Archäologisches aus Israel – Teil I: Caesarea

2. Elul 5783

Zuerst die ganz schlechte Nachricht: Zweitausend Jahre trotzte das Aquädukt zwischen den Ruinen von Shuni und Caesarea allem Unbill der Natur. Mit dem Bau begonnen hatte Herodes der Grosse um 30 BCE, fertiggestellt wurde es durch die Römer um 300 CE. Herodes widmete den Bau dem damaligen Kaiser Augustus. Mit dieser «Wasserleitung» wurde während etwa 1200 Jahren die Wasserversorgung der bedeutenden Küstenstadt Caesarea sichergestellt. 

Die Quellen aus dem Carmel Gebirge, an dessen südlichem Ende Shuni zwischen den Orten Zichron Ya’acov und Binjamina liegt, speisten das Aquädukt. Shuni blieb unbeachtet und vernachlässigt, bis sich ab dem Jahr 1986 der Jüdische Nationalfond und der KKL damit befassten, Shuni zu restaurieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Heute finden hier im Jabotinsky-Park während der Sommermonate immer wieder gern besuchte Konzerte statt. 

Weit grössere Bekanntheit erhielt Caesarea. 

Bereits im 4. Jahrhundert BCE wurde Caesarea von den Phöniziern als Handelsplatz gegründet. Gewidmet wurde er dem König des Stadt-Staates Sidon im Libanon, Strato. Im 1. Jahrhundert wurde der Ort eine jüdische Siedlung. Seine Selbstständigkeit erhielt er im Jahr 63 BCE, als die Römer das Land annektierten. Kaiser Herodes I. vergrösserte die Ausdehnung der Stadt und legte einen neuen Hafen an. Fortan trug der Ort den Namen Caesar Augustus. 

Pontius Pilatus, der Richter Jesu, muss hier gelebt und gewirkt haben. Auf einem Stein findet man die Inschrift: 

[…]S · TIBERIÉVM
[…]ṆTIVS · PÌLATVS
[…]ECTUS · IVDAE[.]E
[…]ÉCỊ[…]

Als mögliche Interpretationen wurden vorgeschlagen:

[Dis Augusti]s Tiberieum / [Po]ntius Pilatus / [praef]ectus Iuda[ea]e / [fecit d]e[dicavit]
„Pontius Pilatus, Präfekt von Judäa, erbaute (und) weihte das Tiberieum den seligen Göttern“.

oder

[nauti]s Tiberieum / [Po]ntius Pilatus / [praef]ectus Iudae[a]e / [ref]e[cit]
„Für die Seeleute hat Pontius Pilatus, Präfekt von Iudaea, das Tiberieum erneuert“.

Mit dieser Inschrift wird die historische Authentizität von Pontius Pilatus gesichert, die bis zur Auffindung 1961 oft als historisches Märchen abgetan worden war. „Tiberium“ könnte, aber das ist nicht gesichert, als ein dem Kaiser Tiberius gewidmetes Gebäude interpretiert werden. 

Mit der römischen Periode endete zunächst das jüdische Leben in Caesarea. In Wellen kamen Christen aus Byzanz, Moslems, die Kreuzfahrer, Helvetier und die Mameluken. Alle drückten der Stadt ihren Stempel auf.

Ein verheerender Tsunami, zerstörte im 1. oder 2. Jahrhundert CE fast die gesamten Hafenanlagen. Was man bei den antiken Bauarbeiten nicht wissen konnte, war, dass knapp vor der Mittelmeerküste eine Bruchlinie verläuft, die wohl den Tsunami auslöste. Der Sebastos, der Leuchtturm am südlichen Rand der Einfahrt zum Hafen, ein Teil der Umgebungsmauer und einige Wellenbrecher sind noch erhalten. 

In den 1950ern begann man mit Ausgrabungen, die immer noch nicht ganz abgeschlossen sind. Seit 1977 gehört das antike Caesarea zur modernen und extravaganten Siedlung Caesarea. Sie ist nicht nur die Heimat zahlreicher superreichen Israels und Ausländer mit ihren teuren Villen, sondern beheimatet auch den exklusiven 18- plus 9-Loch-Golfplatz, der eigens für den damaligen Präsidenten Chajim Herzog gebaut worden war.

Zurück zum Aquädukt. 

