Nazi-Gruss und zwei Spitzensportler bei Olympia 1936 in Berlin

14. Aw 5783

1935 eröffnete Adolf Hitler die XI. Olympischen Spiele in Berlin, die vom 1. bis zum 16. August 1936 dauerten. 

Hitler war seit 30. Januar 1933 Reichskanzler. Ernannt worden war er durch den damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Seit der Wahl im November 1932 belegte die NSDAP mehr als ein Drittel der Plätze im Reichstag und war damit die stärkste Partei, hatte aber keine Mehrheit. Der Reichskanzler wurde nicht gewählt, sondern vom Präsidenten ernannt. Hindenburg wollte Hitler, dem er nicht vertraute, nicht ernennen, wurde aber von Vertretern aus Wirtschaft und Politik dazu gedrängt. Sie glaubten, ihn auf diese Art kontrollieren zu können. Ein folgenschwerer, nicht mehr korrigierbarer Irrtum! „Nun deutsches Volk, gebt mir vier Jahre und ihr werdet Deutschland nicht mehr widererkennen!“ das versprach Hitler unmittelbar nach seiner Ernennung.

Am 24. März wurde das „Ermächtigungsgesetz“ verabschiedet, das die Regierung mit weitreichenden Befugnissen ausstattete. Von ihnen erlassene Gesetze mussten nicht mehr verfassungskonform sein und die Grundrechte nicht mehr sicherstellen. 

Somit, und ich zitiere dies hier mit Blick auf die derzeitige Situation in Israel: erhielt die Exekutive auch die absolute legislative Gewalt. Mit einem Federstrich war die Gewaltenteilung zerstört. 

In Deutschland wurde die jüdische Bevölkerung unmittelbar nach der Machtergreifung aus den meisten öffentlichen Ämtern gedrängt, zahlreiche Berufe standen ihnen nicht mehr offen. Bücherverbrennungen folgten, die Reichskulturkammer schloss jüdische Künstler aus den Kultureinrichtungen aus. Am 15. September 1935 traten die „Nürnberger Rassegesetze“ in Kraft, die aus jüdischen Bürgern endgültig Menschen zweiter Klasse machten. 

„Ich rufe die Jugend der Welt!“  stand auf der Glocke, die als Symbol der Olympiade in Berlin gelten sollte. Die nicht mehr funktionsfähige Glocke steht heute als Besuchertreffpunkt auf dem Gelände des Olympiastadions. 

Bei der Wahl des Austragungsortes 1931 galt der „olympische Gedanke“, den Pierre de Coubertin formuliert hatte „Bei den olympischen Spielen zählt nicht der Sieg, sondern der gemeinsame und friedliche Wettkampf aller Nationen.“ auch für die Weimarer Republik. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wurden vor allem in den USA Sorgen laut, ob man die Spiele nicht boykottieren solle. Die Verfolgung und Diskriminierung der Juden führten dazu, dass man sogar die Verlegung an einen anderen Ort diskutierte, sollte die deutsche Regierung sich nicht schriftlich verpflichten, dem olympischen Gedanken zu folgen. Was diese, wen wundert es, natürlich ohne zu zögern tat.

Es bildeten sich Gruppen, die eine Volksolympiade in Barcelona durchsetzen wollten. Leider wurde dieser Plan durch den Spanischen Bürgerkrieg vereitelt. Jedoch konnte  sich die PR-Maschinerie der Nationalsozialisten gegen die kritischen Gruppierungen durchsetzen. In den USA wurde über eine Teilnahme abgestimmt. Mit dem knappen Ergebnis von 58:56 stimmten die Funktionäre der Sportverbände für eine Teilnahme. Der Vorsitzende des US-amerikanischen Olympischen Komitees, Avery Brundage, sorgte dafür, dass keine jüdischen Sportler mitreisten. In zwei Fällen nahm er jüdische Finalisten vor ihrem Sieg aus dem Finale. 

Ich möchte darauf hinweisen, dass es der mittlerweile zum IOC-Präsidenten aufgestiegene antisemitische Avery Brundage war, der nach dem Massaker an der jüdischen Mannschaft durch palästinensische Terroristen bei der Olympiade in München 1972 erklärte: Die Spiele müssen weitergehen und wir müssen in unseren Bemühungen fortfahren, sie rein und ehrlich zu erhalten und zu versuchen, die sportliche Haltung der Athleten in andere Bereiche zu tragen. Wir erklären hiermit den heutigen Tag zum Tag der Trauer und werden alle Veranstaltungen einen Tag später als ursprünglich geplant fortsetzen.“

Helene Mayer rechts zeigt als einzige der drei Gewinnerinnen den Hitlergruss bei der Siegerehrung

Tatsächlich befand sich im deutschen Team 1936 eine nach den Nürnberger Rassegesetzen als Halbjüdin definierte Fechterin Helen Mayer, die eine Silbermedaille errang. Gretel Bergmann, eine der besten Hochspringerinnen ihrer Zeit, wurde aus angeblichen medizinischen Gründen kurzfristig von der Teilnahme ausgeschlossen. 

Gretel Bergmann beim Hochsprung

Auch wenn das IOC alles darangesetzt hatte Nazi-Deutschland an einer ausufernden Selbstpropaganda zu hindern, es gelang Propagandaminister Joseph Goebbels alle Register der Propaganda zu ziehen. Alle Hinweise auf den staatlich geförderten Antisemitismus wurden entfernt. Der „Stürmer“ musste sich eine staatliche Kontrolle gefallen lassen, zuwiderhandelnde Redakteure wurden in Schutzhaft genommen. 

Wirtschaftlich brachten die Nazi-Spiele einen Gewinn von 4.5 Millionen Reichsmark.

