Mischpatim Ex. 21:1 – 24:18

ב“ה

26./27. Shevat 5783                                                 17./18. Feburar. 2023  

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         16:47

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        18:05

Shabbateingang in Zürich:                                                                17:34

Shabbatausgang in Zürich:                                                               18:40

Shabbateingang in Wien:                                                                   17:01

Shabbatausgang in Wien:                                                                  18:08

וְאֵלֶּה, הַמִּשְׁפָּטִים, אֲשֶׁר תָּשִׂים, לִפְנֵיהֶם ele hamishpatim asher tasim lifneihem  – das sind die Rechtsvorschriften, die du ihnen vorlegen wirst. Nichts, was zur Diskussion gestellt werden kann. Gott kennt diese Form der Demokratie nicht.

Heute könnte man es als verbindliches Rechtskompendium, als grundlegendes Bürgerliches Gesetzbuch bezeichnen. Also etwas, das man nicht einfach so mit einem Federstrich je nach Gutdünken ändern kann. Jede Änderung bedarf der gründlichen Evaluierung.

Jitro, der Schwiegervater von Moses, hatte ihm bereits das System des Gerichtswesens beigebracht und bestimmt, dass jeder der Richter allein für seine Richtersprüche verantwortlich ist. Auch wenn ihm ein Gremium zur Seite steht, trägt letztendlich nur er die Verantwortung.

In der vergangenen Woche haben wir jene Gebote gehört, die wir als „Grundgesetz“, als Basic Law bezeichnen können. Es sind die grundlegenden Regeln, die weltweit überall gelten müssen, um es Menschen überhaupt zu ermöglichen, in einer geregelten Form miteinander zu leben. 

Auf diesem Fundament aufbauend erhalten die Kinder Israel heute detaillierte Zusätze zu den Grundgesetzen. Jeder Einzelne kann sich daran orientieren und weiss genau, was auf ihn zukommt, wenn er sich ihnen widersetzt. Auf Basis dieser neuen Gesetze werden die Richter Recht sprechen.

Wir lesen, wie unglaublich konkret und hart einige der Strafen sind. Auf Mord steht die Todesstrafe. Gleichgültig, wer der Mörder ist und wer das Mordopfer. Um die Gerechtigkeit hinter diesem harten Gesetz zu verstehen, müssen wir uns daran erinnern, dass alles, was hier festgelegt wird, für jeden gilt, der im Geltungsbereich der Gesetze lebt. Gleichgültig, ob er ein Mitglied des Familienclans ist oder ein Fremder, der sich dem grossen Zug angeschlossen hat. Gleichgültig auch, ob er Herr oder Knecht ist. Die Todesstrafe steht auch auf Menschenraub. 

Bei den Grundgesetzen haben wir davon gehört, wie wir unsere Eltern behandeln sollen. „Du sollst Vater und Mutter ehren, dass deine eigenen Tage in dem Land, das dein Gott dir gibt, lang sein werden.“ Die Bestrafung für eine schlechte Behandlung der Eltern sei es durch tätliche Attacken, aber auch durch grobe Beschimpfung wird ebenfalls mit dem Tod geahndet. 

Es folgen viele Vorschriften für die Bestrafung bei Körperverletzung, Diebstahl, Missachtung der Sorgfaltspflicht mit fremdem Eigentum, nachlässiger Umgang mit Schutzbefohlenen. 

Dann taucht der Satz auf, der bis heute immer wieder von antisemitischen Kreisen herangezogen wird, um zu belegen, welch aggressives Volk wir sind und wie unbarmherzig unser Gott doch ist: „Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand ….“ 

Geht es wirklich darum, jemandem, der mir einen Zahn ausgeschlagen hat, ebenfalls einen Zahn auszuschlagen?

Im Talmud Baba Qamma  83 b lesen wir: „Wer seinen Nächsten verwundet, hat fünf Zahlungen zu leisten: Schadenersatz, Schmerzensgeld, Kurkosten, Versäumnisgeld und Beschämungsgeld.“ Schadenersatz:Wenn er ihm ein Auge geblendet hat, eine Hand abgehauen oder einen Fuss gebrochen hat so betrachte man ihn als einen auf dem Markt zu verkaufenden Sklaven und man schätze, wieviel er vorher wert war und wie viel er jetzt wert ist. Schmerzensgeld: …so schätze man, wie viel ein Mensch seinesgleichen verlangen würde, wenn er sich einem solchen Schmerz unterziehen würde. Kurkosten: …so muss er sie bis zur vollständigen Heilung behandeln lassen. Versäumnisgeld: Das ist der Betrag, der durch entgangene Arbeit anfällt oder dadurch, dass er nur mehr in der Lage ist, eine geringer bezahlte Arbeit auszuüben. Die Verwundung muss daher im direkten Zusammenhang mit der Arbeit stehen. Beschämungsgeld: Vielleicht die am schwersten zu definierende Bezahlung. Jeder empfindet eine Beschämung anders

Die Richter müssen im Einzelfall entscheiden, welcher Betrag in welcher Höhe zu bezahlen ist. 

Irreführend ist die Formulierung עַיִן תַּחַת עַיִן ajin tachat ajin. Tachat heisst streng übersetzt „unter“. Unter macht aber in diesem Zusammenhang keinen Sinn. Aufklärung dieser scheinbar unverständlichen Wortwahl finden wir im Talionsprinzip, ein Rechtsprinzip, welches erstmals im Codex Ur-Nammu, um 2000 BCE in Mesopotamien und etwa 200 Jahre später in Babylon erläutert wurde. Es stellt das Verhältnis zwischen dem Schaden und der Wiedergutmachung dar und versucht ein Gleichgewicht herzustellen. 

Die beiden grossen Bibelwissenschaftler Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808 – 1888) und Rabbiner Benno Jacob (1862 – 1845), argumentierten, dass immer dann, wenn das Wort „tachat“ genannt wird, eine Geldersatzpflicht zum Tragen kommt.  Also können wir diese Stelle im Wochenabschnitt so verstehen, dass sie vorgibt „finanzieller Augen-Ersatz für den tatsächlichen Verlust eines Auges“ zu sein.

So betrachtet, wird aus der zunächst scheinbar unmenschlichen Forderung eine, die auch im modernen Recht durchaus noch Bestand hat. 

Shabbat Shalom



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