Mishkenot Sha’anamim, ein pittoreskes Viertel in Jerusalem

28. Aw 5783

In Jesaja 32:18 lesen wir: „Mein Volk wird an einer Stätte des Friedens wohnen, in sicheren Wohnungen, an stillen und ruhigen Plätzen.“ Dieser Vers wurde namensgebend für das erste Wohnviertel ausserhalb der Altstadtmauern von Jerusalem: מִשְׁכְּנוֹת שַׁאֲנָנִים.

Sir Moses Montefiore an seinem 100. Geburtstag

Sir Moses Montefiore (1784 – 1885) war als Mitglied der Royal Society Baronet und damit Angehöriger des niedrigen englischen Landadels. Diese Gesellschaft würdigt seit 1662 Wissenschaftler aus zahlreichen Bereichen, wie z.B. Medizin, Biologie, Chemie, Mathematik und Physik. Seit einigen Jahren sind auch moderne Wissenschaften, wie Informatik und Technologien hinzugekommen. Bis heute ist sie der Think Tank für hochrangige internationale Wissenschaftler.

Moses Montefiore entstammte einer italienisch-jüdischen Familie mit sephardischen Wurzeln. Der Familienname leitet sich traditionell aus dem Herkunftsort, in diesem Fall Montefiore Conca in der Provinz Rimini. Moses wurde zwar in Italien geboren, wuchs aber in London auf. Nach der Schule absolvierte er eine Lehre bei einem Lebensmittelhändler in London, und wurde schliesslich zu einem der „12 jüdischen Tea-Broker“ an der Teebörse, die zu der Zeit von der Stadt London lizenziert wurden. Es gab manche finanziellen Verstrickungen, die er aber immer vollständig korrigieren konnte. Durch sein untadeliges Verhalten erwarb er im Laufe der Zeit den Ruf eines hochangesehenen Kaufmanns mit untadeligem Charakter. Sein Bruder Abraham (1788 – 1824) wurde sein Partner. Diese Geschäftsbeziehung wurde bis zum Jahr 1816 fortgeführt.

Nach Moses Hochzeit zog er in die Nähe seines Freundes und Schwagers Nathan Mayer Rothschild, mit dessen Hilfe die Brüder Montefiore den Grundstein zu ihrem Reichtum legten. 1821 gab Moses seine Position an der Börse auf, war Mitbegründer der „Alliance Assurance Company“, deren erster Präsident er wurde. Die Gesellschaft startete mit einem damals unglaublichen Vermögen von £ 5 Millionen. Eine der ersten Durchbrüche gelang der Gesellschaft, als sie per Parlamentsbeschluss das Monopol des bisherigen Marktführers Lloyds brach. Risiken im Schifffahrtswesen waren damals nicht durch reguläre Versicherungen gedeckt, so dass eine zweite, eigenständige Gesellschaft gegründet wurde. Beide Versicherungsgesellschaften wurden schnell international aktiv.

Neben zahlreichen Ehrenämtern im gesamten Britischen Empire fungierte er auch als erster Jude im Jahr 1837 als Sheriff of London, es folgte 1847 die Ernennung zum Obersheriff der Grafschaft Kent. Als Sheriff hatte er einen Teil der Gerichtsbarkeit unter sich, in London assistierte er am Old Bailey, dem Kriminalgericht für die Stadt London. 

Ganz im Gegensatz zu seinem öffentlichen Leben war sein privates. Er hielt sich genau an die zahlreichen Aufgaben als Mitglied seiner Synagogengemeinde. Auch wenn sich sein Judentum teilweise kaum mit dem unruhigen Leben eines Geschäftsmannes verbinden liess, versuchte er, die Vorschriften strikt einzuhalten. Ein Ausschnitt aus einem Tagebuch belegt das: „Ich stehe mit Gottes Segen auf und bete um 7 Uhr. Frühstück um 9 Uhr. Wenn ich in London bin, besuche ich die Börse gegen10 Uhr. Abendessen etwa um 5 Uhr. Ich lese, schreibe und lerne, wenn möglich, Hebräisch und Französisch ab 6 Uhr. Anschliessend lese ich die Bibel und spreche meine Gebete gegen 22 Uhr. Dann ziehe ich mich zurück. Montags und donnerstags vormittags, sowie dienstags und donnerstags abends besuche ich die Synagoge …“

Gemeinsam mit seinem Freund Rothschild arbeitete er an einer Grundlage für die parlamentarische Emanzipation von Juden. Zwischen 1814 und 1874 hatte er nahezu jedes hohe Amt innerhalb der Sephardischen Synagoge in London inne. Bei seiner Pensionierung erhielt er ein Geschenk in Höhe von £ 12.000, das er für den Bau von Industriewohnungen in Jerusalem verwendete. Während seiner gesamten Zeit in der jüdischen Gemeinde lag sein Hauptaugenmerk auf der Hilfe von notleidenden und kranken Mitmenschen jüdischen Glaubens. 

