ב“ה

14./15. Nissan 5782 15./16.4.2022
Shabbateingang und Erev Seder Pessach Jerusalem 18:28
Shabbatausgang Jerusalem 19:46
Shabbateingang und Erev Seder Pessach Zürich 19:57
Shabbatausgang und 2. Tag Pessach Zürich 21:05
Ausgang 2. Tag Pessach Zürich 21:06
Shabbateingang und Erev Seder Pessach Wien 19:27
Shabbatausgang und 2. Tag Pessach Wien 20:36
Ausgang 2. Tag Pessach Wien 20:37
Was bedeutet Freiheit? Ist allein schon die Tatsache, dass die Kinder Israel der Knechtschaft in Ägypten entflohen sind der Beweis, dass sie nun frei sind?
Unmittelbar bevor die Kinder beim Seder die «vier Fragen» stellen und damit den Beginn der Erzählung des Exodus, des Auszuges aus Ägypten initiieren, lesen wir in der Hagada: «Dieses armselige Brot haben unsere Vorfahren im Land Ägypten gegessen. Alle, die hungrig sind, sollen kommen und essen. Alle, die Mangel leiden, sollen kommen und mit uns feiern – dieses Jahr hier und nächstes Jahr in Israel; dieses Jahr als Sklaven und nächstes Jahr als freie Menschen.» הָשַּׁתָּא עַבְדֵי, לְשָׁנָה הַבָּאָה בְּנֵי חוֹרִין
Ist also die Abwesenheit von Knechtschaft automatisch schon als Freiheit zu verstehen?
Es gibt nicht den Freiheitsbegriff. Grundsätzlich kann man frei von etwas sein. Frei von äusseren Zwängen, von Sachzwängen, von familiären Zwängen, von gesellschaftlichen Zwängen. Man kann aber auch frei zuetwas sein. Im Englischen kennen wir die Aufforderung «Feel free to do…». Diese Floskel zeigt sehr schön auf, was mit frei zu etwas zu sein bedeutet. Es ist die persönliche Freiheit, die hier genutzt werden kann und darf. Fähigkeiten, Kenntnisse, Voraussetzungen.
Wir leben in einer Kultur, in der uns die persönliche Freiheit, uns für oder gegen etwas entscheiden zu können, als besonders hoch besetztes Gut erscheint. Die Meinungsfreiheit, das Recht jederzeit alles und jedes sagen und schreiben zu dürfen ist in unserem Kulturkreis nicht verhandelbar. Aber gerade jetzt müssen wir, teilweise völlig hilflos, mit ansehen, wie nur gerade zweitausend Kilometer und wenige Flugstunden von uns entfernt, genau dieses Recht mit Füssen getreten wird. Ein ganzes Volk wird von einigen wenigen, vielleicht sogar nur von einem Despoten mit Maulkörben versehen.
So lange ist es noch gar nicht her, dass sich zahlreiche Völker in Europa wieder an neu gewonnene Freiheiten gewöhnen mussten. Dass sie frei waren von Kriegen, also einer ähnlichen Situation wie die Kinder Israel nach ihrer Flucht aus Ägypten frei waren von Fremdherrschaft und Knechtschaft. Wahrscheinlich werden sie sich auf ihrer Flucht und der anschliessenden Wüstenwanderung oft verängstigt umgeschaut haben, ob sie wirklich nicht verfolgt wurden.
Später mussten sie lernen, wie sie als Individuen innerhalb eines Kollektives mit ihren persönlichen Freiheiten umgehen durften.
Lange Zeit waren persönliche Freiheiten das Vorrecht des Adels.
Was die Kinder Israel quasi im Zeitraffer in vierzig Jahren lernen mussten, bevor sie zum demokratischen Volk Israel werden konnten, durften spätere Völker ab dem Jahr 1700, dem Beginn der Aufklärung, verinnerlichen.
Voltaire, einer der ganz grossen Denker der Aufklärung, brachte das Recht auf freie Meinungsäusserung auf den Punkt «Ich bin», so soll er in einem Brief festgehalten haben «zwar nicht eurer Meinung, aber ich werde darum kämpfen, dass Ihr Eure Meinung ausdrücken könnt.»
Bei Kant ist Freiheit mit Vernunft verbunden, der man sein eigenes Tun anpassen soll. Er setzt der individuellen Freiheit Grenzen, die sich an den individuellen Grenzen des anderen orientiert.
Das ist es, was die Kinder Israel lernen mussten, das ist es auch, was wir lernen müssen, sobald wir den frühesten Kinderschuhen entwachsen sind. Sobald wir also nicht mehr ein amorphes Wesen in einer uns umgebenden Welt sind, sondern uns als Individualisten beginnen zu verstehen.
Im Judentum haben wir schon sehr früh von Gott das Recht und die Pflicht erhalten, frei entscheiden zu dürfen, welchen Weg wir nehmen wollen.
Durch diesen lebenslangen Lernprozess werden wir mehr und mehr ein aktives, rücksichtsvolles Mitglied der Gesellschaft. Wir dürfen frei sein und dürfen Grenzen setzen, aber auch Grenzen erkennen.
Heute Abend am Ende des Seders dürfen wir beginnen, den Weg in Richtung Freiheit weiterzugehen.
Chag Pesssach sameach ve kasher
Shabbat Shalom
Hinterlasse einen Kommentar