verlieren und mich daran zu erinnern, woher ich komme und wohin ich gehe.» Rans Vater war sicher, dass sein Sohn alles wieder getan hätte: «Rani ist dorthin [Kibbutz Alumim] gegangen, um zu kämpfen“, sagt Gvili. «Er wusste, wohin er ging und was er tat. Wenn wir ihn wieder in dieselbe Situation bringen würden, einschliesslich der Gefangenschaft, würde er es noch hundert Mal tun – denn so ist Rani, so ist er nun einmal. Es gibt also keinen Grund, sich zu entschuldigen.»

Einav Zangauker, das Gesicht und die Stimme des Kampfes für die Freilassung der Geiseln, will ihren Weg konsequent weitergehen. Ihr Lebensziel, so sagt sie, ist es, die derzeitige Regierung und alle, die am 7. Oktober 2023 an der Macht waren, aus dem Amt zu entfernen. In einer TV-Show von Kanal 12 erklärte sie: «Ich überlege, in die Politik zu gehen und dort mein Bestes zu geben. Während der beiden letzten Jahre habe ich gelernt, dass die Politik in Israel durch und durch verdorben ist.  Die Politiker arbeiten nie im Sinne des öffentlichen Interesses. Nur wir, die Bürger, können das Land wieder zu dem machen, was es einmal war.» Verschiedene Parteien sind bereits an sie herangetreten. Zunächst habe sie über einen Beitritt zu einigen Parteien, auch zum Likud, nachgedacht. Mittlerweile ist ihr aber klar, dass nicht nur Netanyahu, sondern sein ganzer Likud aus der Knesset verschwinden muss. «Ich mache ihm Angst. Ich bin diejenige, die ihn gewählt hat, seit ich wahlberechtigt bin. Ich habe an ihn geglaubt. Letztendlich ist er derjenige, der dafür verantwortlich ist, dass mein Sohn zwei Jahre lang in Gefangenschaft war und körperlicher und psychischer Gewalt ausgesetzt war.»

Deutschland fordert Israel dringend auf, das kontroversielle Projekt, die Bebauung der E1-Region zwischen Ma’ale Adumim (auf dem Bild dunkelblau) und Jerusalem (auf dem Bild Türkis) zu stoppen.  Dadurch, dass die zwei Gebiete miteinander verbunden sind, wirken sie wie ein Riegel zwischen zwei überwiegend von Palästinensern bewohnten Gebieten, die nun einen grossen Umweg in Kauf nehmen müssen, wenn sie entweder nach Ramallah oder umgekehrt nach Jerusalem fahren wollen. Die Strassen in der E1 Zone sind für Palästinenser gesperrt. Smotrich, der unbedingt die Annektierung des gesamten Gebietes vorantreiben will, gibt es auch unumwunden zu: «Die Umsetzung dieses Projekts ist ein weiterer, wichtiger Meilenstein zu Verhinderung der ‘Zwei-Staaten-Lösung.»

In der Nacht auf Freitag haben jüdische Siedler-Terroristen eine palästinensische Schule in Jalud, südlich von Nablus angezündet und stark zerstört. Autos, die auf dem benachbarten Parkplatz standen, wurden ebenfalls beschädigt. Auch im benachbarten Dorf Bazariya wurden Fahrzeuge beschädigt.

Da könnte Netanyahu mit einer vorschnellen und nicht überdachten Aussage die Büchse der Pandora geöffnet haben. In einem Interview mit ‘The Economist’ hatte er vollmundig erklärt, er beabsichtige, die Militärhilfe aus den USA von jährlich US$ 3.8 Milliarden innerhalb der kommenden zehn Jahre auf Null abbauen zu wollen. Der bestehende Vertrag wurde 2016 abgeschlossen, trat in 2018 in Kraft und wird 2028 enden. «Wir wollen so unabhängig wie möglich sein», erklärte er. Mit Blick auf sein Treffen mit dem US-Präsidenten Ende letzten Monats in Florida fügte Netanyahu hinzu: «Bei meinem Besuch bei Präsident Trump habe ich gesagt, dass wir die militärische Hilfe, die Amerika uns über die Jahre gewährt hat, sehr zu schätzen wissen, aber auch hier sind wir erwachsen geworden und haben unglaubliche Fähigkeiten entwickelt.» US-Senator Lindsey Graham, Vorsitzender des Komitees, das für Militärhilfen zuständig ist, freute sich. Er begrüsste die Entscheidung der Plaudertasche aus Jerusalem und wird einen Plan vorlegen, wie die Finanzspritzen ad hoc eingestellt werden können.



Kategorien:Israel, Politik

Schlagwörter:

Hinterlasse einen Kommentar