Dass nicht alles nur grausame Propaganda war, zeigt eine Geschichte zwischen dem Ausnahmesportler Jesse Owens und seinem deutschen Kontrahenten Luz Long. Jesse Owens hatte schon die Goldmedaille beim 100 m Sprint erreicht. Das Publikum liebte ihn. Hitler schien auf seinem Platz zu toben. Beim Weitsprung klappte es nicht so recht, er scheitert in der ersten Qualifikationsrunde. Plötzlich von hinten eine Hand. Luz Long gibt ihm einen Tipp, wie er seinen Absprung verbessern kann. Owen hält sich daran, markiert die neue Absprungmarke und …. schafft es ins Finale. 

Stunden später springt er mit acht Metern deutlich weiter als der zweitplatzierte Long. Owens kennt nur ein deutsches Wort „Danke!“.

Auf dem Siegerpodest zeigt Long den Hitlergruss, den Owens und der drittplatzierte Japaner verweigern. Nach der Siegerehrung bummeln die beiden Sportler Arm in Arm an der Führerloge vorbei. Hitler und seine engste Entourage hatten zu dem Zeitpunkt die Loge bereits verlassen.  Er wollte die Hand eines US-amerikanischen farbigen Gewinners nicht berühren…. Sein Stellvertreter Rudolf Hess verwarnt später Long, nie mehr einen Neger zu umarmen. In den Zeitungen des Deutschen Reichs findet man dazu kein Bild und keinen Text. 

Nach den vier Goldmedaillen, die Owens gewonnen hat, ist diese neue, öffentlich zelebrierter Freundschaft die zweite als solche empfundene Niederlage für das Regime.

Die beiden Männer treffen sich nie mehr, bleiben aber in Kontakt. Long, der zwar in die Partei eintrat und seit 1938 auf der SA angehörte, studierte von 1934 bis 1938 an der Universität Leipzig Rechtswissenschaften und verbrachte sein Referendarjahr am Amtsgericht Zwenkau.  

1941 wurde er zur Wehrmacht einberufen und als Sportlehrer nach Berlin versetzt. 1943 erhielt er eine Kurzausbildung als Flakgehilfe und wurde in einen Einsatz nach Italien geschickt. Von dort schickt er einen Brief an seinen Freund Jesse „Lieber Freund Jesse! … Ich fürchte nur, für die falsche Sache zu sterben. Ich hoffe, dass meine Frau und mein Sohn überleben werden. Ich bitte dich als meinen einzigen Freund ausserhalb Deutschlands, dass du sie eines Tages besuchen wirst, um ihnen zu sagen, warum ich dies tun musste und wie schön die Zeit war, die wir gemeinsam erlebten. Luz“ Long stirbt an einer eigentlich relativ harmlosen, aber falsch behandelten Schusswunde am 14. Juli 1943.

Owens trifft sich tatsächlich mit Kai Long in Hamburg. Er erzählt immer wieder von ihrer Freundschaft, die, wie er schrieb, „ihm mehr bedeutet habe als alle Pokale und Medaillen“.

Jesse Owens (1913 bis 1980) erlebte in seiner Heimatstadt Alabama die absolute Rassentrennung. Er studierte deshalb an der Ohio State University in Columbus, wo er auch in Sportwettkämpfen gegen weisse Kollegen antreten konnte. Als sportliches Ausnahmetalent erhielt er zwar ein Stipendium für die eigentlichen Studien, musste sich aber seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. 

Eine Verletzung am Rücken im Mai 1935 hätte fast das Ende seiner vielversprechenden Karriere bedeutet. Mit eisernem Willen trainierte er und stellte innerhalb von nur 45 Minuten bei einem Wettkampf fünf neue Rekorde auf (!). Ein Trainer berichtete von seinem einzigartigen Springstil: „Jesse schien über die Piste zu schweben. Er streichelte sie geradezu. Von den Hüften an aufwärts bewegte er den Körper praktisch nicht – er hätte eine volle Kaffeetasse auf dem Kopf balancieren können und nichts davon verschüttet.“

Owens wollte zunächst nicht in einem Land, dass dunkelhäutige und jüdische Sportler diskriminierte, antreten.  Trotzdem reiste er gemeinsam mit 382 weiteren Sportlern nach Berlin. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, drei Medaillen zu gewinnen. Es wurden dann schlussendlich vier. 

Zurück in den USA erhielt er nicht die Anerkennung, die er verdient und sich gewünscht hätte. Weil ihm der Amateurstatus entzogen wurde, erhielt er auch keine Starterlaubnis mehr den entsprechenden Wettkämpfen. So beendete er mit nur 23 seine Sportkarriere. Sein Schicksal geriet immer mehr aus dem Fugen, er trat gegen Amateure, Rennpferde, Motorräder und Windhunde. „Es war schlimm, aus olympischen Höhen herabzukommen und gegen Tiere anzutreten, aber ich musste irgendwie überleben, die vier Goldmedaillen konnte man ja nicht essen.“ Er machte als Musiker ein Vermögen und verlor es an der Börse, wurde wegen Steuerbetrug angeklagt und musste Privatkonkurs anmelden.

1955 ernannte ihn Präsident Dwight D. Eisenhower zum „Botschafter des Sports“, was ihm immerhin mit zahlreichen Werbeverträgen wieder ein gesichertes finanzielles Auskommen bot. 

1980 starb er an den Folgen seines exzessiven Tabakmissbrauchs. 



Kategorien:Israel

1 Antwort

  1. Wie immer, sehr informativ, hoffentlich lesen und überdenken viele ihre Einstellung zur Politik in Israel. Alles wurde uns schon einmal/mehrmals vorgelebt – es gibt immer noch Menschen die nur an sich und ihren Provit glauben und denken sie seien im Recht!

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