Nizawim-Wajelech, Deut. 29:9 – 31:30

ב“ה

22./23.Elul 5783                                                      8./9. September 2023  

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:15

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        19:30

Shabbateingang in Zürich:                                                                19:35

Shabbatausgang in Zürich:                                                               20:37

Shabbateingang in Wien:                                                                  19:04

Shabbatausgang in Wien:                                                                  20:08

Am kommenden Freitag feiern wir den Beginn des Neuen Jahres 5784. 

Und damit beginnt auch gleichzeitig der grosse Feiertagsreigen über Yom Kippur (25.9.) und Sukkot (29.9. bis 6.10.) bis zu Simchat Torah (7.10.). In der Diaspora wird Simchat Torah als eigenständiger Feiertag nach Schemeni Azeret gefeiert, der sich unmittelbar an das Ende von Sukkot anschliesst. In Israel werden beide Tage zusammen begangen. 

An Simchat Torah endet der Zyklus der Torah-Lesungen und wir beginnen unmittelbar mit dem Lesen des ersten Buches. 

Es sind sehr unterschiedliche Feiertage, die die kommenden Wochen prägen. 

An Yom Kippur stehen wir, so wird es in Deut 29:9 ff beschrieben, «alle vor Gott, eurem Herrn, eure Stammesältesten, eure Stämme, eure Ältesten, eure Beamten und alle Männer Israels, eure Kinder, eure Frauen, die Fremden, die bei euch leben, vom Holzschläger bis zum Wasserträger.» In diesem Augenblick werden alle Hierarchien aufgelöst. Alle sind in diesem Moment gleich. Diese Worte fordern jeden auf, vor Gott zu treten und Rechenschaft abzulegen. Der Monat Elul, besonders aber die Tage zwischen den Feiertagen stehen für den Begriff «Umkehr» –תְשׁוּבָה t’schuwa. 

Nur in diesem Wochenabschnitt finden wir viermal den Begriff der «Umkehr». Wie ist diese Umkehr zu verstehen? Es scheint, als ob in der Seele des Menschen das Bedürfnis besteht, sich selbst und seine Vergehen gegen Gott zu erforschen. So wie wir an Pessach mit der Kerze in der Hand die verborgensten Winkel des Hauses absuchen, ob sich nicht dort noch irgendwo ein winziges Stück Chamez versteckt hat, so erforschen wir jeden Winkel unseres Bewusstseins. 

In Vers 29:28 und im Abendgebet von Yom Kippur im «Gebet über die Sünden»: «Die [Sünden, die ] wir wissen, haben wir vor Dir bekannt, und die, die uns unbekannt geblieben sind, sind doch Dir offenbar und bewusst — sowie geschrieben steht: »Verborgene Dinge sind dem Ewigen, unserem Gott, vorbehalten; was aber offenbar ist, geht uns und unsere Kinder an, dass wir einhalten alle Worte dieser Lehre.» »

Der bekannte Psychoanalytiker Léon Wormser schrieb anlässlich der Lindauer Psychotherapiewochen 2004 einen Text zum Thema «Gedanken eines Psychoanalytikers zur jüdischen Mystik»Er schreibt, dass Gott als Symbol für das Gewissen des Menschen verstanden werden kann. Das Gewissen ist mit seinen grossteils unbewusste Dimensionen das, was dem psychoanalytischen Über-Ich entspricht.

Dieses Über-Ich stellt das strenge Regulativ des Menschen dar, ist gleichzeitig der Sitz der individuellen Identität einerseits, aber auch der Identität einer Gemeinschaft, mit all ihren Widersprüchen und Konflikten. 

Somit kann man erkennen, dass, und damit schliesst sich der Kreis: «Ihr alle steht heute vor Gott…» für alle die gilt, die anwesend sind, als auch für die, die «heute nicht hier bei uns sind», dass  jeder einzelne Mensch Teil der gesamten Judenheit ist. 

Aber, und das ist das grosse Geschenk an uns, dass wir gerade an diesen Tagen, die nicht nur aus fröhlichen gemeinsamen Mahlzeiten oder Singen und Tanzen, wie an Simchat Torah bestehen, sondern vor allem aus einem nachdenklichen In-sich-Gehen nicht allein sind. 

Wir sind Teil eines Ganzen, ob wir Mitglieder einer Gemeinde sind oder nicht. Das versichern uns die Verse 30:11 – 14 «Die Gebote, die ich dir heute gebe, sind weder zu schwer für dich, noch sind sie zu fern von dir. Sie sind nicht im Himmel, so dass du dich fragen musst, wer für dich hinaufsteigt und sie für dich holt, damit du sie holen kannst, noch sind sie jenseits des Horizonts, so dass du fragen musst, wer holt sie für mich, damit ich sie hören kann. Sie sind sehr nah bei dir, in deinem Herzen und deinem Mund. Du kannst sie jederzeit einhalten.»

Ich wünsche uns allen, dass wir die Tage bis zu Rosh Hashana und dann bis Yom Kippur nutzen, um in uns zu gehen und eine Standortbestimmung vorzunehmen. Wir wissen, wir sind nicht allein.

Shabbat Shalom



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