Das von Herodes erbaute Aquädukt war bald kaum noch in der Lage den Wasserbedarf von Caesarea zu decken. Kaiser Hadrian liess es daher um 130 CE reparieren und ergänzte es um ein zweites Projekt, das weitgehend parallel zum ersten errichtet wurde. Ausgangsort dieses zweiten Projekts ist der „Krokodilfluss“, der Nahal Taninim.  Das letzte Krokodil wurde dort im Jahr 1905 gesichtet. Das Wasser ist jedoch stark salzhaltig und so für den menschlichen Genuss nicht geeignet. Die Quellen des Taninim lagen im ehemaligen moskitoverseuchten Sumpfgebiet im Bereich des heutige Kibbutz Ma’agan Michael. Erst Rothschild lies nach der Besiedlung der Orte Binjamina und Zichron Ya’acov gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Sümpfe entwässern und so Choleraepidemien eindämmen. 

Im kleinen Ort Beit Hanania zwischen der Strasse Nr 4 und dem arabischen Ort Jisr az-Zarqa sind noch Überreste dieser Wasserleitung zu sehen. Das Hauptaquädukt wird grossteils in zwei übereinander liegenden Reihen geführt, ist etwa 5 km lang und 1.40 m breit. Um Höhenunterschiede auszugleichen, wurden Arkaden gebaut, die nach genau berechneten Vorgaben den regelmässigen Fluss des Wassers garantierten. Regelmässig wurden Inspektionsschächte eingebaut, die eine leichte Kontrolle und wenn notwendig auch Reparaturarbeiten ermöglichen sollten.

Im 12. Jahrhundert, zur Zeit der Kreuzfahrer, konnten die beiden antiken Aquädukte nicht mehr genutzt werden, sie galten als irreparabel. Ein drittes wurde erbaut, um den viel geringer gewordenen Bedarf an Frischwasser zu decken. Erst die Byzantiner sahen die Notwendigkeit, ein neues, viertes Aquädukt, gespeist aus Süsswasserquellen aus dem Gebiet von Ma’agan Michael zu errichten.

Das grösste Teilstück des antiken Aquädukts ist zwischen Jisr az-Zarqa zu sehen. Bis vor wenigen Tagen stand es so am Stand, wie die ersten Bewohner des Landes es wohl vorgefunden haben werden. Teils völlig unter Sanddünen verborgen, zieht es sich einige Kilometer am Strand entlang, schattenspendend und Abenteuerspielplatz für Kinder und Jugendliche. Im Bereich des Parkplatzes bricht es plötzlich ab, man kann den inneren Aufbau, der aus mehreren übereinanderliegenden Kanälen besteht, nicht mehr erkennen. Die Kanäle stammen aus unterschiedlichen Zeitepochen, sind jedoch baulich nicht zu unterscheiden.

In den frühen Morgenstunden von Freitag stürzte ein recht umfangreicher Teil des Wahrzeichens von Caesarea ein. Es grenzt an ein Wunder, dass zu der frühen Morgenstunde noch keine Strandläufer oder Schwimmer an diesem beliebten Strandabschnitt waren. Der direkte, wenn auch inoffizielle und nicht gesicherte direkte Zugang vom Parkplatz zum Strand führt unter dem Aquädukt hindurch. Es hätte Verletzte oder gar Tote geben können. 

Vom Leiter der Israelischen Antiquitätenbehörde, IAA, Eli Eskosido, wurden sofort heftige Anklagen gegen die für den Strand zuständigen Behörden erhoben. Die Caesarea Development Corporation und die Regionalverwaltung Hof HaCarmel werden wohl für die zu erwartenden Kostenaufkommen müssen. Wer Lust hat, ein wenig mehr über Caesarea einst und jetzt zu erfahren, dem empfehle ich wirklich diese Webseite zu besuchen!

„Wir haben Alarm geschlagen, wir haben Dokumente und Pläne vorgelegt, wir haben gesagt, die Situation sei katastrophal und es bestehe echte Einsturzgefahr, wir haben uns immer wieder mit den Grundstückseigentümern getroffen – wir haben sogar angeboten, einen Teil der Kosten zu übernehmen, weil uns klar war, dass eine Katastrophe war, die darauf wartete, unabwendbar war. Nur den Zeitpunkt, den kannten wir natürlich nicht.“

Die IAA warnte gleichzeitig, dass auch das Aquädukt von Akko extrem einsturzgefährdet ist und dringend saniert werden muss. 



Kategorien:Israel

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