Zwischen 1827 und 1875 war er insgesamt sieben Mal nach Palästina gereist, die letzte seiner Reisen unternahm er im Alter von 91 Jahren. Er stiftete Kranken- und Armenhäuser, gründete landwirtschaftliche Betriebe, gestaltete Gärten, baute Synagogen und legte Friedhöfe an. 

Dazu verwaltete er einen Fund aus dem Erbe von Judah Turo (1775 – 1854) über US$ 50.000, den er nach seinem Gutdünken zugunsten von Juden in Palästina einsetzen konnte.

Die Montefiore Windmühle mit Aussichtsterrasse

Sein bekanntestes Projekt in Israel war die Gründung der ersten Wohnsiedlung ausserhalb der Altstadt von Jerusalem. Ab 1854 liess er auf einem Hügel gegenüber den Altstadtmauern auf einem Hügel eine 18 m hohe Windmühle bauen, die ab 1876 für etwa 20 Jahre tatsächlich als Getreidemühle diente. Die Mühle sollte den Bewohnern der neuen Siedlung als Grundlage für ihren Lebensunterhalt dienen. Das war der unrealistische Traum von Montefiori.

Historische Ansicht der gesamten Anlage

Neben der Windmühle befindet sich heute eine gerne besuchte Aussichtsplattform. Sie wird gebildet vom Dach des darunter befindlichen Querhauses, in dem heute mehrere kleine Ausstellungsräume zur Geschichte der Mühle und der Familie Montefiori untergebracht sind. Seit der Renovation im Jahr 2012 ist sie wieder völlig funktionsfähig.

In der ersten Bauphase wurden bis 1860 28 1 ½ -Zimmerwohnungen fertiggestellt, dazu kam eine eigene Zisterne mit einer aus England importierten Pumpe, eine Mikwe und eine eigene Backstube. 

Während in der Altstadt von Jerusalem die Cholera grassierte, wurde 1866 die zweite Bauphase abgeschlossen. Einerseits stieg dadurch die Nachfrage nach den Kleinwohnungen ausserhalb der engen und stickigen Altstadt stark an. In der Altstadt herrschten unhygienische Zustände und sie war völlig überbevölkert. Auf der anderen Seite hatten die Menschen aber Angst, über Nacht in der ungesicherten Anlage zu bleiben. Zu gross war die Angst vor unkontrollierbaren Überfällen durch Araber. Erst nachdem eine Schutzmauer, deren Tor nachts verschlossen wurde, um die Siedlung gebaut wurde, zogen die Menschen gerne in die modernen, luftigen und komfortablen Häuser. Heute befindet sich das „Konrad Adenauer Konferenz Zentrum“ in den Häusern aus der zweiten Siedlungsphase.

Nördlich der ersten Siedlung „Mishkenot Sha‘ananim“ schloss sich ab Mitte der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts das zweite neue Viertel „Yemin Moshe“, benannt nach dem Gründer an. Die Häuser dort sind grosszügiger und grossteils von wunderbaren, liebevoll gepflegten Gärten umgeben. In diesem Viertel, das einen wunderbaren Ausblick auf die gegenüberliegenden Altstadtmauern und den Zionsberg bietet, gibt es zwei Synagogen und ein Restaurant.

Die beiden Quartiere, von denen Yemin Moshe eine sehr begehrte Wohngegend darstellt, gehen über in weitläufige Parkanlagen. Oberhalb der Bloomfield-Garden, der das Gebiet mit der quirligen Neustadt und dem Liberty-Bell-Garten verbindet und der bei der orthodoxen und muslimischen Bevölkerung wegen seiner zahlreichen, Kinder zum Spielen einladenden Wasserspielen sehr beliebt ist. 

Der Teddy-Park wurde von der Jerusalem Foundation zwischen den Altstadtmauern und Yemin Moshe angelegt. Dort findet man zahlreiche moderne Skulpturen. Eine der eindrücklichsten ist die auf einer alten Weltkarte basierende Weltkugel „Jerusalem als Zentrum der Welt“ von Heinrich Bünting aus dem Jahr 1581. Gerade bei extrem hohen Temperaturen, wie sie derzeit in Israel herrschen, findet man Abkühlung in der ersten „Light-and-sound“ Wasser-Installation 

Nach dem Unabhängigkeitskrieg verlief die Demarkationslinie in unmittelbarer Nähe der Siedlung. Sie wurden nur noch von wenigen Personen bewohnt und entwickelte sich zu einem Slum. Erst nach der Rückeroberung der Altstadt wurde das Gebiet ab 1973 völlig saniert und nach und nach seiner neuen Bestimmung übergeben. 

Zu seinem 100. Geburtstag am 8. November 1883 erhielt Moses Glückwunschtelegramme aus der ganzen Welt, vor allem aber auch aus dem britischen Königshaus. Sein letztes Lebensjahr verbrachte er in Ramsgate, wo er nach seinem Tod in dem von ihm für seine Frau gebauten Mausoleum beigesetzt wurde. Es ist dem Grab der Rahel an der Strasse von Jerusalem nach Bethlehem nachgebildet. 

Sein Vermögen belief sich bei seinem Tod auf £ 370.000, die für die Weiterführung seiner sozialen Projekte verwendet wurden. 



Kategorien:Israel

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